Jakob Kappert

Der Troll unter der Brücke



In einer Welt, in der es keine Spiegel gibt, machten sich einst eine Großmutter und ihre Enkelin auf, um einen Troll zu füttern. Die Enkelin, Lilian, begleitete ihre Großmutter zum ersten mal bei diesem sonderbaren Vorhaben, das sie noch nicht genau verstand, aber sie nachdenklich stimmte, seitdem sie von Großmutters Haus aufgebrochen waren. Auch das seltsam angeschlagene Gemüt der alten Dame regte zum Grübeln an. Für gewöhnlich bot diese ein Beispiel zügelloser Heiterkeit und Lebensfreude, heute jedoch nicht; heute wirkte sie bedrückt, so als dränge sie darauf diesen einen speziellen Tag so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.

Aus Rücksicht auf ihre Großmutter – oder Omi, wie Lilian sie nannte - hatte Lilian bislang keinerlei Fragen bezüglich des Trollfütterns gestellt, lange aber würde sie das nicht mehr durchhalten. Die Fragen lagen wie Säure auf ihrer Zunge und brannten stetig kleine Löcher hinein: Zu unsinnig, zu verschwenderisch war ihr Anliegen.

Ohne ein Wort auf den Lippen (dafür hunderten auf der Zunge) folgte sie Omi durch die Nachbarschaft. Außer ihnen war einzig eine Katze unterwegs, die erfolglos versuchte einen Spatz von einer Mauer zu schnappen. Der Mauer folgte eine Reihe eintöniger Grasflächen, von ihren Eigentümern irrtümlicherweise als Gärten bezeichnet, darauf der Spielplatz - eine wüstengleiche Ödnis, bestehend aus Sand, einer rostigen Drehscheibe und Sand - und darauf das Gemeindezentrum, das wie alle Gemeinschaftsgebäude im Dorf ungenutzt und mit verschlossenen Türen vor sich hin moderte.

Noch immer kein Wort.

Die Löcher wuchsen.

Sie überquerten den Bach an der Nordbrücke und bogen rechts ab, um dessen Lauf zu folgen, der sich ringförmig einmal ums Dorf schloss und sie auf direktem Wege zur Südbrücke, unter der der Troll lebte, führen würde. Zu ihrer linken erhoben sich die ersten Baumreihen des Waldes, einzig durchbrochen von einigen vor Jahren festgestampften Schleichwegen der Dorfbewohner, die dabei waren wieder zuzuwachsen. Ein frischer, lebendiger Duft lag in der Luft.

Während die Brücke in ihrem Rücken immer kleiner wurde, wuchs Lilians Neugierde ins unerträgliche. Die Löcher in ihrer Zunge hatten ein Ausmaß erreicht, das sie fürchten ließ, ihre Zunge würde sich endgültig in Nichts auflösen, wenn sie nur noch eine Sekunde länger schwieg. Und als hätte dieser Gedanke ein Ventil in ihrem Mund geöffnet, entströmte diesem die angestaute Neugierde.

Also ehrlich, Omi, was soll das? Warum soll das ganze schöne Essen ein Troll kriegen? Weißt du nicht, dass Trolle böse sind?“

Sie deutete vorwurfsvoll auf den großen Weidenkorb, den die alte Dame schulterte und der mit allerlei Köstlichkeiten gefüllt war.

Der Troll, den wir aufsuchen, ist ganz bestimmt nicht böse“, antwortete Omi, „Tatsächlich ist er edler als die meisten Menschen im Dorf. Er verdient es, dass sich jemand um ihn kümmert!“

Woher weißt du das? Kennst du den?“

Jeder hier im Dorf kennt seine Geschichte - zumindest jeder, der so alt ist wie ich -, denn seine Geschichte ist gleichsam die Geschichte unseres Dorfes. Lass uns doch kurz hinsetzen, dann erzähle ich sie dir von Anfang an.“

Bei dem Wort Geschichte wurde Lilians Miene andächtig. Omis Geschichten gehörten zu den besten!

Erzählen! Erzählen!“

Unter einer dicken Eiche, in dessen Krone ein Specht beharrlich nach einer Partnerin trommelte, umringt von einer Schar Krokusse, ließen sie sich nieder. Die Äste des Baumes warfen kleine, tanzende Schattenmuster auf ihre Gesichter, die Lilian fasziniert beobachtete, während sie Gänseblümchen aß und darauf wartete, dass die alte Dame einen geeigneten Einstieg in die Trollgeschichte fand. Zu ihren Füssen rauschte leise der Bach und irgendwo aus dem Wald drangen die scharrenden Laute eines Hirsches, der sein Geweih an einem Baum rieb, zu ihnen durch.

Omi räusperte sich.

Also“, begann sie, „seine Geschichte beginnt vor vielen Jahren, lange bevor du geboren wurdest. Du musst wissen, damals sah hier alles noch ganz anders aus. Der Wald hinter uns – so lebendig er heute auch ist – war damals leblos und verdorrt. Jahrelang hatte es nicht geregnet und auch den Bach vor uns, den gab es damals noch nicht. Es war so trocken, dass die letzte Blume, das letzte Blatt, ja, sogar das letzte Grasbüschel bereits vor langer Zeit verwelkt waren. Die Bäume waren kahl und glichen unheimlichen, langarmigen Gerippen, die nach allem zu schnappen drohten, was sich in ihre Nähe begab. Tiere hatte man dort seit Ewigkeiten nicht gesehen; Menschen erst recht nicht.

Die Dorfbewohner fürchteten den Wald. Oft redeten sie davon, wie dieser mit langen arm-gleichen Ästen nach ihnen gegriffen hätte, um sie in sein Geäst zu ziehen und dort unbeschreibliche Grauen an ihnen zu praktizieren - natürlich waren das bloß Flunkergeschichten. Es gab nur einen Grund, warum die Dorfbewohner den Wald mieden, und zwar aufgrund seiner Hässlichkeit.

Im gesamten Dorf gab es nur zwei Einwohner, die sich nicht davor scheuten, den Wald zu betreten. Die eine war eine junge Dame, die einheitlich von sämtlichen Einwohnern zur schönsten Person im Dorf gekürt worden war. Ihre Haut war glatt, so glatt, dass man meinen konnte, ihr ganzer Körper wäre mit Samt überzogen; ihre Haare waren kräftiger und voller als die jedes anderen vorort und durch ihren natürlichen Rotstich, besaß ihr Braun einen einzigartigen, vielfach von den Dorfbewohnern kopierten, jedoch nie bewerkstelligten Farbton, und ihre Augen, oh, wenn du ihre Augen gesehen hättest: Ganze Welten lagen darin.

Männlein wie Weiblein waren der jungen Dame hemmungslos verfallen und taten alles, was nötig war, um an ihrer Schönheit teilzuhaben. Du musst wissen, dass die Dorfbewohner eben so sehr, wie sie alles Hässliche verachteten, alles Schöne verehrten. All den Dingen, die schön und von Glanz waren, widmeten sie ihr Leben. Egal ob Bilder, Statuen, Häuser, Möbel, Menschen oder Topfpflanzen – wenn es schön war, mussten sie es haben! Es gab nur eine Sache, die noch wichtiger war, als schöne Dinge zu besitzen, und das war, selber schön zu sein. Jeden Tag brachten sie damit zu, sich eindrucksvolle Kleider maßzuschneidern, die Haare zu färben, oder auf sonst jedwede Art ihrem Äußeren zu frönen - und da niemand im Dorf je das eigene Antlitz erblickt hatte, musste sich auch niemand eingestehen, nicht schön zu sein.

Um den überhand nehmenden Avancen ihrer Nachbarn zu entkommen, zog sich die junge Dame immer häufiger in den Wald zurück. Lange schon war ihr deren oberflächliches Verhalten zuwider. Nirgends außer im Wald war sie ungestört genug, um zur Ruhe zur kommen und ihren Gedanken freien Lauf zu lassen; außerdem mochte sie den Wald, egal wie er aussah. Auf sie wirkte er weder abstoßend noch bedrohlich. Auf eigentümliche Weise, fand sie, barg die Kargheit des Waldes sogar ihre ganz eigene Schönheit; die selbe Art von Schönheit, wie sie auch Gebirgspässen innewohnt, auf denen man meilenweit nichts sieht außer blankem Fels und hier und da etwas Nebel.

Wenn sie in solch hart erkämpften Augenblicken des Alleinseins unter ihrem Lieblingsbaum, einer knorigen, alten Eiche, saß und über das Verhalten ihrer Mitmenschen nachdachte, verspürte sie merkwürdigerweise das Bedürfnis, gerade diese Augenblicke mit jemandem zu teilen. Jemandem, der nicht nur auf, sondern durch ihre Schönheit sah und sie für all jene Eigenschaften schätze, die sie wirklich ausmachten. Sie war nämlich nicht nur schön, sondern auch charakterstark und von einnehmender Fröhlichkeit, was von ihrem Umfeld jedoch kaum wahrgenommen, geschweige denn wertgeschätzt wurde. An so manch einem Tag schon hatte sie ihre Schönheit verteufelt und sich nichts sehnlicher gewünscht, als einen Menschen, der sich wirklich für sie interessierte. Der Wunsch erfüllte sich.

Eines sonnenreichen Tages – sie saß wie üblich im Wald unter ihrer Stammeiche – hörte sie, wie aus der Ferne ein langsam lauter werdendes Pfeifen auf sie zukam. Die Melodie klang so leichtfüßig, so unbeschwert, dass sie die Herrlichkeit des Pfeifenden schon Minuten, bevor dieser vor ihr aus dem Dickicht trat, erahnte. Es war ein junger Mann. Er hieß Libbrich und ..."

An diesem Punkt unterbrach Lilian die Geschichte. Ihre Neugierde kam wieder mal dazwischen.

"Du hast gar nicht gesagt, wie die junge Dame heißt!" platze sie heraus und versuchte sogleich erschrocken die Worte zurück in den Mund zu schieben, da es sich nicht schickte eine Geschichte – vor allem Omis Geschichte - zu unterbrechen.

"Ihr Name? Hmm, der ist mir leider entfallen. Nennen wir sie doch Freya, ja? Also weiter im Text ...

Libbrich war der einzige im Dorf, dem sein Aussehen egal war, und der einzige außer Freya, der gerne in den Wald ging, weil er wie sie fand, dass eine andere Art von Schönheit nicht gleich Hässlichkeit sei. Er ging sogar so weit zu bestreiten, dass es so etwas wie Hässlichkeit überhaupt gäbe. Wer bereit sei einen Blick unter die Oberfläche zu werfen, so behauptete er, würde selbst bei den hässlichsten Dingen, wenn er nur tief genug grübe, irgendwann auf etwas schönes stoßen.

Libbrich hatte es Freya sofort angetan. Schon bei ihrer ersten Begegnung fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Seine Ansichten über den Pfad, dem die Dorfbewohner schon seit geraumer Zeit folgten, überschnitten sich nicht nur mit ihren, er war sogar bereit, zu versuchen die Dorfbewohner von seinen Ansichten zu überzeugen, ja, überzeugen zu müssen. Unterstützt von Freya begann er öffentlich zu den Menschen zu sprechen:

'Warum meidet ihr den Wald? Aufgrund seiner Hässlichkeit? Ich sage euch, so etwas wie Hässlichkeit existiert nicht! Auch ihr werdet alt werden und eure Schönheit wird verfließen, wie ein Tropfen in einem Bach, doch das bedeutet nicht, dass ihr hässlich werdet! Es bedeutet einzig, dass ihr euch verändert und Veränderung bedeutet Leben, denn das Leben besteht aus Veränderung! Und ist das Leben selbst, gerade durch seine Vielfalt und Pracht, nicht das schönste aller Dinge? Und sind wir, die wir lebendig sind, nicht alleine dadurch schön, dass wir dieser mächtigsten aller Magien unterstehen? Warum ist es euch so wichtig schön zu sein, wenn ihr doch alle die natürliche Schönheit in eurem Herzen tragt?'

Ja, genau so klang er, wenn er da auf seiner Kiste stand, vor dem Gemeindezentrum, und zu den Leuten predigte. Natürlich ernteten seine Ansichten keinerlei Zuspruch. Obwohl den Dorfbewohnern jede Bestätigung ihrer eigenen Schönheit recht war, missfiel ihnen der Gedanke, jedem anderen Lebewesen, Ratten und Kakerlaken eingeschlossen, wäre die selbe Schönheit vergönnt worden. Libbrich hatte ihren Stolz gekränkt und ihre Einzigartigkeit bedroht. Entrüstung über seine Dreißtigkeit spreite sich im Dorf und bald schon wurde er gemieden, so als wäre er nur ein weiterer gieriger Auswuchs des Waldes, der nach allem Schönen schnappte.

Der einzige Grund, warum sie ihn hin und wieder anhörten, war, dass er meistens in Begleitung Freyas war, deren Anblick ihnen selbst die unbequemste Rede erträglich machte. Freya hingegen fühlte sich mit jedem Tag mehr und mehr zu Libbrich hingezogen und er ebenso zu ihr. Es dauerte nicht lange und sie verliebten sich.

Zwei vollkommene Jahre des Glücks, in denen nichts, aber auch gar nichts ihrer Liebe hätte abträglich entgegenwirken können, wurden ihnen vom Schicksal gewährt. Jeden Tag, sommers wie winters, egal ob Sonne oder Wolken am Himmel standen, gingen sie gemeinsam in den Wald und entzückten sich an nichts weiterem als ihrer Zweisamkeit. Die Missgunst der Dorfbewohner interessierte sie eben so wenig, wie die Leblosigkeit des Waldes. Warum von irgendwem behelligen lassen, wenn sie doch einander hatten?

Und dann kam der Regen.

Es regnete lange und ausgiebig, einen Monat lang, sowohl bei Tag als auch Nachts. Es regnete so stark, dass die Dorfbewohner sich vor den unerwarteten Wassermaßen nur zu schützen wussten, indem sie einen kreisrunden Graben um ihr Dorf verlegten, in den das Wasser abfließen konnte.

Sie hassten den Regen. Er spülte die Farbe aus ihren Haaren, verteilte sie über ihre Kleidung und ertränkte ihre Pflanzen, kurz: er beraubte sie ihrer Schönheit; dennoch nahmen sie ihn bereitwillig als Anlass, endlich eine Grenze zwischen sich und den verhassten Wald zu ziehen. Einzig der Wald und das junge Paar erfreuten sich des Regens.

In der selben Nacht, in der es anfing zu regnen, passierte dem jungen Paar, was Paaren nun einmal passiert, wenn sie verliebt sind. Bereits kurz nachdem der Regen aufhörte, begann Freyas Bauch dicker zu werden.

Die Schwangerschaft blieb im Dorf nicht unbemerkt. Zuerst fürchteten die Einwohner, Freya, ihr Idol, die schönste aller Schönheiten, habe zugelegt, erkannten dann aber nicht minder schockiert, was der wahre Grund für ihr Bäuchlein war ... und das auch noch von diesem aufdringlichem Kerl, Libbrich. Die Enttäuschung der Dorfbewohner ließ sich nicht verhehlen; als hätten sie nicht schon genug Probleme mit Mutter Natur.

Freyas Bauch wuchs und wuchs und auf der anderen Seite des Grabens, da wuchs es ebenfalls. Durch den anhaltenden Regen und den Zugriff auf das Wasser im Graben erblühte die Vegetation des Waldes zu neuem Leben. Überall wuchs Rasen, es sprossen die Blumen, Bäume bildeten wieder Früchte und hüllten sich in leuchtend grüne Blättergewänder. Der ganze Wald strahlte auf einmal in allen nur erdenklichen Farben. Eine ungewohnte, fast schon beängstigende Anziehungskraft ging von ihm aus. Zum ersten Mal in ihrem Leben verspürten die Dorfbewohner den Drang, ihren Fuß über die Schwelle des Waldes zu setzen. Jegliche Angst, jedwede Abscheu ward wie fortgespült. Was dort auf der anderen Seite des Grabens auf sie wartete, war nicht weniger als Schönheit in ihrer vollendetsten Form!

Natürlich wollte gerade jetzt, da Freya mit jedem Tag dicker wurde, jeder im Dorf an dieser neuen, aufregenden Schönheit teilhaben. Also baute man Brücken: eine am Nordende des Dorfes und eine am Südende. Voilà, schon war der Graben überwunden und der Wald, den sie so lange peinlichst gemieden hatten, eröffnete ihnen all seine Wunder und Mysterien.

Und, ach, wie sehr betörte es sie, als sie zwischen den Bäumen hindurch schritten, die Hände durch die Blätter gleitend, und den köstlichen Duft des Wachstums inhalierten. Ihr Innerstes füllte sich mit Lebensmut und einem Hochgefühl, das sie bisher nur vom sehen her kannten: Schönheit. Sie fühlten Schönheit. Rein, ungekünstelt und für jedermann zugänglich. Es war das Paradies!

Bald schon war es unter den Dorfbewohnern alltäglich, in den Wald zu gehen und sich an seiner nicht sattzusehenden Schönheit, diesem unerschöpflichen Wunderwerk aus Farben und Formen, zu berauschen. Das junge Paar machte da keine Ausnahme. Auch sie gingen nach wie vor gerne in den Wald, schließlich war dieser groß genug, dass dort jeder ein ungestörtes Plätzchen fand.

Seit dem Beginn der Schwangerschaft waren bereits einige Monate vergangen. Das Wasser im Graben war beinahe vollständig abgesickert und von den Wurzeln der Bäume aufgesogen, sodass von den überwältigenden Massen nur mehr ein schmaler Bach verblieben war. Dafür blühte der Wald umso ausgefallener. Völlig ungehemmt labten sich die Dorfbewohner seines Anmuts und schenkten ihrem ehemaligem Idol, Freya, (sehr zu deren Wohlwollen) nahezu keinerlei Beachtung mehr. Endlich durfte sie in Frieden ihr Leben leben, mit Libbrich an ihrer Seite und dem Kind in ihrem Bauch als ihrer Berufung.

Und sicherlich hätte sich das alles auch genau so zugetragen, wenn nicht das Schicksal die beiden bereits anderweitig verplant gehabt hätte.

An dem Tag, an dem die Tragödie begann, war es vollkommen windstill. Es regte sich nicht das geringste, noch so kleine Lüftchen, sodass der Bach im Graben beinahe gänzlich zum Stillstand kam und die Konturen der Umwelt sich klar auf seiner ruhigen Oberfläche abzeichneten. Es war früher Mittag an diesem verhängnisvollen Tag, als Libbrich und Freya sich aufmachten, um in den Wald zu gehen. Die Geburt stand unmittelbar bevor und sie hatten sich vorgenommen erst ins Dorf zurückzukehren, wenn sie einen Namen für ihr Kind gefunden hätten, der ihnen beiden zusagte.

Als sie die Südbrücke erreichten, hielt Libbrich inne und lehnte sich an das Geländer. Die Reflektionen der Sonnenstrahlen auf dem Wasser hatten seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wortlos und erfüllt von einer Faszination, die ihn jedes mal überkam, wenn er etwas schönes entdeckt hatte, stand er da und beobachtete das Funkeln und Flirren. Freya kannte dieses Verhalten bereits zur genüge und wusste das dies einige Minuten in Anspruch nehmen würde, darum vertrieb sie sich die Zeit damit, Libbrich zu beobachten, wie seine Mundwinkel immer mehr nach oben wanderten.

Sein Blick strich über das Wasser, betrachtete die über Kopf stehenden Bäume und Wolken, bis er bei den beiden Spiegelungen direkt unter ihnen anlangte und erstarrte. Bestürzung trat in sein Gesicht, dann Entsetzen. Fassungslos stierte er auf die beiden Gestalten, die ihm von der Wasseroberfläche aus entgegenstarrten.

Die linke erkannte er - es war Freya, schön wie eh und je, trotz der Verzerrung durch das Wasser -, aber welch widerwärtiges, entstelltes, menschenfernes Monstrum war es, das dort zu ihrer rechten stand? Irgendein buckeliges, verkrüppeltes Etwas mit einem zerfurchtem Gesicht, das zur Hälfte aus einer riesigen Hakennase bestand, und einem Mund, in dem jeder einzelne schwarz-gelbe Zahn eine eigene Himmelsrichtung anpeilte, hatte eine seiner scheußlichen Pranken um Freya gelegt und blickte ihm, Libbrich, dabei vom Wasser aus direkt in die Augen. Nie zuvor war er etwas so hässlichem begegnet. Dies war kein Mensch mehr! Dies war ein Troll!

Um so größer war sein Schmerz, als er an sich herabsah und feststellte, dass das widerwärtige Etwas auf dem Wasser das selbe zerlumpte Hemd trug, das auch seinen Oberkörper bedeckte, und dass aus dem Ärmel dieses Hemds die selbe stummelige Pranke ragte, die auch auf Freyas Schultern lag. Tränen traten in seine Augen, als er einsah, wessen Spiegelbild es war, das er da betrachtete.

Mit einem Schrei der Verzweiflung riss er sich von Freya los, kletterte auf das Geländer und sprang, noch bevor Freya, der sein Stimmungswechsel nicht entgangen war und die auf einmal zu wissen glaubte, was in ihm vorging, ihn zurückhalten konnte, von der Brücke ins Wasser und verschwand unter der steinernen Rundung. Freya lief von der Brücke und kletterte, so schnell sie es in ihrem Zustand fertig brachte, die Böschung hinunter, doch Libbrich lief bereits den Bach hinauf und war kurz darauf außer Hörweite.

Nach diesem Tag bekam sie ihn nur noch ein weiteres Mal zu Gesicht. Jedes mal, wenn sie ihn aufsuchte, versteckte er sich oder rannte davon. Und das tat er bei allen Menschen - und tut er auch heute noch. Er muss sich für sein Aussehen dermaßen geschämt haben, dass er sich nicht getraut hat, jemals wieder jemanden unter die Augen zu treten.

Einige Wochen darauf gebar Freya eine Tochter. Es war zweifellos das schönste Kind, dass je das Angesicht der Welt erblickt hatte. Wenn Libbrich sie sehen würde, so dachte Freya, sehen würde, wie schön sie war; sehen würde, was er mitgeholfen hatte zu erschaffen, dann würde er sich eingestehen müssen, dass auch in ihm Schönheit vorhanden war.

Sobald Freya wieder auf den Beinen war, begab sie sich mit dem Neugeborenen auf dem Arm zur Brücke. Doch Libbrich ließ sich nicht blicken. Nicht als sie ihn rief, nicht als sie ihre gemeinsame Tochter über den Kopf hob, nicht als sie sich enttäuscht und den Tränen nahe wieder auf den Rückweg begab. Erst als sie fasst schon außer Sichtweite waren, kam er unter der Brücke hervor, um einen einmaligen Blick auf seine Tochter zu erhaschen. Freya, die mit so etwas gerechnet hatte, drehte sich noch einmal um, in der Hoffnung Libbrich endlich wiederzusehen und sei es nur für einen kurzen Augenblick.

Und etwas bekam sie auch zu sehen, doch was, das erschreckte sie bis ins Mark. Libbrich, ihr Geliebter, war nicht wiederzuerkennen.

Die Klamotten hingen in Fetzen von seinem Körper, als ob er bereits Jahre unter der Brücke gelebt hätte. Sein natürlicher Hautton war einem ungesunden grün-grau gewichen. Sein Haar, mitunter einiger wenige Strähnen, war ihm gänzlich ausgefallen - wie auch der Großteil seiner Zähne. Und anstatt auf zwei Beinen aufrecht zu gehen, kroch er vornübergebeugt auf allen Vieren. Er war wahrhaftig zu einem Troll geworden.

Obwohl sich Libbrich keiner großen Beliebtheit im Dorf erfreut hatte, löste sein Schicksal doch einiges in den Einwohnern aus. Durch ihn wurden sie sich der Möglichkeit bewusst, sich im Bach zu betrachten; eine Aussicht, die ihnen sehr zusagte, aber ihren Reiz zur Gänze einbüßte, als sie anfingen ihre Spiegelbilder miteinander zu vergleichen und feststellten, dass egal wie schön ihr Spiegelbild auch war, es immer jemanden gab, dessen Spiegelbild schöner war.

Egal wie sehr sie sich pflegten und mit edlen Stoffen drapierten, immer gab es jemanden, dessen Haar glatter, dessen Haut reiner, dessen Stoffe weicher waren, sodass ihnen angesichts der Schönheit anderer nichts anderes übrig blieb, als sich hässlich zu fühlen. Auch wenn Libbrich dies in keinster Weise beabsichtigte, so hatte er sie doch endgültig ihrer Schönheit beraubt.

Ihre neuentdeckte Hässlichkeit trieb sie dazu, einen weiten Bogen um alles Schöne zu machen; sich in ihren Häusern zu verschanzen, aus Angst davor, sich beim Anblick überwältigender Schönheit so hässlich zu fühlen, dass sie sich in einen Troll verwandeln würden. All die Dinge, die sie früher verehrten, für die sie gelebt hatten, warden ihnen feindselig und abstoßend. Wieder mieden die Dorfbewohner den Wald - diesmal aufgrund seiner Schönheit und nicht seiner Hässlichkeit. Und als sei das nicht schlimm genug, mieden sie sich auch gegenseitig.

Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Noch immer sitzen die Dorfbewohner in ihren Häusern und trauern ihrer verlorengeglaubten Schönheit. Mit der Zeit verkam das Dorf mehr und mehr, bis es beinahe zu einer Geisterstadt wurde, aber das weißt du ja selber. Und damit ist die Geschichte auch schon zu Ende. Hast du noch irgendwelche Fragen?"

"Ja! Was wurde aus dem Baby?"

"Das Baby wuchs mit den Jahren zu einer stattlichen jungen Frau heran. Ihren Vater lernte sie leider nie kennen, aber Freya erzählte ihr alles, was es über ihn zu erzählen gab. Und irgendwann, als die Tochter erwachsen war, bekam auch sie eine Tochter, ein wundervolles, wenn auch etwas neugieriges kleines Mädchen. Wie bereits ihre Mutter, bekam das Mädchen ihren Großvater nie zu Gesicht. Ihre Mutter entschied, ihr nichts von ihm zu erzählen, bis sie alt genug wäre, um zu verstehen, was mit ihm passiert war. Verstehst du jetzt, warum er nicht so ist wie andere Trolle?"

"Ja"

"Gut, dann lass uns weitergehen. Die Sonne geht bald unter."

Schweigend erhoben sie sich und streckten ihre Gliedmaßen. Während Omi Moos- und Blattreste von ihrem Hintern klopfte, warf Lilian noch schnell einen Blick in den Bach, doch das Wasser floss zu schnell, als dass sie ihr Spiegelbild hätte betrachten können.

Auch den Rest des Weges über schwiegen sie. Lilians Neugierde war vorerst gesättigt. Dennoch störte sie irgendwas an der Trollgeschichte, irgendeine kleine Ungewissheit, die sie nicht genau lokalisieren konnte. Erst als die Südbrücke nur noch einige Meter vor ihnen lag, brach sie die Stille. Rufend und winkend eilte sie voraus, bis zum rostigen Brückengeländer, von dem der Troll vor so vielen Jahren in die Einsamkeit gesprungen war, und beugte sich so weit sie konnte darüber.

"Haaaaallo Trooooooll"

"Libbrich" korrigierte Omi aus der Ferne.

"Haaaaallo Liiiiiibbrich"

Stille.

Enttäuscht stieg Lilian vom Geländer und ging zu Omi, die nun ebenfalls die Brücke erreicht hatte und gerade den Weidenkorb in deren Mitte platzierte.

"Lass uns durchs Dorf zurückgehen, dann komen wir vielleicht noch im Hellen an"

"Okay" murrte Lilian. Schmollend, da sie den Troll weder treffen, noch sehen würde, schlenderte sie Omi hinterher.

Kurz bevor sie um eine Kurve am Ende der Straße bogen, drehte sich Lilian noch einmal um, um sicherzugehen, dass der Korb noch an seinem rechtmäßigem Platz stand – und da sah sie ihn. Klammheimlich und mucksmäuschenstill kroch der Troll die Böschung neben der Brücke empor und machte sich am Korb zu schaffen.

So hässlich ist der gar nicht, dachte Lilian. Zumindest nicht für einen Troll. Ansonsten sah er genau so aus, wie Omi ihn beschrieben hatte: Kartoffelnase, Glatze, grüne Haut, krüppelige Haltung.

Für einen kurzen Moment sah der Troll auf und fing Lilians Blick. Ein Glänzen durchfuhr seine Augen. Regungslos stand er da und starrte sie mit einem Gesicht an, in dem sich gegensätzliche Gefühle zu vereinen schienen. Bedauern lag darin, sowie Scham, aber ebenso Zuneigung und Stolz.

Dann, so flink wie er erschienen war, verschwand er wieder. In sekundenschnelle klemmte er sich den Korb unter die Pranke und verschwand damit in der dicht bewachsenen Uferböschung.

Lilian wandte sich wieder Omi zu ... und stellte fest, dass die alte Dame weinte. Nicht viel, nur eine einzige, einsame Träne, die ihre Wange hinab kullerte, doch eine Träne konnte eben so viel aussagen wie hundert Tränen. Aber warum überhaupt Tränen? Etwa wegen dem Troll? Omi schien bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, also entschied Lilian weder den Troll noch die Träne zur Sprache zu bringen.

Omis Traurigkeit barg jedoch mehr als bloßes Mitleid: Etwas schlichtweg unübersehbares, das Lilian zwar bisher nie bewusst wahrgenommen hatte, ihr nun aber so unwillkürlich ins Auge stach, als wäre es das einzige an Omi, das es zu bemerken gäbe.

Trotz ihres Alters waren Omis Haare erst teilweise ergraut. Wie sie so offen über den Schultern hingen, im Takt der Schritte hin und her schwingend, und in den verendenden, letzten Strahlen der Abendsonne matt schimmerten, offenbarten sie erstmals seit langer Zeit wieder das volle Spektrum ihres einstigen Teints, eines einzigartigen Brauntons mit einem leichten Rotstich.

Erstmals gewahrte sich Lilian der außergewöhnlichen Schönheit der alten Dame.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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