Siglinde Bickl

Ab 80 ticken die Uhren anders



 

1.Kapitel

Vorstellung

Liebe Freunde des geschriebenen Wortes. Stets falle ich, die Autorin, mit der Tür ins Haus. Ich weiß es, und trotzdem passiert es mir immer wieder. Meine Eltern bläuten mir es stets ein, dass höfliche Leute sich zuerst vorstellen, ehe sie mit ihrem Anliegen beginnen. Oft vergesse ich es. So bin ich, die Linda. Ich bin für alles verantwortlich was hier geschrieben steht.
Am Anfang des Textes ist mein Zuhause in Eich. Das wird sich nach und nach in der Geschichte ändern. Das Dorf hat 3200 Einwohner und liegt zwischen Worms und Mainz.
Ich bin 83 Jahre alt seit 2015 Witwe. Meine ehemals schulterlangen Schillerlocken fielen dem Alter zum Opfer. Meine Mama spülte sie nach dem Waschen immer mit Essigwasser aus. So roch ich zwei Tage lang nach eingemachten Gurken.
Meine Hobbys sind lesen schreiben und Tiere lieben. Als nächster Teilhaber an der Geschichte ist mein Sohn Franz. Er bat mich nicht allzu viel von seinem Privatleben zu schreiben, denn er fürchtet dass es seinem Image schaden könnte. Nur so viel möchte ich erwähnen, er sorgt für alle meine Belange. „Ich danke Dir mein Lieber.“
Die andere Protagonistin ist die Sophie. Mit ihr wohne ich später im gleichen betreuten Haus. Ihre Heimat war ein Bauernhof in der Mark Brandenburg. Sie hatte auch einiges erlebt und bat mich schon öfter, alles einmal aufzuschreiben. Doch momentan bin ich mit meinen eigenen Erinnerungen sehr beschäftigt. Nebenher noch eine andere Arbeit anzufangen, nein das geht nicht. Ich müsste dazu alle meine Energien wachhalten, wenn es genau sein soll und die verbraucht ich jetzt. Das Einzige was ich euch anbieten kann ist der Ausspruch von Sophie, dass sie noch genau so zierlich ist wie in ihrer Jugend. Damals kannten wir uns allerdings noch nicht, also kann ich es auch nicht beurteilen.
Ich nicke verschämt wenn ich in den Spiegel schaue und mein Gegenüber betrachte, denn meine Pölsterchen haben sich in der letzten Zeit vermehrt. Es gibt da noch in Düren, eine ganz liebe Nachbarin die Irina, eine Wolgadeutsche. Sie half mir in vielen kleinen Dingen. Vergessen darf ich auch nicht den Rainer, er kennt einen Computer von A bis Z. Ich lernte sehr viel von ihm.
Für mein jetziges Hobby legte mein Vater den Grundstein. Lesen und Schreiben. Ich durfte in großartigen Büchern lesen. Handarbeiten war für mich ein Gräuel. Meine Mutter traf man in ihren Mußestunden nie ohne ein Strickzeug an. Ich saß neben ihr und lauschte ihren Erzählungen. Wie ein Schwamm sog ich alle diese Geschichten auf. Kein Wort von dem ging verloren.
Bei einer Suche nach etwas bestimmten fand ich, was ich einmal aus Langeweile, auf noch kaum lesbaren Zetteln aufgeschrieben hatte.
Die Texte überspannen einen Zeitraum von dreizehn Jahren. Doch gerade diese Zeit möchte ich euch nicht vorenthalten.Jetzt bin ich alt und zieht Bilanz.
2.Kapitel
Rückblick

Hackenbroich, Oktober 2018.

Jeder, der mit dem Schreiben, seine Leere ausfüllen möchte, machte sich automatisch Notizen. Gedankengänge die ihm wichtig erschienen. So auch ich, die Linda. Verzweifelt suchte ich in meinem Schreibtisch nach etwas Bestimmten. In keinem der Schubladen und Fächer war es.Ich dachte, dass es nur darin sein konnte, denn ich wüsste sonst keine Ablage. Blieb nur noch das kleinste Fach.
Zwischen Bleistiftspitzer, Kleberollen, einem uralten Tintenfass mit eingetrocknetem Inhalt, Kastanien, Kieselsteine, Haargummi und viel Trödel lagen da in schönster Unordnung eine Menge eng beschriebene Blätter. Einige zerknautscht, kaum lesbar. Achtlos warf ich sie in den Papierkorb. Darunter versteckte sich also das vergilbtes kleines Büchlein.
        Ich hatte es gefunden. Das Tagebuch! Mein Tagebuch aus Kindertagen.
Wie lange ist das her? In kindlicher Schrift hatte ich damals schon meine Gedanken aufgeschrieben. Viele Erlebnisse, Erinnerungen stehen da drin. Das wollte ich Euch jetzt zum Lesen geben.Kennt ihr das liebe Leser, dass sich wie ein Blitz ein eben gesehenes Bild kurz in eurem Kopf speichert und sodann ist der Moment vorbei. Erst nach einer kurzen Weile seht ihr es wie ein Foto vor euch. Sofort erinnert ihr euch. Genau so war es, als ich die Schriften in den Papierkorb versenkte.
Ich nahm das oberste Blatt wieder zur Hand. Gespannt las ich. Meine Güte, das war mir sehr vertraut. Ich war hin und her gezerrt. Begierig las ich die einzelnen Passagen. 'O nein, das sollte doch ein Buch werden', ging es mir durch den Kopf. 'Das hatte ich ganz vergessen.' Auf einigen Blättern stand das Datum. Ich wendete sie, ...las,... nickte ab und zu, ohne das Schmunzeln zu unterdrücken. Hochmotiviert verließ ich die eingefahrene Spur, und setzte zu einem neuen Sprint an. Jetzt hatte das alles Vorrang. Das Tagebuch konnte warten.
Sortieren, neu einfügen, formulieren, alle Seiten auf Papier zusammenbauen und, und, und. Endlich schien es mir soweit, dass ich zu schreiben anfangen konnte. Die ganze Zettelwirtschaft lag nun vor mir auf dem Wohnzimmertisch ausgebreitet. Die Häufchen so gegliedert wie ich sie in den Rechner eingeben wollte. Das Telefon meldete sich, ich ging ran. Falsch verbunden. Als ich mich umdrehte hatte es sich die Katze auf den Notizen gemütlich gemacht.

Husch, husch,“ packte ich sie leicht am Nacken.Wenn sie noch langsam herunter gegangen wäre, aber nein, sie drehte sich um, krallte sich in die Papiere und wollte gekrault werden. Mit einer heftigen Handbewegung trieb ich sie weg und rief ihr hinterher:

Was soll das, du mistige Bestie, du weißt doch, dass du nicht auf den Tisch darfst, hast du das vergessen?Und was tat sie,

                                       die First Lady des Hauses?

Sie drehte sich um und maunzte mich an. Und wie! Ich verstand natürlich, was sie mir sagen wollte, ich kenne ja die Katzenlaute und ihre Körpersprache. Versöhnlich redete ich ihr zu.

Na komm, es ist ja alles nicht so schlimm, maunz, miao.So ist das, wer eine Katze sein eigen nennt, ist für sie Clofrau, Masseur - und Dosenöffnerin. Ich verstehe auch Hunde und andere Viecher. Die vielen Tierlaute lernte ich in meiner kleinen Arche Noah. Sie haben das Buch sicher schon gelesen. Da steht alles drin, von den Fischen, den Geflügelten, den Kläffern und den Pelzchen. Das zu ihrer Orientierung.
3. Kapitel
Überlegungen
Eich, März 2005.

Seufzend machte ich mich wieder an die Arbeit.

Im Januar verstarb mein Ehemann. Was nun? Ich war fest entschlossen mein Altersleben in einem Heim zu verbringen. Jeder wird einmal alt, oder er stirbt früh. Ich liebäugelte mit einem betreuten Wohnheim.

Wie lief das ab?

Was konnte passieren?

Wo und wann kam eine Pflege für mich in Frage?

Viele Gedanken, das Für und Wider beschäftigte mich.

Werde ich weiterhin zufrieden sein?

Werden meine Finanzen ausreichen, um bis zum Ende sorglos zu leben?

Wird mein Sohn sich weiter um mich kümmern?

Wie war das Wohnen in einem betreuten Heim?

Viele Fragen und alle waren noch unbeantwortet. Die Cousine meines Mannes machte den Vorschlag:

„Gehen wir zusammen ins betreute Wohnen, da bin ich nicht so alleine.“ Ihr Gatte war schon einige Zeit länger tot. Ich war damals siebzig Jahre alt und seit zwei Monaten Witwe. So ließen wir uns beide in Osthofen einschreiben. Das neugebaute Haus steht ca. zehn Kilometer von Eich entfernt, großer Komfort und günstig fürs Portemonnaie. Nach einigen Monaten hätten wir schon einziehen können. Doch vorher war gerade in Düren eine Wohnung in einem Zwölfparteienhaus frei und ich sollte sie nehmen. Franz, mein Sohn wohnt mit seiner Familie ganz in der Nähe.

„Wir könnten uns dann in Ruhe um deinen Alterswohnsitz kümmern“, so sein Argument.

„Zweimal umziehen“, seufzte ich, aber was soll ich tun? Ich wusste es nicht. Und dann war ich froh, dass der Junge alles erledigt hat.

Er versprach mir: „Ich besorge dir etwas bei uns.“ Und Lillis Kinder hatten auch etwas für ihre Mutter in ihrer Nähe.

4. Kapitel
Umzug von Eich nach Düren

Düren, September 2006.

Nun suchten wir mit Eifer eine betreute Wohnung. O je, was wir da alles erlebten, bis wir endlich ein Plätzchen gefunden hatten. Ihr glaubt es nicht. Es ist alles wahr, denn das kann man nicht erfinden und wenn man noch so viel Phantasie hat. Die Eifel hatte es mir angetan. Mehrmals fuhr ich mit einer Nachbarin durch die Gegend. Die sanften Hügel mit ihren verschiedenartigen Laubbäumen, der einmalige Geruch, wenn es leise geregnet hatte, himmlisch.

„Ach ist es da schön, hier würde ich mich wohlfühlen.“ Ich konnte mich nicht sattsehen. Grüne Felder wechseln mit großen Flächen Raps ab. Und in den Wäldern blühten unter schattigen Eichen, Buchen, Fichten und Kiefern ganze Schonungen Narzissen. Auch den Bärlauch findet man dort. Aber Vorsicht beim Ernten, die Blätter der Maiglöckchen haben die gleiche Form und die sind sehr giftig. Zuhause redete ich nur noch von der Landschaft.
„Bedenke aber den weiten Weg, da kann ich dich nicht so oft besuchen,“ meinte mein Sohn. Mit Bedauern gab ich ihm Recht. Und so fuhr ich oft allein, und jedes Mal kam ich begeistert nach Hause. Alles zusammengerechnet dauerte das Ganze bestimmt ein Jahr. Meine Schwiegertochter hatte ich auch eingespannt. Wir ließen uns Termine geben. Unzählige Häuser von Bad Münstereifel bis weit über Köln hinaus hatten wir angeschrieben. Dann besuchte Franz zuerst einmal selbst die Lokalitäten. Bei ihm musste alles stimmen. Er ist ein Zweihundert-prozentiger.

„Das Umfeld ist genau so wichtig,“ entgegnete er.

„Was nützte es dir, wenn du den ganzen Tag eingesperrt bist, du musst rausgehen, die Natur genießen, dich mit anderen austauschen.“ Wir sprachen lange darüber,... Abwägen.

„Welche Vorteile versprichst du dir von Kopfsteinpflaster, gewiss es sieht schön aus, aber wie lange denkst du noch ans Autofahren? Mit dem Rollator darunter in die Altstadt zu den Geschäften, und auch wieder hoch, das wird nix.“
Nun zog ich also, von Eich bei Worms am Rhein, nach Düren.

5. Kapitel
Fehler gemacht

Düren, Januar 2007.

Einige Foren hier im Internet schlossen und ehe da etwas von mir im Müll landete, habe ich alle Werke zurück geholt. 600 Texte sind gerettet. Mit denen auf CD werden es 1500 sein. Manchmal ging eine Seite auf, darin hatte sich ein ganz altes Werke versteckt. Das machte mir Spaß, zu sehen wie ich 2006 formulierte. Genau so lange schreibe ich. Und nun war mir etwas passiert, was nicht hätte sein dürfen. Ein falscher Klick und der Bildschirm war leer. Dass ich das niemand erzählte, war Ehrensache. Seit vier Wochen, Tag und Nacht saß ich an dem Gerät und suchte meine Geschichten. Einige fanden sich wieder. Dafür habe ich neue Dateien nach dem ABC angelegt und so nach und nach wieder Ordnung geschaffen.

Natürliche wollte ich es besonders ordentlich haben und schwupp war wieder alles weg.
Nun suchte ich nach GMX, Firefox, und Google. Ich konnte noch nicht mal eine leere Seite finden um etwas aufzuschreiben. Nix, no, nada! Keine Mail schicken, auch keine empfangen. Tote Hose! Zwei Tage hatte ich es ausgehalten, dann meinem Sohn gebeichtet. Drei volle Stunden saß er über dem Durcheinander, aber er hat es geschafft. Danke Lieber. Ich nehme an, dass er genau so froh ist wie ich. Er kennt meine Liebe zur Schreiberei.

6.Kapitel
Eigenbrötlerisch.

Das Gros der Texte war jetzt doch sehr zusammengeschrumpft, ob ich je alle Werke wiederfinden werde, keine Ahnung.
Es ist sehr bitter, zu bemerken, dass das Vergessen weiter schreitet. Da waren Tage, da konnte ich nicht schnell genug auf die Tasten tippen. Die Gedanken drängten aus meinem Kopf. Manchmal kam etwas Brauchbares zustande, aber oft nur Geschreibsel für den Papierkorb. In den letzten dreizehn Jahre war das Verfassen von Texten meine einzige Arbeit. Lust zu etwas Anderem hatte ich nicht.Hat sich auch nicht wieder eingestellt.
Ihr denkt: „Warum geht sie nicht vor die Tür, die Sonne scheint, das soll sie doch ausnutzen.“ Sicher, hin und wieder fuhr ich auch ins Städtchen, zum Beispiel, wenn ich zum Arzt oder zur Bank musste, aber sonst? Den Einkauf besorgte mein Sohn, am Kochen und Backen hatte ich keine Freude mehr. Früher saßen sieben Leute um den Tisch und nun,...ich allein, nein das machte kein Spaß.
Ich brauchte keine Gesellschaft brauchte niemand zum Reden. Ich pflegte auch kaum noch Freundschaften. Mir waren der Rechner und die Bücher genug. Selbst am Fernsehen fand ich keinen Gefallen. Man nennt so jemand Eigenbrötler. Ja, genau so eine wurde ich. Oft schrieb oder las ich nächtelang.
In Düren gibt es einen öffentlichen Bücherschrank. Jeder kann seine Sachen bringen und tauschen, den benutzte ich fleißig. Ohne Übertreibung hatte ich in der Zeit, in der ich dort wohnte, das waren zehn Jahre, schon über 1000 Wälzer gelesen. Als ich noch Auto fuhr, hatte ich auch Bücher in Merzenich und in Inden getauscht, da gibt es auch diese Einrichtungen.
Ehe ich von Eich nach Düren umzog, verkaufte mein Sohn im Internet meine Bibliothek. Es waren ungefähr dreihundert Readers Digest Bücher, die anderen Schmöker nicht mitgerechnet. Der Erlös 25.00 Euro. Solche Bestände sind bei einem Domizilwechsel immer problematisch.

7.Kapitel
Reisen per Lesen

Lesen ist eine wunderbare Beschäftigung. Es gibt Bestseller von namhaften Autoren. Herrlich die zu lesen. Und so reiste ich um die ganze Welt. und wenn ich das richtige Buch finde, tue ich es auch jetzt noch.
Ich las von Ländern die ich nie im Leben sehen werde. Gerade vor einer Woche war ich einmal kurz für drei Tage in Sibirien, die Wolga entlang. Spannend fand ich die Mentalität der Bewohner an der Krim. Ich sehe mich an einen alte Baum gelehnt, mit einem Becher Kwass in der Hand, lauschend ihren schwermütigen Liedern.

Den herrlichen Sommer dort in den wunderschönen Birkenwäldern zu erleben, sowie den harten sibirischen Winter. Mit über 40° Kälte. Dass viele Kriegsgefangenen in den Lagern erfroren, weiß ich aus anderen Erzählungen.Vielleicht lebten heute noch viele Damalige dort. Eventuell haben sie geheiratet, während ihre Angehörigen in Deutschland nie die Hoffnung auf ein Wiedersehen aufgaben.
Unbedingt lesen, ihre Lieben, „Der Arzt von Stalingrad“, verfasst von Konsalik. Meistens habe ich dann eine Landkarte dieser Region neben mir, und verfolge die Route des Schreibers.
Am nächsten Tag tat ich einen großer Sprung über alle Meere. Da lag ein neuer Band auf meinem Nachttisch. Große Umstellung von der Kälte in die Hitze. Ich war in Afrika. Und danach wird Edgar Allan Poe seine kleinen Büchlein öffnen. Lesen Sie selbst.

„Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gorden Pym.“ Gestern fand ich, für sage und schreibe zehn Euro, bei Ebay die gesammelten Werke von diesem Autor. Wahnsinn!
Mein Nachbar musste hinfahren, um die Kostbarkeit abzuholen. Ich durfte da nicht mit, auf keinen Fall, denn die Leute hatten noch mehr Kleinodien, und ich wäre mit einem Koffer voll Lesestoff nach Hause gekommen. Wenn ich nur etwas von Büchern hörte, war ich nicht mehr zu halten. Da ließ ich alles liegen und fing mit dem Lesen an. Das nennt man süchtig. Aber besser als rauchen, trinken und Schokolade naschen.

8.Kapitel
Vorschlag

Leute lest doch auch. Ihr müsst für den Urlaub keine Koffer packen, der Schlafanzug ist das einzige Kleidungsstück, das „eventuell“ nötig ist. Im Sommer auf dem Balkon ein Badeanzug. Meinetwegen auch ohne alles. Ihr braucht nicht über die kostspieligen Mitbringsel zu klagen, keine Angst zu haben, dass der Urlaub sehr teuer wird oder gar ins Wasser fällt. Sollte es zu Hause regnen, macht das auch nichts. Vielleicht lest ihr gerade auch etwas davon in der Geschichte. Einen Sonnenbrand kriegt ihr daheim auch nicht, ihr braucht darum auch keine überteuerten Sonnenschutzmittel.
Vielleicht kocht ihr einmal ein Gericht nach. Oder ihr nehmt etwas vom Pizzadienst. (Das mache ich.) Zu Hause liest es sich am besten. Wenn das Buch nun zu Ende ist, könnt ihr gleich nach dem nächsten greifen.

Nun mal ehrlich, liebe Freunde, geht es euch da nicht richtig gut?

Das ist aber richtig dumm von mir, das wollte ich doch alles gar nicht schreiben. Egal, jetzt steht es hier. Seht ihr, so geht es, wenn ich zu lange warte, da platzt mir der Kopf, und das kommt dabei heraus. Wenn euch das Geschreibsel zu albern ist, blättert einfach weiter. Ich habe meine Freude daran und bringe alles auf den Rechner. Aus dieser meiner eigenen Sicht mit unverfälschten Worten, schreibe ich Formulierungen, die oft von besser wissenden Lesern negativ bemerkt werden. Doch was soll's, es ist nun mal mein Stil. Was sich in langen Jahren festgesetzt hat, lässt sich schlecht ausmerzen.

9.Kapitel
Gründonnerstag

Ich hatte nur eine Kladde, und da sind die Notizen nun auf geheftet. Seufzend schrieb ich weiter. Die Stunden rannen nur so dahin, ich schaute nicht auf die Uhr.
An Essen dachte ich nicht. Die rote Sonne war schon längst hinter dem Horizont verschwunden. Die sternlose Nacht verbarg die Schönheit der Natur. Und ich saß noch immer am Computer und tippte und tippte und tippte. Heute weiß ich, dass die Venenentzündungen in meinen Beinen von dem langen Sitzen herrühren.

Am anderen Morgen.

Selten gab es in den letzten Jahren in der Karwoche so schönes Wetter. Die Sonne schien vom azurblauen Himmel. So einen herrlichen Sonnenaufgang sah man nicht alle Tage. Im Osten brannte der Himmel. Um diese Zeit schlief ich sonst noch. Kein Wölkchen war zu sehen, die Luft war lau und mild, genau so wie auf Gran Canaria.
Es war acht Uhr früh.
Wann ging ich eigentlich ins Bett? Die Kaffeemaschine blubberte leise vor sich hin, Das Wasser war durchgelaufen, und ich schenkte mir eine Tasse von diesem Gebräu ein. Das war Insel Kaffee. Ich musste wach werden, da half nur der Canario. Der ist richtig dick, ohne Milch und Zucker, war er für unseren deutschen Gaumen „ungenießbar.“ Meine spanischen Freunde redeten immer von unserem schwarzgefärbten Wasser.
Gedankenlos, wie immer, nippte ich an der Tasse. Autsch, war der heiß, ich hatte mir die Unterlippe verbrannt. Rasch hielt ich meinen Mund unter den fließenden Wasserhahn. Die kalte Dusche linderte ein wenig den Schmerz.
Dann versuchte ich mir einen Weg durch die vielen Kisten zu bahnen, die sich mittlerweile in der Wohnung angesammelt hatten. Ich trat mit der Tasse in der Hand, immer noch in Gedanken, auf den Balkon. Um ein Haar wäre ich gestürzt, denn ich hatte das lose Telefonkabel übersehen. Gerade noch rechtzeitig konnte ich mich an der offenen Balkontür festhalten. Mein Kaffee schwappte über, direkt auf meine nackten Füße.

'So fängt kein guter Tag an', redete ich mir zu.
Von den anderen Terrassen hörte ich lautes Geplauder. Da wurden Gartenmöbel gerückt und emsige Besen kehrten.

10.Kapitel
Nachbarin

Nebenan wohnte Irina, sie ist eine Wolga-Deutsche,... meine Freundin. Mit ihr über Russland zu plaudern, davon konnte ich nie genug hören. Sie lebte seit achtundzwanzig Jahren in Düren.

Trotz der deutschen Vorfahren flossen russische Berührungspunkte durch ihre Adern. Schon allein ihre gleitenden Bewegungen ließ die Leute an eine besondere Ausbildung denken.
Ihr Gang ähnelte einem Tanz. In ihrer ganzen Art unterschied sie sich weitgehend von den jungen Frauen hier im Westen. Die einfachste Kleidung trug sie mit Würde. Wie sich solche Merkmale einem Kind einprägten? Einmalig.
Ihre Kinder wurden in Düren geboren. Wenn sie russisch- deutsch schwätzte, dachte ich an meine Kindheit. Damals redeten die Menschen hier in den Dörfern auch so. Das harte R und ebenso das T wurden stark betont. Irinas Eltern kamen aus einer hessischen Stadt, sie konnte sich nicht mehr daran erinnern wie sie hieß. Sicher wissen einige von euch, wie es damals war, mit dem Versprechen, das die Aussiedler in Russland bebaubares Land erhalten würden.Zu diesen Leuten gehörten sie.
11.Kapitel
Großreinemachen
Endlich war auch der passenden Notizzettel gefunden. Uff !
Er trug das Datum Ostern 2007, und was ich notiert hatte.

„Guten Morgen Oma Linda, schöner Tag heute, wie geht es dir, du bist aber schon sehr früh wach. Hat dich jemand gestört?“

„Hallo, guten Morgen Irina, ja und wie, die Sonne, die Sonne hat mich in der Nase gekitzelt. Ein super schöner Tag. Hoffentlich bleibt es über die Feiertage so. Hast du den Winter raus gekehrt?“

„Ja, denn wenn es an Ostern schön ist, werden wir mal grillen. Linda, du bist herzlich eingeladen.“

„Danke, aber das muss ich auf ein andermal verschieben, meine Kinder kommen. Vielleicht ist es an Ostern sonnig und wir können ein Stück spazieren gehen.“ Eine Weile hörte man nur, dass gearbeitet wurde.

„Gestern gab es auf dem Markt Primelchen, guck mal, wie schön!“

„Ja wirklich, kräftige Farben, die gelben, die riechen so gut....Was hat so eins gekostet?“

„Fünfzig Cent, oder eine Kiste mit zwölf Stück, fünf Euro.“

„Sehr preiswert, morgen wird mir mein Sohn auch welche mitbringen Allzu viel will ich nicht machen, der Katze wegen, ich habe Angst, dass sie davon krank wird. Komm nachher rüber Irina, der Kaffee ist fertig.“ Die Freundin fing an zu singen. Die anderen Mitbewohner, die auch ihren Balkon putzten hörten einen Moment auf zu arbeiten und dann klang es zögerlich:

„Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt.“ Heinz im Parterre stimmte soeben seine Trompete, dann hat hatte er auch den richtigen Ton gefunden. Gerade

schob ein Post LKW-Fahrer sein Fahrzeug in eine Parkbucht. Er kurbelte beide Fenster runter und leise im Rhythmus drückte er auf die Hupe, das Konzert ist war perfekt.

„Könnt ihr euch das vorstellen, liebe Leser?“

(Das ist eigentlich verboten, aber einmal im Überschwang der Gefühle hatte der Ordnungshüter wohl beide Augen zugedrückt.)Er marschierte jeden Tag öfters die Straße rauf und runter und hängte seine Knöllchen an die Langzeit- oder Falschparker.

Unter  fröhlichem Singen schrubbten alle ihren Wintermist weg. Die Blätter vom letzten Sturm mussten entsorgt werden. Langsam füllten sich die blauen Plastiksäcke. Drüben an der Fortbildungsschule standen die Schüler und klatschten als das Lied zu Ende war.

„Das ist war ein toller Osteranfang, habt Ihr Euch alle angesteckt“, rief jemand herüber.

„Das ist morgen das sauberste Haus in der ganzen Straße“,gab ihm darauf ein anderer ein Antwort.

„ Da hast du Recht“, meinte Heinzen's Frau.

„Jetzt benötigen wir nur noch einen Osterstrauß vor der Haustür, da werden alle anderen neidisch.“sein

„Den schmücke ich," rufe ich.

„Hier in der Kiste ist noch jede Menge von dem Zeug."
12.Kapitel
Unwetter

Die Katze strich ständig um meine Beine. In der Ecke stand der Liegestuhl, den werde ich in die richtige Position rücken.
Du und ich wir werden es uns gleich gemütlich machen, gell, mein Mädchen.“ Ich musste nur noch die Auflagen aus dem Winterquartier holen. Doch dann rauschte Chakira mit einem lauten Knurren durch die Wohnung, und suchte ihre Höhle auf.

„Haste mal wieder deine verrückten fünf Minute?" rief ich ihr hinterher.Wenn sie sich so benimmt, ist meisten etwas nicht in Ordnung. Als ich rauskam, sah ich eine schwarze Wolkenbank von Osten her aufziehen. Es blitzte und donnerte. Rasch schobt sich das Gewitter über uns und zog einen kalten Wind hinter sich her. Und jetzt prasselten auch noch taubeneigroße Hagelkörner vom Himmel.

Ja wo kamen die denn her, eben schien noch die Sonne. War ich froh, dass mein Dreck weg war“

13.Kapitel
Selbstgespräche

Ich führte manchmal Selbstgespräche. Alte Menschen, die alleine leben, werden oft wunderlich und sprechen mit sich selbst. Wenn mich niemand darauf aufmerksam machte, merkte ich es noch nicht einmal. Oft hörte ich tagelang keine menschliche Stimme.

„Und das Fernsehen“, denkt Ihr.

„Ei ich hör doch nix, ich habe Tinnitus.“ Das Gepfeife übertönte alles. Wenn mich mal jemand darauf anspracht, zeigte ich immer auf den kleinen Mann im Ohr. Eine Weile schau ich dem Hagel zu, bis es mir zu kalt wurde.

„Irina biste noch da, wird wohl nix mit Sonnenbaden, geh rein, mach die Heizung wieder an“, rief ich ihr zu. Von nebenan hörte ich nur Rumoren. Als ich keine Antwort bekam, holte ich eine Schüssel und sammelte die Eisbällchen ein. Ab damit in die Kühlbox, da freuten sich am Sonntag die Kinder beim Eiersuchen.

„Irina komm rüber“, rief ich, aber da klingelte es schon an der Tür.

Wie sieht es denn bei dir aus, packst du, ist es schon soweit?“

„Ja ich habe heute früh geschrieben, drei Monate Kündigungsfrist. Wir haben etwas gefunden, es ist in Dormagen.“

„Ach Oma Linda das ist aber weit weg. Und wie groß?“

„ 52 qm, zwei Zimmer, Küche, Bad, Abstellraum, Balkon, warm.“

„Klingt gut, aber, wo ist der Haken?“

„Ich bin jetzt schon im Stress.“

Sag Bescheid, wir helfen dir.

14.Kapitel
Ausländer

„ Ja ich weiß, so eine tolle Gemeinschaft wie bei uns im Haus findet man selten.Was da heute abging, einfach toll, alle haben sich gesucht und gefunden, es ist selten, dass eine internationale Mieterschaft in einem Haus so friedlich nebeneinander wohnt. Aber wir passen zueinander. Diese Hilfsbereitschaft kannte ich bisher nicht. Der Achmed bot mir an, die Möbel abzubauen, er ist Schreinermeister. Und der Hassan aus Anatolien, schaufelte, als wir so viel Schnee hatten, mein Auto frei.“

„Wir habe es gesehen, mein Friedrich war ganz verwundert, sie waren doch erst eine Woche hier. Da fällt mir gerade ein, die Alex im dritten Stock trägt schwer sie wird bald entbinden.“
„Gell, so heißt die kleine zierliche Serbin, die sich immer so toll in der Tracht ihrer Heimat kleidet? Josch ihrem Mann ist das gar nicht Recht, er hat Angst, dass sich ein Anderer in sie verguckt. Wie alt wird sie wohl sein,“ Sinnierte ich.

„Sie haben schon einen Sohn von fünf Jahren. Als ich ihn fragte wie er heißt, sagte er:„Plamen, abba mein Vadder ruft misch immer Amen.“ So ein kleiner Schelm. Ob er weiß was dieses Wort in Deutsch bedeutet? Oder war er gar trotz Pille zur Welt gekommen, denn Amen ist ja das Schlusswort, oder auch Ende.

„Linda gehst du nachher mal mit in die Garage, da sind noch eine Menge Karton mit Babykleidung von meinen Enkeln. Meine Söhne wehre ab, wenn ich sie darauf anspreche. Ihre Planung sei abgeschlossen. Keine Zeit, kein Platz und kein Geld, so ihre Argumente.“

„ Du hast ein Helfersyndrom liebe Irina. Nun trink mal deinen Kaffee ehe er kalt wird, Milch steht da.“

„Danke. Gestern wurde dein Eheschlafzimmer abgeholt, sich habe es gesehen, tut es dir nicht Leid?“
„Hör auf, erinnere mich nicht daran, da krieg ich die Krise, so wahnsinnig teuer und gerade mal drei Jahre gebraucht. Für nen Appel und nen Ei ging es weg. Die Leute haben wahnsinnig gedrückt, dass sich aber das Geld für den Umzug brauche, darauf nahmen sie keine Rücksicht. Jetzt soll noch die Couch verkauft werden.“ Irina betrachtet sich das gute Stück. Sie streicht mit den Händen darüber:

„Echtes Leder, Fünfsitzer“, nickt sie.

„Ja, aber zu riesig für die neue Wohnung. Das wunderschöne Teil war auch sehr teuer Kurz bevor mein Mann von mir ging, hatten wir uns nochmal neu eingerichtet.Wir waren fünfzig Jahre verheiratet, und ehe wir feiern konnten, verstarb er. Gerade drei Monate war er krank, oder vielmehr haben wir davon gewusst. Ich darf nicht daran denken, Ich könnte nur noch heulen.

15.Kapitel
Trauer

Eine Weile war es es still zwischen uns Beiden. Irina betrachtet mein schmerzverzerrtes Gesicht.
„Weiß du, Linda wenn ich beraten dürfte, so soll Diejenige die in ein Heim muss, nichts von einem Umzug wissen, schickt sie in Urlaub, und in der Zwischenzeit müsste alles erledigt werden. Wenn sie dann zurückkommt geht es gleich in die neue Wohnung. Da wird es sicher Tränen geben, aber der Stress,...der Stress ist weg. Natürlich wird man das nur machen, wenn man eine Firma damit beauftragen kann. Alles eine Geldfrage.
Was hast du denn, Linda, kriegst du keine Luft, du japst ja förmlich. Soll sich einen Arzt holen?"

Ich schüttele den Kopf, „das wird schon wieder“,

„Hat dich das Ganze wieder runter gezogen, ach komm, lass dich mal drücken, wir müssen alle mal gehen.“ Liebevoll nimmt mich meine Nachbarin in die Arme.

„Die Aufregung, wenn ich nur daran denke, ich muss mich etwas hinlegen, da wird es bestimmt besser.“

Tu das, hier trinke ein bisschen Wasser, das hilft immer. Hast du das öfter?

„Ja.“
„Ich guck später noch mal vorbei. Nachher fahre sich zum Aldi, soll ich dir etwas mitbringen?“

„Danke, nein, ich habe alles.“

„Dann gute Besserung schlaf ein wenig, ...tschüss

16.Kapitel
Hausflohmarkt

Wie das so ist, wenn man sich häuslich verändern will, da erschlägt einem die alte Einrichtung. Das eigene Haus hatte sieben gut bestückte Räume, Küche und die Bäder nicht mitgerechnet. Wohin mit all dem Kram? Da waren noch die Möbel meiner Schwiegereltern und die meiner Mutter. Die Polen im Dorf waren glücklich. Dem ehemaligen Hausherrn konnte es egal sein, wer seine Werkstatt ausräumte, er schaute bestimmt vom Himmel herab und half Petrus beim Regnen.
Liebe langjährige Freunde musste ich auch verlassen. Anrufe, oder Besuche, wie das so im Leben ist, versprochene Zusagen werden selten eingehalten. Und dann war ich froh, als ich diesem Zwang entfliehen konnte. Nun wohnte ich also eine Tür weiter, neben Irina. In dem sauberste Haus, in der Straße, wie die jungen Leute am Anfang der Geschichte sagten.

17.Kapitel
Luftnot

.Bei der Hausärztin jammerte ich „Luft,...Luft, Luft ich krieg keine Luft.“ Jedoch beim Abhören wurde nichts festgestellt.

„Gehen sie heim und legen sie sich ins Bett, das wird wieder“, so riet man mir.

„Aber ich kann ja kaum noch atmen, und mir ist schwindelig?“Darauf erwiderte die Ärztin nichts.

Eine Stunde später rang ich förmlich nach Sauerstoff, vor mir wurde es immer so komisch dunkel. Meine Sinne schwanden kurz, dann flackerten sie wieder auf.
Ich musste mich sehr anstrengen um einen klaren Gedanken zu fassen, immer wieder driftete ich weit ab.
Die gepackte Tasche fürs Krankenhaus stand bereit. Gedanken kamen.
Mir reichte es, mich brauchte niemand mehr... warum sollte ich nicht gehen?
Den Kindern wird es wohl schwer werden, aber es ist doch mein Leben, was fehlte da noch?
Mit atmen konnte ich den dicken Stein nicht von meiner Brust bewegen.
Ich war in Panik, die Luft wurde immer weniger.
Ich ersticke war mein nächster Gedanke.

„Lieber Gott“,flehte ich, „lass mich doch gleich zu dir kommen. Hol mich doch, bitte VATER“ Da lag zufällig eine Plastiktüte. „Ist es sehr schlimm, wenn ich sie benütze, hast DU sie extra dahin gelegt? Bitte BITTE LIEBER GOTT hilf mir.“ Die nächsten paar Minuten möchte ich nicht mehr erleben.

„Warum bin ich so allein, kann mir denn niemand helfen“,weinte ich laut.

„Muss ich so enden? Mama,... bitte hilf mir, Mamaaa !!!!“ Dann hörte ich auf einmal tröstende Worte, ich nahm den unverwechselbaren Geruch meiner Mutter wahr.

„Mama, bist du da“, fragte ich. Und dann hörte ich, wie meine Mutter sagt:

„Ruf ein Taxi.“

„Das war aber höchste Zeit“, meint die Notärztin. Sie machten sich zu dritt an mir zu schaffen.

„Eine halbe Stunde später wären sie ertrunken.“

Meine Lunge war voll Wasser, darum bekam ich keine Luft. Das Ganze hängt mit dem Herzen zusammen. In der Klinik verlor ich sechs Kilo, ob das alles Wasser war? Nun hing meine Haut, eine Nummer zu groß an mir. Egal sagte ich mir, lange Ärmel sind ab sofort ein Muss, auch im Sommer und nackt sieht mich eh keiner, außer eventuell eine Ärztin.

18.Kapitel
Ich bin sehr gläubig

Beim einem meiner Nachtgebete hatte ich wieder das unwahrscheinliche Gefühl, das ich danach einmal im Gottesdienst erlebt hatte. Ich bin nicht katholisch, gehe aber in dieser Kirche zur Andacht, weil sie ganz in der Nähe ist. Zu meinem Gotteshaus müsste ich mit einem öffentlichen Verkehrsmittel fahren und dann noch ein großes Stück laufen. Das würde ich mit dem Rollator nicht mehr schaffen.

Einmal fragte ich den Pfarrer, ob ich auch zum Abendmahl gehen dürfte, da ich doch einer anderen Konfession angehörte. Ob das keine Sünde sei.
Nach einem längeren Gespräch, das die Bibel betraf, erklärte er mir, wenn ich fest daran glaubte was er predigte, so sei ich willkommen. Das Haus Gottes stehe für jedem offen.
Als er seinen Segen über die Gläubigen verteilte, fiel ein Tropfen des heiligen Wassers auf meine Stirn. Mir wurde auf einmal ganz feierlich zu Mute, eine große Ruhe bereitete sich in mir aus. Nun glaubte ich, der Herrgott hat mir für dieses Mal meine Sünden vergeben.

Mit Inbrunst sprach ich das Glaubensbekenntnis. IHN angefleht, mich vor weiteren Freveln zu schützen. So nahm ich das Geschenk am Tisch des Herren mit Tränen in den Augen an. Kraftvoll gestärkt, wollte ich nun mein weiteres Leben fortsetzen.

19.Kapitel
Fragen

Warum rufen manche Menschen in höchster Not nach der Mama? Meine Schwiegermutter rief sie bevor ihre sie ihre Augen für immer schloss. Ist das eine unsichtbar Nabelschnur, nur die Mama kann helfen? Auch ich rufe sie oft, hauptsächlich in meinen Träumen.
Einmal wurde ich gefragt, wen ich von meinen Verstorbenen am Liebsten wieder aufwecken würde, war spontan meine Antwort: „Meine Mama!“ Warum nicht dein Gatte und wenn sie auch schon bei GOTT wären, deine Kinder? Schamvoll musste ich gestehen:

„Darauf weiß ich keine Antwort.“ So ähnlich war es auch bei meinem Mann, als seine Mutter gerade von ihm ging. Da waren seine ersten Worte:

„Nun bin ich ganz alleine.“ Das kam so verloren, ja gequält aus seinem Munde. Die eigene Mutter ist ein Bindeglied. Dass ich, seine Frau, daneben stand und es hörte, bemerkte er nicht.
Ich bitte jeden Abend in meinem Gebet, den VATER im Himmel, dass er mir in meinen Träumen alle meine Verstorbenen schickt. Sehr oft machte er mir das Geschenk. Das ist dann sehr real. So brauche ich sie tagsüber nicht. Wir leben und arbeiten wirklichkeitsgetreu. Meistens werde ich danach wach, und kann mich gut erinnern.
Ich empfinde es als eine Gnade Gottes, und danke IHM für seine Güte und versuche weniger zu sündigen.

20. Kapitel
Schwindel

Düren Januar 2012.
Mein Sohn hatte mich zum Essen eingeladen, doch als er anrief, konnte er mich kaum verstehen.

„Nicht fahren...schlecht!“

Er reagierte sofort und rief die 112 an. Sie war sehr schnell da, denn die Station ist gerade mal 500 Meter weiter. Aber sie hatten noch keinen Schlüssel, den bekam später der Malteser-Dienst, und ich einen Notrufknopf. ich riss mich zusammen, stützte mich an den Flurwänden ab und öffnete den Leuten. Sofort nahm ein Sanitäter mich unter den Arm und setzte mich auf einen Stuhl. Ich würgte, schaffte es aber mit Sani's Hilfe bis zur Toilette.
Inzwischen war auch mein Sohn gekommen. Man klärte ihn auf, dass es ein Drehschwindel sei, er kommt vom Gehörgang. Da hatte sich ein Kristall gelöst und purzelte hin und her, was das immer so sein mag. Jedenfalls brachte man mich in die Klinik nach Lendersdorf

21.Kapitel

Krankenhaus

Lendersdorf Januar 2012.

Es ist ein Lehrkrankenhaus. Wenn morgens Visite ist, bringt der Chefarzt einige Studenten mit. Ihnen wird dann, leise in fremder Sprache, des Patienten Krankheit erklärt.

Alte Leute hat man gerne, die Meisten können sich nicht wehren und lassen alles mit sich geschehen. Sie haben Angst vor den Göttern in Weiß. Sie werden, solange niemand Einspruch erhebt, zu Versuchskaninchen. Nächsten Morgen war bei mir wieder eine Untersuchung angesagt. Ich nahm das ziemlich gleichgültig hin.

„Sie müssen ja lernen, solange ich verstand, was da gemacht wurde, und es mir auch nicht schadete, na dann.“ Ich war gespannt, was sie finden werden. Keineswegs fühlte ich mich krank, gegen das bisschen Schwindel, wenn es wieder kam konnte ich mir jetzt helfen.

Magenspiegel und Darmspiegel waren angeordnet.

Beide Untersuchungen kannte ich, beide wurden bei den Vorsorge Untersuchungen schon vor vier Jahren gemacht. Es gab keine positive Befunde. Ich habe damit keine Beschwerden. Nur eine Bitte,

„aber mit Vollnarkose.“ Man versprach es mir. Doch da war eine Studentin am Werk, die darf der Linda nicht bei Nacht begegnen. Hatte doch diese Stümperin, entschuldigt diesen Ausdruck, während der Untersuchung die Narkose abgebrochen, und ich, die arme Patientin schrie laut auf, so schmerzhaft war das Abzwicken der Probe, und glaubt Ihr, sie hätte sich später entschuldigt für ihre Unverschämtheit? Ha, nicht die Bohne.
Ja, mit alten Leuten kann man das machen. Aber ich wehrte mich, Nun wollte man irgend etwas am Schließmuskel am Darmausgang  untersuchen. Dagegen wehrte ich mich fehement.Ich fragte den Arzt was er sich dabei verspricht, hatte er da eventuell bei den Vorlesungen etwas falsch verstanden?
Er wurde recht schnippich weil ich seinen Erklärungen so lange zugehört hatte. Gewiss ich ließ ihn ausreden, denn ich wollte ja mal wissen, wie er sich nachher heraus reden wollte.
Ich wurde einmal in der Reha aufgeklärt. Ich fiel einmal beim Eisstockschießen auf den Rücken und brach mir dabei einen der letzten Wirbel (Ich weiß nicht mehr wie er heißt.)
Es war im Urlaub und ich ging damals zu keinem Doktor. Erst in der Kurklinik in Bad Bertrich stellte man nach 20 Jahren das Malheur fest. Der Professor dort war sehr angetan von der Akupunktur als Heilmethode. Er hatte großen Erfolg damit, aber er warnte auch seine Patienten und angehende Ärzte, sie dürften niemals diesen Schließmuskel verletzen. Und ausgerechnet hier in Lendersdorf probierte man es an alten Menschen.
Kein Wunder, dass mir da die Galle hochkam, der Blutdruck spielte verrückt, das arme Herz flatterte, es wurde geröntgt, alles soweit Ok, dank dem Blutverdünner. Den bekam ich, als ich vor zwei Jahren im dunkeln bei einer Veranstaltung in der Düren Arena die Treppe herunter stolperte. Da brach ich mir das Handgelenk, hatte einen Riss unter der Nase, der genäht werden musste, das Gesicht war verschrammt und da bemerkte man, dass Herz flatterte.
So stellte man mich dort mit Markumar ein, oder wie man das nennt.)

22.Kapitel
Und jetzt etwas Lustiges
Ich lag in einem drei Betten Zimmer. Eine Frau wurde in der Nacht mit 112 gebracht. Es fehlten in ihrer Tasche die Nachthemden.Als ihr Enkel sie besuchte, gab sie ihm den Auftrag, das nächste Mal welche mitzubringen. Sie sagte ihm genau, wo er sie finden konnte. Inzwischen lieh ich ihr eines von meinen.
Nun kam der gute Junge, und hatte einen Stoß Kittelschürzen, anstatt der Nachtwäsche.Egal,... nun war Modenschau angesagt. Ich hatte in meinem Beruf schon einige ausgerichtet. Da ich die einzige war, die das Bett verlassen konnte, spielte ich Mannequin. Als die Schwestern davon hörten, brachten sie Mundschutz und Häubchen mit.
Natürlich waren wir sehr laut. Das Gelächter hörte man auch vor der Tür.
Der Stationsarzt kam herein, sah sich das Ganze an, wedelte mit der Hand, und meinte mit todernster Miene,
„hier sind Ihre Papiere für die Quarantäne.“ Die Damen lachten und konnten nicht mehr aufhören.Noch unter der Tür äußerte er sich,

„ich wollte, unseren anderen Patienten wären auch so gut gelaunt wie Ihr. Das so nebenbei.

23. Kapitel

Eine Fehldiagnose
Nächste Untersuchung.

„Nein Frau X, wir könne sie noch nicht entlassen, hier haben sie einen Schatten auf der Lunge, eventuell bösartig.“Klärte mich der Stationsarzt auf.
„Na und, ich bin 80 Jahre, was soll noch kommen, den Freund behalte ich. Den behalte ich als meinen Kurschatten,“ lachte ich humorvoll.

„Ihren Optimismus muss man ihnen lassen, meinte er.“

„Aber wenn wir rechtzeitig operieren, hätten sie ein Chance.“

„Und wie viel Zeit?“ Da schaute der Arzt in eine andere Richtung, er schämte sich wohl, als er leise sagte:

„Vielleicht ein Jahr.“ Da musste ich wieder lachen.

„Ein Jahr, was ist das schon, mir ging es die ganze Zeit gut und danach sollte ich womöglich auch noch Chemo bekommen?" Er nickt.

„Nein mein Freund, nicht mit mir. Wenn meine Zeit abgelaufen, gehe ich mit Freuden. Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Da oben warten eine Menge Leute auf mich, ich freue mich sie alle wieder zu sehen. Machen Sie meine Papiere fertig, ich gehe heim!“
Nur zur Orientierung, zwei Jahre später lebte ich immer noch schmerzfrei, ohne irgendeinen Mitbewohner in meiner Lunge.

Das wollte ich weiter oben andeuten, das mit den Versuchskaninchen.

24. Kapitel
Endlich ein Heim

St. Katharina Hackenbroich September 2016.

Nach dieser schwerer Krankheit und meinem Suizidversuch, hatte mein Sohn endlich ein Heim gefunden. Es ist das

ST. Katharina vom Malteser Orden,

und liegt in einem Vorort von Dormagen. Mit großer Erwartung fuhren wir hin.

„Hier wohnt eine Freundin von mir“,lachte ich. Mein ärgster Feind, ist meine Ungeduld. Gestern meinte mein Sohn:

„Hättest du dich damals schon auf die Merkliste setzen lassen.“ Aber wer denkt denn, dass es mittlerweile bis zu drei Jahre dauern kann, bis was frei ist.Sehr ärgerlich, zumal Zuhause die Kündigung der Mietwohnung lag. Zuerst glaubte ich, dass ich nur drei Monate Kündigungsfrist hätte, aber sobald zehn Jahre ab-gewohnt waren, sind es doppelt so viel. Also sechs Monate.
Der große Druck war jetzt von uns abgefallen. Wir wussten nun, wo es hinging und konnten planen. Zuerst wurde das Eheschlafzimmer verkauft, wie schon am Anfang erwähnt. Eine Matratze behielt ich, denn sie war sehr teuer, und nur ein Jahr gebraucht. Mein Mann verstarb in der Klinik. Jetzt steht noch das tolle Ledersofa da, das konnte ich nicht mitnehmen, dafür war die neue Wohnung zu klein, da musste was anderes her. Mit Luchsaugen verfolgte ich die Anzeigen im Internet. Etwas Antikes schwebte mir vor, und das wird es auch werden. Die Esszimmergarnitur verschenkte ich an Leute aus Bukarest. mein Sohn brachte mir eine kleinere. So hilft einer dem anderen.Ich möchte so gerne möglichst bald umziehen, aber das Warten, dass eine andere Person das Zimmer räumen musste, weil sie entweder ein Pflegefall war, oder gar verstorben, macht mir Angst, denn ich wünschte niemand etwas Schlimmes.
Vielleicht war es jemand, der alt und gebrechlich, und sich nach Hause sehnt, zu Vater und Mutter und weiteren Lieben da OBEN. Dagegen war nichts zu sagen. Warten wir es ab.

Am Abend schrieb ich Franz eine Notiz, dass ich schon einen Bustransfer vom Bahnhof bis zum Haus gefunden hatte, es sind nur ein paar Kilometer.
Ich wohnte jetzt in in einem 32 Parteien Haus. Die meisten der Mieter hatten nur das Fernsehen und Bücher. 'War ich da nicht reich, ich konnte mich in der Welt umsehen, Freundschaften mit fremden Menschen pflegen. Gedanken mit andere Lesern austauschen, Teilhaben an exotischen Bräuchen und vieles mehr.' Das alles ging mir durch den Kopf. Und dann machte ich den Rechner an und lege wieder los.

25.Kapitel
Kein Telefon

Doch zuvor war ich viele Monate von Freunden und Bekannten abgeschnitten, kein Telefon, kein Computer. nicht mehr per Internet in die Welt mailen, das war schrecklich. Ich weiß gar nicht wie ich das früher geschafft habe. Erst seit ich Witwe bin, habe ich gelernt mich damit zu beschäftigen. Zwei Telefongesellschaften stritten sich um Kunden. Die eine hat das Monopol für diese Region. Sie kämpft verbissen um den Abschluss. Das ist eine Nervensache,... schon vier Monate zieht sich das hin. Unglaublich. Mein Sohn kontaktiert zwei Mal in der Woche das Amt. Termine werden gemacht, und nicht eingehalten. Sicherlich war der Hintergrund, vielleicht würde er mürbe werden und schließt doch bei ihnen ab. Der Unterschied, diese Firma ist pro Monat zehn Euro teurer. Für eine Rentnerin, ist das viel Geld.

Mein Sohn, ein ganz lieber, besorgt mir alles was mit der Wohnung zusammen hängt. Er kauft für mich ein, ist um mein Wohlergehen besorgt, ordnet die Finanzen. Ich hätte niemals gedacht, dass es mir im Alter einmal so gut ginge.

„Danke dir mein Lieber, du tust mehr als nur deine Kindespflicht.“

Ich bin ist so was von vergesslich. Momentan habe ich etwas in der Hand, lege es irgendwo hin, weil ich es gleich brauche, fünf Minuten später weiß ich es nicht mehr. Geht es Ihnen auch so?
Wie oft ich in einen falschen Bus zum Doktor eingestiegen bin, ich weiß es nicht. Fast eine Stunde fuhr ich einmal kreuz und quer, bis ich wieder zu Hause war, ohne den Arzt zu besuchen. Ich fragte wohl die Leute, alle waren sehr nett, aber was hilft es wenn man nix hört?

26.Kapitel
Die liebste Zeit ist mir die Nacht

Vor dem Einschlafen drängen sich die Bilder der Vergangenheit in mein Gedächtnis.
Viele kleine Begebenheiten, über die ich schmunzeln muss.
Es kann so schön sein, das Altwerden.
Mehr Zeit zu haben für viele Dinge,
das gespeicherte Wissen,
ein Glücksempfinden.Tun und Lassen was man will,
niemanden Rechenschaft ablegen.
Allerdings ohne Krankheit, ohne Schmerzen.

„Hatte ich nicht ein reiches Leben “, kommt es mir in den Sinn. Und dann denke ich an die älteren Menschen im betreuten Heim gleich neben an. Die still und stumm, weltentrückt, manchmal mit einem winzigen Lächeln, oder auch einer einsamen Träne weit in die Ferne sehen.
Sind sie mit ihren Gedanken dort, wo sie vor vielen Jahren geliebt, gearbeitet, Kinder groß gezogen und vieles mehr, ihrem Leben Inhalt gegeben hatten?
Schlagen sie einzelne Kapitel in ihrem Lebensbuch auf und genießen vielleicht alles noch einmal? So ähnlich wie ich, nur dass ich es aufschreiben kann. Wer kann das wissen, wenn sie sich nicht äußern können.

Nun habe ich meine Gedanken ein Weilchen auf Eis gelegt, ich muss schließlich überlegen, ob mein Geschreibsel Sinn macht. Selbstzweifel quälen mich. Eines ist wichtig, ich selber freue mich, dass ich alles noch so toll, zumindest für meinen Bedarf, noch gut ausdrücken kann. Man sagte von mir, hinter vorgehaltener Hand, ich sei an Demenz erkrankt. Ich weiß es selbst, dass ich fast an der Grenze bin, denn in einem Dialog, vergesse ich oft das Anschlusswort, wenn man mich nicht ausreden lässt. Am Anfang hätte ich mir in den Hintern beißen können, aber mittlerweile macht es mir nix mehr aus. Sollen sie doch nochmal fragen, sage ich mir.
„Ich bin alt und habe das Recht dazu, vergesslich sein.“

27.Kapitel
Grübeln

Doch viele andere Gedanken machen mir zu schaffen. Was ist, wenn ich von meinem bisher gelebten Leben nichts mehr weiß, oder das Jetzige verdränge?

Wenn ich meine Kinder nicht mehr erkenne, oder gar bösartig werde. Man hört und liest so viel davon, aber eine richtige Aufklärung ist das nicht. Soll ich mich überraschen lassen, so grübele ich nächtelang. Zu einem Ende komme ich nicht. Aber mein Gedächtnis lässt rapid nach. Hinzu kam nach dem Klinikaufenthalt noch eine Beschwerde, über die eine Frau nicht gerne spricht. Da wurde gepfuscht, ich schrieb ja schon darüber.
Wenn man so die Leute hört, heißt es: „Einen alten Baum verpflanzt man nicht.“ Aber ich bin ein Zugvogel. Bisher habe schon in sieben Wohnungen gelebt. Als Kind bei meinen Eltern, dann in meiner angeheirateten Familie. Danach eine Zeitlang in München, später zurück bei den Schwiegereltern, dann in Eich in einem Eigenheim, nun einmal umgesiedelt von Eich nach Düren und jetzt nach Dormagen. Allerdings immer mit meinen eigenen Möbeln.

Hier werde ich auch nicht für immer bleiben. Das nächste Haus steht dem jetzigen gerade gegenüber. Nur ein paar Schritte sind es. Eine Option auf ein Zimmerchen habe ich dort auch schon.
Nun, und das Allerletzte hat wesentlich kleinere Maße, da bleibe ich still und regungslos liegen. Ich werde das auskosten! Darauf bin ich gespannt. Ich schlafe doch so gerne. Und dort weiß ich mit großer Bestimmtheit, da weckt mich keiner mehr. Es sei denn, dass ich sofort einige Etagen höher schwebe darf. An eine Hölle glaube ich nicht.
„Die machen wir schon hier auf der Erde durch, da werden wir schon geprüft.“ Vielleicht muss ich nach meinem Ableben, so etwas Ähnliches wie einen Sozialdienst im Vorzimmer leisten. Das kann ich mir gut vorstellen.
Aber wenn ich um Abbitte bete für meine menschlichen Fehler, werde ich schon eine härtere Strafe bekommen. Gesündigt habe ich reichlich, obwohl mir das zu dem damaligen Zeitpunkt nicht klar war.
Wenn ich abends nicht einschlafen kann, kommen automatisch die Gedanken. Da fallen mir Sachen ein, an die ich schon ewig nicht mehr gedacht habe. Ich bete zwar um Gnade, aber nur halbherzig, denn es rutschen immer wieder andere Geistesblitze aus meinem Hirn dazwischen. Schrecklich, wenn man sich nicht mehr richtig besinnen kann.
Letztens gab ich meiner Haushaltshilfe vier Euro und bat sie es drüben im Büro wechseln zu lassen. Ich brauchte fünfzig Cent Stücke für die Waschmaschine. Ich konnte nicht zusammenbringen wie viel das sein müssen. Bin ich denn bekloppt, kann ich nicht mehr eins und eins zusammenzählen?
Seht Ihr Leute, darum bin ich jetzt schon hier. Nicht, dass ich in diesem Fall geheilt werden kann nein, dazu ist es zu spät. Es kommt fast jeder einmal in diese Lage.
Ich fange in einer Geschichte mittendrin an, anstatt dass ich mir die Mühe zu mache den Anfang zu suche. Den gibt es, ganz bestimmt, ich will es Euch doch erzählen. Nur der Wirrwarr in meinem Kopf muss in die richtige Schublade sortiert werden, damit das Gesuchte gefunden wird. In einer Apothekenrundschau stand einmal, dass sich das Hirn erneuert, egal wie alt es ist, es muss nur aufgefordert werden zu denken.

28.Kapitel
Vorlesen

Hackenbroich, 2017.

Meine Bücher sind eigentlich bekannt. So bot ich an, etwas vorzulesen. Ich kam mit großer Hoffnung hierher, kranken Menschen ein wenig Zeit zu vertreiben. Viele Leute von außerhalb bestätigen mir, dass ich es kann. In Eich, in Worms, in Guntersblum verschönte ich in Altennachmittagen, den Besuchern die Stunden. In Wiesbaden, und Mainz war ich beim Poetryslam oft auf der Bühne. Heute noch bekomme ich per Mail Einladungen. So dachte ich, wäre es auch hier. Beim Adventsnachmittag im Hause ging es, meiner Meinung nach, träge zu.
Der Alleinunterhalter, spielte alle bekannten Weihnachtslieder und die Mieter-Gemeinde sang zum Teil mit. Ich tat eine zeitlang das Gleiche, doch als sonst nichts mehr kam, war mir das zu wenig. Ich kannte das aus meiner Dorfgemeinschaft etwas anders. Nun fragte ich die Verantwortlichen des Hauses, ob ich eine selbstgeschriebene Geschichte erzählen dürfte.

"Jetzt gleich", wurde ich entsetzt gefragt. Selbstbewusst nickte ich.

"Gut dann, ok." Ich nahm das Mikrofon zur Hand und legte los. Das Gedicht heißt:
"Das Bäumchen." Im Schlaf hätte ich es vortragen können. Gewohnt in die Menge zu sehen, kam nach ganz kurzer Zeit ein Schmunzeln auf mein Gesicht. Zuerst dachte man sicher, nun ja, lass sie mal, sie wird sicher gleich aufhören, doch dann wurden die Mienen immer aufmerksamer. 'Ei, die kann es aber doch', registrierte ich die Blicke, denn man hörte mir gebannt zu. Das war das einzige Mal wo ich im Wohnheim vor Mitbewohnern reden konnte. Zwar waren, so wie sie applaudierten, alle begeistert, wollte auch gleich mehr hören. Doch es kam nie dazu. Ich weiß es aus Erfahrung warum.
Meine Schwiegereltern und meine Mutter lebten mit in unserem gemeinsamen Haushalt. Da kam das auch manchmal vor, dass sie sagten,
„heute nicht. Lass uns ein bisschen,träumen.“ Hilfe anbieten ja,---Hilfe annehmen, vielleicht. Jeder Mensch ist anders.

29.Kapitel
Einsam

Den einzigen Nachteil den ich sehe ist der, das Haus steht auf einem kaum bebauten Landstrich. Die einzigen Häuser die ich von meiner Wohnung aus sehe, sind hinter einem Raps -Acker, schätzungsweise achthundert Meter weit weg.
Schön bei dem Ganzen ist, der Bauer wird dieses Jahr Sonnenblumen pflanzen. In der Gegend gibt es keine Geschäfte, außer einem Café, aber zu Fuß braucht man auch eine halbe Stunde. Es führt eine Hauptstraße am Katharina vorbei. Vom Krankenhaus gleich daneben fahren jede halbe Stunde Busse in beide Richtungen. Damit kommt man in die Stadt, oder auch in andere Orte. So genau weiß ich es nicht.
Das ruckartige Anhalten und Abfahren löst bei mir immer einen Brechreiz aus. Mehr schlecht als recht steig ich dann an der Haltestelle am Markt aus. Von da ab, kann man alle Geschäfte erreichen. Das Taxi zu nehmen, dafür muss ich erst im Lotto gewinnen.
Dormagen ist gegen Düren ein Puppenstädtchen, aber immerhin besser als gar nichts. Doch es ist sehr einsam dort.
Im Haus selbst gibt es einige Freizeitangebote.
Nehmen wir den Jahresanfang.
Zuerst kommen die Sternsinger,
dann gibt es einen Neujahres Empfang,
ein Karnevalsfrühstück,
dann Reibekuchen essen,
Herings essen,
Karfreitagsliturgie,
eine Tonbildschau,
Schuh, und Kleiderverkauf ist angesagt,
der Eismann kommt.
Einladung zum Frühschoppen beim Schützenfest und Sommerfest,
Einladung zum Bayrischen Frühstück,
dann kommt St. Martin.
Wir haben Totengedenktag,
danach gibt es ein Gänse Essen,
den Nikolausmarkt
und eine Adventsfeier. Doch damit ist noch nicht alles vorbei,
dazwischen immer wieder Mieterkaffee und Bingo.

Es wird viel getan, um den Insassen ein wenig die Langeweile zu vertreiben. Und doch ist es nicht genug. Das Meckern nimmt kein Ende. Am Besten, man hört gar nicht hin.

Im Haus wird ein Gedächtnistraining angeboten. Keine große Sache, denke ich, als ich das erste Mal teilnehme. Man braucht dazu das ABC Einzel auf kleine Kärtchen gedruckt und einen Würfel. Jeder zieht einen Buchstaben und muss, so viele Augen er geworfen hat, so viele Gegenstände nennen. Oder in einer anderen Runde, Tätigkeitswörter. Ja lacht nur, nennt bitte einmal ein Wort mit i, und dann sogar sechs mal. Ich konnte es nicht. Daran sehe ich, dass meine Schummelei am Rechner gar nicht hilft. Schriftlich ist das kein Problem, doch auf eine Frage, kann ich doch nicht mit „Fragezeichen" antworten.
Das Personal hat es schwer. Ich bin ich der Meinung, für diesen Beruf muss man geboren sein.

30.Kapitel
Die Nachbarn

Im Aufzug treffe ich hin und wieder meine Nachbarn.

„Gell, sie sind noch nicht lange hier?“

„Vier Monate.“

„Und Ihnen gefällt es?“ Begeistert nicke ich

„Und Ihnen?“

„Na ja!“Einige sagen sogar,

„dann sind sie die Einzige.“ Eine Dame spricht vom Hass auf das Haus. Nun fragte sie sich, was die Leute denn wollen. Es ist doch alles da, was wir daheim auch hatten. Dass unsere Lieben nicht mehr zwischen uns weilen, dafür kann doch hier niemand etwas. Und es gibt auch Personen, die stets den Spruch auf den Lippen haben..

„Das war mein größter Fehler.“ Ich nehme an, dass, die sich so äußern, kein Hobby haben. Keiner kann, oder viel mehr will, sich nicht selbst beschäftigen. Sie leben in ihrer Vergangenheit, lassen sich nichts raten und wollen, wenn sie wirklich jemand gefunden haben, der ihnen zuhört, dutzendmal ihre Geschichte erzählen.
Diese Mitbewohner tun mir schrecklich leid.

31. Kapitel
Ist das Demenz

Das zieht mich so nieder. Dann bete ich inbrünstig zum LIEBEN GOTT.

„Lass mich bitte so nicht werden. Ich bin auch nur eine ganz gewöhnliche Sterbliche, habe meine Hobbys und freue mich jeden Tag aufs Neue. Aber raten kann ich den Leuten nicht. Sie waren alle bestimmt einmal ganz normal und hatten auch nicht an so eine Krankheit gedacht. Doch unnütz dahinvegetieren, die letzte Zeit so zu verbrauchen, da wehre ich mich entschieden.Vielleicht hilft es, wer weiß? Was bringt die Zukunft?
Ich komme ursprünglich vom Dorf, da kennt jeder jeden . Da wird beim Bäcker ein Schwätzchen gehalten, an der Apotheke über die kranke Mutter geredet, beim Aldi nach den neuesten Nachrichten gefragt, warum hat heute früh geläutet, wer ist gestorben, Rezepte ausgetauscht, und so weiter und so fort. Hier im Haus, kann man momentan laufen wie einem Gott erschaffen hat, da sieht man tagelang niemand. Es sei denn ,man geht am Vormittag zur Rezeption,Nach 14:00 ist dort auch keiner mehr. Oder man nimmt an einem Event teil. Im Sommer da geht es, da treffen sich einige klönend auf den Bänken vor dem Haus, etliche machen Spaziergänge, oder fahren mit ihren Angehörigen zum Einkauf.
Dieses Umherlaufen, durch Feld Wald und Wiesen, mag ja im Frühling und Hebst recht angenehm sein, doch öfter als zwei Mal im Jahr brauche ich das nicht. Stets muss ich dabei das Gejammer der Anderen ertragen. Ich bin nun mal eine gute Zuhörerin, nur allzu oft darf es nicht sein. Fange ich aber selbst einmal an von meinen Schmerzen zu erzählen, wird sofort abgeblockt.
"Du doch nicht, du bist doch gesund, nun hör auf und höre mir endlich zu." Ja auch das passiert mir.
Ich Sie ging lieber zum Flohmarkt, oder in der Stadt spazieren. Da mal ein Eis essen, dem Geplänkel der Jugend zuhören und mich an den hübschen Mädchen erfreuen. Auch Spielplätze mit Kinderleben, da könnte man mich sehen, aber wo sind welche? Und so sehe ich mich später einmal neben den alten Leuten sitzen und genau wie sie so kümmerlich aus der Wäsche zu gucken.

32.Kapitel
Freundschaft

.Sophie eine Nachbarin, war meiner Vormieterin sehr zugetan. Gleich am ersten Tag, da waren bei mir noch alle Kartons im Wege, klingelte es, sie stand vor der Tür und wollte rein. Ich war noch im Nachthemd. Sie drängte mich zurück, ich wies mit der Hand auf meine spärliche Bekleidung und dann auf den Berg Karton hinter mir. Damals wusste ich noch nicht von ihrer Krankheit. Endlich ging sie weg, aber am nächsten Morgen klingelte sie wieder. Und genau so wie am Vortag empfing ich sie. Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Doch da hatte ich schon Toilette gemacht. Entrüstet maulte sie :
„Warum lässt du mich nicht herein? Dann hatte sie wohl ihren Irrtum bemerkt und verabschiedet sie sich mit den Worten,
„Bis später, ich sehe du hast zu tun.“ Eine Weile sah ich sie nicht mehr. Doch, eines Abends war sie wieder da und erzählte, als ob wir uns schon eine Ewigkeit kennen würden. Es hörte sich faszinieren an, Als ich sie unterbrach und ihr den Rat gab, dies alles aufzuschreiben, entgegnete sie, das habe sie schon getan. Wir sahen uns also öfter und jedes mal erzählte sie mir aus ihrem Leben.Und jedes mal fragt sie mich vorwurfsvoll,
„schreibst du schon wieder?“ Einmal sollte ich Bilder ansehen.
„Hier guck, von.meiner Hochzeit“ Und ohne Übergang erzählte sie von der Geburt eines Kälbchens, dass sie einmal Geburtshilfe geleistet hatte. Nun wurde meine Neugier wieder geweckt, gebannt hörte ich zu.
„Wie alt warst du da“? fragte ich verwundert.
„Zwölf Jahre,“ Sophie erzählt es glaubwürdig, sehr anschaulich. Ich weiß auch wie das geht, ich komme auch vom Land.
„Den Strick um die Vorderfüße des Kalbes, der Kopf lag dazwischen und bei der nächtens Wehe zog sie und das Kälbchen fiel heraus“.
„Auf den kalten schmutzigen Boden?“
„Nein“, lachte sie.
„Ich hatte vorher ordentlich Stroh darunter gelegt, und außerdem fiel ich um und das Tierchen landete auf mir. Ich krabbelte hervor riss die Glückshaut vom Mäulchen und rieb den Kopf trocken, alles andere machte die Kuh. Nach eine langen Zeit kamen meine Eltern vom Feld, da stand das Kälbchen am Euter.“ Richtig stolz erzählte sie das. Ich denke, dass fast alle Bauernkinder wissen was der Stier bei der Kuh macht und wie ein Kalb zur Welt kommt.
Wenn man sich die kleine Frau so anschaut mit ihrer 36er Figur, dann war sie als Kind bestimmt noch dünner. Wie sie das geschafft hatte, alle Achtung. Letzte Woche bekam ich endlich den Internetanschluss. Gleich schmökerten wir beide.
"Wo ging Sophie zur Schule, das ist die Kirche, und das ist die Warthe“, und, und ,und.
Sie blühte richtig auf, denn ich versprach ihr diese Reise per Computer öfter zu machen. Und so will meine Freundin jeden Tag dahin. Könnt Ihr Euch denken, wie belastend das für mich ist   

33.Kapitel

Sophie Angst

Sophie hat auch ein reiches Leben hinter sich, manchmal dauertes ihr zu lange, sie hat keine Lust mehr. So wie sie redet fehlt ihr die Liebe ihrer Familie.(Das kann ich so nicht nachvollziehen, denn jede Woche kommt einer ihrer Söhne und holt sie zum Einkaufen ab. Sie fahren auch miteinander zum Friedhof.) Beide Kinder kümmern sich sehr. Sie spricht davon sich umzubringen, wie zwei ihrer Mitbewohnerinnen, es taten.
Sie hat Angst,dass sie einmal abgeschoben wird in das ärztlich betreute Haus gegenü     Täglich sehe ich die körperlich Behinderten, die nach meiner Ansicht gut versorgt aussehen. Bei gutem Wetter werden sie spazieren gefahren.Man sieht ihnen halt ihre Krankheit an. Einige bekommen das vielleicht gar nicht so richtig mit. Jedenfalls geht ihnen nichts verloren, Nahrung und Pflege sind passend. Ich komme da auch einmal hin, ehe ich man mich in die „ Kiste“ legt.Da ich schon einige Male knapp an der Grenze war, fürchte ich mich nicht, denn was ich da sah gefiel mir. Ich bin gespannt wie es weitergeht. Irgendwie freue ich mich sogar darauf, dann sehe ich doch endlich meine Eltern, und alle meine anderen Verstorbene wieder. 

34. Kapitel

Neujahresempfang 2018
 
"Das war mein letzter Tango." Das Buch sollte eigentlich diesen Titel haben. Ein Klavierspieler war da, als ein Walzer erklang juckte es mich in meinen Füßen. Die Bedienung sah es, und als ein Tango gespielt wurde, holte sie mich zum Tanz. Mir ging das Herz auf. Mit meinem Mann tanzte ich, bis uns beiden die Füße brannten. Und nun das hier im Hause, es war ein Erlebnis, das ich nicht vergessen werde

35.Kapitel

Versprechen

 Ihr lieben jungen Nachkommen, vertraut auf Eure Instinkten, Vater oder Mutter sind nicht arm, sie sind reicher als Ihr denkt, sie haben jetzt die Möglichkeit Gedanken Revue ziehen zu lassen, vielleicht dabei ihre unbewussten Fehler zu revidieren. Ihr könnt nur eines tun, wenn sie mit Euch darüber reden möchten, hört sie an. Ändern kann man es nicht mehr, aber es ist möglich, dass Ihr auch dabei etwas lernt. Vielleicht haben sie auch Heimweh, nach Euch, dem Rest der Familie, ihrem Zuhause. Last sie nicht allein, gebt auf ihre Fragen Antwort. Lasst sie Eure Liebe spüren.“+
Da fällt mir gerade ein kleines Gedicht ein, das ich von meiner Mutter kenne.

 

Wenn deine Mutter alt geworden
und älter du geworden bist,

wenn ihr, was früher leicht gefallen,

nunmehr zur Last erschweret ist,

wenn ihre lieben , treuen Augen

nicht mehr wie einst ins Leben seh'n,

wenn ihre Füße Kraft gebrochen,

sie nicht mehr tragen woll'n beim Geh'n:

dann reiche ihr den Arm zur Stütze

und leite sie mit froher Lust!

Die Stunde kommt, da du sie weinend

zum letzten Gang begleiten musst.

 

O hab' Geduld mit ihren Jahren,

die Gott ihr noch zu leben schenkt!

Erfreue sie mit tausend Freuden,

dass treue Sorgfalt sie umfängt!

Und fragt sie dich, so gib ihr Antwort,

und fragt sie wieder, sprich auch du,

und fragt sie nochmals, steh' ihr Rede,

nicht ungestüm, in sanfter Ruh',

und will sie dich nicht recht verstehen,

erklär den Sinn ihr froh bewegt!

Die Stunde kommt, die bitt're Stunde,

da da dich ihr Mund um nichts mehr frägt.


36.Kapitel
Hilfe im Alltag

Unserer Jugend muss ich ein großes Lob aussprechen. Ob es nun Einheimische oder Eingebürgerte sind, alle helfen. Stets sind zupackende Hände da, sei es beim Buseinsteigen, einen Sitzplatz anbieten, den Rollator festmachen, eine Fahrkarte lösen, oder über die Straße helfen. Selbstverständlich bedanke ich mich mit freundlichen Worten. Manchmal kommt auch etwas Launiges über meine Lippen, wie:

„Hätte ich nur früher schon gewusst, wie hilfreich man mich im Alter behandeln würde, ei, da wäre ich doch glatt schon viel früher alt geworden.“ Dann lachen alle und ich natürlich auch. Doch, dass ich schon etliche Mal schwarz gefahren bin, das verrate ich nicht. Denn Schein hatte ich in der Tasche, Aber da es mir während der Fahrt immer übel wird, weil der Bus zu rasch anfährt, ehe ich sitze, komme ich gar nicht dazu das Billett zu entwerten.

37. Kapitel

Gedächtnisverlus

Ich weiß ja, warum ich hier bin, da es gibt noch mehr von meiner Sorte. Manche sind weit schlimmer dran als ich. Ganz schrecklich war es vor einem halben Jahr, da vergaß ich doch glatt eine richtige Antwort zu geben auf eine Frage. Das war keine angenehme Sache, bei vollem Verstand den Ausdruck nicht zu finden. Da suchte ich in meinem Gedächtnis nach einem Synonym, und dabei wurde es noch viel schlimmer. Gott sei Dank, hat sich das wieder eingerenkt. Meinem Körper fehlte das Vitamin B12. Ich bekam sechzehn Monate, jede Woche eine Infusion. Nun muss ich auch weiterhin einen Neurologen aufsuchen. Gleich neben dem Haus Katharina ist das Krankenhaus, dort hält er Sprechstunde. Im Oktober war ich zur Anmeldung, und den Termin bekam sie für den 28. April. Es ist zum kaputt lachen ...wenn die Schmerzen nicht wären.

38.Kapitel

 

Helfersyndrom

In Eich, wo ich die letzte Zeit wohnte, kam die Nachbarin und schütteten mir ihr Herz aus, in Düren war es nicht anders. Scherzeshalber nannte man mich, "Mutter Theresa." Das Helfen habe ich von meiner Mutter geerbt und sogar an meine Söhne weitergegeben.

Im Garten zwischen den beiden Häusern von St. Katharina sind so kleine Oasen mit Tischen und Stühlen im Grünen. Da sitzen die Leute die nichts mehr von ihrem Leben erwarten. Wenn ich mich zu ihnen geselle, schauen sie wohl auf. Sie registrieren, dass da jemand dazu kam. Wenn ich dann eine dieser einsamen Personen anspreche, sehe ich zuerst Ungläubigkeit in deren Augen.

"Willst du wirklich mit mir reden, meine Geschichte hören", lese ich in dem verhärmten Gesicht meines Gegenübers. Mein freundliches Lächeln vermittelt. Ich denke dabei oft an meine Zukunft. Vielleicht bin ich auch einmal froh, wenn mich jemand wahrnimmt.

Sicher bin ich mir nicht. Trotzdem fange ich ein Gespräch an. Es ist mir eine Genugtuung zu sehen, welche Freude aus dem alten Gesicht leuchtet. Als Zuhörerin erfahre ich vieles, einiges bringe ich in meinen Büchern zumAusdruck. Aber ich mache auch weite Reisen mit, und freue mich, wenn ich mit der Erzählerin im Internet die Orte finde, die sie kennt.So hat jede von beiden ein Glücksgefühl

39.Kapite

Auf keinen Fall
Was werde ich tun, wenn ich nichts mehr sehen, keine Tastatur mehr fühlen, nicht mehr lesen kann, selbst meine Geschichten nicht mehr in meinem Kopf zusammen bringe? Vom Hören gar nicht zu reden, jedoch noch soviel mitbekomme, wo ich bin, warum und wozu.

"Schießt mich tot, gebt mir Gift, bitte, bitte helft mir. Ich habe eine Patientenverfügung, darin steht mein letzter Wille, werde ich dann allen entgegen schreien. So brodelt es jetzt schon in meinem Kopf. Vor dem Sterben und dem Tod, habe ich keine Angst, nur vor dem Dahinvegetieren, meine Angehörigen nicht mehr kennen, oder das Mitleid in ihren Augen spüren. Dass sie zusehen müssen wie die einst so tatkräftige Mutter mit links, alle Probleme aus der Welt schaffte, und nun nur noch aus Knochen und Kleidung besteht. Lasst nicht zu, dass es soweit kommt.

             Auf keinen Fall

"Hörst Ihr meine Söhne lasst Eure Mutter so nicht enden.“ Fragt Ärzte, Krankenkassen, lest im Internet. Im Ausland gibt es schon verschiedene Gesetze.

Vielleicht greifen die auch einmal bei uns. Nächtelang frisst mich die Angst auf. Wer kann dann helfen? Ich muss mich auf etwas anderes konzentrieren, sonst drehe ich noch durch. Tag für Tag werde ich älter, raunen mir die Geister zu, du bist bald soweit, du bist bald soweit. Dann helfen mir wieder die Worte meines Arztes. Seinen Rat kennt ihr ja, liebe Freunde. Mein Reichtum an Einfällen, gesunde Ernährung, dazu viel Schlaf. Dass es nicht ewig so bleiben kann, ist mir schon klar. Der Körper baut ab, auch das muss ich akzeptieren. Mein geistiges Vermögen werde ich pflegen, und daran halte ich eisern fest. Aber ich muss noch vieles tut, hauptsächlich das Tohuwabohu in meinem Kopf beseitigen alles sortieren und in der richtigen Reihenfolge ordnen. Schreiben braucht Zeit.

40.Kapitel
Viel Arbeit

Ich war schon immer ein schnell entschlossener Mensch. Mit dem PC hatte ich mich, als mein Mann verstorben war, vertraut gemacht.Viele Geschichten tragen meinen Namen. Einige Bücher wurden von einem Leipziger Verlag herausgegeben. In vielen Foren im Internet kann man mich finden. Bei Neobooks bin ich fest etabliert. Dort sind 28 Werke von mir im Verkauf. Abwertete, aber auch wohlwollende Kommentar, stehen da unter meinen Texten. Zu finden unter Siglinde Bickl und Linda Bohrmann .

Ich bin keine ausgebildete Autorin, ich schreibe wie ich denkt und spreche. Meine letzte Erzählung verfasste ich im Frühling 2016. Und jetzt wollte ich es halt noch einmal wissen.

Kann ich es noch, oder ist meine Krankheit schon sehr weit fortgeschritten? Gut möglich, wo ich mich jetzt so richtig eingearbeitet habe, dass ich weiterschreibe. Spaß macht es mir auf jeden Fall.

"Soll ich Euch liebe Leserinnen und Leser sagen wie lange ich hier an diesem Buch gearbeitet habe? Ratet mal, na. Vor drei Jahren hätte ich die Geschichte in einem Tag heruntergerissen. Aber jetzt sitze ich schon vier Monate daran. Die Zeiten machen mir zu schaffen. Immer wieder würfele ich sie durcheinander. Bei der Gegenwart tun mir alle Zähne weh, wenn ich laut lese was da geschrieben steht. Es hört sich einfach nicht gut an.

In der Vergangenheit geschrieben, da finde ich, dass es besser klingt. Wie sollte ich nun die Geschichte fortsetzen? Ich hatte mir schon Gedanken gemacht, das Ganze nur in einer Zeit zu verfassen, nein auch das passt nicht. Das ist jetzt momentan die vierte Fassung, aufgeschrieben in den Jahren in der sich die einzelnen Vorkommnisse ereigneten. Sollen wir Roulette spielen und einfach eine nehmen? Gestern las ich ein Buch, da nahm man ein, ?, verdammt mir fällt wieder nicht das Wort ein. Ich weiß, dass ich es kann, nur krieg ich die Sperre nicht weg, verdammt und zugenäht.

Ich nehme jetzt einfach den nächsten Zettel zur Hand und schreibe da weiter. Das Drumherum, das alles muss ich wieder neu lernen.Das Formatieren, dass man daraus ein Buch machen kann, das habe ich immer noch nicht begriffen. Ich sehe es vor mir und kann es nicht mehr umsetzen. Die Technik macht mich noch verrückt, warum kann das nicht einfacher sein? Verflixt und zugenäht. Ich konnte das doch alles einmal, wo ist es nur abgeblieben? Wo gibt es gibt es noch helfende Hände und gescheite Köpfe?

Ob ich mal unseren HERRGOTT frage, ihn um Hilfe bitte? Alt genug ist er, auch ohne einen Kurs mitgemacht zu haben, wird er wissen wie die Technik funktioniert. Für ihn ist es bestimmt ein Leichtes, ob aber ich seinen Wink, beziehungsweise Link verstehe, bleibt offen.

(Nein, das mache ich nicht, das ist Frevel, nur um Gesundheit darf man bitten.) Welch ein abstruser Gedanke, also nein, 'schämst du dich nicht Linda? ' , den Vorwurf hätte ich verdient.

41.Kapitel
Bilanz

Und der liebe Gott half mir auch, in dem er mir eine Synapse öffnete, ohne dass ich ihn extra darum bat.Danke lieber Vater im Himmel.

So ist nun das Werk, das vor euch liegt endlich unter Dach und Fach. Die Abstände, wo mir die Gedanken entgleiten, werden immer kürzer. Mein Arzt beschwor mich, nur nicht aufzugeben, das Hirn braucht Nahrung. Die bekommt es durch gute Durchblutung. Und diese wiederum wird durch die Arbeit, die von ihm verlangt wird gefördert. hat er es mir erklärte. Denn nur so und mit reichlichem Trinken vervielfältigen sich die Synapsen. Er weiß von der Sucht und findet meine Freude daran beachtenswert.
Es ist selten, dass sich ältere Menschen noch einmal an etwas Neues wagen. Andere rauchen, trinken, essen ziellos und ich, ja...ich lebe von und mit Buchstaben. Tag und Nacht sitze ich am Computer und leere meinen Kopf. Dazwischen lese ich viel um die Lücken wieder aufzufüllen.
Damit viele Bücherfreunde an meinen Texten Gefallen finden können, schreibe ich im Internet in einigen Foren. Große Schwierigkeiten warten da auf mich. Das Einfügen eines Textes, in die richtige Form bringen, drängt mich meisten in große Not. Die Leute am anderen Ende des Rechners sind sehr hilfsbereit. Ich muss sagen, bisher haben sie mich nicht wie 'senile Tante' behandelt, sie haben immer freundliche Worte und lehnen meine Bitte um Hilfe nicht ab. Ich bin darüber sehr froh. Es darf allerdings zwischen diesen Arbeiten keine lange Zeitspanne liegen. Manchmal sind es nur Stunden, wo ich alles vergessen habe. Dann muss ich die Helfer wieder um Rat fragen.Wie peinlich das ist, kann nur derjenige ermessen, der in meinen Schuhen steht. Nun ist mir etwas eingefallen. Ich drucke jetzt die Gebrauchsanweisungen einfach aus.

           „Dafür kriege ich von euch bestimmt fünf *****Sterne, oder?“

 

43. Kapitel

Erläuterungen
*Zu dem Gedicht“ Wenn deine Mutter alt geworden“ fand ich den Link ,http://www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de/2012/05/28/adolf-hitlers-gedicht-im-gebetbuch-wenn-deine-mutter-alt-geworden/
Auf einigen Seiten stehen drei Fragezeichen, sie sollen das passende Wort ersetzen. Mir ist es immer noch nicht eingefallen, es hat was mit Gewitter zu tun.

Nun hoffe ich, dass mein Buch bei Euch gut angekommen ist.
Ich würde mich darüber freuen
. Eure Siglinde Bickl

 

44. Kapitel

Danke
Mein Dank, dass ich nicht aufgegeben habe gilt meinen Sohn Thomas. Er sorgt für mich als sei ich das Kind. Es tut gut zu wissen, dass die Gene die in ihm schlummern nicht verschwendet wurden. Mein Dank gilt auch Iris meiner lieben Schwiegertochter, die es stillschweigend hinnimmt, das er mir seine karge Freizeit widmet, und dass sie selbst für mich im Internet recherchiert hat.
Als ich noch in Düren wohnte half mir meinem Nachbarn Stefan. Er ist der beste ausgebildete Computerfreak den ich kenne. So manchen Fehler den ich im Rechner machte, hatte er ausbügelte.
Liebe Olga auch Dir ein Dankeschön, für Deine Hilfe in vielen Dingen. Und zu guter Letzt meiner Freundin Gisela,
„Du hast viel Geduld aufgebracht, als in mein Kopf so einiges durcheinander wirbelte.“

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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