Heinz-Walter Hoetter

Die etwas andere Kurzgeschichte

An diesem herrlich späten Morgen war irgendwie alles anders. Der Wahnsinn versuchte Wahn zum Sinn zu machen.

Als ich mir mit beiden Händen auf die Augen schlug, war ich plötzlich total schläfrig und schaute sofort hellwach im dunkel erleuchteten Zimmer herum. Im nächsten Moment tarantelte ich wie vom Schiss besoffen aus dem schawulen Bett und hüpfte in der Manier eines schwanzgesichtigen Steppenkängurus hinüber zum weit verschlossenen Fenster. Draußen hatte sich bereits die neblig-trübe Sonne am blauen Abendhimmel auf und davon gemacht, um dem frühen Morgenmond mit seinen wärmenden Strahlen gehörig Platz zu machen.

Ich riss sofort das geöffnete Fenster auf und atmete tief ein paar Mal hinter einander den frischen Gestank einer Horde Rinder genussvoll ein, die auf einer nah gelegenen Wiese blökend hin und her trotteten, als hätten diese saublöden Viecher nichts besseres zu tun.

Ich stand da wie der einarmige Stehgeiger von Soho und schaute hinunter in den verwilderten Garten, wo gerade ein Riesenregenwurm einen kleinen Spatz verfolgte, den er fressen wollte. Doch das Vögelchen war schneller und entkam, wenn auch nur knapp.

Der Riesenregenwurm hatte das Nachsehen. Dicht vorbei ist eben auch daneben, sinnierte ich und erkannte, dass der Krampf des Lebens hart und ungerecht ist. Es wird immer Gewinner und Verlierer geben, aber auch voyeuristisch veranlagte Zuschauer wie mich.

Ich blieb noch eine Weile am offen geschlossenen Fenster stehen, bis mir die Füße einschliefen. Sanft streichelte mir dabei der laue Morgenwind über die total geröteten Hängebacken. Ob das am Saturday Night Fever lag? Ich hatte keine Ahnung, aber davon eine ganze Menge.

Die hellen Mondstrahlen blendeten meine empfindlichen Augen. Ich setzte mir vorsichtshalber meine Sonnenbrille auf, die ich stets bei mir trug, weil sie es so wollte. Trotz der albtraumhaften Zustände fühlte ich mich im Augenblick so richtig gut. Ja, alles war einfach zum Kotzen schön an diesem völlig anderen Morgen. Missmutig schaute ich zufrieden hinauf zum blauen Pimmel und preiselte meinen Töpfer.

Dann trat ich vom Fenster zurück und zeigte der surrealen Welt da draußen meinen erhobenen Stinkefinger. Diese obszöne Geste mit der Hand machte ich immer dann, wenn ich auf etwas richtig sauer war und einfach keinen Bock mehr hatte. Der Effe entsprach wohl noch am ehesten meinem schamlosen Charakter, der mir angeboren erschien.

Dann schickte ich mich an, die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen, die sich wie immer darin versteckt hielt. Als ich die Treppe hinabsteigen wollte, verfehlte ich dummerweise die erste Stufe und wäre beinahe vor die Bums getürt.

Ich strauchelt kurz, drehte dabei ungewollt eine kunstvoll ausgeführte Pirouette, schlug aber dennoch mit meinem genetisch bedingten Eierkopf hart gegen die grobe Reibeputzwand des Hausflures, wobei ich mir eine blutende Beule zuzog.

Wird schon wieder verheilen, dachte ich so für mich, trat hinaus ins Freie, klingelte schließlich draußen an der Haustür und öffnete mir selbst. Dann griff ich nach der Zeitung, überflog die reißerisch aufgemachte Schlagseite und ging wieder zurück ins Haus, wo ich mir in der Küche hanebüchen eine große Tasse Kaffee zubereitete. Keine fünf Minuten Terrine später stand er dampfend auf dem Küchentisch. Dann schaltete ich das Radio kurz und es erklang der Hafer- und Bananenblues, der mich doch tatsächlich dazu brachte, dass ich wie ein zappelnder Hund am Stecken total irre durch die Küche twistete. Zwischendurch nippte ich immer wieder an der Kaffeetasse, bis nichts mehr drin war.

Nach dem Frühstück ging ich ins Badezimmer und zog mir den völlig verdreckten Hoden aus. Als ich mich im Spiegel sah, war mein Gesicht mit getrocknetem Blut überzogen. Das sah irgendwie richtig cool aus. Trotzdem lief es mir heißkalt den Rücken runter.

„Mmh..., was ein echter deutscher Indianer ist, der hält das locker aus“, murmelte ich mir mit lauter Stimme derart leise in den Bart, dass ich mich selbst nicht hören konnte. Dann stellte ich mich unter die Dusche und wusch an mir so lange herum, bis die Haut schon dünn wie Brotpapier geworden war. Ich wollte es nicht soweit kommen lassen, bis sie in Fetzen an mir herunterhing, verließ die Dusche wieder und trocknete mich ab. Sollte ich mir noch schnell einen runter holen? Die Gelegenheit wäre jetzt günstig. Schließlich verwarf ich diesen reinen Gedanken. Ich wollte dem allgemeinen Wahnsinn nicht auch noch einen krönenden Abschluss verpassen. Dafür dachte ich lieber an den herrlich späten Morgen, der mir das alles auf so wunderbare Art und Weise beschert hatte. Na dann, der Tag konnte kommen. Bereit war ich nicht. Deshalb legte ich mich wieder zurück ins Bett und ließ den lieben Gott einen guten Mann sein. Oder wollte ich mich nur elegant aus diesem albtraumhaften Wahnsinn retten?

Bevor ich mir auf diese skurrile Frage eine Antwort geben konnte, war ich schon eingeschlafen und träumte mich (hoffentlich) zurück in die Normalität, die sich oft selbst als der reinste Wahnsinn entpuppte, wie ich wusste.

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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