Marlene Remen

HALLO, ICH BIN MARCEL 3

Schön ist es hier, ich habe jetzt ein viel größeres Bettchen, viel mehr Platz drin.
Es gibt aber scheinbar noch mehr Leute, die erkenne ich schon an den Stimmen.
Eine ist ganz tief, die höre ich aber nicht so oft, ist wohl nicht immer da. Dann
fühle ich auch eine kleine Hand, die mich streichelt, die mag ich auch und auch die
Stimme, die dazu gehört. Immer, wenn ich Hunger habe, gibt es was Leckeres zu
trinken, das mag ich gerne. Bäuerchen machen und eine saubere Windel gibts dann
auch. Aber irgendwas kann nicht stimmen bei mir, warum muß ich soviel schreien,
warum nur ?


Heute hat sie mich auf den Arm genommen und ihr Gesicht war ganz naß, was ist
nur los ? Ich kann sie jetzt schon ein bißchen sehen, aber sie weiß das nicht, mir
gefällt ihr Gesicht. Ich werde komplett angezogen und alle gehen aus der Wohnung.
Dann kommt wieder das Schaukeln und dieses summende Geräusch, welches ich
so gerne mag. Das dauert diesmal aber länger als sonst und ich bin eingeschlafen.
Wach geworden und direkt gemerkt, daß ich nicht in meinem Bettchen liege und
laut protestiert.

Sie ist nicht da und kommt auch nicht, dafür eine Stimme, die ich noch nie gehört habe
und ein fremdes Gesicht, was soll das ? Ich habe Angst und schreie immer mehr. Das
fremde Gesicht gibt mir etwas zu trinken, aber ich mag es nicht, es schmeckt ganz
furchtbar. Hunger habe ich ja, aber waum gibt sie mir dieses scheußliche Zeug ?
Aua, warum sticht sie mir denn in den Arm, das tut weh. So geht das immer weiter,
das fiese Zeug trinken, was nicht schmeckt und dann das Picken in den Arm, aufhören !!

Sie ist wieder gekommen, ja, sie kommt jeden Tag und dann geht es mir gut. Schmusen,
Küßchen, Streicheln, das ist schön, bitte weitermachen. Dann nimmt sie mich wieder mit,
nach Hause und jetzt weiß ich auch, wer sie ist :
"Das ist meine Mama und die tiefe Stimme ist mein Papa, auch die kleine Hand streichelt
mich wieder, sie ist ganz weich." Endlich schlafe ich wieder in meinem Bettchen, nur das
Einzige, was ich nicht mag, ich muß immer noch diese scheußliche Zeug trinken, aber ich
habe mich schon daran gewöhnt und auch mein Bauch tut nicht mehr so weh, also,
hinein. Picken in den Arm ist auch ab und zu angesagt, aber nicht so oft, geht ja noch!


Zur Erklärung :
Sechs Wochen nach Marcels Geburt bekam ich den Bescheid vom Krankenhaus, das bei
der Guthry-Probe eine P K U festgestellt worden ist. PKU  bedeutet  Phenylketunurie
und das ist eine Stoffwechselerkrankung. Phenyl ist in tierischem und auch in pflanzlichen
Eiweiß. Mit einer fast eiweißlosen Diät kann diese Erkrankung jedoch sehr gut behandelt
werden. Regelmäßige Blutkontrollen und die Einhaltung dieser Diät ist jedoch absolut
erforderlich. Nach einem, je nach Alter des Kindes angepaßtem Diätplan und mit abgewogenen
Nahrungsmittel kann ein Kind mit dieser Erkrankung eine ganz normale Entwicklung
durchleben. Allerdings muß diese Erkrankung bis zu einem Alter von 6 Monaten erkannt sein,
weil es sonst zu irreparablen Schäden der gesamten Organe und vor allen Dingen des
Gehirns kommen kann.


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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