Hartmut Wagner

Vater und Sohn in Klutes Minigolfparadies

Ich saß vor längerer Zeit während der Pause eines Fahrradausflugs entlang der Ruhr von Schwerte bis Wetter und zurück bei herrlichem Sonnenschein unter einem Sonnenschirm am Rande eines Minigolfplatzes namens „Klutes Golfparadies“, auf dem Tisch vor mir ein kalorienbombiger Rieseneisbecher mit Sahne, und sah dem Treiben der Golfer zu. Bei einem recht leichten Hindernis erprobten ein kleiner wibbeliger Blondschopf und sein riesengroßer, sehr kräftiger Vater ihre Minigolfkünste.

Der Ältere spielte nach dem Effizienzprinzip. Der Jüngere bot eine Kunsthow, die mir tausend Mal besser gefiel, dem Vater aber gar nicht. Er hätte sie gern verhindert. Das gelang ihm jedoch nicht.

Nachdem der Vaterberg mit drei Schlägen das Hindernis überwunden und das Ergebnis umständlich auf seinem Zettel notiert hatte, schritt bzw. hüpfte das Söhnchen zur Tat.

Zunächst legte Tommi den Golfball auf die Abschlagmarke, dann sich selbst samt Schläger auf den Rasen vor Ball und Bahn. Was sollte das denn werden? 

Den Golfschläger hielt das Kind am Ende fest. Das Griffgummi am anderen, so schien es, sollte den weiße Golfball über die Bahn treiben wie die Spitze des Billardqueues die Kugel über den Tisch.

Tommi, lass das jetzt endlich! So geht das doch gar nicht. Mann, oh Mann! Ich werde noch wahnsinnig! So ein Quatsch!“

Ach Pappa! Du verstehst das nicht. Wie du spielst, total langweilig! Kann doch jeder! Ich mache das ganz anders, einfach Superklasse! Das ist Kunst!“ Der Vater ergrimmte und zog seinen Nachwuchs am Bein von der Bahn. Der jedoch sprang blitzschnell auf die Füße und durch die Vaterbeine erneut zum Abspielort. Sein Vater aber, ein Kunstfeind, griff wieder zu und behinderte den Kunstbesessenen an der Kunstausübung. Der Vater-Sohn-Konflikt wogte noch einige Zeit hin und her. Dann gab der Vater auf: „Ach, mach, was du willst. Das ist mir doch zu dumm, mich hier vor allen Leuten mit meinem Sohn herum zu zanken. Außerdem verlierst du sowieso.“ „Haha, das wirst du schon sehen.“

Tommy visierte auf dem Bauch den Ball an. Der Vater nahm breitbeinig auf der Bank neben der Bahn Platz. Ein rascher Stoß. Fast wäre die Kugel auf dem Plateau mit dem Loch gelandet. Jedoch prallte sie an einer rechtwinklig gebogenen Eisenreling ab und rollte ein wenig auf die Abstoßmarke zurück. „ Na, jetzt hast du dein Fett! So geht der nie rein“, triumphierte der Sohnbesitzer. 

Ein zweiter Versuch, langatmige Konzentration, mehrmalige Luftstöße mit dem zweckentfremdeten Schläger. Dann, endlich! Der Ball sprang über den Metallrand auf den Kurzrasen. Väterchen lachte hämisch: „Einen Versuch hast du ja noch, hahaha! Das kannst du locker schaffen.“ „Und ob ich das schaffe. Da wirst du staunen!“ 

Der Kleine umkreiste langsam die Bahn und visierte mit dem verdrehten Schläger von hier und dort den Ball an. Dann, wiederum aus der Bauchlage, ein kräftiger Schlag! War das möglich? Junge, Junge! Drüber! Der Gummigriff schrappte den Bahnboden entlang. Aus einem Billardtisch hätte er große Fetzen gerissen. Eine Niederlage!

Das Publikum, außer mir noch zwei ältere Müßiggänger vor Halblitergläsern mit Weißbier, stöhnte mitleidig auf! Der Vater meinte: “Man sollte manchmal eben auf Ältere hören und nicht alles anders machen. Das konnte ja nicht gut gehen!“ 

Sohnemann blieb unbeeindruckt und heiter wie der Sommertag. „Und dieses Mal treffe ich sofort ins Loch. Das wette ich mit dir um so ein großes Eis wie der Mann da isst.“ Er nickte mir zu. „Na, meinetwegen! Das wird doch sowieso niemals was. Fang schon an!“ Schwupps! Der Junior lag auf dem Bauch vor der Bahn und stieß sofort zu. Der Ball landete auf gerader Linie im Loch. Tommi im Glück sprang auf. Riss den Schläger mit beiden Armen über den Kopf und veranstaltete ein kleines Hüpf-, Lauf- und Springtänzchen um die Vaterbank: „Ein Eis! Ein Eis! Ein Eis!“ Die Müßiggänger und sogar der Vater freuten sich, lachten und klatschten laut Beifall.

Und was wird aus den meisten Federwölkchen am unbeschwerten blauen Himmel der Kindheit? Aufgeschwemmte Fettklöße und bierbäuchige Wabbelquallen!

Was aus den lebendigen Plappermäulchen? Spießige Mitschwimmer im breiten Strom der Einheitsmeinungen und -ansichten!

Charles Bukowski, wortmächtiger amerikanische Brachialpoet und leidenschaftlicher Säufer, hat das haargenau richtig beschrieben, zugegeben etwas polemisch: Zur Welt kommen Millionen kleiner Genies und im Sterbebett liegen Millionen grotesk verformter Vollidiotinnen und -idioten!“ (sinngemäßes Zitat) Das hätte ich gern selbst geschrieben.

Wer auf dieser Welt übrigens nicht als Säufer oder Selbstmörder endet, der muss schon so viel Liebe und Zuneigung wie ich erfahren haben und daraus abgeleitet ein super dickes Fell, ungeheure Ich-Stärke und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein. Kein Arschloch kann mich beleidigen, noch so schmerzhafte seelische Verletzungen bringen mich nicht zum Weinen, obwohl ich nach bestimmten feindlichen Worten oder Verhaltensweisen manchmal am liebsten sterben möchte. Ich weigere mich dann aber zu weinen und liebe ganz einfach noch mehr.

Ich muss nur manchmal bei rührenden oder traurigen Szenen in Filmen oder Büchern weinen, weine aber nur so, dass niemand es sieht.

Zum Beispiel in dem Film: „When a man loves a woman“ mit Meg Ryan, Andy Garcia und zwei überaus lieblichen kleinen Mädchen, und zwar als die ganze Familie, ich glaube am Filmende, bei wunderbarer Musik im offenen Auto an einem goldenen Abend über eine Straße San Franciscos in Sicht der Golden Gate Bridge und des Meeres sehr langsam dahin gleitet.

Oder am Ende des Buches: „Das fressende Haus“ des Baltendeutschen Friedrich von Vegesacks als die Hauptperson, ein baltischer Edelmann und Flüchtling in den Bayrischen Wald am Ort und Fluss Regen, nach dem Verlust von Kind, Frau und Haus im Zug sitzt und seine neu-alte bayrische Heimat verlässt. 

Die Dampflokomotive stößt graue Wolken aus und pfeift melancholisch. Auf seinem Berg liegt das fressende Haus. Regen fällt in den gleichnamigen Fluss und auf den gleichnamigen Ort. Am Zug vorbei zucken die hölzernen Telegrafenmasten und die Drähte schneiden ihr Auf und Ab in die tiefe Trauer des Herzens und der Seele unseres Reisenden. „Abschied nehmen heißt ein Bisschen sterben“. ( Französisches Sprichwort, zitiert aus Raymond Chandler: Der lange Abschied“ )

Die um sich greifende öffentliche Weinerei besonders von Männern über jeden klitzekleinen Scheiß geht mir allerdings tierisch auf die Nerven.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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