Iris Klinge

Am Ende des Lebens

muss nicht jder zwangsläufig allein sein. Doch je älter wir werden, desto weniger gleichaltrige Menschen bleiben uns erhalten, und wer Glück hat, kann neue, jüngere Freunde finden und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch kann, wer eine Familie und Enkel hat, sich als fürsorgliche Oma (oder Opa) zur Verfügung stellen.

Was bleibt übrig am Ende eines langen Lebens? Die Erinnerungen, die Erfahrungen, die Weisheit und das Bemühen, die letzten noch verbleibenden Jahre so gesund und entspannt wie möglich zu verbringen.

Für mich war es gut, rechtzeitig aus dem Gefängnis der Ehe ausgebrochen zu sein, um mich nicht länger verbiegen zu müssen und endlich wieder authentisch werden zu können. Geld verdienen war mir nie erstrebenswert. Luxus Güter hatten keinen Reiz für mich, doch die Freiheit konnte mir niemand verwehren. Das Hamsterrad vieler Berufstätiger ist mir als Aussteigerin erspart geblieben.

Anstatt in meinen früheren Beruf zurück zu kehren, wanderte ich nach Südamerika aus zu einer Zeit, als dort die Wirtschaftskrisen für Europäer ein wahres El Dorado darstellten. Mit ein wenig geerbtem Geld kaufte ich Immobilien, renovierte sie und machte reichlich Gewinn beim Wiederverkauf. Als die Gefahren durch Drogen und Waffen zunahmen, kehrte ich nach 13 Jahren wieder in die alte Heimat zurück.

Durch frühzeitige Umstellung meiner Ernährung und intensive sportliche Betätigung blieb mir die Vitalität bis heute erhalten. Die Neugier auf weitere ferne Länder führte mich auf alle fünf Kontinente und zu vielen interessanten Begegnungen mit ungewöhnlichen Menschen. Es entstanden neue Freundschaften, die teilweise bis heute andauern.
Auch war es Glück, in den Endsechzigern noch einen netten und gesunden Lebenspartner gefunden zu haben. Nun sind wir schon 10 Jahre gemeinsam durch einige exotische Länder gereist und verbringen zur Zeit unseren Unruhestand in Teneriffa.

Kopfschüttelnd sehe ich, wie die Jüngeren an ihren Smartphones kleben. Ich erlaube mir den Luxus, nicht ständig erreichbar zu sein. Auch der Fernseher bleibt meistens aus. Das Angebot erscheint mir immer weniger interessant. Dagegen lese ich lieber eines meiner vielen Bücher und bin froh, nicht „in“ sondern altmodisch zu sein. Es gibt noch viel zu tun, überall wird Hilfe gebraucht.

Ein weiterer Pluspunkt meiner langen Auslands Aufenthalte: ich habe gelernt, mich über alle Regeln und Konventionen hinwegzusetzen. Früher in der Enge des katholischen Freiburg hieß es immer: „Kind, was sollen denn die Leute denken?“ Heute ist es mir egal, was die Nachbarn oder andere Leute sagen. Ich gehöre nirgends mehr dazu und tue, was ich will.

Eine lustige Begebenheit bleibt mir immer in Erinnerung. Ich war 15 und mit meinen Eltern in Spanien unterwegs. Wir besuchten meine Tante in einem kleinen Dorf an der Costa Brava. Es war Sommer, und ich spazierte barfuß durch die alten Gassen, ahnungslos, welche Entrüstung ich bei den Einheimischen auslöste. Sie glaubten, ein Zigeunermädchen habe sich in ihrem Dorf verirrt, denn niemand hätte es gewagt, ohne Schuhe herumzulaufen. Später wurde ich dann über mein „Vergehen“ aufgeklärt. Heute laufe ich barfuß, wann und wo es mir gefällt. Stöckelschuhe oder Schminken kommt schon lange nicht mehr in Frage. Zu meinen Falten stehe ich nach dem Motto „Schönheit kommt von innen“.

Wann ist man alt? Auch mit Achtzig gibt es noch viele Dinge zu entdecken, voraus gesetzt, Körper und Geist sind nicht eingerostet. Und eine Umsiedlung in ein Seniorenheim kann ich mir nicht vorstellen. War es das Glück guter Gene – eine seltene Blutgruppe von meiner baskischen Großmutter geerbt, dort hat es niemals Krebs gegeben – oder Führung, die mich die richtigen Entscheidungen treffen ließ? Ich vermute, eine Mischung günstiger Umstände hat mich vor Krankheiten, Unfällen oder Schicksalsschlägen bewahrt.

So hoffe ich, das Ende des Lebens unbeschwert und in Dankbarkeit für alle reichen Geschenke erreichen zu können, und wie meine Mutter mit über neunzig ohne Krankheit einschlafen zu dürfen. Dies wünsche ich allen Jungen. Sie mögen rechtzeitig ihre Lebenweise in gesündere Bahnen lenken, Stress abbauen und sich um gute soziale Kontakte bemühen - eine gute Voraussetzung, ein friedliches Ende eines langen Lebens zu erreichen.





 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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