Paul Theobald

Lottoglück

Als es in den Arbeiterhaushalten noch keinen Fernseher gab, weil sie sich diesen finanziell nicht leisten konnten, wurde die Ziehung der Lottozahlen nicht im Fernsehen übertragen, sondern die Lottozahlen wurden im Rundfunk bekanntgegeben. Das geschah, wenn die Ziehung bereits erfolgt war, samstags nach den 22 Uhr-Nachrichten. Wir Kinder hatten dann mucksmäuschenstill zu sein, denn meine Mutter wollte die Lottozahlen hören und schrieb diese auf einen Zettel auf. Dann wurde der Lottoschein hervorgeholt und die Zahlen verglichen. Meine Mutter füllte auf dem Lottoschein immer 4 Kästchen mit denselben Zahlen aus.
Meine Mutter gehörte zu den Personen, die fast nie das Glück hatten, einen großen Gewinn zu erzielen. Ab und zu hatte sie drei Richtige, ganz selten vier. Trotzdem wurde jede Woche freitags, wenn Markttag war, der Lottoschein beim Zigarrenhaus Götterer in der Bahnhofstraße abgegeben. Das Mittwochslotto wurde erst später eingeführt und die Gewinnklassen waren damals: 6 Richtige, 5 Richtige mit Zusatzzahl, 5 Richtige, 4 Richtige und 3 Richtige. Der Höchstgewinn bei 6 Richtigen war 500.000 DM.
Doch dann muss der liebe Herrgott Erbarmen mit meiner Mutter gehabt haben, denn an einem Samstagabend stimmten 5 Zahlen von den 6, die meine Mutter auf einen Zettel geschrieben hatte, mit denen in einem Kästchen des Lottoscheines überein. Mehrmals schaute meine Mutter auf den Zettel und dann auf den Lottoschein. Sie hatte richtig gesehen. Sie hatte 5 Richtige. Die Freude war groß und man träumte von einem hohen Gewinn. Man kramte die alte Zeitung hervor, in der die Gewinnquoten der vorigen Ziehung standen, stellte erfreut fest, dass es eine größere Summe war, die für 5 Richtige gezahlt wurden und meine Mutter ging selbstverständlich davon aus, dass es auch diese Woche so sein wird. Meine Mutter nahm die Verteilung des Gewinns vor und meine älteren Geschwister träumten davon, sich jetzt einen lang ersehnten Wunsch erfüllen zu können. Doch dann kam die böse Überraschung.
Der liebe Herrgott musste an diesem Wochenende mehrere Menschen in sein Herz geschlossen haben, denn es gab etliche Personen, die 6 Richtige, 5 mit Zusatzzahl oder 5 Richtige hatten. Entsprechend fiel die Gewinnquote niedrig aus und von dem Betrag, den man sich erhofft hatte, gab es nur 1/10. Ich sagte zu meiner Mutter: „Das macht doch nichts. Von dem Betrag, den du deinen ältesten Kindern geben wolltest, ich gehörte nicht zu diesen, streichst du die letzte Null weg und schon stimmt es.“ Dafür erhielt ich von ihr eine schallende Ohrfeige.
Es verging eine längere Zeit. Dann kam der Tag, an dem meine Mutter fast sechs Richtige hatte. Der Herrgott wollte wohl, dass meine Mutter an 6 Richtigen schnuppert, aber nicht bekommen sollte. Wie sie die aufgeschriebenen Zahlen mit denen in ihrem Lottoschein verglich, stellte sie fest, dass sie in einem Kästchen sechsmal eine Zahl daneben lag. So hatte sie anstatt die Zahl 5 die Zahl 6 in ihrem Lottoschein angekreuzt. So war es auch bei den anderen Gewinnzahlen der Fall. Meine Mutter sagte zu mir: „Ist das nicht ärgerlich, sechsmal so knapp daneben zu liegen?“ Ich antwortete: „Freu‘ dich darüber, dass du so nahe herangekommen bist, denn Andere hatten nicht dieses Glück.“

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