Heinz-Walter Hoetter

Ein neuer Gott

Ich wachte benommen auf und fragte mich sofort, wo ich bin. Ich lag in einem festlich ausgeschmückten Tempel und nicht in meinem Bett. „Träum’ ich oder wach’ ich?“, fragte ich mich. Dann sah ich den dicken Gott auf seinem Podest, der mich mit seinen großen Glubschaugen missmutig anstarrte. Grollend sprach er zu mir: „Meine Zeit ist abgelaufen. Den ewigen Gesetzen unserer religiösen Ordnung nach muss der alte Gott die Macht an einen jüngeren abtreten. Man hat dich dazu auserwählt der neue Gott zu sein. So soll es geschehen! Ich füge mich meinem Schicksal und trete ab.“

Der dicke Gott stieß einen fast unhörbaren Schrei aus, bevor er sich langsam von oben beginnend nach unten hin in einer kleinen weißen Wolke auflöste, bis er schließlich ganz verschwunden war.

Draußen vor dem Tempel stand eine unübersehbare Menge kreischender Menschen. Es kam zu tumultartigen Szenen, weil die anwesenden Priester die fanatisierten Gläubigen noch nicht zu ihrem Gott lassen konnten, denn die Zeremonie musste erst nach ganz bestimmten Regeln beendet werden. Die mächtigen, hölzernen Tore des Tempels blieben deshalb vorerst geschlossen.

Rasch packten mich zwei Priester mit ihren kräftigen Händen und hoben mich auf das leer stehende Podest. Sie rissen mir den Schlafanzug vom Leib, bis ich völlig nackt da stand. Ich konnte mich nicht dagegen wehren, ich war wie gelähmt und deshalb völlig wehrlos.

Plötzlich blähte sich mein Körper auf. Er wurde dicker und dicker und schließlich bekam ich sogar noch Glubschaugen. Seltsamerweise verspürte ich bei dieser Metamorphose keinerlei Schmerzen. Als ich offenbar die vorgesehene Größe des neuen Gottes erreicht hatte, war ich so hoch wie ein Mehrfamilienhaus geworden. Dann erstarrte ich langsam zu einem steinernen Koloss. Meine fünf Sinne funktionierten noch, denn ich bekam um mich herum alles genau mit.

Etwas später entfernten die Priester des Tempels alle sichtbaren Spuren meiner geheimnisvollen Verwandlung. Anschließend öffneten sie die breiten Holztore des Tempeleinganges und die Menschenmassen strömten herein. Einer nach dem anderen legten sie kostbare Edelsteine und Gold vor meine Füße. Meinen fülligen Bauch strichen sie mit Butter ein oder umgaben mich mit wohlriechenden Räucherstäbchen, die langsam vor mir abbrannten. Die Menge warf sich vor mir auf die Knie, viele von ihnen schenkten mir schöne Blumen oder bunt flatternde Papierstreifen. Sie beteten mich an und baten mich um Vergebung für ihre Sünden. Andere wiederum flehten mich um Hilfe an. So ging das Tag für Tag im gleichen Rhythmus weiter. Sie ließen mir bald keine Ruhe mehr.

Da ich aber jetzt ein neuer Gott war, ausgestattet mit frischen Kräften, half ich natürlich überall so gut ich nur konnte. Ich nahm mein heiliges Amt sehr ernst. Überall im Land waren die Menschen überaus glücklich und zufrieden. Ihr Glaube an mich wurde immer stärker. Bald standen sie völlig unter meiner Kontrolle und in diesem Stadium hätten sie alles für mich getan.

Vor allen Dingen meinen Priestern überkam bald eine große Genugtuung, denn auch ihre Macht über das religiöse Volk war damit für lange Zeit gesichert.

Der Kreis schloss sich wieder...
 

Ende

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