Matthias Neumann

Brückentag

Alles lief genauso ab wie jeden Morgen. Benjamin stand auf, ging ins Bad, zog sich an, frühstückte und machte sich fertig, das Haus zu verlassen. Seine Mutter hingegen wirbelte durch die Wohnung, versuchte mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen und schaffte gerade dadurch weniger, als wenn sie es nacheinander angehen würde. Sie war sichtbar gestresst, doch Benjamin brachte kein Bedauern auf. Es war jeden Morgen das Gleiche, sie musste doch inzwischen wissen, was es zu tun galt und wie lange es dauern würde. Schließlich schaffte er es auch, und er war erst zehn Jahre alt. Vielleicht ginge es besser, wenn sie einmal das Telefon aus der Hand legen würde. Doch Benjamin sagte nichts, sie würde sowieso nicht zuhören. Gerade beendete sie ein Gespräch. „Trödel nicht herum, wir müssen los“, rief sie durch die Wohnung. Er stand bereits an der Tür und wartete.

Sie schafften es zum Auto mit nur einem Mal umkehren, weil seine Mutter noch etwas vergessen hatte. Vier Minuten hinter der geplanten Zeit, wie Benjamin feststellte, also noch relativ zeitig. Doch die Verspätung war kein Problem. So unzuverlässig seine Mutter auch war, sie holte selbst den größten Rückstand beim Autofahren wieder auf. Sie war die wohl effizienteste Fahrerin aller Zeiten. Die wenigen Male, die Benjamin bei einer Fahrt an einer roten Ampel warten musste, konnte er an den Fingern abzählen. Staus kannte er nur durch Hörensagen.

Alles lief genauso ab wie jeden Morgen. Das Auto hielt pünktlich auf die gewohnte Minute vor der Schule. Nach einer flüchtigen Verabschiedung stieg Benjamin aus. Kaum hatte er die Tür geschlossen, setzte sich der Wagen wieder in Bewegung. Er hatte ernsthaft den Wunsch, irgendwann einmal das Abrollen während der Fahrt zu lernen, um es ihr leichter zu machen.

Am Schultor blieb er stehen und wartete. Wartete einen Augenblick. Wartete einen Moment. Wartete noch ein wenig länger...

Es war ihm schon vorher aufgefallen, er wollte es bloß nicht wahrhaben: es lief überhaupt nicht wie jeden Morgen. Die Schulklingel hätte inzwischen läuten müssen, um das Signal zum Hereingehen zu geben. Das tat sie jeden Morgen, wenn er in die Nähe des Tores kam. War sie etwa kaputt? War der Funk für die Funkuhren ausgefallen? Hatte die Welt aufgehört sich zu drehen und war darum die Zeit stehen geblieben? Das war jedenfalls wahrscheinlicher, als dass Benjamins Mutter unpünktlich war.

Er sah sich um. Es waren keine anderen Schüler zu entdecken. Dann waren sie wohl alle schon im Gebäude. Hatte es so etwas wie eine Feueralarmübung gegeben, nur dass alle nach drinnen fliehen sollten? Vielleicht eine Überflutungsübung? Oder gab es einen besonderen Anlass, eine Art Feier, von der er nichts wusste? Aß ihm etwa gerade jemand sein Gratisstück Kuchen weg?

Benjamin betrachtete das Schulgebäude. Ihm fiel auf, dass kein Licht brannte. Es war zwar schon hell genug, um darauf zu verzichten, aber als die Räume aufgeschlossen wurden, war es noch dunkler. Verunsichert versuchte er sich zu erinnern, wie es am Vortag gewesen war, als er in die Klasse kam. Es gelang ihm nicht, er hatte nicht darauf geachtet. Doch zumindest die Aufgänge sollten um diese Zeit noch beleuchtet sein, dessen war er sich gewiss. Plötzlich kam ihm der Begriff Zeitumstellung in den Kopf und rollte darin herum. Wann war das nochmal? Er hatte nicht die geringste Ahnung. Wie er so darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass das nie im Unterricht behandelt wurde.

Er könnte noch ewig herumstehen und Rätselraten, letztendlich gab es nur eine Handlungsmöglichkeit. Benjamin hob die Hand, um das Tor zu öffnen. Er drückte dagegen...

Es war verschlossen.

Irgendetwas wichtiges war ihm wirklich entgangen, und er wollte herausfinden was. Er ging den Grundstückszaun entlang, um nach einem anderen Eingang zu suchen. Weit kam er nicht.

Hab ich dich erwischt, du Vandale“, rief jemand hinter ihm.

Benjamin erschrak nicht. Er erkannte sofort, dass die Stimme einem Kind gehörte. Drei Jungen kamen ihm auf ihren Fahrrädern entgegen. Er hoffte, endlich mehr zu erfahren. Sie hielten vor ihm an.

Was hast du denn in dem Rucksack? Du willst doch wohl nicht wirklich den Schulhof verschandeln?“

Den Jungen kannte Benjamin beim Namen, er war in der ganzen Schule bekannt. Er hieß Niklas. Er war in der Fußballmannschaft der Schule, die erst vor kurzem ein großes Turnier gewonnen hatte.

Nein“, antwortete er lehrerhaft. „Ich wollte eigentlich zum Unterricht.“ In selben Moment klatschte in Gedanken seine flache Hand gegen die Stirn. Was bin ich bloß für ein Idiot. Offensichtlich findet kein Unterricht statt, wie viel Hinweise sind denn noch nötig?

Niklas grinste. „Guter Versuch, aber fürs Verarschen bin ich hier zuständig.“

Erleichtert wischte sich Benjamin in Gedanken den Schweiß von der noch geröteten Stirn. Glück gehabt, da bin ich ja noch einmal davon gekommen, ohne mich lächerlich zu machen.

Du kommst zu spät, es sind alle nach Hause gegangen.“

Okay...“ Benjamin war verunsichert. Verarscht der mich jetzt nun, oder nicht? „Warum?“

Einer der anderen Jungen mischte sich ein. Er hatte das lässigste Damenrad, dass Benjamin jemals gesehen hatte. „Heute ist doch Brückentag.“

Niklas bestätigte. „Genau, heute ist Brückentag.“

Benjamin schaute unwissend zwischen den beiden hin und her, auf eine Erklärung wartend.

Hast du noch nie etwas gemacht, nur weil andere es vorgemacht haben, und deine Eltern haben dich dann gefragt: und wenn alle von einer Brücke springen, springst du dann hinterher?“

Benjamin nickte. Er war schon oft auf dieser Brücke gewesen.

Heute ist das erlaubt. Heute macht jeder, was andere ihm vormachen. Irgendjemand ist vorhin wieder nach hause gegangen und alle anderen haben es ihm nachgemacht.“

Das war ein schöner Gedanke, aber nicht sehr glaubhaft. „Und die Lehrer haben das einfach durchgehen lassen?“

Sie konnten doch nichts unternehmen. Sollten sie sich lächerlich machen? Sie sind natürlich auch gegangen. Vielleicht war es sogar einer von ihnen, der als erster gegangen ist.“

Benjamin überlegte. Das war zwar eine willkommene Vorstellung, klang jedoch wie eine Meisterverarschung aus dem Lehrbuch. Das ließ sich jedoch leicht überprüfen. Er ging auf Niklas zu. Dieser stand über seinem Fahrrad, die Hände immer noch am Lenker. Er würde nicht so schnell weglaufen können. Benjamin kam ihm ganz nah. Er wollte sicher gehen, nicht für dumm verkauft zu werden, vor allem aber klarstellen, dass man sich mit ihm besser nicht anlegte. Wenn heute also dieser sogenannte Brückentag sein sollte, dann...

Er brachte sein Gesicht ganz nah an das von Niklas. Plötzlich hob er beide Hände, hielt seinen Kopf fest und gab ihm einen schmatzenden Kuss.

Schnell trat er einen Schritt zurück, aber Niklas hatte gar nicht versucht, ihn abzuwehren. Er blieb völlig perplex stehen. Sein Mund bewegte sich, als würde er etwas Zusammenhangloses stammeln, doch es kam kein Laut heraus. Benjamin betrachtete seine beiden Begleiter, ob sie nicht stattdessen einschreiten wollten. „Brückentag!“, sagte er nur.

Die beiden sahen sich an, grinsten und kamen zu einer stummen Übereinkunft. Sie legten ihre Fahrräder auf den Boden und gingen ein paar Schritte nach vorn. Dann wendeten sie sich Niklas zu und bewiesen, dass er nicht gelogen hatte.

Das war ihm dann zu viel, er erwachte aus seiner Starre. Wild fuchtelte er mit den Armen um seinen Kopf, als wollte er einen Insektenschwarm vertreiben. Dabei stieß er Laute aus, die sich nicht mit Buchstaben wiedergeben lassen. Seine beiden Freunde bekamen sich nicht mehr ein vor Lachen.

Großartige Nummer“, sagte der Junge mit dem Damenrad. Ich bin Andreas.“ Er deutete zur Seite. „Das ist Noah.“

Noah lächelte ihm zu und präsentierte perfekt sitzende Zähne, die von einer Zahnspange gehalten wurden. „Und du bist?“

Benjamin.“ Er gab beiden die Hand. Die Hände von Niklas schwirrten noch immer umher. „Warum seid ihr eigentlich noch hier?“

Anstatt zu antworten, sah Andreas zu Niklas. Nach kurzem Zögern gab Noah die Antwort. „Wir wollten sehen, ob jemand so -“

Jetzt reicht es aber!“, fuhr Niklas dazwischen. „Habt ihr sie noch alle? Was war denn das für eine Aktion?“

Seine beiden Begleiter verkniffen sich mühevoll einen weiteren Lachanfall. „Tut mir leid“, sagte Andreas. „Aber heute ist nun mal Brückentag.“

Ist das so?“, polterte Niklas. „Dann werde ich euch mal einen ordentlichen Brückentag bescheren. Mitkommen!“

Noah war eingeschüchtert von der üblen Laune seines Freundes. „Nimm es ihm doch nicht übel. Du hast schließlich angefangen.“

Mitkommen!“ Niklas drehte sich um und ging davon, ohne sich zu überzeugen, ob die anderen ihm folgten. Aber sein Ton ließ keinen Widerstand zu. Also nahmen Noah und Andreas ihre Fahrräder und trotteten hinterher.

Benjamin blieb allein zurück. „War nett, euch kennen zu lernen“, rief er ihnen nach.

MITKOMMEN!“

Augenblicklich setzte er sich in Bewegung. So einen Befehlston hatte noch nicht einmal seine Mutter drauf.

Nach etwa hundert Metern kamen sie auf die Erhardt-Straße. Hier befanden sich die meisten Geschäfte, Cafés und Restaurants in der Stadt. Nirgendwo sonst waren so viele Menschen zu Fuß unterwegs.

Niklas drehte sich um. „Also. Es ist Brückentag. Ich werde mitten auf der Straße um Geld betteln und ihr werdet es nachmachen.“

Die drei angesprochenen Jungen sahen sich verdutzt an. Sie hatten keine Lust, sich derart lächerlich zu machen. Aber Niklas würde anfangen müssen.

Nur zu“, forderte ihn Noah heraus.

Niklas ging zu einem Mülleimer und nahm sich einen leeren Kaffeebecher heraus. „Kennt ihr Das Leben stinkt? Er stellte den Becher vor sich auf den Boden und fing an zu tanzen. Nein, er fing an zu steppen. Dazu begann er auch noch zu singen. „Ha Tu! Ha Tu! Ziggity Bing Bam Boom! Ha Tu!“ Seine Schritte waren professionell, er hatte offensichtlich Übung im Steppen. Er machte sich alles andere als lächerlich, vielmehr trat er auf wie ein Straßenkünstler.

Mit einem lauten Ha Tu kickte er zum Abschluss den Becher davon und kam zurück zur Gruppe. Benjamin erkannte, dass er sie reingelegt hatte. Er hatte sich etwas ausgesucht, bei dem er glänzen konnte, während die anderen dumm dastehen würden. Er wollte damit erreichen, dass Benjamin tatsächlich die Leute um Geld bitten würde, weil ihm nichts anderes einfiel. Tatsächlich konnte er mit solch einer Nummer nicht auftrumpfen.

Niklas wendete sich an Benjamin. „Du bist dran.“

Dieser versuchte, sich seinen Bammel nicht anmerken zu lassen. Er wollte die Aufgabe umgehen, indem er auch etwas vortrug. Aber ihm fiel kein passendes Lied ein, für Musik interessierte er sich überhaupt nicht. Die einzigen Momente in denen er überhaupt Musik hörte, war, wenn er seine Großeltern besuchen musste. Sie sahen sich mindestens einmal täglich einen Film mit Heinz Rühmann an, Benjamin konnte die Dialoge schon mitsprechen. Und die Lieder sicherlich mitsingen. Er hatte es noch nie probiert, aber textsicher war er auf jeden Fall.

Ohne lange zu überlegen, welches Lied er wählen wollte, ließ er seine Gefühlslage entscheiden. „ Bald wird uns die Stunde schlagen, wo wir nicht mehr Smoking tragen.“ Das Lied über den Gerichtsvollzieher schien ihm am besten geeignet, in diese bedrängte Stimmung musste er sich im Moment nicht erst hineinversetzen. Er konzentrierte sich nur auf seinen Gesang und versuchte, die Vorbeikommenden um ihn herum auszublenden. Als er doch einen Blick riskierte, hatte er den Eindruck, sich gar nicht schämen zu müssen. Es sah so aus, als mochten noch mehr Menschen Heinz Rühmann so sehr wie seine Großeltern.

Es war ihm nicht peinlich, sondern machte sogar Spaß. Er kam zum „Wir geh'n schon raus“ und drehte sich triumphierend zu den drei Jungen um. Die betretenen Gesichter von Andreas und Noah konnten ihn sein Vergnügen nicht auskosten lassen. Er konnte sich schon ausmalen, was sie erwarten würde. Sie würden nicht so glimpflich davonkommen und wohl tatsächlich betteln müssen. Den traurigen Anblick konnte er nicht ertragen. Zum Glück war Brückentag, ihm fiel ein Ausweg ein.

Als das Lied beendet war, stimmte er gleich darauf das nächste an. „Wer hinterm Ofen sitzt und die Zeit wenig nützt...“ Benjamin ging auf sie zu, platzierte sich in ihrer Mitte und legte jedem einen Arm auf die Schulter. Gemeinsam wurden sie von ihm weiter vorwärts geführt, für alle Passanten gut sichtbar. Indessen sang er weiter: „Für den gibt’s kein Fragezeichen und dergleichen...“

Noch fragten sich Andreas und Noah, was sie machen sollten, doch mit der nächsten Zeile verstanden sie endlich seinen Wink und stimmten mit ein. Den Text des Liedes kannten sie nicht, aber das Jawoll, meine Herren konnten sie lauthals mitsingen. Zu dritt beendeten sie das Lied und verbeugten sich.

Benjamin und Andreas grinsten sich an, Noahs Kopf hingegen war rot angelaufen. Vergnügt kamen sie zu Niklas zurück. Der schien weniger erfreut zu sein. Er hatte offensichtlich etwas anderes erwartet. „So war das nicht abgesprochen.“

Aber, aber“, sprang Andreas ein. „Heute ist doch Brückentag. Da wird doch nichts abgesprochen, da wird nachgemacht.“ Ihm hatte es bisher großen Spaß gemacht und er wollte nicht, dass es in Streit ausartete. Er wollte lieber mehr von dem eben Erlebten und nutzte die Umstände aus. Niklas wollte gerade seinem noch gestiegenen Ärger Luft machen, als Andreas ihm zuvor kam. „Jetzt bin ich dran, ich gebe die nächste Aktion vor.“

Niklas hatte mit diesem Ausgang der Ereignisse noch nicht abgeschlossen. „Ich bin doch nicht dein Hampelmann.“

Bevor er sich weiter aufregen konnte, unterbrach ihn Andreas wieder. „Aber heute ist doch Brückentag, nicht wahr?“

Niklas verstummte. Er sah abschätzend zu Benjamin, dann wieder zu Andreas. „Richtig.“ Auf einmal hatte er sich beruhigt. „Was hast du vor?“

Unweigerlich musste Andreas breit grinsen. Er wollte noch nichts verraten, forderte sie nur auf, ihm zu folgen. Zu ihrem Ziel nahmen sie einen kleinen Umweg an seiner Wohnung vorbei. Er verschwand kurz darin und kam mit zwei gefüllten Tüten wieder heraus. Was sich darin befand, wollte er nicht preis geben. „Auf zum Rathaus“, gab er vor. Ohne weitere Fragen folgten sie ihm.

Vor besagtem Gebäude befand sich ein prächtiger Rasen, in saftigem Grün, jeder Grashalm auf exakt die selbe Länge gestutzt.

Niklas wurde ungeduldig. „Was jetzt?“

Andreas sah auf seine Uhr. „Augenblick noch.“ Plötzlich startete ein automatischer Wassersprenger. „Perfekt.“ Er schüttete die Tüten aus.

Das kann nicht dein Ernst sein“, sagten alle Drei gleichzeitig.

Andreas schenkte ihnen keine Antwort. Er zog sein T-Shirt aus.

Kurz darauf befanden sich vier Jungen, nur in Unterhose, auf dem Rasen. Andreas trug eine Taucherbrille mit Schnorchel. Außerdem hatte er Schwimmflossen an den Füßen, mit denen er umher watschelte. Benjamin hatte Schwimmflügel an den Armen und einen aufgeblasenen Rettungsring um den Bauch. Er lief immer im Kreis, versuchte dem Wasserstrahl zu entkommen. Niklas hingegen stand genau in der Mitte. Den Kopf schmückte eine Badehaube. Er seifte sich ein und schrubbte sich mit einer langen Bürste den Rücken.

Dieses Mal machten sie sich bewusst lächerlich. Aber da sie es in der Gruppe taten, machte es ihnen Spaß, sie kosteten es richtig aus. Nur Noah stand etwas abseits mit seiner Luftmatratze. Ihm war es sichtlich unangenehm, er schämte sich. Zu seinem Glück stellte der Sprenger unvorhergesehen seinen Betrieb wieder ein. Gleichzeitig kam jemand vom Sicherheitspersonal aus dem Rathaus gelaufen. Die Flucht machte den Jungen gleich nochmal so viel Spaß.

In einem Gebüsch fanden sie ein rettendes Versteck. Sie kicherten wie kleine Mädchen. Noah hingegen knurrte. „Ihr Idioten.“ Normalerweise hätte er sich nicht getraut, so zu reden, schon gar nicht Niklas gegenüber. Doch dieses Erlebnis hatte für ihn das Maß überschritten. „Die werden euch alle noch einmal in eine Gummizelle stecken, ihr Vollidioten.“ Niemand schenkte ihm Beachtung, sie kicherten weiter und rangen um Luft. „Größere Idioten als euch hat es noch nie gegeben. Lasst euch bloß einliefern!“

Niemand erkannte, wie ernst es Noah war. Er wurde immer wütender. „In Ordnung, ihr wolltet es nicht anders. Jetzt bin ich dran. Schließlich ist Brückentag.“ Schlagartig wurde es still. Noah grinste unheilvoll und zeigte seine Zahnspange. „Wir gehen zum Zahnarzt.“

Damit allein war es noch nicht getan. Er bestimmte auch noch, zu welchem sie gehen würden und entschied sich für den alten Friedrich, der den Ruf hatte, Kinder nicht ausstehen zu können. Man sagte ihm nach, dass er besonders gern an Feiertagen arbeitete, weil dann die Notfälle zu ihm kommen mussten. Noah hatte natürlich nichts zu befürchten, er ging ständig zum Zahnarzt, seine Zähne waren makellos. Die anderen beließen es lieber bei den Pflichtbesuchen. Sie befürchteten eine Behandlung mit spitzen Werkzeugen und lauten Bohrern. Noah wusste das und genoss den Moment, als sie im Warteraum ausharrten.

Selbst Niklas war inzwischen ganz kleinlaut. „Am besten geht ihr zuerst und lasst mich als letzten dran.“

Noah gefiel sich in seiner neuen Rolle als Bestimmer. „Es bringt nichts, sich zu drücken. Ihr kommt alle dran.“

So habe ich das nicht gemeint. Es wird bei mir bestimmt eine Weile dauern. Dann müsst ihr euch die Geräusche nicht anhören.“

Meinst du den Bohrer oder die Schreie?“ Andreas hatte es als Witz gemeint, aber sein Galgenhumor verfing nicht.

Alle dachten dasselbe. Warum taten sie sich das an? Sie könnten doch einfach gehen. Aber so leicht war das nicht. Wenn sie das täten, gäbe es keinen Brückentag mehr. Dann wäre alles, was sie bisher erlebt hatten, verloren.

Weißt du was, Benjamin?“ Niklas war in seinem Kleinmut nicht mehr wiederzuerkennen. „Die Schule ist heute geschlossen. Es gibt gar keinen Brückentag. Wir haben nur jemanden gesucht, den wir verarschen konnten.“

Ich weiß.“

Niklas war erstaunt. „Warum hast du dann nichts gesagt?“

Ich wollte dich reinlegen und auf die passende Gelegenheit warten, dich bloßzustellen.“

Aber warum hast du dann die ganze Zeit mitgemacht? Nach dem was wir uns geleistet haben, kannst du doch nicht ernsthaft glauben, besser dazustehen.“

Benjamin lächelte zaghaft. „Ich wollte aufhören. Aber dafür hat es zu viel Spaß gemacht.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Wäre schön. Wenn es wirklich einen Brückentag gäbe.“

Hört doch auf!“, platzte es aus Andreas heraus. „Ihr habt doch bloß versucht, euch gegenseitig zu demütigen. Es musste doch eskalieren.“ Grimmig sah er zu Noah, der den Kopf senkte. „Ich habe versucht, es zu verhindern, aber das war nicht möglich. Warum müssen alle immer gegeneinander sein? Wer kann etwas besser, wer besitzt teurere Dinge. Es kotzt mich an.“

Niklas wollte das nicht auf sich sitzen lassen. „Das Ganze war doch überhaupt erst deine Idee. Du hast gesagt, das wird bestimmt ein Riesenspaß.“

Das hätte es auch werden können. Es kann ein Spaß sein, über andere zu lachen. Aber nur, wenn man auch über sich selbst lachen kann. Von euch scheint keiner dazu in der Lage zu sein. Wenn ihr über andere lacht, dann aus Geringschätzung.“

Es wurde still im Warteraum. Bevor doch noch jemand etwas sagen konnte, ging die Tür zum Behandlungszimmer auf. Doktor Friedrich trat heraus und rief mit unheilvoller Stimme Noah auf.

Er stand auf und ging langsam hinein. Er drehte sich noch einmal um und betrachtete seine Mitstreiter. Herr Friedrich wollte gerade die Tür schließen, doch dazu kam er nicht mehr. Blitzschnell griff Noah nach dem Modell eines Gebisses, das auf einem Schrank neben ihm stand, rannte hinaus auf den Flur und weiter in Richtung Ausgang. „Brückentag!“, rief er laut und war schon verschwunden.

Die Zurückgebliebenen blieben irritiert zurück. Bevor der Arzt oder jemand vom Personal reagieren konnte, sprang Andreas auf. „Brückentag!“, rief auch er, nahm eines der scheußlichen Bilder von der Wand und folgte Noah.

Doktor Friedrich verstand immer noch nicht, was sich vor seinen Augen abspielte, erkannte aber, dass er im Begriff stand, wertvolle Teile der Einrichtung zu verlieren. Er wollte sich den beiden verbliebenen Jungen in den Weg stellen, doch sie waren schneller. „Brückentag!“, riefen sie und rannten den Flur entlang, mitnehmend, was sie greifen konnten, verfolgt von Flüchen des Arztes.

Ein paar Straßen von der Praxis entfernt, sammelte sich die Gruppe, um wieder zu Atem zu kommen. Als sie sich wieder gefasst hatten, erhob Benjamin das Wort. „Also gut, als nächstes bin ich dran.“

 

Eine Stunde später kauerten sie hinter der Hecke des größten Parkplatzes der Stadt.

Kennt ihr den Begriff Parkuhrfee?“, fragte Benjamin herausfordernd.

Andreas schüttelte den Kopf. „Das geht zu weit, selbst für mich.“

Benjamin verließ die Deckung und huschte zu einem Parkautomaten. Schnell warf er Geld ein und zog ein paar Tickets.

Noah fürchtete, das es kein Entkommen gab. „Der zieht das tatsächlich durch.“

Benjamin kam zurück und verteilte die Zettel. „Los geht's!“

Einer nach dem anderen kamen sie hervor. Alle trugen rosa Ballettkleidung, inklusive Tutu; außerdem kleine Engelsflügel auf dem Rücken und einen Heiligenschein auf dem Kopf. In der Hand hielten sie einen bunten Stab mit einem Stern an der Spitze. Hüpfend begaben sie sich von Auto zu Auto, um nach abgelaufenen Parkscheinen zu suchen. Wurden sie fündig, klemmten sie einen neuen hinter den Scheibenwischer.

 

Es wurde spät, doch eine Sache gab es noch zu erledigen. Sie gingen in einen Buchladen. Jeder kaufte einen Kalender für das nächste Jahr. Sobald sie bezahlt hatten, markierte jeder einen bestimmten Tag.

 

Pünktlich war Benjamin wieder an der Schule. Alles lief genauso wie jeden Tag. Das Auto hielt genau neben ihm, er hätte die Tür auch mit geschlossenen Augen öffnen können. Schnell schlüpfte er ins Innere. Sobald der Gurt einrastete, fuhr der Wagen an.

Später saß er zum Abendbrot gemeinsam mit seiner Mutter am Küchentisch.

Wie war dein Tag?“, wollte sie wissen.

Großartig. Heute war Brückentag.“

Sie erschrak. „Oh nein, das hatte ich ganz vergessen...“

Bevor sie weiterreden konnte, fiel ihr Benjamin ins Wort. „Genau. Du hast mir gar nicht erzählt, dass man tun muss, was alle anderen tun.“

Sie war verwirrt, erkannte aber, dass sich eine Möglichkeit bot, aus der Situation zu entkommen, ohne als schlechte Mutter dazustehen.

Benjamin nahm sein Glas Milch, steckte den Strohhalm in die Nase und begann zu saugen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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