Christina Telker

Der Christstollen

Der Christstollen

 

Kommt die Winterzeit heran und Anna sitzt beim Knistern des Feuers an ihrem Kamin, gehen ihre Gedanken auf Reisen. Gerne denkt sie an die Zeiten zurück, als sie mit ihrer Großmutter hier saß. Zu Füßen des Ohrensessels, den sie jetzt selbst gerne nutzt, lauschte sie den Erzählungen der Großmutter. Heute wartet sie auf ihre eigenen Enkel. Gleich wird es läuten und die kleine Rasselbande wird hereinstürmen. Anna freut sich schon immer besonders auf den ersten Advent, zu dem seit Jahren, ihre Enkel zum Kaffee kommen. Das Weihnachtsfest gehört dann den Familien, aber der erste Advent ist Omatag. Ihre Gedanken wandern noch einmal zurück und sie denkt an die eine Geschichte, die ihr damals ihre Großmutter erzählte. ‚Die muß ich unbedingt nachher in der Kaffeerunde erzählen‘, nimmt sie sich vor.

Da, da sind sie ja auch schon! Anna läuft zur Tür, um den ersten Gästen zu öffnen. Jubelnd begrüßen die Kleinen ihre Großmutter. Schon wenig später läutet ein zweites Mal die Türglocke, um Peter und Ulrike anzukündigen. Nach einer fröhlichen Begrüßung nehmen alle an dem reich gedeckten Kaffeetisch Platz. Omas Plätzchen sind halt doch die besten, stellt Marie fest, was zustimmend bejaht wird. „Aber Omas Stollen ist auch lecker“, meint Ulf daraufhin. Das ist das Stichwort für die Großmutter, um mit ihrer Erzählung zu beginnen. „Ihr habt ja jetzt alle noch mit dem Kaffeetrinken zu tun“, beginnt sie. „Ich möchte euch heute einmal eine Geschichte von eurer Ururgroßmutter erzählen und wie es dazu kam, daß sie ihren ersten Stollen backte.“ Sofort trat Stille ein. Omas Erzählungen möchte keiner versäumen, denn alle hören ihr gerne zu.

„Als ich klein war, wußte ich nichts von einem Kindergarten. Da meine Mutter aber auch viel zu tun hatte, ganz besonders in der Adventszeit, war ich oft bei meiner Großmutter. Ich liebte sie sehr und saß gerne in der Adventszeit zu ihren Füßen, um ihren Erzählungen zuzuhören. So erzählte sie auch einmal von ihrem ersten Adventskuchen, den sie backte. Ihr nennt dies Gebäck heute Stollen. Wie es dazu kam, möchte ich euch nun erzählen. Damals gab es kaum Süßigkeiten. Äpfel, Birnen und im Winter die Nüsse, waren süß genug und wurden von uns Kindern gerne gegessen. Da wir kaum Süßes kannten, vermißten wir es auch nicht. Eines Herbstes, erntete eure Ururgroßmutter ihren ersten Wein, der an der Hauswand wuchs. Sie freute sich über die reiche Ernte und wollte ihn gerne für den Winter aufbewahren. Aber wie? So zog sie auf dem Dachboden eine lange Wäscheleine und hing ihn auf, so wie wir Wäsche aufhängen. Der Winter kam und sie dachte wieder an den Wein auf dem Dachboden. ‚Das wird eine Freude, wenn ich ihn zum Christfest herunterhole‘, dachte sie bei sich. Aber anschauen wollte sie ihn sich doch einmal vorher. Also stieg sie die Treppe zum Boden hinauf und wunderte sich. Wo war nur der Wein geblieben? Kleine mickrige Beeren hingen auf der Wäscheleine. Enttäuscht ging sie näher. Traurig steckte sie sich eine der Beeren in den Mund. ‚Was ist das?‘, gingen ihre Gedanken. ‚Die Beeren sind ja zuckersüß und so lecker!‘ Schnell nahm sie alle Beeren von der Leine und trug sie in einer Schüssel herunter. Der Familie sagte sie nichts von all dem. Sie wollte erst überlegen, was sie mit diesen Beeren anfangen könnte. In der Nacht nahm sie sich vor: ‚Ich backe einen Kuchen‘. Bisher hatte eure Ururgroßmutter nur Blechkuchen gebacken. Kuchenformen besaß sie nicht. Den Blechkuchen brachte man zum Bäcker und ließ ihn dort abbacken. Diesmal wollte sie es aber selbst probieren. Also rollte sie den Kuchen etwas aus, schlug ihn dann wieder zusammen, daß er aussah wie heute euer Stollen, der dort auf dem Tisch steht und backte ihn in der Ofenröhre selbst ab. Am Weihnachtsabend stellte sie ihn auf den Tisch. Etwas seltsam schaute die Familie sie an, überlegend, ob man dies Gebäck wirklich probieren sollte. Als sie es dann jedoch gekostet hatten, waren sie begeistert. Auch die Kaffeegäste, am Weihnachtsfeiertag, durften von diesem Kuchen probieren. Schnell sprach es sich herum, welch schönes, neues Gebäck meine Großmutter gebacken hatte. Im kommenden Jahr stand in vielen Häusern solch ein Kuchen zur Weihnacht auf dem Tisch.“

„Das ist ja ein Ding!“, rief jetzt Peter. Munter wurde jetzt über den Adventskuchen der Ururgroßmutter diskutiert. Das müssen wir unbedingt zu Hause erzählen, waren sich alle einig. Viel zu schnell verging dieser Nachmittag, doch alle freuten sich auf ein baldiges Wiedersehen, denn zu Omas „Bratapfeltag“ würden alle wieder hier sein. Diesen Tag wollte keiner verpassen. © Christina Telker

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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