Patrick Gotthardt

Das Silberbesteck

Es ist Freitagabend und das wöchentliche Ritual von Joseph und mir startet von vorne. Ich decke den kleinen, hölzernen Tisch in unserer engen Küche, während Joseph den letzten Feinschliff an seinem Gemüseauflauf anlegt. Es ist das einzige Gericht, das er kochen kann und auch kochen will. Sonst bin ich fürs Essen zuständig. Pünktlich zum Glockenschlag der Dorfkirche ist das selbstgemachte Gericht serviert und wir sitzen uns am Tisch gegenüber. Joseph hat noch nie viele Wörter beim Essen verloren. In den letzten Jahren ist ein Tischgespräch meistens sogar komplett ausgeblieben. Ich will etwas sagen, aber ich weiß ja wie er wird, wenn ich ihn beim Essen störe. Ein paar lange Minuten vergehen in Stille.

„Heute schmeckt's anders", merk ich schließlich doch an. Er schenkt mir einen leicht genervten Blick durch seine müden Augen und schaut dann wieder hinab auf seinen Teller.

„Ich hab's etwas länger ziehen lassen, vielleicht deswegen", antwortet er mir, aber das habe ich nicht gemeint.

„Es schmeckt mehr nach dem Besteck als nach dem Auflauf. Ich glaube wir brauchen neues", fahre ich fort.

„Das war ein Hochzeitsgeschenk", stellt er fest. „Das haben wir schon sein mehr als 40 Jahren. Das können wir doch nicht einfach so wegschmeißen." Schon als wir geheiratet haben war Joseph ein großer Befürworter davon Traditionen zu bewahren und je älter er wurde desto allergischer reagierte er auf Veränderungen. Sehr zu seinem Leidwesen verhält es sich bei mir genau andersrum.

„Ich will nicht mehr damit essen. Die Löffel sind alle abgenutzt, das kann ja nicht gesund sein", rechtfertige ich mich.

„Wir sind eh schon längst überfällig", murrt er zu sich selbst und so endet die Konversation. Seit dem letzten Jahr versuche ich sein müdes, altes Gesicht so gut es geht zu meiden und blicke ihm nur noch in die Augen, wenn es sein muss. Frauen, die sich scheiden lassen, habe ich nie verstanden. Für seine Ehe muss man eben manchmal kämpfen, behauptete ich immer. Aber mittlerweile dringt sich der Gedanke daran, Joseph zu verlassen, immer mehr in den Vordergrund. Denn im Gegensatz zu ihm fühle ich mich noch gar nicht überfällig.

Den restlichen Tag wechseln wir kein Wort mehr miteinander und es fühlt sich so an, als ob wir uns im eigenen Heim aus dem Weg gehen. Ich wasche das Geschirr ab und er löst eines der 200 Kreuzworträtsel aus einem Rätselbuch, das er geschenkt bekommen hat. Seit einer Stunde schon verkneife ich mir eine Frage zu stellen. Joseph ist bald mit seinem Rätsel fertig und so wie ich ihn kenne legt er sich bald schlafen.

„Fahren wir dieses Jahr irgendwo hin?", frage ich ihn. Unser letzter Urlaub ist schon über zehn Jahre her. Schon da war er die ganze Zeit nur am Meckern.

„Der Tank reicht nur noch bis in die Stadt", weicht er scherzhaft aus. Er legt sein Rätselheft zur Seite, erhebt sich aus seinem Sessel und wandert ins Schlafzimmer. Ich muss mich echt zusammenreißen, damit ich nicht mit dem Heulen anfange. Soll ich jetzt mein restliches Leben hier mit der alten Schlaftablette versauern? Ich will meine letzten Jahre nicht damit verbringen meine Altersflecken auf meiner faltigen Haut zu zählen.

„Kommst du?", ruft er aus dem Zimmer, nachdem er merkt, dass ich in der Küche geblieben bin.

„Später, ich spiel jetzt noch ein bisschen Solitär auf dem PC", lüge ich ihn an. Er macht die Tür hinter sich zu. Die Gedanken an eine Scheidung habe ich wieder erfolgreich verdrängt, aber das Gefühl, dass ich von hier weg muss, bleibt. Normalerweise war Joseph immer für die Reisebuchung zuständig. Ich war bloß eine Beifahrerin, was solche Sachen betraf. Aber wie soll ich ihn dazu bringen eine Reise zu buchen, wenn ich nicht einmal neues Besteck aushandeln kann?

Zum Glück ist die Reise zu meinem Traumziel nur drei einfache Mausklicke entfernt. So heißt es zumindest in der Fernsehwerbung. Für mich fühlt es sich eher so an, als ob ich ein Minenfeld durchqueren würde. Ein falscher Klick und plötzlich bin ich ganz woanders. Nach drei Stunden sitze ich immer noch vor dem Bildschirm, ohne Fortschritt, und komme mir vor, wie ein hilfloses Häufchen Elend. Ich tippe die Nummer meines jüngsten Sohnes ein, der kann mir bestimmt weiterhelfen. Wie gedacht dauert es nicht lange bis er abhebt.

„Hallo, wie kann ich dir helfen zu dieser unchristlichen Stunde?", begrüßt er mich in seiner lockeren Art und Weise.

„Oh, störe ich dich?", obwohl ich weiß, dass er es nicht ernst meint, frage ich lieber trotzdem nach.

„Quatsch. Ich hab immer Zeit für dich." In diesem Moment wird mir bewusst, wie abhängig ich von anderen geworden bin. In den letzten 40 Jahren gab es keinen einzigen Tag, den ich alleine verbringen musste. Wenn ich es nicht einmal schaffe einen lausigen Urlaub zu buchen, wie soll ich dann zurechtkommen, wenn ich alleine auf mich gestellt bin? Ich kann jetzt nicht nach Hilfe fragen. Stattdessen frage ich nach wie es ihm so geht. Etwas besser fällt mir auf die Schnelle nicht ein. Nach einem kurzen, verlegenen Gespräch verabschiede ich mich und lege auf.

Ich werfe noch einmal einen Blick auf den Bildschirm, aber mir fehlt die Kraft jetzt noch einmal von vorne anzufangen. Vielleicht war das Ganze eine blöde Idee. Vielleicht soll ich einfach schlafen gehen. Geschlagen und ohne Aussicht auf Hoffnung schleppe ich mich ins Schlafzimmer und leg mich zu Joseph ins Bett.

Am nächsten Morgen sitzen wir gemeinsam beim Kaffee in der Stadt. Mein Highlight des Tages. Einfach traurig. Joseph hat sich einen Cappuccino bestellt und ich einen indischen Kaffee, der neu im Sortiment ist. Wenigstens da kann ich noch abenteuerlustig sein. Joseph liest die Zeitung, während ich draußen die vorbeifahrenden Autos beobachte. Er reicht mir einen Teil rüber und zeigt auf eine Todesanzeige. Ein alter Schulfreund von ihm ist gestorben. Es könnte mich nicht weniger interessieren. Joseph entschuldigt sich kurz und macht sich auf den Weg zur Toilette. Mein Blick wandert von der Anzeige auf ein Inserat eines Reisebüros auf der nächsten Seite. Ich lege die Zeitung beiseite bevor noch wilde Gefühle hochkommen und sehe wie Josephs Autoschlüssel verführerisch neben seinem Cappuccino ruhen. Ich schaue auf die Uhr. Es ist viertel nach zwölf. Das Reisebüro macht in eineinhalb Stunden zu. Ich folge meinem ersten Impuls und schnapp mir die Schlüssel. Ich laufe aus dem Kaffeehaus, steige ins Auto und gebe Gas. Im Rückspiegel sehe ich Josephs entgeisterten Blick als er vom stillen Örtchen zurückkommt. Es tut gut endlich hinterm Steuer zu sitzen. 

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