Jakob Kappert

Der Troll unter der Brücke

 

In einer Welt, in der es keine Spiegel gibt, machten sich einst eine Großmutter und ihre Enkelin auf, um einen Troll zu füttern. Die Enkelin, Lilian, begleitete ihre Großmutter, zum ersten Mal bei diesem sonderbaren Vorhaben. Oft schon hatte sie sich gefragt, wo Omi wohl hinging, wenn sie ein mal die Woche so ganz in schweigen gehüllt ihr Haus verließ mit nichts weiterem bei sich als einem großen Weidenkorb und einem Gesichtsausdruck, als begäbe sie sich auf ihren Henkerspfad. Das war überaus untypisch, denn gewöhnlich neigte Omi weder zu Geheimnissen, noch zu Schwermut. Immer, wenn Lilian wegen der rätselhaften Ausflüge nachhakte, versuchte Omi das Gespräch anderswohin zu lenken und ja keine allzu deutliche Antwort zu geben – bis heute.

Nachdem Lilian Omi stundenlang in den Ohren gelegen hatte, sie könne ihre Enkelin bei was-auch-immer doch nicht ausschließen, war die sowieso schon angeschlagene alte Dame schließlich schwach geworden und hatte ihr zugestanden, sie dieses eine Mal zu begleiten. Die darauffolgende notdürftige Erklärung, sie würden zur Südbrücke gehen, um einem dort lebenden Troll etwas zu Essen zu bringen, sorgte jedoch nur für mehr Kopfzerbrechen.

Ohne ein Wort auf den Lippen (dafür hunderten auf der Zunge) folgte sie Omi durch die Nachbarschaft. Außer ihnen war einzig eine Katze unterwegs, die erfolglos versuchte einen Spatz von einer Mauer zu schnappen. Der Mauer folgte eine Reihe eintöniger Grasflächen, von ihren Eigentümern irrtümlicherweise als Gärten bezeichnet, darauf der Spielplatz - eine wüstengleiche Ödnis, bestehend aus Sand, einer rostigen Drehscheibe und Sand - und darauf das Gemeindezentrum, das wie alle Gemeinschaftsgebäude im Dorf ungenutzt und mit verschlossenen Türen vor sich hin moderte.

Sie überquerten den Bach, der sich wie ein Zirkel einmal ums Dorf schlängelte, an der Nordbrücke, bogen rechts ab und folgten dessen Lauf zur Südbrücke. Zu ihrer linken erhoben sich die ersten Baumreihen des Waldes, einzig durchbrochen von einigen vor Jahren festgestampften Schleichwegen der Dorfbewohner, die dabei waren wieder zuzuwachsen. Ein frischer, lebendiger Duft lag in der Luft.

Während die Brücke in Lilians Rücken immer kleiner wurde, wuchs ihre Neugierde ins unerträgliche. Getrübte Laune hin oder her, länger konnte sich Omi nicht vor einer vernünftigen Antwort drücken! Und als hätte diese Sichtweise ein Ventil in ihrem Mund geöffnet, entströmten diesem die angestauten Fragen.

Also echt, Omi, was soll das? Warum soll das ganze Essen ein Troll kriegen? Weißt du nicht, dass Trolle gemeine Monster sind?“

Sie deutete vorwurfsvoll auf den großen Weidenkorb, den die alte Dame schulterte und der mit allerlei Köstlichkeiten gefüllt war.

Der Troll, den wir aufsuchen, ist etwas besonderes. Er ist weder bösartig noch ein Monster“, antwortete Omi.

Woher weißt du das? Kennst du den?“

Jeder hier im Dorf, der so alt wie ich ist, kennt seine Geschichte, denn seine Geschichte ist gleichsam die Geschichte unseres Dorfes. Lass uns unter dem Baum da Platz nehmen, dann erzähle ich sie dir von Anfang an.“

Bei dem Wort Geschichte wurde Lilians Miene andächtig.

Erzählen! Erzählen!“

Unter einer dicken Eiche, in dessen Krone ein Specht beharrlich nach einer Partnerin trommelte, umringt von einer Schar Krokusse, ließen sich die beiden nieder. Die Äste des Baumes warfen kleine tanzende Schattenmuster auf ihre Gesichter, die Lilian fasziniert beobachtete, während sie Gänseblümchen aß und darauf wartete, dass die alte Dame einen geeigneten Einstieg in die Trollgeschichte fand. Zu ihren Füssen rauschte gemächlich der Bach und irgendwo aus dem Wald drangen die scharrenden Laute eines Hirsches, der sein Geweih an einem Baum rieb, zu ihnen durch.

Omi räusperte sich.

Also“, begann sie, „die Geschichte beginnt vor vielen Jahren, lange vor deiner Geburt. Du musst wissen, damals sah hier alles anders aus. Der Wald hinter uns – so lebendig er heute auch ist – war damals leblos und verdorrt. Jahrelang hatte es nicht geregnet und auch den Bach gab es damals noch nicht. Das einzige Wasser im Dorf bezog man aus einem alten Brunnen, von dem man sagte, er sei so tief, dass er zu einem Ozean am anderen Ende der Welt führe. Es war so trocken, dass die letzte Blume, das letzte Blatt, ja, sogar das letzte Grasbüschel verwelkt waren. Kahle Bäume säumten die Schwelle zum Wald und erstreckten sich von dort aus so weit das Auge reichte. Tiere hatte man dort schon lange nicht gesehen. Menschen erst recht nicht.

Die Dorfbewohner scheuten den Wald. Oft redeten sie davon, wie dieser mit langen arm-gleichen Ästen nach ihnen gegriffen hätte, um sie in sein Geäst zu ziehen und dort unbeschreibliche Grauen an ihnen zu praktizieren - natürlich waren das bloß Flunkergeschichten. Es gab nur einen Grund, warum die Dorfbewohner den Wald mieden, und zwar aufgrund seiner Hässlichkeit.

Zu der Zeit, von der ich spreche, lebte im Dorf eine junge Dame, die sich als einzige nicht vor dem Wald fürchtete. Sie empfand ihn weder als bedrohlich noch als abstoßend. Auf eigentümliche Weise, fand sie, barg die Kargheit des Waldes ihre ganz eigene Schönheit; die selbe Art von Schönheit, wie sie auch Gebirgspässen innewohnt, auf denen man meilenweit nichts sieht außer blankem Fels und hier und da etwas Nebel.

Ich sollte wohl noch erwähnen, dass die Dorfbewohner ebenso sehr, wie sie alles Hässliche verachteten, alles Schöne verehrten. All den Dingen, die glänzten und von wert waren, widmeten sie ihr Leben. Es gab nur eine Sache, die noch wichtiger war, als schöne Dinge zu besitzen, und das war, selber schön zu sein. Tag um Tag verbrachten die Dorfbewohner damit eindrucksvolle Kleider maßzuschneidern, sich die Haare zu färben, oder auf sonst jedwede Art ihrem Äußeren zu frönen - und da niemand im Dorf je das eigene Antlitz erblickt hatte, musste sich auch niemand eingestehen, nicht schön zu sein.

Als schönste unter ihnen hatten sie die junge Dame gekürt, und als schönster Mensch im Dorf war sie leider auch das meistbegehrteste Subjekt im Dorf.“

An diesem Punkt unterbrach Lilian die Geschichte. Ihre Neugierde ließ sich mal wieder nicht zügeln.

Wie sah die junge Dame aus?“

Sie war wirklich wunderschön. Ihr Haar war voller als das jedes anderen im Dorf und durch einen natürlichen Rotstich, besaß sein Braun einen einzigartigen, vielfach von den Dorfbewohnern kopierten, aber nie bewerkstelligten Farbton; und ihre Haut, die war so glatt, dass man meinen konnte, ihr ganzer Körper wäre mit Samt überzogen. Männlein wie Weiblein waren ihr hemmungslos verfallen und taten alles, was nötig war, um an ihrer Schönheit teilzuhaben.

Um den überhand nehmenden Avancen ihrer Nachbarn zu entkommen, zog sich die junge Dame immer öfter in den Wald zurück. Lange schon war ihr deren oberflächliches Verhalten zuwider. Nirgends außer im Wald war sie ungestört genug, um zur Ruhe zu kommen und ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Wenn sie in solch raren Augenblicken des Alleinseins unter ihrem Lieblingsbaum, einer knorrigen, alten Eiche, saß und über das Verhalten ihrer Mitdörfler nachdachte, verspürte sie seltsamerweise das Bedürfnis, gerade diese Augenblicke mit jemandem zu teilen; jemandem, der durch ihre Schönheit sah und sie für all jene Eigenschaften schätze, die darunter schlummerten.

Eines sonnenreichen Tages – sie saß wie üblich im Wald unter ihrer Stammeiche – hörte sie, wie aus der Ferne ein langsam lauter werdendes Pfeifen auf sie zukam. Die Melodie klang so leichtfüßig, so unbeschwert, dass sie die Herrlichkeit des Pfeifenden schon Minuten, bevor dieser vor ihr aus dem Dickicht trat, erahnte. Es war ein junger Mann. Er hieß Libbrich und …"

Erneut unterbrach Lilian.

Du hast gar nicht gesagt, wie die junge Dame heißt!"

Ihr Name? Hmm“, Omi kratze sich am Kopf. „Ich glaube, ihr Name war Freya. Nun denn ...

Libbrich war außer Freya der einzige im Dorf, der sich nicht um ein präsentables Äußeres bemühte und der ab und an in den Wald ging, weil er wie sie fand, dass eine andere Art von Schönheit nicht gleich Hässlichkeit sei. Er ging sogar so weit zu bestreiten, dass es so etwas wie Hässlichkeit überhaupt gäbe. Wer bereit sei einen Blick unter die Oberfläche zu werfen, so behauptete er, würde selbst bei den hässlichsten Dingen, wenn er nur tief genug grübe, irgendwann auf etwas schönes stoßen.

Libbrich hatte es Freya sofort angetan. Er war engagiert, wortgewandt und nachdem Freya ihn über ihr Dilemma mit den Dorfbewohnern unterrichtet hatte, sah er es als seine ehrbare Pflicht, die Dorfbewohner von ihrem Irrglauben, Hässlichkeit existiere und Schönheit müsse sich daher angeeignet werden, abzubringen. Unterstützt von Freya begann er öffentlich Ansprachen zu halten:

 

'Warum meidet ihr den Wald? Aufgrund seiner Hässlichkeit? Ich sage euch, so etwas wie Hässlichkeit existiert nicht! Auch ihr werdet alt werden und eure Schönheit wird verfließen wie ein Tropfen in einem Bach, doch das bedeutet nicht, dass ihr hässlich werdet! Es bedeutet einzig, dass ihr euch verändert und Veränderung bedeutet Leben, denn das Leben besteht aus Veränderung. Und sind wir, die wir lebendig sind, nicht alleine dadurch schön, dass wir dieser mächtigsten aller Magien, dem Leben, unterstehen? Warum ist es euch wichtig Schönheit zu horten, wenn ihr doch alle die natürliche Schönheit in eurem Herzen tragt?'

 

Ja, genau so klang er, wenn er da auf seiner Kiste stand, vor dem Gemeindezentrum, und zu den Leuten predigte. Natürlich erntete er keinerlei Zuspruch. Obwohl den Dorfbewohnern jede Bestätigung ihrer eigenen Schönheit recht war, missfiel ihnen die Vorstellung, jedem anderen Lebewesen (Ratten und Kakerlaken eingeschlossen), wäre die selbe Schönheit vergönnt worden. Libbrich hatte sie in ihrem Stolz gekränkt und ihre Einzigartigkeit bedroht. Entrüstung über seine Dreistigkeit erglomm in den Herzen der Dorfbewohner und bald schon wurde auch er gemieden. Freya hingegen fühlte sich mit jedem Tag mehr und mehr zu Libbrich hingezogen und er ebenso zu ihr. Es dauerte nicht lange und sie verliebten sich.

Zwei vollkommene Jahre des Glücks, in denen nichts, aber auch gar nichts ihrer Liebe hätte abträglich entgegenwirken können, wurden ihnen vom Schicksal gewährt. Jeden Tag, sommers wie winters, gingen sie in den Wald und entzückten sich an nichts weiterem als ihrer Zweisamkeit. Die Missgunst der Dorfbewohner interessierte sie eben so wenig, wie die Leblosigkeit des Waldes.

Und dann kam der Regen.

Es regnete lange und ausgiebig, einen Monat lang. Um sich vor den unerwarteten Wassermaßen zu schützen, verlegten die Einwohner einen Graben rund um ihr Dorf, um das anströmende Wasser aufzufangen. In der selben Nacht, in der es anfing zu regnen, passierte dem jungen Paar, was Paaren nun einmal passiert, wenn sie verliebt sind. Bald schon begann Freyas Bauch dicker zu werden.

Die Schwangerschaft blieb im Dorf nicht unbemerkt. Zuerst fürchteten die Einwohner, Freya, ihr Idol, die schönste aller Schönheiten, habe zugelegt, erkannten dann aber nicht minder schockiert, was der wahre Grund für ihr Bäuchlein war ... und das ausgerechnet von Libbrich! Der Frust der Dorfbewohner war absolut; als hätten sie nicht schon genug Probleme mit Mutter Natur!

Freyas Bauch wuchs und wuchs und auf der anderen Seite des Grabens, da wuchs es ebenfalls. Von ihrer Seite aus beobachteten die Dorfbewohner, wie die Vegetation des Waldes zu neuem Leben erblühte. Überall wuchs Rasen, es sprossen die Blumen, Bäume bildeten wieder Früchte und hüllten sich in leuchtend grüne Blättergewänder. Der ganze Wald strahlte auf einmal in allen nur erdenklichen Farben. Zum ersten Mal in ihrem Leben verspürten die Dorfbewohner den Drang, ihren Fuß über seine Schwelle zu setzen. Da Freya nun endgültig an Libbrich gebunden war, wollten sie ihr Defizit mit dieser neuen, aufregenden Schönheit angleichen. Also bauten sie Brücken: Eine am Nordende des Dorfes und eine am Südende. Voilà, schon war der Graben überwunden und der Wald, den sie ach so lange gemieden hatten, eröffnete ihnen all seine Wunder und Mysterien.

Und, oh, wie sehr betörte es sie, als sie zwischen den Bäumen hindurch schritten, die Hände durch die Blätter gleitend, und den köstlichen Duft des Wachstums inhalierten. Es dauerte eine ganze Weile, aber schließlich erkannten sie die Schönheit des Waldes doch noch an. Bald schon war es im Dorf alltäglich, in den Wald zu gehen und sich an dem nicht satt zu sehenden Wunderwerk aus Farben und Formen zu berauschen. Doch die ausufernde Nutzung des Waldes blieb nicht folgenlos. Pflanzen wurden niedergetrampelt, Namen in Bäume geritzt, Tiere verscheucht und Sachen zurückgelassen. Nach einigen Wochen war der Wald regelrecht durchlöchert von Trampelpfaden, die sich wie Maulwurftunnel quer durchs Dickicht zogen und ein vielfältiges Kontingent an Pflanzen und Insekten einebneten.

Diese Entwicklung mitanzusehen machte dem jungen Paar zu schaffen. Sie ehrten den Wald sehr und nichts lag ihnen ferner, als ihn zu verbrauchen. Gegen Ende der Schwangerschaft beschränkten sie ihre täglichen Ausflüge nur noch auf den Waldrand, wo sie der vehementen Abnutzung des Waldes nicht beiwohnen mussten. Meistens saßen oder schlenderten sie am Ufer des Grabens, der mittlerweile soweit abgesickert war, dass von den einstigen Massen nur mehr ein schmaler Bach verblieben war. So auch an dem Tag, an dem die Tragödie begann.

An besagtem Tag war es vollkommen windstill. Es regte sich nicht das geringste, noch so kleine Lüftchen, sodass der Bach im Graben beinahe gänzlich zum Stillstand kam und die Konturen der Umwelt sich klar auf seiner ruhigen Oberfläche abzeichneten. Es war früher Mittag als Libbrich und Freya wie jeden Tag zum spazieren aufbrachen. Die Geburt stand unmittelbar bevor und sie hatten sich vorgenommen erst zurückzukehren, wenn sie einen angemessenen Namen für ihr Kind gefunden hätten. Als sie die Südbrücke erreichten, hielt Libbrich inne. Die Reflexionen der Sonnenstrahlen auf dem Wasser hatten seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Gebannt und betört, wie es ihn jedes mal überkam, wenn er etwas schönes entdeckt hatte, stand er da und beobachtete das Funkeln und Flirren. Sein Blick strich über das Wasser, entlang der über Kopf stehenden Bäume und Wolken (sofern Wolken über Kopf stehen können), bis zu den beiden Spiegelungen direkt unter ihnen, und erstarrte.

Bestürzung trat in sein Gesicht, dann Entsetzen. Fassungslos stierte er auf die beiden Gestalten, die ihm von der Wasseroberfläche aus anstarrten. Die linke kannte er - es war Freya -, aber welch widerwärtiges, entstelltes, menschenfernes Monstrum war es, das dort zu ihrer rechten stand? Irgendein buckeliges, verkrüppeltes Etwas mit einem Gesicht, das zur Hälfte aus einer riesigen Hakennase bestand, und einem Mund, in dem jeder einzelne schwarz-gelbe Zahn eine eigene Himmelsrichtung anpeilte, hatte eine seiner scheußlichen Pranken um Freya gelegt und blickte ihm, Libbrich, vom Wasser aus direkt in die Augen. Nie zuvor war ihm etwas so hässliches begegnet. Dies war kein Mensch! Dies war ein Troll!

Um so größer war sein Schmerz, als er an sich herabsah und feststellte, dass das widerwärtige Etwas auf dem Wasser das selbe zerlumpte Hemd trug, das auch seinen Oberkörper bedeckte, und dass aus dem Ärmel dieses Hemds die selbe stummelartige Pranke ragte, die auch auf Freyas Schultern lag. Tränen traten in seine Augen, als er einsah, wessen Spiegelbild es war, das er da betrachtete. Mit einem Schrei der Verzweiflung riss er sich von Freya los, kletterte auf das Geländer und sprang, noch bevor Freya, der sein Stimmungswechsel nicht entgangen war und die auf einmal zu wissen glaubte, was in ihm vorging, ihn zurückhalten konnte, von der Brücke ins Wasser und verschwand mit einem weiteren Satz im feuchtkühlen Dunkeln, das sich darunter erschloss. Freya folgte ihm, so schnell sie es in ihrem Zustand fertig brachte, aber Libbrich hechtete bereits den Bach hinauf und war ruck zuck außer Sichtweite.

Er kam nicht zurück, weder an diesem Tag noch am Tag darauf, noch am Tag der Geburt. Er muss sich für sein Aussehen dermaßen geschämt haben, dass er sich nicht traute, jemals wieder jemandem unter die Augen zu treten, nicht mal seiner eigenen Familie. Vielleicht schämte er sich auch, weil er zwar die richtigen Erkenntnisse hatte, sie jedoch bei sich selber nicht anwandte; so sehr, dass er gewillt war, die Geburt seiner Tochter zu verpassen. Die Tochter selbst war zweifellos das wundervollste Kind, das je das Angesicht der Welt erblickte. Wenn Libbrich sie sehen würde, so hoffte Freya, sehen würde, wie schön sie war, dann würde er sich eingestehen müssen, dass auch er selber Schönheit in sich trug.

In der Hoffnung, den Mann, den sie aufrichtig liebte, endlich wiederzusehen, ging sie mit dem Neugeborenen im Arm zur Brücke. Libbrich aber ließ sich nicht blicken, nicht als sie ihn rief, nicht als sie ihre gemeinsame Tochter über den Kopf hob, nicht als sie sich enttäuscht und mit Tränen in den Augen wieder auf den Rückweg begaben. Erst als sie fast schon am Straßenende waren, kam er unter der Brücke hervor, um einen einmaligen Blick auf seine Tochter zu erhaschen. Freya, die mit so etwas gerechnet, oder viel mehr darauf gehofft hatte, drehte sich just in diesem Moment noch einmal herum, doch was sie sah, erschreckte sie bis ins Mark. Libbrich, ihr Geliebter, war nicht wiederzuerkennen.

Die Kleidung hing in Fetzen von seinem Körper, als hätte er bereits Jahre unter der Brücke gehaust. Sein natürlicher Hautton war einem leblosen grau gewichen. Sein Haar war ausgefallen, wie auch der Großteil seiner Zähne, und anstatt aufrecht auf zwei Beinen zu gehen, kroch er vornübergebeugt auf allen Vieren. Das Schlimmste jedoch war der stoppelige, feingliedrige Schwanz, der über seinem Gesäß gewachsen war. Er war wahrhaftig zu einem Troll geworden!

Nach diesem Tag sah Freya Libbrich nie wieder. Die Erziehung des Kindes blieb allein an ihr hängen und lange Zeit machte sie ihm deshalb Vorwürfe, doch brachte sie es nicht übers Herz ihn vollends abzuschreiben, dafür waren ihre Gefühle noch zu stark, und so sehr er sie auch im Stich ließ, so schuldete sie ihm dennoch Dankbarkeit für ihre gemeinsame Tochter.

Obwohl sich Libbrich keiner großen Beliebtheit im Dorf erfreute, löste sein Schicksal doch einiges in den Einwohnern aus. Durch ihn wurden sie sich der Möglichkeit bewusst, ihr Spiegelbild im Bach zu betrachten; eine Aussicht, die ihnen sehr zusagte, aber ihren Reiz zur Gänze einbüßte, als sie anfingen diese Spiegelbilder miteinander zu vergleichen und feststellten, dass egal wie schön ihr Spiegelbild auch war, es immer jemanden gab, dessen Spiegelbild schöner war. Egal wie sehr sie sich pflegten und mit edlen Stoffen drapierten, immer gab es jemanden, dessen Haar satter, dessen Haut glatter, dessen Stoffe weicher waren, sodass ihnen angesichts der Schönheit anderer nichts anderes übrig blieb, als sich hässlich zu fühlen. Auch wenn Libbrich dies in keinster Weise beabsichtigte, so hatte er sie doch endgültig ihrer Schönheit beraubt.

Ihre neuentdeckte Hässlichkeit trieb sie dazu, einen weiten Bogen um alles Schöne zu machen; sich in ihren Häusern zu verschanzen, aus Angst davor, sich beim Anblick überwältigender Schönheit ebenfalls so hässlich zu fühlen, dass sie sich in einen Troll verwandeln würden. All die schönen Dinge für die sie gelebt hatten, wirkten auf sie plötzlich unheilvoll und feindselig. Wieder mieden die Dorfbewohner den Wald - diesmal aufgrund seiner Schönheit und nicht seiner Hässlichkeit. Unbedacht stürzten sie von einem Extrem ins nächste. Und als sei das nicht schlimm genug, mieden sie sich auch gegenseitig.

Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Noch immer sitzen die Dorfbewohner in ihren Häusern und trauern ihrer verlorengeglaubten Schönheit. Mit der Zeit verkam das Dorf mehr und mehr, bis es beinahe zu einer Geisterstadt wurde, aber das weißt du ja selber. Und damit ist die Geschichte auch schon zu Ende. Hast du noch irgendwelche Fragen?"

"Ja! Was wurde aus dem Baby?"

"Das Baby wuchs mit den Jahren zu einer stattlichen jungen Frau heran. Ihren Vater lernte sie leider nie kennen, aber Freya erzählte ihr alles, was es über ihn zu erzählen gab. Und irgendwann, als die Tochter erwachsen war, bekam auch sie eine Tochter, ein wundervolles, wenn auch etwas neugieriges kleines Mädchen. Wie bereits ihre Mutter, bekam das Mädchen ihren Großvater nie zu Gesicht. Ihre Mutter entschied, ihr nichts von ihm zu erzählen, bis sie alt genug wäre, um zu verstehen, was mit ihm passiert war. Verstehst du jetzt, warum er nicht so ist wie andere Trolle?"

"Ja"

"Gut, dann lass uns weitergehen. Die Sonne geht bald unter."

Schweigend erhoben sie sich und streckten ihre Gliedmaßen. Während Omi Moos- und Blattreste von ihrem Hintern klopfte, warf Lilian noch schnell einen Blick in den Bach, doch das Wasser floss zu schnell, als dass sie ihr Spiegelbild hätte erkennen können.

Auch den Rest des Weges schwiegen sie. Lilians Wissensdurst war vorerst gestillt. Dennoch kam es ihr so vor, als ob noch irgendeine entscheidende Komponente der Trollgeschichte unschlüssig wäre. Irgendwas wegen der jungen Dame. Dann kam sie drauf.

Omi, warum bringst jetzt du dem Troll das Essen und nicht die junge Dame?“

Ich kannte Libbrich und Freya und ihr Schicksal bewegte mich sehr. Als die 'junge Dame' dann eines Tages alt wurde und dem Troll kein Essen mehr bringen konnte, übernahm ich diese Aufgabe für sie.“

Lilian lächelte. Sie hatte schon immer gewusst, dass Omi ein toller Mensch war.

Als die Südbrücke nur noch einige Meter vor ihnen lag, eilte Lilian rufend und winkend voraus, bis zum rostigen Brückengeländer, von dem der Troll vor so vielen Jahren in die Einsamkeit gesprungen war, und beugte sich so weit sie konnte darüber.

"Haaaaallo Trooooooll"

"Libbrich!" korrigierte Omi aus der Ferne.

"Haaaaallo Liiiiiibbrich"

Stille.

Enttäuscht stieg Lilian vom Geländer und ging zu Omi, die nun ebenfalls die Brücke erreicht hatte und gerade den Weidenkorb in deren Mitte platzierte.

"Lass uns durchs Dorf zurückgehen, dann kommen wir noch im Hellen an"

"Okay" murrte Lilian. Schmollend, da sie den Troll weder treffen, noch sehen würde, schlenderte sie Omi hinterher.

Kurz bevor sie um eine Kurve am Ende der Straße bogen, drehte sie sich noch einmal um, um sicherzugehen, dass der Korb noch an seinem rechtmäßigem Platz stand – und da sah sie ihn. Klammheimlich und mucksmäuschenstill kroch der Troll die Böschung neben der Brücke empor und machte sich am Korb zu schaffen.

So hässlich ist der gar nicht, dachte Lilian. Für einen Troll zumindest. Für einen kurzen Moment sah der Troll auf und fing Lilians Blick. Ein Glänzen durchfuhr seine Augen. Regungslos stand er da und starrte sie mit einem Gesicht an, indem sich gegensätzliche Gefühle zu vereinen schienen. Bedauern lag darin, sowie Scham, aber ebenso Zuneigung und Stolz. Dann, so flink wie er erschienen war, verschwand er wieder. In sekundenschnelle klemmte er sich den Korb unter die Pranke und verschwand damit in der dicht bewachsenen Uferböschung.

Lilian wandte sich wieder Omi zu ... und stellte fest, dass die alte Dame weinte. Nicht viel, nur eine einzige, einsame Träne, die ihre Wange hinab kullerte, doch eine Träne konnte ebenso viel aussagen wie hundert Tränen. Sie schien bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, also entschied Lilian weder den Troll noch die Träne zur Sprache zu bringen. Omis Traurigkeit brachte jedoch noch etwas weiteres in ihrem Gesicht zutage: Etwas, das Lilian zwar bislang nie wirklich wahrgenommen hatte, ihr nun aber so unwillkürlich ins Auge stach, als wäre es das einzige an Omi, das es zu bemerken gäbe.

Trotz ihres Alters besaß Omi kaum Runzeln oder Falten, auch waren ihre Haare erst stellenweise ergraut. Wie sie so offen über den Schultern hingen, im Takt der Schritte hin und her schwangen, und in den verendenden, letzten Strahlen der Abendsonne matt schimmerten, offenbarten sie erstmals seit vielen Jahren wieder das volle Spektrum ihres einstigen Teints, eines einzigartigen Brauntons mit einem leichten Rotstich.


 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Jakob Kappert).
Der Beitrag wurde von Jakob Kappert auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Seelenfarben von Eveline Dächer



Dieser Lyrikband malt ein Kaleidoskop meines Lebens
Er gibt einen Einblick in mein Innerstes, meine Seele.
Hier spiegelt sich eine Farbpalette von kristallenem Hell
Über alle Regenbogenfarben bis zum tiefsten Dunkel.
Das Auf + Nieder des Lebens - Gedichte und Bilder, die in die Tiefe gehen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Märchen" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Jakob Kappert

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Schaufensterpuppe von Jakob Kappert (Parabeln)
Der Hutmacher von Dieter Fetzer (Märchen)
Menschen im Hotel IX von Margit Farwig (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)