Paul Theobald

Die Weihnachtsmaus

Als ich noch ein kleines Kind war, backte meine Mutter jedes Jahr Weihnachtskonfekt. Obwohl sie genug Arbeit mit einem Haushalt von 9 Personen hatte, war das Backen von Konfekt für sie zur Weihnachtszeit selbstverständlich.
Wenn ich mit meiner Mutter in unseren Stall ging und der Himmel am Morgen und/oder am Abend rot leuchtete, dann sagte meine Mutter zu mir: „Der Himmel ist rot, denn das Christkind backt Konfekt und Lebkuchen.“ Aber warum musste meine Mutter dies tun, wenn es das Christkind tat und so sagte ich: „Warum wird von dir Weihnachtskonfekt gebacken, wenn dies vom Christkind getan wird?“ Meine Mutter antwortete: „Das Christkind hat so viel zu tun, dass es sich freut, wenn ihm geholfen wird. Ich helfe dem Christkind, damit es nicht so viel arbeiten muss! Du freust dich doch auch, wenn dir geholfen wird, wenn du Hilfe brauchst. So ist das auch beim Christkind der Fall.“ Diese Antwort leuchtete mir ein.
Wenn ich mit meinem Zwillingsbruder Helmut alleine im Haus waren, gingen wir auf „Entdeckungs-reise“. Wir wollten wissen, was es alles in unserem Hause gab, was wir nicht wussten. Unsere Neugierde musste befriedigt werden. So entdeckten wir auch das Konfekt, das die Mutter zu Weihnachten gebacken hatte.
Der Verlockung, davon zu naschen, konnten wir nicht widerstehen. Und das Weihnachtskonfekt schmeckte auch so gut. Immer, wenn sich nun die Gelegenheit bot, wurde davon gegessen. Als wir den Karton, in dem sich das Weihnachtsgebäck befand, zur Hälfte geleert hatten, kamen meinem Zwillingsbruder Bedenken und er sagte zu mir: „Meinst du nicht, es wäre besser, wir würden damit aufhören?“ Aber ich antwortete: „Warum? Das Christkind muss zum Weihnachtsfest halt mehr arbeiten.“ Mein Zwillingsbruder erwiderte: „Wenn das so ist, dann können wir weiter futtern!“ Wir aßen das Weihnachtskonfekt auf.
An Heiligabend wurden in unserer Familie zuerst die Weihnachtslieder gesungen und dann die Bescherung vorgenommen. Danach sagte meine Mutter: „Jetzt hole ich das Weihnachtskonfekt, das unter uns verteilt wird.“ Mein Zwillingsbruder und ich schauten uns an und dachten: Hoffentlich hat das Christkind gemerkt, dass es mehr arbeiten muss und lässt uns nicht im Stich!
Meine Mutter kam tatsächlich mit dem Karton, in dem sich das Weihnachtskonfekt befinden sollte, und sagte: „Jetzt wird die Verteilung des Weihnachtskonfekts vorgenommen.“ Sie öffnete den Karton und stellte überrascht fest, dass sich darin nichts befand. Auch mein Zwillingsbruder und ich waren überrascht. Wir hatten tatsächlich angenommen, dass das Christkind für unsere Familie Konfekt gebacken hatte.
Mein Vater stellte die Frage: „Wer hat das Weihnachtskonfekt gegessen?“ Ich antwortete: „Das war die Weihnachtsmaus.“ Doch davon ließ sich mein Vater nicht beeindrucken und sprach: „Jetzt gibt es vom Himmel hoch, da komm‘ ich her!“ Ich und mein Zwillingsbruder bekamen für das aufgegessene Weihnachtskonfekt eine gehörige Tracht Prügel.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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