Gaby Schumacher

Das Weihnachtsgeschenk

Weihnachtsplätzchen zu backen ist Stress pur

Elf Monate habe ich mehr oder weniger erfolgreich eifrig für die vorweihnachtliche Kaufolympiade trainiert. Nun wird es ernst. Mit Argusaugen belauere ich die anderen Kunden, ob sie gar die Frechheit besitzen, sich gleich mir an den verschiedenen Backzutaten, vor allem so wichtigen wie den Nüssen, zu bereichern. Sicherheitshalber fülle ich meinen Einkaufswagen mit allem, was nicht niet-und nagelfest ist. Die wütenden Blicke der Umstehenden ignoriere ich.
Erst daheim, als ich zwischen den Eiern, dem Mehl und den Nusstüten, die sich beinahe bis zur Decke türmen, fast ersticke, erwache ich aus dem Rauschzustand.

Und die darfste alle verarbeiten ... “

Es lässt mich leicht an meinem Verstand zweifeln, aber zu spät. Zwecks besserer Übersicht errichte ich aus den Mehlpackungen Pisa-Türme, die Eier schichte ich zu Pyramiden auf und aus den Unmengen an Nusstüten baue ich einen edlen braunen Pseudo-Gartenzaun.

Nur noch drei Wochen Zeit bis Weihnachten. Bis dahin muss ich es geschafft haben!“

Es macht mich leider ziemlich nervös. Mit zitternden Händen greife ich mir die Eier und will sie in Eiweiß und Eigelb trennen. Vielleicht sind sie ja doch fähig, meine verminderte Autorität ihnen gegenüber zu empfinden? Jedenfalls glibbern sie, anstatt gefälligst je zur Hälfte in die bereit gestellten Tassen zu fallen, über den Rand der Arbeitsplatte die Tischbeine herunter und machen sich auf den Bodenfliesen auf den Weg in die Diele. Dort aber liegt ein schöner Läufer und bei der Vorstellung, wie fies er nach dem Eier-Rendezvous aussehen wird, steigt Wut in mir hoch. So hechte ich auf allen Vieren, mit einer Rolle Küchenpapier bewaffnet, anti vorweihnachtlich fluchend hinterdrein und versuche, der Schweinerei Frau zu werden. Alles klebt: Meine Hände und Arme, die Eier auf den Fliesen und denn letztendlich auch der Teppich, den sie weitaus erfolgreicher fest pappen als das beste dafür übliche Antirutschpolster.Eine halbe Stunde später sind die Indizien meiner augenblicklichen Unzurechnungsfähigkeit endlich entfernt. Der Boden glänzt und der Läufer rutscht wieder munter hin und her. Es verhilft mir zu erneuter Zurechnungsfähigkeit. Frohgemut widme ich mich dem Abwiegen der übrigen Zutaten und trällere derweil lustig Adventslieder. Nichts läuft schief und die Eier-Boden-Schweinerei hab ich beinahe vergessen. In einer Schüssel mit den Ausmaßen einer Babybadewanne mische ich die mir verbliebenen Eier mit dem Mehl und rühre anschließend mit dem Handrührgerät die Nüsse darunter.

Aber der zwischenzeitlich erkaufte Frieden ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Verzweifelt arbeitet sich das Handrührgerät auf höchster Stufe durch. Nur mit äußerster Kraftanstrengung vermag ich es in Gewalt zu halten. Der Teig wölbt sich immer höher und spritzt dann nach allen Seiten. Wenige Sekunden später trägt die Küche ringsum an den Wänden und überhaupt ein apartes Kleid. Auf den Bodenfliesen häufen sich regelrechte Teigberge, die ich vom Herd zum Kühlschrank und zurück angestrengt stapfend überwinde.

Braun-beige ist ja modern!“

Frustriert verdränge ich, dass es hier absolut nicht hin gehört. Dummerweise befiehlt das Backbuch, dass nun alles noch gründlich per Hand durchzukneten sei. Verdrossen krempele ich die Ärmel hoch und grabe die Finger in den Monsterteig. Dem behagt das nicht und gehässig verkrustet er mir die Hände. Anscheinend reicht dies als Rache dafür, ihn bezwingen zu wollen, noch nicht aus. Die Manschetten der Bluse verbünden sich mit ihm und rutschen dem Knetberg entgegen nach unten. Ich streife sie zurück und trage prompt Manschetten aus Teig. Obwohl kurz darauf von unten bis oben verdreckt, knete ich weiter wie ein Weltmeister.

Dann endlich erwartet mich neuerliche Erholung. Aufatmend lasse ich mich auf den Stuhl fallen und steche Plätzchen aus. Wie gemalt präsentieren sie sich, aber alles, was an überflüssigem Teig übrig bleibt, kleistert meine Hände zu. Die Finger kann ich kaum mehr bewegen. Aufatmend lege ich das letzte Plätzchen aufs Backblech und betrachte zufrieden mein Werk.

Geschafft!“

Da klingelt das Handy auf der gegenüber liegenden Arbeitsplatte. Sauer lange ich hinüber, will das Gespräch entgegen nehmen. Die verklebten Finger erwischen die Sperrtaste. Hastig wasche ich mir die Hände und widme mich dann wahrlich begeistert mindestens zehn Minuten lang der Aufgabe, das Telefon von dem Teigkleid zu befreien ...

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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