Heinz-Walter Hoetter

Nachruf eines Delinquenten

Das grauweiße Stück Papier steckte zusammen gefaltet in der rechten Hosentasche des Toten. Außerdem war es zerknittert, die Buchstaben darauf verwischt und an den Ecken ausgefranst, als hätte jemand daran herum gezupft. Dem Leichenbestatter fiel der Zettel entgegen, als er den Toten gerade umdrehen wollte. Er nahm ihn an sich, faltete ihn vorsichtig auseinander und las was drauf stand.

 

Ihr Menschen, ihr ach so satten Bürger und Bürgerinnen, ja, ihr alle, die sich für überragend, weise und wissend haltet und nicht selten wie die Richter daher redet, ja euch meine ich, weil ihr mich verurteilt habt. Manche sagen, es sei mir Recht geschehen. Aufbegehren kann ich nicht mehr, denn hinter dicken Mauern habt ihr mich gesteckt und vergittert meine steinige Zelle, bis ihr mich schließlich getötet habt. Ihr fühltet euch dabei im Recht. Ihr spracht Recht in eurem Sinne.

Das Gesetz, es gab euch Sicherheit für euer Tun. Nun müsst ihr keine Angst mehr vor mir haben und nicht mehr zittern vor meiner Rache. Ach seid ihr gut, ihr Menschen, ihr satten Bürger und Bürgerinnen, ihr alle, die ihr glaubt, ihr könntet sicher leben.

Ich dagegen finde mich schlecht.

Das wolltet ihr doch so?

Ich gehe nun auf eine lange Reise. Wohin mich der Weg ins Nichts führen wird, das weiß ich nicht. Die irdischen Türen sind hinter mir zugefallen. Es gibt kein zurück. Schweigen wird mich wohl erwarten.

 

Aber…, mein Glück ist’s doch, so denke ich, bin ich vor euch und eurer faulen Wahrheit nun entflohen. Wo ich jetzt bin, dorthin gelangen eure Urteile nicht und die Gerechtigkeit, wenn es sie geben sollte, hat nur in eurer Welt bestand.

 

Wie gut das tut!

 

Was wusstet ihr schon von meinen Sehnsüchten, meinen Träumen und innigsten Wünschen? Ich habe stets das Leben gesucht, ich wollte nichts versäumen. Nach Zärtlichkeit suchte ich allzeit, nach Liebe und Geborgenheit in gleichem Maße auch. Enttäuschend für mich war, was ich an Liebe fand. Zuwenig für ein gutes Leben, zu wenig für eine Menschenseele in der kalten Welt des realen Seins.

Es gab welche, die sagten, sie hätten mich verstanden, sie würden mich sogar lieben. Ich dagegen sage nur, dass ihr mich nie verstanden habt und nicht begreifen konntet, wer ich bin. Ihr habt mich beurteilt, verurteilt, schließlich abgeurteilt und aus dieser Welt vertrieben.

Ja, ich hatte Todesangst in meiner letzten Stunde. Eure Sinne hat das nicht verwirrt, eure Moral nicht erschüttert. Ich habe vor Pein geschrien in meiner kalten Zelle, doch niemand hat mich gehört. Nicht einmal Gott. Auch er ließ mich allein.

Mein Sein hat sich geändert. Ich bin nicht mehr gefangen in Raum und Zeit.

Diese Worte schrieb ich auf in langen Nächten ohne Schlaf. Es waren meine Gedanken, als ich noch lebte. Gewiss, sie passen im wahren Leben nicht. Das stimmt sogar. Sie waren auch mir fremd.

Doch jetzt, wo ich keine Verzweiflung mehr spüre, keine Angst mehr habe, keinen Hass empfinde und noch nicht einmal mehr Verachtung gegen meine Richter und Henker aufbringen kann, weiß ich, dass an dem Ort, wo ihr noch seid, die Hölle ist.“

***

Der hagere Leichenbestatter steckte mit nachdenklicher Miene stumm das Papier zurück in die Hosentasche und kleidete den Toten sorgfältig an, bevor er ihn zum Schluss in den einfachen Sarg legte und den Deckel schloss.

Manchmal hasste er sein Geschäft.

 

Dann kamen zwei gemütlich aussehende Wachmänner, schleppten den kargen Holzsarg nach draußen und brachten ihn auf einen kleinen, einsamen Friedhof weit draußen vor den hohen Gefängnismauern, wo sie den Toten in ein bereits ausgehobenes Grab bestatteten.

 

***

Ich war so ruhig und sah meinen eigenen Körper tot im Sarg liegen. Bald würde er verwesen, nicht mehr sein als ein stinkender Kadaver, der fürchterlich üble Gerüche von sich gibt. Die Gedärme werden vermodern und am Ende werden nur noch die nackten Knochen in der kalten, feuchten Erde liegen. Ein Haufen NICHTS, nur Staub, bis auch sie irgendwann verschwinden.

Das also bedeutet "sterben". Man tritt aus seinem Körper heraus, ist allein mit sich selbst, was man Seele nennt und kann miterleben, wie der Tod Eingang findet. Das Leben wird radikal verdrängt, dass ICH vollständig aufgelöst.

STERBEN und TOD haben ihre Bedeutung für mich verloren. Alles aufgeben zu müssen, was einmal irdisch und körperlich war, liegt für immer unumkehrbar hinter mir.

Wo bin ich jetzt? Ich weiß es nicht. Was ist aus meinem Ich geworden? Ein letzter Rest nur noch von dem, was einmal Körper, Geist und Seele, also Einheit von mir war? Oder bin ich jetzt wieder Teil des Ganzen und nicht mehr abgetrennt davon, wie auf der Erde, als ich einsam lebte unter diesen Kreaturen, die sich Menschen nannten, aber Bestien waren?

 

 

ENDE

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Gedankenwelt - zwischen Himmel und Erde von Michaela Trieb



Mit diesem Buch schuf die Autorin einen Quell der Besinnung, keinen Gedichtband im herkömmlichen Sinne. Einzigartig ist die Kombination aus Gedichten und passend dazu ausgewählten Affirmationen (kurze lebensbejahende Energiesätze). So kann schon während des Lesens Kraft und Energie geschöpft werden. Querbeet wechselt es von Meditativem, Sinnfragen, Philosophie über Lebenskunst bis Natur. Die Illustrationen schuf die Autorin selbst.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Drama" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Heinz-Walter Hoetter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Das Wasser der Erde von Heinz-Walter Hoetter (Science-Fiction)
Abschiedsbrief einer fünfzehnjährigen von Rüdiger Nazar (Drama)
Odyssee am Quartalsanfang von Karin Ernst (Alltag)