Heinz Lechner

Junge Mädchen, alter Mann

 

 

 

Junge Mädchen, alter Mann

 

 

Manchmal geschehen Dinge, die sind so sonderbar, dass man glaubt sie aufschreiben zu müssen. Erlebnisse wie Nadelstiche, die einem etwas älteren Herrn wie mir, der seinen Zenit schon seit geraumer Zeit überschritten hat, die Vergänglichkeit seines Daseins grausam vor Augen führen. Diese Geschehnisse vermehren sich mit zunehmendem Alter.Durch die Niederschrift eben jener Erfahrungen bilde ich mir ein, die Geschwindigkeit meines geistigen Verfalles verringern zu können und gleichfalls einer relativ sinnvollen Beschäftigung nachzugehen - mehr oder weniger.
Hier also solch ein Erlebnis:

wie so oft war ich mit der U-Bahn unterwegs, stand an der Tür und wartet auf das Ende meiner Fahrt. Man beobachtet ja gerne all die anderen Reisenden wenn man ohne Lesestoff unterwegs ist und gelangweilt um sich blickt. Und so fiel mir ein farbiges Mädchen in meiner unmittelbaren Nähe auf. Sie war ein äußerst attraktives Wesen und trug ihre Haare im Afro-Look. Ich musste an das Musical „Hair“ denken mit dem Lied „Aquarius“. Also die Ältesten unter uns werden wissen, was ich meine. Ein bemerkenswert hübsches Ding war das. Ich konnte meine Blicke nicht von ihr wenden. Ihre Ausstrahlung war so außerordentlich sympathisch und zauberhaft, dass ich mich als junger Mann vom Fleck weg in sie verliebt hätte. Ebenso auffällig war ihr pinkfarbenes Handy, auf dem sie in atemberaubender Geschwindigkeit ihre Finger tanzen ließ. Eigentlich waren es nur ihre Daumen; was mich noch mehr staunend machte. Ich glaube, die jungen Leute sagen "simsen" oder auch „whatsappen“ zu dieser Tätigkeit. Ich bin mir ziemlich sicher.
Bei einem gesetzteren Herrn wie mir, der mit seiner Mittelfingerbuchstabensuche einige Minuten für einen Satz benötigt, erzeugt diese Tätigkeit ungläubiges Kopfschütteln, aber auch allerhöchsten Respekt!

Da war aber auch noch ein anderes Mädchen welches meine Aufmerksamkeit erregte. Sie hatte eine enorme Ähnlichkeit mit einer Frau die ich vor langer Zeit kannte. Nur dass jene Frau 30 Jahre älter, ich einst unsterblich in sie verliebt war und dieses Mädchen die Tochter oder vermutlich sogar bei genauerem Nachrechnen die Enkelin hätte sein können.
Aber diese Gleichartigkeit verblüffte mich enorm und eine Flut von schönen Erinnerungen stürzte über mich herein.
Jäh wurde ich aus meinen Träumen gerissen, denn die U-Bahn hatte die Haltestelle erreicht und da ich direkt an der Türe stand, stieg ich auch als erster aus.
Hier am Sendlinger Tor hatte ich umzusteigen und da ich in Eile war, wollte ich mich schnellstmöglich fortbewegen. Mit Gewissheit kann ich sagen, dass beide Mädchen zu diesem Zeitpunkt hinter mir standen. Ich wusste nicht, ob sie ebenso wie ich die U-Bahn verlassen würden.
Es war früher Abend, der Beginn der sogenannten Stoßzeit. Ungefähr 30 Schritte musste ich gehen bis zur abwärts führenden Rolltreppe. Am Ende der Rolltreppe blieben noch 20 Schritte bis zum U-Bahn Waggon Einstieg. Eine kurze Strecke also, - aber wegen der wagenden, drängenden Menschenflut kam man nur langsam vorwärts. Es war ein arges Drücken und Stoßen und der penetranten Ausdünstungen der verschwitzten Leiber wegens an diesem heißen Herbsttag besonders unangenehm.
Ich hatte mich flott durch diese träge Masse geschlängelt, ging sogar auf der linken Seite der Rolltreppe wie es eilige Menschen gerne tun und sprang endlich behenden Schrittes durch die offene Tür der schon wartenden U-Bahn.Nach einigen Sekunden schrie eine hysterische Stimme " bitte zurückbleiben" und noch ein zweites Mal, - aber diesmal mit drohendem Unterton, eindringlich und schon merklich genervt und ohne das Wort Bitte zu benützen.
Ich war froh, dass alles so reibungslos geklappt und ich diese U-Bahn gerade noch erwischt hatte. Sie fuhr los und ich musste mich wiedermal mit einem Stehplatz zufrieden geben. Das störte mich nicht weiter, denn ich war es ja gewöhnt.
So blickte ich um mich, wie ich es immer tat und konnte es kaum glauben: das niedliche Mädchen von vorhin mit dem pinkfarbenen Handy stand einige Meter von mir entfernt und tippte in aller Ruhe in ihr Mobiltelefon ein, als würde sie den ganzen Tag nichts anderes tun. Und, als hätten sie sich abgesprochen spazierte das Mädchen welches wie meine Ex - Liebe aussah gemütlich an mir vorbei.
Ich musste mich ordnen. War ich wirklich umgestiegen? Zweifellos hatten sich diese beiden Menschen vor wenigen Minuten mit mir in der anderen U-Bahn befunden. Ich rekapitulierte.

Als ich das Abteil verließ, standen die Mädchen noch hinter mir. Beim Aussteigen verlor ich sie aus den Augen. Flott und zügig und ohne Unterbrechung oder Halt bewegte ich mich zur zweiten U-Bahn hin. Dort komme ich an und die Girls sind schon da. Nicht außer Atem und nach Luft schnappend wie ich, sondern ohne sich angestrengt zu haben, sogar richtig gelangweilt. Sind sie hastig an mir vorbei gelaufen ohne dass ich es bemerkte? Gab es eine Abkürzung? Einen heimlichen Lift vielleicht? Ich fuhr diese Strecke oft genug und glaubte mich auszukennen. An der Rolltreppe konnten sie mich nicht überholt haben. Danach waren es nur wenige Schritte zur U Bahn, hier hätte ich ein Überholmanöver sicher bemerkt. Hatten sie gleich gekleidete Zwillinge die sich zufällig in dieser U-Bahn befanden?
........Außerirdische?

Nach längerer Überlegung kam ich zum einzig logischen Ergebnis:
ohne es bemerkt zu haben hatten sie mich überholt. Es musste kurz nach dem Aussteigen geschehen sein, als man sich in die drückende Menschenmasse einfügte. Ich glaubte, auch schnell gewesen zu sein, in Wirklichkeit aber bin ich gekrochen wie eine Schnecke. Bin schön brav im zähen Strom der Leiber mit geschwommen und sie hatten sich flink an mir vorbei geschummelt. Mein Verständnis von Schnelligkeit und Tempo muss sich im Laufe der Jahre unmerklich meinem körperlichen Siechtum angeglichen haben.

Es ist sehr schwer, es sich einzugestehen, aber dies war die einzige Möglichkeit, die einzige Erklärung für mich.
Sie lautete:

Die Mädchen sind jung und schnell,
Ich bin alt und langsam.

Jung und schnell,
alt und langsam,
jung und schnell,
alt und langsam,
jung und schnell,
alt und langsam.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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