Andrea Kuhn

Der fremde Junge

Er war groß. Größer als sie. Einen ganzen Kopf größer. Das hatte sie sofort gesehen. Schon als er noch an der anderen Straßenecke war. Jetzt stand er direkt neben ihr und sie spürte seine Nähe so deutlich, dass ihr Herz sich verkrampfte. Ihr Blick war auf den Boden gerichtet. Doch aus dem Augenwinkel konnte sie seine Füße und Beine und den linken Arm sehen. Er trug Turnschuhe. Rote Turnschuhe mit einer weißen Sohle. Sie hatte die gleichen zuhause in ihrem Schuhschrank stehen. Seine waren sauberer. Vielleicht waren sie neu. Aber der Schnürsenkel des linken Schuhs wirkte abgenutzt. Wer steckte sie für ihn in die Waschmaschine? Tat er es selbst?
Seine Jeans war eng. Und dunkel. Dunkler als ihre. Und er trug einen schwarzen Pullover, die Ärmel bis knapp über den Ellenbogen geschoben. Um sein Handgelenk hatte er ein dünnes Lederband gebunden. Nein, es waren zwei. Ein braunes und ein schwarzes. Und eine silberne Uhr, die zu groß und zu mächtig für seinen schmalen Arm wirkte. Helle Haare standen unter dem Metallarmband hervor und bedeckten die Haut seines Unterarms.
Sie blickte zu ihm auf, unauffällig. Zumindest hoffte sie, dass es ihm nicht auffallen würde. Seine Haare waren so blond wie der Flaum auf seinem Arm. Sie hingen ihm in die Stirn und reichten ihm bis an die Ohren. Der Nacken war ausrasiert. Er trug große, weiße Kopfhörer und nickte leicht mit dem Kopf. Sie fragte sich, welche Musik er hörte. Seine Lippen waren groß und rauh. Die Haut um sie herum glatt. So, als müsste er sich noch nicht rasieren. Aber eine kleine Schramme am Kinn erzählte eine andere Geschichte. Seine Nase war unauffällig. Sie passte zu seinem Gesicht. Schmal und noch die eines Jungen.
Seine Augen, die sie nur von der Seite sehen konnte, waren blau und groß. Er hatte lange Wimpern. Sie waren dunkler als die Haare auf seinem Kopf und dem Arm. Fast schwarz. Sie kannte diese Augen.
Die Ampel schaltete auf Grün und er lief los. Sie merkte es kaum und ein älterer Mann hinter ihr gab ihr einen unfreundlichen Schubs in Richtung Straße. Sie hatte keine Zeit, sich darüber zu empören, denn sie wollte ihn nicht aus den Augen verlieren. Er ging schnell. Er hatte ein Ziel, das wusste sie. Er war auf dem Weg zur Schule und wenn sie sich nicht beeilte, würde er ein weiteres Mal hinter den großen schwarzbraunen Türen verschwinden, bevor sie ihn ansprechen konnte. Würde sie heute den Mut dazu aufbringen? Bisher war sie ihm nicht so nahe gekommen wie heute.
Sie hatte an drei Nachmittagen in einem Café gegenüber des weißen Schulgebäudes gesessen und darauf gewartet, dass die Schulglocke ein letztes Mal klingelte und er auf die Straße trat. Sie hatte jedes Mal gehofft, er würde allein kommen. Aber er war umgeben von mehreren Jungs und einem Mädchen. Es war immer das gleiche Mädchen.
Sie hätte hingehen können. Sie hätte zu ihm gehen und ihm sagen können, dass sie mit ihm sprechen wollte. Aber sie hatte Angst davor. Was, wenn er sie abwimmelte? Er wusste nichts über sie. Zumindest vermutete sie das. Sie hatte Angst, dass er so sein würde wie sie. Dass er sie auch nicht wollte. Also hatte sie auf ihn gewartet. Sie hatte über eine Stunde an der Haltestelle gestanden, an der er aussteigen musste. Sie wusste nicht, wann er heute dort sein würde. Und gerade, als sie zu der Überzeugung gekommen war, dass sie ihn verpasst hatte und aufgeben wollte, hielt seine Linie und er stieg aus dem Bus.
Sie hatte ihn sofort gesehen. Und nun lief er dreißig Meter vor ihr. Sein Schritt war schnell. Und sie hatte Mühe, mitzuhalten. Es waren nur noch zwei Querstraßen. An der ersten hielt er plötzlich an. Er blieb stehen und ging nicht weiter. Er sah nicht nach links und nicht nach rechts. Er stand nur da und wartete. Worauf? War er mit jemandem verabredet? Vielleicht mit dem Mädchen? Was sollte sie tun? Sie konnte nicht neben ihm stehen bleiben. Aber weitergehen? Oder war das die Gelegenheit, ihn endlich anzusprechen?
Es waren nur noch zehn Schritte und sie würde neben ihm stehen. Sie entschied sich, weiterzugehen. Bis zur nächsten Straße. Sie wusste, wo er hin wollte. Sie konnte ihn später abpassen. Vielleicht würde sie wieder in dem Café warten. Es war ohnehin keine gute Idee gewesen, ihn vor der Schule treffen zu wollen. Was hatte sie sich dabei gedacht? Noch ein Schritt bis zur Straße. Da drehte er sich plötzlich um, nahm die Kopfhörer ab und versperrte ihr den Weg. Er sah ihr in die Augen und stutzte.

„Warum sind deine Schuhe so sauber?“
„Der Typ im Laden hat mir ein paar Tipps gegeben.“
„Du brauchst neue Schnürsenkel.“
„Findest du, ja?“
„Ja.“
Er lächelte. Sie saßen in einem Café. Nicht dem vor seiner Schule.
„Ich dachte, du bist ein Stalker.“
„So hab‘ ich mich auch gefühlt.“
„Wie hast du mich gefunden?“
„Ich hab‘ nach ihr gesucht und hab unseren Onkel gefunden. Es hat eine Weile gedauert, aber irgendwann wollte er sich mit mir treffen.“
Er hob die Kaffeetasse an die Lippen, trank aber nicht. Er sah ihr direkt in die Augen.
„Du warst erst fünf.“
Sie schluckte. „Ja.“
„Warum ist sie gegangen?“
„Das wusste er nicht.“
„Du hast nicht viel verpasst.“ Es klang bitter.
„Doch das habe ich.“ Sie griff nach seiner Hand. Sie war warm, die Haut zart. Tränen traten ihr in die Augen. Er senkte den Blick.
„Das ist so… es ist so unwirklich.“
„Ja, das ist es.“
„Kommst du klar? Wie ist es ohne sie?“ Sie wollte fragen, wie war es mit ihr?
„Ich lebe in einer WG. Das Jugendamt hat mich dort untergebracht. Bis ich 18 bin. Es ist okay.“
„Vermisst du sie?“
„Nein.“ Die Antwort kam schnell. Zu schnell. „Hat er dir erzählt, wie sie gestorben ist?“
„Ja…“ Sie war betrunken mit dem Auto gegen einen Baum gefahren. Er hatte nur deshalb nicht neben ihr gesessen, weil er sich geweigert hatte in das Auto zu steigen. Oder vielmehr hatte sich der Vater seines Freundes geweigert, ihn zu ihr ins Auto steigen zu lassen. Beide hatten versucht, ihr den Schlüssel wegzunehmen, doch sie war weggerannt.
„Hast du früher schon mal nach ihr gesucht?“
„Es war immer ein schwieriges Thema bei uns. Mein … unser Vater, er spricht nicht viel über sie. Auch damals schon nicht. Aber er hat mir nie Steine in den Weg gelegt und mich dabei unterstützt, als ich angefangen habe, sie zu suchen. Ich war lange nicht bereit dafür. Ich wusste nicht, was ich finden würde.“
„Weiß er von mir?“
„Nein, noch nicht.“
Er lachte kurz auf. Es war ein bitteres Lachen. „Sie hat mir immer erzählt, er sei ein Säufer. Dass er sie verlassen hätte, als sie mit mir schwanger war.“
„Ich glaube nicht, dass er das wusste.“
„Wie ist er?“
Sie zögerte. Es fühlte sich falsch an, ihm von ihrer wunderbaren Beziehung zu ihrem Vater zu erzählen.
„Du siehst ihm sehr ähnlich. Deine Augen. Die hast du von ihm.“
„Du dann wohl auch, schätze ich.“
„Ja.“
„Hast du ein Foto?“
„Na klar, warte.“ Sie ließ seine Hand los, kramte nach ihrem Telefon und suchte das letzte Bild heraus, das sie von ihm gemacht hatte. Ein gemeinsames Selfie. Es war vor zwei Wochen während eines Städtetrips nach Madrid entstanden. Ihr Vater lachte in die Kamera, gebräunt von den wenigen Sonnentagen. Er hatte viele Lachfältchen um die Augen.
Er betrachtete das Bild lange.
„Meinst du, er will mich kennenlernen?“
„Ja, da bin ich mir sicher.“
„Und du weißt nicht, warum sie gegangen ist?“
„Nein. Sie war eines Tages weg. Sie hat mich nicht vom Kindergarten abgeholt. Ich habe gewartet. Irgendwann waren alle Kinder weg. Die Erzieherin saß geduldig mit mir in einem der Gruppenräume. Es war nicht meiner. Ich weiß noch genau, dass wir dieses riesige Puzzle zu Ende gemacht haben, für das ich eigentlich noch zu klein war. Es war eine Szene aus dem Dschungelbuch. Mogli lag auf Balu’s Bauch und schlief. Die Affen hingen in den Bäumen und griffen nach ihm. Sie hatte mehrfach versucht, sie anzurufen. Bei unserem Vater konnte sie nur den Anrufbeantworter erreichen. Eine andere Nummer hatte sie nicht. Sie war kurz davor, das Jugendamt oder die Polizei zu informieren, da bin ich mir sicher. Irgendwann stand er vor mir, nahm mich auf den Arm und trug mich den ganzen Weg nach Hause.“
Wieder lachte er. Wieder war es bitter. „Ich habe auch oft gewartet.“
„Wir haben wochenlang nichts von ihr gehört. Die Polizei war informiert und suchte bereits die Wälder mit Spürhunden nach ihr ab. Irgendwann hat er zwischen ihren schmutzigen Sachen einen Abschiedsbrief gefunden. Erklärt hat sie darin nichts. Sie wolle nicht mehr. Alles zu viel. Wir wären besser ohne sie dran. Ich denke nicht, dass sie wusste, dass sie schwanger war.“
Sein Telefon klingelte. Er drückte den Anrufer weg.
„Wohnst du weit weg?“
„Ziemlich, ja.“
„Ich hab‘ mir immer Geschwister gewünscht.“
„Ich auch.“
„Hat er denn nicht nochmal geheiratet?“
„Doch das hat er. Nach ein paar Jahren. Sie sind noch immer zusammen und wirklich glücklich. Aber sie konnte keine Kinder bekommen.“
Er schwieg. Lange. Sie griff wieder nach seiner Hand.
„Kannst du ein paar Tage weg hier?“
„Das müssten wir mit der WG-Leitung besprechen.“
„Willst du ein paar Tage weg hier?“
Er lachte wieder. „Es gibt nicht viel, das mich hier hält.“
„Was ist mit deinen Freunden?“
„Ich bin erst seit ein paar Wochen auf dieser Schule. Die erste Zeit habe ich bei meinem Freund gewohnt. Dem, dessen Vater mich nicht ins Auto steigen lassen hat. Aber seine Eltern haben sich getrennt und er ist weit weg gezogen. Ich konnte nicht mit. Also haben sie eine WG für mich gesucht. Dafür musste ich die Schule wechseln. Das war letzten Monat.“
Sie dachte: ‚Verrücktes Timing‘, sagte es aber nicht. Stattdessen lächelte sie. Er lächelte zurück. Diesmal war es ein weiches, offenes und liebevolles Lächeln. Das Lächeln ihres Vaters auf dem Foto. Ohne darüber nachzudenken, wuschelte sie ihm durch die Haare. Erschrocken zog sie die Hand zurück. Aber er lachte. Nicht mehr bitter. Sie rückte zu ihm auf die Bank und schloss ihn das erste Mal in die Arme. Er erwiderte die Umarmung, hielt sie so fest, als wolle er sie nicht mehr gehen lassen.
„Meinst du, ich könnte bei euch bleiben?“ Seine Stimme klang zerbrechlich.
Sie musste tief durchatmen, um den Stein in ihrem Hals zu lösen. „Das hatte ich gehofft.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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