Wolfgang Küssner

Ein Chrysanthementee-Dimenti

Wer verkündet, sich dorthin begeben zu wollen, wo auch der Kaiser zu Fuß hingehen würde, wird kurze Zeit später auf der Keramik thronen. Unter Thronbesteigung wird meistens jedoch etwas anderes verstanden. Eine Warteschlange vor dem Abort, die Aneinanderreihung weiterer Besucher des stillen Örtchens wird außerdem nicht immer als Thronfolge bezeichnet. Thronen meint ja auch eher etwas Herausgehobenes, Exponiertes. Und das ist eine Sache mit viel Geschichte.

Da gab es zum Beispiel den Pfauenthron. Ein Großmogul aus Indien soll dieses Sitzmöbel einst mit Blattgold und 26.733 Edelsteinen verziert haben. Vermutlich hat er sich dabei nicht persönlich die Finger schmutzig gemacht. Doch was nutzte es ihm. Da kamen eines Tages die Perser daher und klauten den teuren Stuhl im Jahr 1739. Fortan durfte der Schah von Persien darauf Platz nehmen. Der Schah sitzt bekanntlich seit einigen Jahren nicht mehr auf diesem Pfauenthron. Seit der Revolution und dem damit verbundenen Verschwinden der Herrschers gilt auch der kostbare Thron als verschollen.

Dem japanischen Kaiser – Tenno genannt - ist es da deutlich besser ergangen. Bis auf den heutigen Tag kann er seinen Allerwertesten bei speziellen Anlässen auf dem Chrysanthemen-Thron platzieren. 16 stilisierte Blumenblätter der Chrysantheme bilden sein Siegel und das angeblich schon seit ca. 1.200 Jahren. Die Sonnengottheit Amaterasu wird als Ahnherrin des Tenno geführt. Die Chrysantheme heißt in Japan Kiku und bedeutet so viel wie Abendsonne; sie ist auch die japanische Nationalblume. Die Chrysantheme ist Symbol für Unsterblichkeit, Vollkommenheit. Sie blüht, wenn andere Blumen welken. Und so hat der Kaiser, also der Tenno, nicht nur einen Chrysanthemen-Thron, sondern er wohnt auch in einem Chrysanthemen-Palast. Auf den Tischen befinden sich vermutlich Chrysanthemen-Gestecke. Und besonders verdienten Landsleuten heftet er den Chrysanthemen-Orden als Anerkennung ihrer Leistungen an die Brust. Denn das ist der höchste japanische Staatsorden.

Bei Wikipedia lesen wir: „Chrysanthemen stammen ursprünglich aus Asien und sind wahrscheinlich seit 2000 Jahren bekannt. Als sicher gilt, dass Chrysanthemen spätestens seit dem 15. Jahrh. in China kultiviert werden. Heute kennt man mehr als 3000 Sorten.“ Die Blume war allerdings auch schon im antiken Griechenland bekannt, denn der Name der Blume heißt aus dem Griechischen übersetzt Goldblume. Seit dem 19. Jahrh. kennen wir die Blume in Frankreich und Deutschland als Totenblume zu Allerheiligen.

Chrysanthementee wurde erstmals - urkundlich erwähnt – in der chinesischen Song-Dynastie (960-1279) getrunken. Die Blätter der Herbst-Chrysantheme wurden zu diesem Zweck aufgebrüht. Der Tee soll bei „Grippe, Akne und als kühlendes Kraut“ (Wikipedia) helfen; Halschmerzen vorbeugen und Fieber senken. Der Trinker soll angeblich länger wach und aufmerksam bleiben. Außerdem glauben die Chinesen daran, mit Chrysanthemen-Tee die Leber reinigen und die Augen klarer werden zu lassen. In der Medizin wird der Tee gegen Erkältung, virale Infektionen und als Mittel zur Entspannung eingesetzt. Irgendetwas muss dran sein, denn auch in der westlichen Medizin wird Chrysanthemen-Tee getrunken, als Kompressen gegen Durchblutungsstörungen, Krampfadern und Arteriosklerose eingesetzt.

Wer allerdings zuviel Chrysanthementee trinkt, wird in Kürze wieder dort thronen, wo diese Geschichte ihren Ausgang nahm.

Der Leser hat es natürlich längst gemerkt, in dem vorstehenden Text gab es weder Fragen noch Widerrufe, weder Klarstellungen noch Korrekturen, weder Berichtigungen noch Zurücknahmen; es gab nicht einmal ein Chrysanthementee-Dimenti.

 

PS: Die kleine Geschichte ist nur entstanden, weil der Schreiber das Wort Chrysanthementee-Dimenti so schön fand. Sprechen Sie es doch einfach mal langsam und laut nach, vielleicht ergeht es Ihnen ähnlich.

Februar 2018

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