Rainer Lüers

Das schenk´ ich Dir zu Weihnachten

Es liegt schon mehr als 15 Jahre zurück ...

Damals war ich mit einer jungen alleinstehenden Dame samt ihrem kleinen Jungen mit Namen Philipp bekannt. Ab und zu kam ich vorbei und stattete den 2 Beiden in ihrer winzigen Wohnung in der 5.Etage eines Altbaus in Düsseldorf meinen Besuch ab.

Mal gab es Kaffee und Kuchen, ein anderes Mal bemühte ich mich mehr schlecht als recht als "Babysitter", während Philipps Mutter, Ilona, irgendwo in Düsseldorf ihr Tanzbein schwang.

Philipp schätzte diese Abende, denn von mir bekam der damals 5-jährige regelmäßig Geschichten vorgelesen und seine Ausdauer war schon beachtlich. Manch einmal konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als hätte der kleine Mann für diese Abende regelrecht vorgeschlafen, denn immer wieder erklang sein bettelnder Ausruf: "Noch eine Geschichte, ich bin noch nicht müde".

Zwar legte Ilona größten Wert darauf, dass sämtliche Produkte, die auf den Tisch kamen, ökologisch einwandfrei sein mussten, jedoch hatte sie als Empfängerin der Sozialhilfe nicht immer ausreichend Geld, sich und ihrem Sohn diesen Luxus erlauben zu können. So erklang fast schon regelmäßig bei der abendlichen Verabschiedung ihr herzlich flehender Spruch: "Du gehst doch morgen auf den Markt. Könntest Du nicht vielleicht ..."

So hatten mich Ilona und Philipp bestens im Griff und ich beschwerte mich auch keinesfalls, denn als lieb gewonnener Wohltäter dieser 2 Beiden fühlte ich mich noch nicht einmal gar so übel.

Sehr gerne erinnere ich mich bis heute an eine Begebenheit wenige Tage vor Weihnachten. Philipp war schon zu Bett gegangen und Ilona und ich saßen noch gemütlich bei Kerzenschein und Tee zusammen und plauderten über dies und jenes.

Plötzlich fing es draußen ganz heftig an zu schneien. Die Velux-Fenster in der kleinen Wohnung waren schnell mit der weißen Pracht bedeckt. Dies war auch klar, denn bei den Minusgraden der letzten Tage blieb der Schnee liegen und taute nicht.

Aus einem anderen Fenster beobachteten wir, wie die dicken weißen Flocken die Straßen und Bäume in kürzester Zeit in eine wunderschöne Winterlandschaft verwandelten. Wie kleine Kinder machten wir bei unserem gemeinsamen Blick nach draußen eine nach der anderen Entdeckung:

"Schau mal. Die Autos schleichen nur noch."
"Noch reicht es nicht für den Bau eines Schneemanns."
"Ob die weiße Pracht bis morgen hält?"

Bei Aussprechen dieser Frage strahlte mich Ilona plötzlich an.

"Ich hab' eine Idee."

Sie eilte zum Kinderzimmer und weckte Philipp aus seinem Tiefschlaf mit den Worten:

"Das musst Du Dir anschauen."

Schnell hatte sie ihren von dieser plötzlichen Aktion total überraschten Sohn angekleidet. Nicht nur das, sie zog ihm auch die dicke Winterjacke und Handschuhe an und eh ich mich versah ging es auch schon runter die 5 Stockwerke zur Haustür.

Wie vor dem Öffnen eines Paketes stand Ilona nun im Hausflur vor der Ausgangstür, den Türgriff fest in der Hand. Philipp dick eingepackt direkt neben ihr und ich mit meiner schnell übergeworfenen Regenjacke dahinter.

Ilona öffnete nun die Tür ganz langsam einen Spalt und Philipp wusste gar nicht wie ihm geschah. So dicke Schneeflocken, die auch jetzt weiterhin unablässig vom Himmel gen Erdboden schwebten, hatte er in seinem kurzen Leben noch nie gesehen. Dazu Ilonas zauberhafter Ausspruch, während sie ihre Arme Richtung weiße Pracht ausstreckte:

"Philipp, das schenk' ich Dir zu Weihnachten!"

Doch damit nicht genug. Mehr als eine halbe Stunde schlenderten wir um diese späte Zeit, es war schon bald Mitternacht, durch die Straßen und Wege der näheren Umgebung, Philipp ab und zu an ihrer oder an meiner Hand. Doch am liebsten riss er sich ein ums andere Mal von uns los und sprang wie wild geworden laut schreiend zwischen den Schneeflocken hin und her.

"Morgen bauen wir einen Schneemann!"

so Philipps letzte Worte, bevor er wieder in die wärmende Wohnung zurückkehrte. Auf meinem Kopf, denn ich war gar nicht winterlich gekleidet, türmte sich noch ein wenig von der weißen Pracht und an einem Ohrlappen, ich erinnere mich bis heute ganz genau, hing sogar ein kleiner Eiszapfen.

Bei all dem Spaß, den wir im und mit dem Weiß erlebt hatten, war mir die Kälte überhaupt nicht bewusst geworden. Ich zitterte zwar am ganzen Leib aber innen, ganz tief innen, war es mir in diesen Minuten warm, sehr warm geworden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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