Wolfgang Küssner

Klare Verhältnisse

Immer dieses Durcheinander. Mal heißt es Hü! Dann heißt es plötzlich Hott! Mal geht es rauf, dann geht es runter, mal nach rechts, mal nach links. Heute lautet das Ideal oben, morgen eventuell unten. Vorgestern hieß die Parole noch Konsumieren, gestern schien im Sparen die Lösung der Probleme zu liegen. Wasser predigen die einen und trinken Schampus; Verzicht propagieren die anderen und leben im Luxus. Willkommen! Heißt es bei den einen. Raus! Fordern dagegen andere. Mal sehen wir alles schwarz, dann meinen wir, weiß zu erkennen. Woran, wohin soll man sich wenden, orientieren? Ach, wie schön und hilfreich wären da doch klare Verhältnisse.

Dass klare Verhältnisse möglich sind, zeigt uns ein einfacher Blick auf die Tierwelt. Fische leben und schwimmen im Wasser. Punkt. Klar, so haben wir es gelernt. Theorie. Und die Praxis? Sie sieht weniger einfach aus. Einige Fische können zum Beispiel fliegen. Zumindest sind sie temporär in der Lage, sich über der Wasseroberfläche fortzubewegen. Es sind manchmal nur wenige Meter, aber auch Distanzen bis zu 400 Meter wurden gemessen. Ist es Ausdruck von reiner Lebensfreude, von Übermut oder ist eine Flucht vor Raubfischen ursächlich und veranlasst die Fische, das nasse Element zu verlassen? Die Evolution hatte es offensichtlich so vorgesehen und einige Fische mit Flossen und Flügeln ausgestattet? Erwähnt werden müssen an dieser Stelle auch die Schlammspringer, die sich weniger im Wasser, als im angeschwemmten Schlamm wohlfühlen. Klar? So sind die Verhältnisse.

Kaum konnte der Mensch aufrecht laufen, begann er davon zu träumen, sich in die Lüfte zu schwingen und wie ein Vogel zu fliegen. Die Welt von oben sehen. Probleme verschwinden. Grenzenlose Freiheit. Das dachte er sich so. Bei näherer Betrachtung erwies sich dieser Traum von Vogelfähigkeiten als gar nicht so klar. Da gibt es beispielsweise flugunfähigen Vögel namens Pinguin. Da gibt es schwimmende und tauchende Vögel: Kormorane, Enten, Gänse, Haubentaucher. Fliegende Fische und schwimmende Vögel? Die Welt steht Kopf. Da stimmt doch etwas nicht, oder? Klare Verhältnisse?

Die Welt ist viel bunter, als wir es uns vielleicht wünschen oder vorstellen. Schwimmende Schlangen seien genannt und solche, die sich von einem Baum zum anderen (auch eine Art des Fliegens) katapultieren können. Einige Exemplare können klappern, andere sogar bellen. Graue Fledermäuse und fliegende Hunde gehören hier genannt; flatternde, bunte Schmetterlinge und hetzende, hungrige Geparden; brüllende; Mähnen bestückte Löwen und spuckende Lamas; sprechende, blaue Papageien und furzende, fette Elefanten. Laufende Nasen und laufende Meter, kiechernde Erbsen und lachende Salven. Blöde, holsteiner Kühe und Trampeltiere. Knallende, bunte Frösche. Nicht zu vergessen die schlafenden Hunde. Aber bitte nicht wecken. Oh, ist die Fantasie jetzt mit mir durchgegangen?

Glühende Würmchen und heulende, graue Wölfe, nackte, schleimende Schnecken und brummende, hungrige Bären, schlaue, listige Füchse und bockende Schafe, nachahmende, rotärschige Affen, galoppierende Pferde (oder ist das normal?) und schielende, nachtaktive Eulen, extrem stinkende Tiere, krabbelnde, behaarte Spinnen, bissige Hyänen, schlüpfende, niedliche Kücken und beißende Ameisen, sammelnde Bienen und stechende Mücken – mal bei Tag, mal bei Dunkelheit. Die Aufzählung der Vielfalt, die Leben ausmacht, könnte seitenlang fortgesetzt werden. Jedes charakterisierende Adjektiv, jedes Verb, auch wenn es noch so schwach ist, steht für Variationen, für Vielfalt dieser Spezies.

Heinz Erhardt muss an dieser Stelle noch Erwähnung finden. Durch ihn haben wir den springenden Punkt und das hüpfende Komma kennengelernt. Und Varianten? Trifft hier auch das Vorhergeschriebene zu? Aber sicher. Warum nicht? Wir kennen doch den Doppelpunkt und das Semikolon. Klar?

Apropos Vielfalt: Wir kennen Menschen mit anderem Glauben, anderer Sprache, anderem Aussehen. Sie schreiben, lesen, sprechen, singen, musizieren anders. Sie denken und lieben anders, haben ein anderes Geschlecht, eine andere Heimat, eine andere Kultur.

Doch zurück zur Welt der Tiere: Mücken sind als relativ schlechte Flieger bekannt. Des einen Leid, des anderen Freud. Bewohner oberer Haus-Etagen bleiben folglich von ihren Attacken verschont. Immer? Naja, meistens. Das hat in den Tropen, aber auch anderswo, nun den wunderbaren Vorteil, nach Eintritt der Dunkelheit die Fenster und Türen in der 7. Etage eines Hochhauses geöffnet halten zu können, Durchzug und frische Luft zu genießen, leichtbekleidet auf dem Balkon zu sitzen.

Was dieser Tage allerdings ein meistens auf dem Boden kriechendes Tier, also eine Schlage und wohl eher in den Tropen, dazu bewogen hat, einen Ausflug in genau diese 7. Hochhaus-Etage zu unternehmen, wird ein Rätsel bleiben. Es ist fast unglaublich. Wie sie überhaupt dorthin gekommen ist? Da wünscht man sich klare Verhältnisse, sieht das Hin und Her, das Auf und Ab beim Menschen, meint, in der Tierwelt eine Anleihe nehmen zu können und muss leider feststellen: Klare Verhältnisse sehen anders aus.

Oktober 2018     © 2018

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