Norbert Schimmelpfennig

Hinter bloßen Knochen

Er sah nach hinten, und ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken, denn den Knochenweich-Dämon fürchtete der Sensenmann am meisten. Gewöhnlich war dieser Dämon genauso unsichtbar wie er selbst; aber manchmal zeigte er sich kurz in Form von ein paar Knochen, die sich von alleine auflösten.

Der Hautabpell- und der Muskelschwund-Dämon konnten dem Sensenmann wenigstens nichts anhaben, da er weder Haut zum Abpellen noch Muskeln hatte. Aber seine Knochen waren eben alles für ihn!

Diese Dämonen trieben sich besonders gerne in Krankenhäusern herum, aber eigentlich seltener in Kinderkliniken, und auf eine solche hatte es der Sensenmann in dieser Nacht abgesehen. Ein Mädchen und ein Junge waren bei einem Unfall schwer verletzt worden, und die Ärzte hatten ihnen hinter vorgehaltener Hand keine Chance mehr gegeben. So meinte der Sensenmann leichtes Spiel zu haben, als ihn der Knochenweich-Dämon von hinten sanft berührte, aber eben diese Sanftheit war besonders unangenehm für den Sensenmann, wie eine sanft verabreichte Giftspritze, die stunden- oder tagelang Schmerzen verursachen konnte.

Er erinnerte sich noch genau an eine schicksalshafte Begegnung, als ein paar Ärzte dem späteren Physiker Stephen Hawking nur noch wenige Jahre gaben. Ihn hatte er erlösen wollen, doch setzte ihm damals der Knochenweich-Dämon besonders schmerzlich zu, so dass er sich jahrzehntelang nicht mehr an diesen Physiker wagen wollte, der danach noch mehr als fünfzig Jahre lebte.

Auch nach der heutigen Begegnung fühlte sich der Sensenmann so schwach, dass er zu dem Mädchen und dem Jungen ins Zimmer ging und jeweils zu ihnen sagte:

„Ihr habt Glück im Unglück gehabt, wart schon nahe am Hirntod! Aber heute kann ich meine Sense nicht mehr führen. Bald werdet ihr auch wieder gehen können, nur ein paar Narben werdet ihr davontragen, wie ich sehe! Der Knochenweich-Dämon beschert in den meisten Fällen eine Osteoporose; aber manchmal sorgt er auch dafür, dass Knochen wieder zusammenwachsen – so wie jetzt bei euch. Also lebt wohl, in siebzig Jahren mag ich euch vielleicht einmal wiedersehen!“

Beide Kinder hörten ihn nicht bewusst, da sie im Koma lagen. Doch wenige Tage später staunten die Ärzte, als beide aus diesem Koma erwachten. So wie auch zwei Tage lang niemand in der Stadt gestorben war, was es noch nie gegeben hatte, solange sich jemand im Gesundheitsamt oder im Standesamt erinnern konnte.

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