Inge Hoppe-Grabinger

was man verschenkt



Es ging mir nicht so gut seit Tagen. Um es kurz zusammenzufassen: diffuse Ängste,
wirre Träume, lange Phasen des Wachseins in der Nacht.  Lektüre, wahllos vom
Haufen gegriffen, um 2 Uhr oder um 4 Uhr, der Gang ans Fenster und der Blick
in die unendliche Kälte des Weltraums: der Orion, funkelnd, untauglich als  Tröster.
Die Zeit zwischen 5 und 6 Uhr ist am schlimmsten:  Zu viel schwirrt durch den Kopf.
Bestandsaufnahme. Gewicht und Gegengewicht. Und plötzlich die Idee, zu
sammeln: All das, was gegen den Abwärtsstrudel spricht.
Hab ich nicht zwei überaus feine Zeichnungen geschenkt bekommen, zarte Gespinste,
Ausdruck der unsichtbaren Fäden zwischen Menschen?  Angefertigt in Stunden
der Mühe, der Achtsamkeit  und des Versunkenseins?
Hab ich nicht einen Blumenstrauß geschenkt bekommen, nicht vorgefertigt, sondern
sorgsam und liebevoll zuammengestellt, auf Dauer angelegt: er möge endlos lange
zum Ausdruck bringen, dass man einander gewogen ist?
Und dann: Hab  ich nicht von einem Nachbarn, den ich kaum kenne, mit dem ich in den
letzten 10 Jahren nur wenig Gelegenheit hatte,  einander guten Tag zu sagen, hab ich
nicht  heute, einfach so, als er -  unerwartet und unangekündigt -  in unsrem Garten erschien, 
von ihm einen Stein geschenkt bekommen, einen Stein mit vielen Löchern?
Und er sagte nur: "Das sammelst du doch!" 
"Tschüss", sagte er noch  und ging einfach wieder weg.  
Und diese halbe Minute hat alles verändert ....

16. November 2o18 - ihg -


 

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