Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 31

– 13 –

 

„Sie haben sich getrennt“, stellte Hilly fest, die nachdenklich die Spuren eines verlassenen Lagerplatzes betrachtete. Sie waren bis spät in die Nacht den gut sichtbaren Karren- und Hufspuren der Händlergruppe gefolgt. Angeblich sollte sich Nobeline der Händlergruppe angeschlossen haben, wollte man den Aussagen der Leute Glauben schenken, die die Gefährten unterwegs befragt hatten. Der Hinweis auf eine Reisegruppe, in deren Begleitung sich eine hellblonde Frau befand, die mit schriller, quietschender Stimme unablässig Gedichte aufsagte, sprach allerdings für sich. So waren sie bis spät in der Nacht den Spuren gefolgt, ohne die Flüchtende jedoch einzuholen.

Im Morgengrauen waren sie wieder aufgebrochen und im Eiltempo den Spuren gefolgt, bis sie auf diesen Lagerplatz gestoßen waren, der ein Problem in sich barg. Der Troß der Händler war weiter dem Handelsweg gefolgt, während eine einzelne Spur nach Westen abbog. Diese Spur war frischer. Das gab Anlaß zur Vermutung, daß die Händler jemanden zurückgelassen hatten und bei Nacht und Nebel verschwunden waren. Wen das Los getroffen hatte, war nicht all zu schwer zu erraten.

„Sieht so aus, als wenn deine hoch wohl geborene Fürstentochter ihren Begleitern den letzten Nerv geraubt hat, so daß sie sich von ihr getrennt haben.“ Geschmeidig stand Hilly auf und klopfte sich den Schmutz von den Knien. „Eine einzelne Spur führt jedenfalls nach Westen, während der Troß weiterhin nach Versmas unterwegs ist.“

„Das versteh ich einfach nicht.“ Ratlos kratzte ich mich am Kopf und beobachtete Mikesch, der das Lager auf der Suche nach etwas zum Fressen durchsucht hatte. Erfolglos.

„Was zum Teufel will sie im Westen?“

„Tja, da liegt der Hase im Pfeffer“, bemerkte der Kater.

Wo?“, fragte Gorgus, der sich sofort hungrig umsah, aber zu seiner Enttäuschung keinen Hasen entdecken konnte. Gegen einen gepfefferten Imbiß hätte er nichts einzuwenden gehabt.

„Ich erklär’s dir bei Gelegenheit, mein Großer“, schnurrte der Kater.

„Was hältst du davon, Bärbeiß“, wandte sich Hilly an unseren wortkargen Begleiter, der unablässig seine Axt schärfte, als erwarte er das Schlimmste.

„In dieser Richtung liegt der Drachenwald“, stellte Bärbeiß mit düsterer Stimme fest. „Das ist ein Ort, den man nur gut bewaffnet und gerüstet aufsuchen sollte.“ Das schleifende Geräusch des Wetzsteins unterstrich seine Worte. „Der Wald heißt schließlich nicht umsonst so.“

„Sag mir, daß das nicht wahr ist“, flehte der Kater. „Du willst uns wirklich weismachen, daß dort ein grün geschupptes Ungetüm haust?“

„Nein“, brummte der Zwerg, worauf der Kater erleichtert maunzte.

„Walddrachen sind braun.“

„Ich finde, wir sollten dem Troß nach Versmas folgen“, entschied Mikesch spontan. „Schließlich wollte Hobelbiene dorthin. Die andere Spur gehört vermutlich nur zu einem Drachenjäger, der scharf auf eine neue Trophäe ist.“ Um Zustimmung heischend sah der Kater uns an, erntete aber nur ein entschiedenes Kopfschütteln Hilly’s und skeptische Blicke von uns anderen.

„Sieh es dir selbst an, Fellknäuel“, riet Hilly dem Kater, wobei sie in die Knie ging und mit den Fingern über die Ränder einer bestimmten Spur fuhr. „Wer immer in diese Richtung geritten ist, war auf jeden Fall eine Frau. Die Fußabdrücke sind klein und drücken nicht so tief ein, wie die anderen.“

„Ein Zwerg?“, versuchte Mikesch einen letzten Vorstoß, der jedoch kläglich scheiterte, als sein Blick die Füße von Bärbeiß streifte. Der Zwerg verfügte über Füße der Größe Elbschute. „Na schön, gehen wir also in den Drachenwald“, gab Mikesch nach. „Es soll ja auch nette Drachen geben.“

Bärbeiß hob bei diesen Worten die buschigen Augenbrauen, so daß diese vollständig in den, ihm tief ins Gesicht hängenden Haaren verschwanden.

„Wo kommst du bloß her?“, brummte er.

 

Der Weg in den Drachenwald war alles andere als ein Vergnügen. Insbesondere wenn man einer Spur folgen mußte, die offenbar ohne jeden Plan, dafür aber mit bewundernswerter Kontinuität durch die schlimmsten Hindernisse hindurch führte.

„Eine Zumutung für meinen Pelz“, klagte Mikesch, als sie das sechste Dickicht des Tages hinter sich gelassen hatten. Allerdings sah das, was sie dafür vor sich hatten, keinen Deut besser aus.

Heimat von Vetter Grumbatz“, stellte Gorgus erfreut beim Anblick des stinkenden Morastes fest, der sich vor ihnen wie ein Teppich erstreckte. Und wie nicht anders zu erwarten, führte die Spur mitten hindurch.

„Die ist hart im Nehmen“, bemerkte Bärbeiß mit unverhohlener Bewunderung in der Stimme.

„Lebensmüde trifft es eher“, brummte Mikesch mißmutig. Der Gedanke, mit den Pfoten durch dieses Sumpfland zu tapsen, fand verständlicherweise nicht seine Begeisterung. Auf der anderen Seite war er schlicht zu groß, um auf einem der Pferde mit zu reiten, ganz abgesehen davon, daß diese alles andere als erfreut wären, eine Großkatze mit messerscharfen Krallen auf ihrem Rücken zu transportieren.

„Weiter“, befahl Hilly. Ihre Stimme klang ungewohnt dumpf hinter dem Tuch, das sie sich gegen den Gestank vor das Gesicht gebunden hatte. Die anderen taten es ihr gleich, abgesehen von Gorgus, der einen fröhlichen Eindruck machte und Mikesch, der aussah, als würde er gleich die Pfoten strecken. Als wir uns vorsichtig in das Sumpfland begaben, verfluchte ich zum wer weiß wievielten Mal den Tag, an dem ich den Meister ins Nirwana geschossen hatte.

„Warum tust du das eigentlich?“, fragte ich Hilly, die neben mir durch den Morast ritt und sich tief über den Pferdehals beugte, um die Spur nicht zu verlieren.

„Um der Spur zu folgen.“

Ich seufzte angesichts ihres Sarkasmus.

„Und um die Belohnung zu kassieren“, ergänzte sie, wobei sie mir einen kurzen Blick zuwarf, den ich nur schwer deuten konnte. Bildete ich es mir nur ein, oder hatte ich wirklich einen Hauch von Zuneigung in ihren Augen wahrgenommen. Ich ließ meinen Blick gedankenverloren über ihren Körper wandern und übersah so einen tief hängenden Ast, der mich auf den Boden der Tatsachen zurück beförderte.

„Hier ist sie auch vom Pferd gefallen“, verkündete Hilly trocken, nachdem ich mit einem dumpfen Platschen im Morast aufschlagen war.

„Mußt du dein Wellnessprogramm ausgerechnet im Wohnzimmer von Vetter Grumbatz durchziehen“, lästerte Mikesch. Sorgfältig schlug der Kater einen Bogen um mich, während ich mich fluchend auf die Füße und von dort auf mein Pferd kämpfte, das mein Bemühen mit einem entrüsteten Schnauben quittierte.

Ich ignorierte sein Widerwillen sowie die feixenden Gesichter um mich herum und fragte mich, welcher Dämon mich bloß geritten hatte, als ich mich auf dieses Abenteuer einließ?

„Geh bitte aus der Windrichtung“, klagte der Kater wie aufs Stichwort und erinnerte mich daran, wem ich all das zu verdanken hatte.

Wird fortgesetzt .......

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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