Wolfgang Küssner

Ein Fimmel auf Erden

Als Kinder hatten wir meisten schnell unser Urteil gefällt. Zeigte ein Spielkamerad, ein anderer Mensch Auffälligkeiten, so etwas wie ein abweichendes Verhalten, hatte die Person einfach eine Macke. In solchen Momenten war uns klar, die Anstalten mussten heute Ausgang haben. In unserem kleinen Ort gab es zwar keine psychatrische Klinik, in der wenige Kilometer entfernten Kreisstadt durchaus. Dort gehörten Menschen mit Behinderung zum Alltagsbild. Etwas älter geworden waren wir dann der Meinung, an konkreten Besonderheiten den jeweiligen Wochentag ausmachen zu können. Sahen wir viele ältere Menschen auf den Straßen, so konnte es nur ein Wochentag mit geschlossenen Arztpraxen sein, also ein Mittwoch. Geriet der Straßenverkehr ins Stocken, saßen viele Herren mit Hut am Steuer, wackelten Plastik-Dackel auf der PKW-Ablage, oder lagen dort gar umhekelte Klopapierrollen, so konnte es nur Samstag oder Sonntag sein.

Der Leser hat vermutlich die Überschrift zunächst für das Werk eines Fehlerteufelchens gehalten. Statt dem F hätte es doch sicherlich ein H oder Sch sein müssen. Ganz fantasievolle Mitbürger würden sich vielleicht sogar den Buchstaben P an erster Stelle wünschen. Das mit dem F hat aber seine Richtigkeit. F wie Fimmel, also Fimmel wie Spleen, Marotte, Tick, wie Allüren, Macken oder Eigenarten. Es geht also um das, was nicht so ganz gewöhnlich daherkommt. Es geht um den irdischen Fimmel. Der Leser möge das P bitte vergessen.

Da sitze ich zum abendlichen Mahl auf der offenen Terrasse eines Restaurants auf der thailändischen Insel Phuket. Die Bestellung wurde aufgegeben. Zeit für mich, meine Umwelt genauer zu beobachten. Ein kräftiger Herr mittleren Alters kommt die von meinem Platz aus gut einsehbare Straße daher und wirft nach fast jedem zehnten Schritt seinen Kopf zurückschauend über die rechte Schulter. Hält er nach seiner Familie, nach Frau, dem Kind, dem Hund Ausschau? Will er durch seinen forschen Schritt das ihm Folgende zu mehr Schnelligkeit animieren? Befürchtet er ein kommendes Fahrzeug? Oder hat er ganz einfach eine Macke, leidet an so etwas wie Verfolgungswahn? Frau, Kind, Hund folgen jedenfalls nicht, gleiches gilt für Fahrzeuge. Und um das Herannahen einer Unwetterfront einzuschätzen, hätte sein Blick Richtung Himmel (nun also doch das H) gehen müssen. Der Himmel war zu dieser Zeit aber blau, dunkelblau, eigentlich schwarz, schwarz wie die Nacht.

Ein englischsprachiges Paar nimmt am Nebentisch Platz. Sie gibt offensichtlich den Ton an. Von dem Mann ist kaum etwas zu hören. Sie verlangt die Menü-Karte, ordert die Getränke, erteilt dem Personal (das waren mehr als Wünsche) ein paar Anweisungen. Dann zückt sie ihr Smartphone. Zum Glück beabsichtigt sie nicht zu telefonieren und auch nicht bei Facebook nach oben gerichtete Daumen in die Welt zu senden. Sie schaltet lediglich die integrierte Taschenlampe an, um so die Speisekarte besser lesen zu können, vielleicht hoffte sie auf ganz andere Erleuchtung. Ihr Mann bekommt die kulinarischen Entdeckungen erklärt und der helle Lichtkegel aus ihrem Smartphone wandert, einem Suchspot nicht unähnlich, durch den Raum. Am Nebentisch sitzend, bin ich mehrfach für Bruchteile einer Sekunde geblendet und denke, was ist denn das für ein Spleen.

An einem anderen Tisch hagelt es eine satte Beschwerde. Ein Gast aus dem deutschsprachigen Raum outet sich lautstark als Experte, als Kenner edler Weintropfen. Speziell der Rotwein, so ist ungewollt zu hören, habe es ihm angetan, da kenne er sich bestens aus. Doch das, was ihm in diesem Restaurant hier serviert würde, sein unmöglich, nicht akzeptabel. Rotwein habe eine Trinktemperatur von 18 Grad zu haben. Der Wein hier sei alles andere als wohltemperiert, käme aus dem Kühlschrank. Nein, hier hätte er mehr Qualität erwartet. Das sind wohl die Allüren eines satten, chronischen Nörglers. Der Leser sei daran erinnert, sowohl der Autor als auch die anderen Gäste befinden sich nicht in einem klimatisierten Raum, sondern auf einer offenen Terrasse, in Thailand. In dem relativ einfachen doch gutem Restaurant hat der Gast die Wahl zwischen rotem und weißem Hauswein. Die Außen-Temperatur beträgt zu dieser abendlichen Zeit noch 30 Grad. Alles klar?

Wegen der guten Küche (sowohl thailändisch, als auch zentral-europäisch) verkehren viele Gäste aus Österreich, der Schweiz, aus Deutschland in dem Lokal. Schwirren deutsche Vokabeln durch den Raum, so neigt das Ohr (vielleicht eine Besonderheit im Ausland) dazu, den Worten kurz zu folgen. Es ist nicht die Neugier, die Sprache ist einfach nicht täglich zu hören, wird außerdem verstanden. Bei Vokabeln der finnischen, baskischen oder chinesischen Sprache verlieren die Ohren schnell ähnliches Interesse.

So sitzen ein paar Tische von mir entfernt deutsche Gäste, die – dem Volumen der Aussprache folgernd –  schon mehr als ein Bier getrunken haben. Da tönt es großspurig, man habe keinen Personalausweis, lehne diesen ab, da man nicht zum Personal der Bundesrepublik gehöre. Diese und andere krude Gedanken gibt ein bekennender Reichsbürger von sich. Den deutschen Pass – das betont er natürlich nicht - hat er allerdings für seine Lust-Reise nach Thailand akzeptiert, vermutlich sogar gern genommen. Ohne Pass bekanntlich kein Spaß. Als er von einstigen großen Reichen träumt, ob kaiserlich oder tiefbraun, von seiner Verweigerung erzählt, Steuern zu entrichten, Strafzettel für Ordnungswidrigkeiten zu akzeptieren, schließen sich meine Ohren. Sie wissen, ihnen fehlt die Möglichkeit des Übergebens, um sich so Erleichterung zu verschaffen. Kann man derart irre Gedanken noch als Macke oder Eigenart bezeichnen?

Jetzt steuert Herbert das Restaurant an. Es wird für mich Zeit zum Aufbruch. Wie immer läuft er mit einer Flasche Bier in der Hand durch die Straßen. Häufig sind wir uns in der kleinen Stadt begegnet. Das bleibt bei der relativen Größe nicht aus. Er weiß dann von tollen Wechelstuben zu berichten, wo man einmalig gute Tausch-Kurse erzielt. Er verriet mir einmal, bei den Nazis gewesen zu sein, doch die hätten ihn einfach rausgeschmissen. Sieht er einen farbigen Urlauber, outet er seine Gesinnung mit den Worten „Was will der Neger denn hier?“Auf seine verletztenden Worte hin angesprochen, entschuldigt er sich, okay, es seien Menschen mit anderer Haut-Pigmentierung. Und abends geht es für ihn in die Bar und dann sucht er sich für die Nacht eine (dunkelhäutige, anders pigmentierte) Thai aus. Das ist weder Marotte noch Tick. Das ist überheblich, rassistisch, mehr als therapiebedürftig.

Macken, so sagt der Volksmund leichtsinnigerweise, seien dazu da, ausgelebt zu werden. Wo ist es noch eine Marotte, ein Tick? Die Beispiele zeigen, manchmal ist es eindeutig mehr, als nur ein Fimmel auf Erden.

Juni 2018

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