Heinz-Walter Hoetter

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Ein riesiges Luftschiff schwebte am blaugrauen Himmel und zog ein flatterndes Transparent hinter sich her mit der Aufschrift:


 

RUHE IST DIE ERSTE BÜRGERPFLICHT!

 

Im Jahr 2025 war der Traum von einer geeinten Welt endlich kein Traum mehr. Die Menschheit hatte sich in ihrer langen Entwicklungszeit immer wieder gegenseitig die Köpfe eingeschlagen, bis es ihr endlich gelungen war, eine stabile, den ganzen Planeten Erde umfassende Zivilisation aufzubauen. Letztlich war es jedoch pure Notwendigkeit gewesen, wollten die Menschen mit ihren Kulturen nicht im gnadenlosen Feuer einer nuklearen Katastrophe verglühen.

 

Doch jetzt bewohnten sie eine geeinte Welt und das Lebewesen Mensch war glücklich und zufrieden darüber. Es schien jedenfalls rein äußerlich so.

 

An die Stelle einer Unzahl unterschiedlicher Zivilisationen, Völker und Kulturen war nur eine einzige getreten, die sich rund um den Globus ausgebreitet hatte, und die im Prinzip westlich orientiert war. Mit ihrem unglaublichen technologischen Vorsprung schlug sie überall Wurzeln und wo sie mit frischem Nährboden in Berührung gekommen war, verdrängte sie jede andere Art zu leben.

 

In dieser geeinten Welt herrschte tatsächlich Frieden, wenngleich sie eine standardisierte, eine gleichförmige, von Wohlstand geprägte Zivilisation war, die auch nur eine Religion kannte.

 

Aber wie alles beim Menschen hatte die Sache auch einen Haken, obwohl es ziemlich lange dauerte, bis dieser offenkundig zutage trat. In ihrer verständlichen Hast hatten sie leider einige grundlegende Punkte übersehen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten.

 

Der schöne neue Weltstaat bedeutete nämlich auch, dass es jetzt nur ein einziges, überall gültiges Kulturmuster gab, da die geschichtliche Entwicklung nicht zu einem geordneten Zusammenspiel der Unterschiede, sondern zu deren totaler Beseitigung geführt hatte.

 

Natürlich war diese neue Kultur im großen und ganzen keine schlechte, und das Lebewesen Mensch hatte es besser denn je zuvor in seiner langen Geschichte. In der Tat war es ein Leben im Überfluss, eine Kultur der unbeschränkten technischen Möglichkeiten, eine religiöse Philosophie, die auf der Würde des Menschen aufbaute. Die Erde ähnelte immer mehr einem Paradies. Die Energie der Sonne wurde nutzbar gemacht und die Ödländer der Arktis, der Wüsten und Steppen wurden in fruchtbares grünes Land verwandelt.

 

Dann kam der Tag, an dem der Mensch das Sonnensystem zu erforschen begann und mit großen Raumschiffen jeden Planeten anflog, den er erreichen konnte. Er registrierte und katalogisierte – und ignorierte, denn im Gegensatz zu früheren Ansichten stellte sich heraus, dass fast jeder Planet zwar mehr oder weniger bewohnbar war, aber für die Menschen selbst in der Regel kein angenehmer Aufenthalt darstellte. Daher kam man zu dem fatalen Ergebnis, dass kein Planet im eigenen Sonnensystem es wert war, kolonisiert zu werden.

 

Da die Erde darüber hinaus eine Paradies ähnliche Welt geworden war, wollte sich natürlich niemand den Strapazen eines entbehrungsreichen Lebens auf einem unwirtlichen Planeten, wie z. B. dem fast wasserlosen Mars, aussetzen.

 

Die zufriedene Menschheit blieb also lieber zu Hause, da ihr die Erde jetzt gut genug geworden war. Sie liebten sie, sie schützten sie und verherrlichten sie förmlich über alle Maßen.

 

Das Leben in dieser absolut zufriedenen Zivilisation schuf darüber hinaus eine neue goldene Regel, die da hieß: RUHE IST DIE ERSTE BÜRGERPFLICHT!

 

Im Jahre 2100 hatte diese Einheitszivilisation jedoch ihr innovatives Pulver verschossen. Sie wurde immer mehr zu einer statischen Kultur, die förmlich einfror. Sie begann sich zu wiederholen, immer und immer wieder. Sie drehte sich im Kreis des ewigen Mittelmaßes, der keine Unterschiede zuließ. Sie war zwar nicht dekadent und komischer Weise auch nicht rückschrittlich, nein. Die Menschen waren in ihr einfach unendlich glücklich und zufrieden, wie sie es noch nie zuvor gewesen sind. Alle hatten reichlich zu essen, keiner brauchte auf irgendwelche Bequemlichkeiten zu verzichten. Es gab keine Kriege, keine Kriminalität, kein Hunger und kein Elend mehr.

RUHE IST DIE ERSTE BÜRGERPFLICHT blieb die goldene Regel, an der alle eisern festhielten.

 

Doch gewisse Anzeichen der Gefahr zeigten sich schon bald hier und da. Aber keiner bemerkte sie oder wollte sie bemerken.

 

Der Verlust der kulturellen Vitalität, der fruchtbaren zivilisatorischen Unterschiede und der belebenden Konkurrenz der Verschiedenheit der Rassen und Völker zeigten bald ihre verheerende Wirkung. Die Geburtenrate begann zu sinken, die Selbstmordzahlen stiegen schleichend in die Höhe, obwohl die gesamte Menschheit in einem nie gekannten Wohlstand lebte. Die Menschen töteten sich aus Gründen, die fast lächerlich anmuteten. Jedweder Überlebenstrieb war in ihnen abgestorben.

 

Die weltweite Einheitskultur wurde ziellos. Sie war dem Verfall ausgeliefert, und eine um sich greifende, tödliche Langeweile war die Ursache dafür.

 

Die meisten Leute bemerkten das natürlich nicht, was um sie herum geschah. Wie sollten sie auch? Ihr Leben war geregelt, von Wohlstand und Sicherheit geprägt und niemand hatte auch nur ein Funken Interesse daran, das zu ändern.

 

Friede und Wohlstand auf der Erde waren mit dem Preis der Gleichgültigkeit erkauft worden. Die ganze Kultur des neuen goldenen Zeitalters war auf einem System aufgebaut, in dem fast jeder Mensch gleich dachte, gleich redete und gleich glaubte. Der Mensch hatte das ja schon immer so gewollt und jetzt war er nicht mehr dazu imstande einen Wechsel herbeizuführen.

 

Der Traum vom Paradies wurde langsam zum Albtraum. Aber das Motto blieb:

 

RUHE IST DIE ERSTE BÜRGERPFLICHT!

 

 

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

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