Rudolf Kowalleck

Kartoffelsalat und Würstchen

Wie jeder von uns weiß, kannst du dir deine Freunde aussuchen, deine Familie aber nicht. Da wird der Mensch hineingeboren und oft entsteht daraus ein Konglomerat von Menschen, die zusammengehören müssen, obwohl sie da gar nicht zusammengehören wollen.

Hinzu gesellt sich später noch die bucklige Verwandtschaft, die du durch Eheschließung als Zugabe erhältst. Ich spreche von Beifang, den du jedoch im Gegensatz zu einem Hochseefischer nicht einfach zurück ins Meer werfen kannst. Meine Mutter hatte mich gewarnt, als sie orakelte: Sie werden ihre Probleme zu deinen machen.

Leider perlten diese Warnung an mir ab wie Wassertropfen an einem Duschvorhang. Zu der Zeit war ich noch bis über beide Ohren verliebt, die wahrscheinlich verheerendste Form der geistigen Umnachtung. Was hatte ich mit Maries Familie am Hut? Ich sollte es bald schon erfahren.

Heute möchte ich an dieser Stelle mein Glas erheben und meiner Queen Mum posthum den Ehrentitel „WM“ verleihen, das steht nicht, wie Sie vielleicht annehmen für „Weltmeisterin“, sondern für „weises Mütterlein.“

Das Jahr über kannst du deiner lieben Verwandtschaft ja noch irgendwie aus dem Wege gehen. Nur bei einem Geburtstag nicht oder den hohen Festen, die uns unser Kulturraum im Laufe der Jahrhunderte eingebrockt hat wie Ostern und vor allem Weihnachten.

Früher willkommene freie Tage, später aber aus besagtem Grund gefürchtet.

Traditionell hatten wir bei meinen Schwiegereltern anzutreten. Ablauf wie folgt: Kurze Begrüßung, Mantel an die Garderobe, Bussi hier und Bussi da, ab ins Wohnzimmer, Weihnachtsbaum bestaunen, Lieder absingen, begleitet von dem kleinen Sven auf der Blockflöte und seiner älteren Schwester Linda. die dazu auf ihrer Geige quietschte. Nicht nur für meine Ohren die nackte Pein, wie das Gejaule von Rauhaardackel Paulchen bezeugte.

Aber Oma lächelte verklärt, was ich nicht nachvollziehen konnte, mussten die Rückkopplungen in ihrem Hörgerät den Genuss von „Kommet ihr Hirten“ doch erheblich geschmälert haben. Na ja, das Alter lässt uns weiser und milder werden. Hirten waren indes weit und breit keine in Sicht. Offensichtlich verstehen sie nicht nur was vom Schafe hüten, sondern auch von guter Musik.

Übrigens waren bei unseren Weihnachtsfeiern sämtliche Weihnachtslieder genehm, abgesehen von „Ihr Kinderlein kommet.“ Iris meinte, zwei seien für sie als Alleinerziehende mehr als reichlich.

Wild entschlossen am diesen Heiligen Abend für Abhilfe und Linderung zu sorgen, bot ich an, mich im Vorfeld um die Kinder zu kümmern, um mal etwas anderes darzubieten. Erstaunlich, dass sämtliche Familienmitglieder bei einer telefonischen Umfrage zuvor vehement zugestimmt hatten.

Eigentlich wäre ich lieber in sonnigere Gefilde geflohen, aber meine Gebieterin verwies meinen Antrag ins Reich der Fantasie. „Das können wir Oma nicht antun. Wer weiß, wie viele Weihnachten sie noch hat.“

„Viele“, vermutete ich. „Die Frau hat fünf Kinder geboren und den Krieg überstanden. Die ist zäh.“

Also keine Chance und als erfahrener Ehemann weißt du, wann jeder weitere Widerstand zwecklos ist. Dieser Kelch würde auch dieses Jahr wieder nicht an mir vorüber gehen.

Also Augen zu und durch. Der Ablauf wie gehabt. Dann hatten wir die Bescherung. Wir Erwachsenen schenkten uns seit Jahren schon nichts mehr. Auch nicht dem Lebenspartner. Was willst du deiner Göttin auch noch für Opfergaben bringen, einer Frau, die eh schon alles besaß?

Von den lieben Verwandten bekamen wir ohnehin nur das zurückgeschenkt, was wir ihnen beim Schrottwichteln letztes Jahr angedreht hatten.

Den Kindern wurden allerdings nicht so einfach ihre in buntem Packpapier eingewickelten Gaben überreicht, sondern erst nach einem letzten kulturellen Beitrag, sei es ein Gedicht oder weiteres Liedgut, diese Mal jedoch mündlich vorgetragen und genau darauf beruhte mein Plan, diesem Spektakel für immer ein Ende zu bereiten.

Sven begann mit einem Tango von mir auf dem Akkordeon begleitet. Der kleine  Wonneproppen trällerte dazu folgenden von mir mühsam eingebläuten Text:

Advent, Advent ein Lichtlein brennt

Advent Advent ein Lichtlein brennt

Erste eins, dann zwei, dann drei, dann vier,

dann steht das Christkind vor der Tür.

Im Anschluss brüllte er: „Und wenn das fünfte Lichtlein brennt, dann haste Weihnachten verpennt!“

Statt der erwarteten Standing Ovations eisernes Schweigen. Selbst Paulchen gab keinen Laut von sich.

Nachdem der erste Schock verdaut war und Oma ihre Sprache wiedergefunden hatte, wurde dieser Aussetzer noch seinem zarten Alter und diesen vermaledeiten Gören in der Kita Hotzenplotz zugeschrieben. Nun lauschten wir Lindas lyrischem Vortrag:

Denkt Euch, ich habe das Christkind gesehen

es kam aus der Kneipe, konnte kaum noch stehen

Es wankte hinüber zum Tannenwald

denn es hatte den Arsch voll Hannen Alt.

Nun folgten fast tumultartige Szenen. Blankes Entsetzen. Oma rang um Fassung und auch SM, also meine Schwiegermutter, konnte es nicht glauben. Das wilde Durcheinander gipfelte in der Frage: „Wer bringt den Kind nur so einen Unfug bei?“

Zwei ausgestreckte nackte Zeigefinger und zehn Augenpaare vereinigten sich auf mich.

„Ja, nu. Mal was anderes“, rechtfertigte ich mich. „Heute sollte ein Fest der Freude sein. Warum dann diese beklemmende Betroffenheit? Uns ist der Heiland geboren, der Retter, der Erlöser.“

Apropos Erlöser.  Wo bleibt der Kerl nur? Jetzt wäre eine super Gelegenheit zu erscheinen.“, dachte ich.

Er ließ mich aber schnöde im Stich. Auch die Heiligen drei Könige schienen verhindert gewesen zu sein und glänzten durch Abwesenheit.

Aber meine weisen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht.

Bei Kartoffelsalat und Würstchen, meinte Opa Karl, er hätte auch noch etwas in dieser Richtung auf Lager: Oh, Tannenbaum, oh Tannenbaum. Der Kaiser hat in Sack gehauen. Jetzt kauft er sich `nen Henkelmann und fängt bei Krupp als Dreher an und Tante Inge fügte hinzu: Es ist ein Ross entsprungen aus Philipps Pferdestall. Ich bin ihm nachgesprungen bis auffem Sonnenwall.“

Die bis dahin noch etwas angespannte Atmosphäre lockerte sich nach jedem weiteren alkoholhaltigen Getränk mehr. Davon wurde reichlich genossen, wegen der Mayo im Salat. Nur Iris war sauer, weil auch Fleischwurst drin war und sie sich als Vegetarierin mit einem Butterbrot begnügen musste.

Ja nu. Kartoffelsalat und Würstchen waren Tradition und in einem guten Kartoffelsalat gehört nun mal Fleischwurst.

Anschließend musste ich noch ein paar fröhlichere Lieder auf dem Akkordeon begleiten. Von wegen stille Nacht.

Stille Nacht, heilige Nacht. Dat Christkind hat mir ein Püppken gebracht. Von mein Vatter und Mutter ihr Geld hatt es mir unter den Christbaum gestellt.

Leider war es später wie immer, nur Iris musste ihr Essen selber mitbringen. Okay, du kannst nicht alles haben. Auf die Kanaren sind wir übrigens im Januar geflogen. War auch ganz nett.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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