Claudia Savelsberg

Komische Kreaturen


Miranda war gerade erst auf der Erde gelandet. Die weisen Frauen des Senats ihres Planeten Gaia hatten sie in die Welt der Menschen geschickt, um deren Sitten zu erkunden.
Vor allen Dingen das Verhalten der Männer, wobei man sich auf Gaia nicht sicher war, ob diese auch zur Gattung Mensch gehörten. Auf dem Planeten, der nur von Frauen bewohnt wurde, hatte man schon merkwürdige Dinge über diese Männer gehört. Sie mussten eine ganz besondere Spezies sein.
Miranda war von kleinem Wuchs, ihre Körpergröße betrug vierzig Zentimeter. In Relation zu ihrer Größe war ihr Kopf recht groß und ihr Arme lang.
Auf Gaia entsprach sie damit dem gängigen Schönheitsideal, aber sie wusste, dass Menschen sie vermutlich als Gnom bezeichnet hätten. Diesen Begriff kannte sie aus ihrem intergalaktischen Wörterbuch. Vielleicht würde sie aufgrund ihrer Andersartigkeit sogar angegriffen und vertrieben.
Die weisen Frauen hatten ihr gesagt, dass Menschen feindselig werden konnten, wenn sie einem fremden Lebewesen begegneten. Aber Miranda hatte keine Angst, da sie klein war, würde sie sich immer und überall vor den Menschen verstecken können.
Die weisen Frauen hatten Miranda gut auf ihre Aufgabe vorbereitet. Sie lernte die menschliche Sprache und las viel über die sogenannte Evolution. Miranda war sehr klug und hatte eine schnelle Auffassungsgabe. Deshalb hatte man sie für die Expedition zur Erde ausgewählt, der geheime Code für das Unternehmen lautete „Mission Männer.“ Auf Gaia erwartete man tägliche Berichte von Miranda unter dem Kürzel „MM.“
Als erstes wollte sich Miranda in der Berufswelt der Männer umsehen. In einer großen Firma versteckte sie sich unter dem Tisch eines Konferenzraumes, im dem eine „Teamsitzung“ stattfinden sollte. Zuerst kamen zwei Frauen, die sich schweigend setzten und ihre Unterlagen ordentlich auf den Tisch legten. Sie schwiegen auch während der Sitzung, weil sie von den Männern nicht nach ihrer Meinung gefragt wurden. Miranda fand dies höchst unverständlich und fragte sich, ob Frauen in der Männerwelt nur Beta-Tiere wären.
Dann erschienen sechs Männer, die sich breitbeinig an den Konferenztisch setzten, sehr viel und sehr laut redeten, als müssten sie sich gegenseitig überbieten. Dabei richteten sie den Knoten ihrer Krawatte und zogen ihre Manschetten zurecht. „Wahrscheinlich ist das ein typisches Imponiergehabe unter Alfa-Tieren“, dachte Miranda. Beeindruckt war sie aber nicht.
Schließlich kam der Chef, um die Teamsitzung zu eröffnen. Die Firma plante ein neues Projekt, und jeder der Anwesenden sollte seine Ideen dazu äußern. Der Chef fragte den ersten Mann, der gleich einen Vorschlag hatte. Dann fragte der Chef den zweiten Mann. Dieser wiederholte, was der erste Mann gesagt hatte und führte dann seine eigene Idee aus. Dann fragte der Chef den dritten Mann. Dieser wiederholte, was der erste und der zweite Mann gesagt hatten, um dann seine eigenen Vorstellungen darzulegen. Und so ging es weiter, bis jeder seine Meinung geäußert hatte. Miranda musste unter dem Tisch ein Gähnen unterdrücken. Was für eine Zeitverschwendung.
Auf dem Planenten Gaia gab es jede Woche die „Sonntags-Runde“, in der besondere Ereignisse der vergangenen Woche besprochen wurden und Pläne für die kommende Woche aufgestellt wurden. Das ging recht schnell, weil sich die Frauen von Gaia präzise, durchdacht und ohne Umschweife zu den Themen äußerten. Aber diese Teamsitzung der Männer, die Miranda gerade erlebt hatte? Alle hatten alles doppelt gesagt, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Sie sind eben eitel“, dachte Miranda. Ihren Bericht schickte sie unter dem Kürzel „MM“ an Gaia.
Die weisen Frauen hatten Miranda geraten, sich unbedingt ein Fußballspiel anzuschauen; denn dabei könnte sie sehr viel über das Wesen der Männern lernen, weil sie diesen Sport liebten und sich ihm hingebungsvoll widmeten. Vielleicht mehr als ihren Familien, wie gesagt wurde. Aber dies hielt man auf Gaia für ein böses Gerücht. So schlimm konnten die Männer doch nicht sein, oder?
In einem großen Fußballstadion versteckte sich Miranda unter der Trainerbank; denn von hier aus hatte sie einen guten Blick auf den Platz. Die Regeln des ihr unbekannten Spiels hatte sie schnell verstanden. Auf dem Spielfeld standen sich zwei Mannschaften gegenüber, die in unterschiedliche Farben gekleidet waren, damit man sie besser auseinanderhalten konnte.
Bei diesem amüsanten Spiel ging es darum, dass jede Mannschaft einen Ball in das Tor des Gegners schießen sollte. Dabei strengten sie sich mächtig an und rannten enorm viel. Manchmal machte ein Spieler sogar eine „Schwalbe.“ Diesen Begriff kannte Miranda nicht, aber offensichtlich war dieser Vogel nicht beliebt; denn er wurde immer ausgebuht. Am Spielfeldrand beobachtete Miranda ein Mann mit Pfeife, dessen Funktion sie nicht kannte. Manchmal zog er eine gelbe oder eine rote Karten aus seiner Gesäßtasche. Offensichtlich gefiel das vielen Männern nicht; denn sie protestierten und waren wütend. Miranda konnte die Aufregung nicht verstehen. Der Mann mit der Pfeife machte doch nur seinen Job.
Wenn ein Tor gefallen war, sprangen die Männer von ihren Sitzen auf, jubelten wild, schwenkten Fähnchen und fielen sich gegenseitig in die Arme. Miranda war irritiert. Wozu die ganze Aufregung ? Es war doch nur ein lustiges Spiel. Gab es nichts Wichtigeres auf der Erde? „Männer haben ein kindliches Gemüt. Vermutlich werden sie nie erwachsen“, dachte Miranda. Ihren Bericht schickte sie unter dem Kürzel „MM“ an Gaia.
Bei sommerlichen Temperaturen standen Männer oft im Garten und legten rohes Fleisch auf ein Rost, unter dem sie Feuer gemacht hatten. Das nannten sie „grillen“, wie es Miranda in ihrem intergalaktischen Wörterbuch lesen konnte. Mit stolzer Miene wendeten die Männer das Fleisch immer wieder bis es gar war und servierten es dann mit großer Geste.
Miranda hatte sich mit der Geschichte der Menschheit vertraut gemacht und wusste, dass Männer vor Jahrtausenden in der Steinzeit Jäger und Sammler gewesen waren. Sie erlegten ein Tier, häuteten es und brachten es zu ihrem Stamm, damit alle Nahrung hatten und überlebten. Das war eine große Leistung in diesen Zeiten, auf die Männer stolz sein konnten. Aber die heutigen Männer waren auch stolz auf dieses rohe Fleisch. Warum? Sie hatten das Wild nicht selbst erlegt und gehäutet. „Vielleicht haben sie heute noch den Instinkt eines Steinzeitmenschen“, dachte Miranda. Sie fand es merkwürdig. Ihren Bericht schickte sie unter dem Kürzel „MM“ an Gaia.
Männer sprachen gerne und oft über Sex, das hatte Miranda bei ihrem Aufenthalt auf der Erde schnell bemerkt. Sex war der Ausdruck für Fortpflanzung in der Welt der Menschen, das war ihr bekannt. Aber warum mussten die Männer immer wieder darüber reden? Es war doch ein ganz normaler Akt, der keine große Bedeutung hatte.
Auf dem Frauenplaneten Gaia gab es männliche Lebewesen, die in eigenen Häusern wohnten, abseits von den Frauen. Da man sie zur Fortpflanzung brauchte, wurden sie gepflegt und umsorgt. Die männlichen Lebewesen waren nett und lieb, handzahm wie ein Haustier. Wenn eine Frau empfängnisbereit war, durfte ein männliches Lebewesen ihrer Wahl die Nacht mit ihr verbringen.
Die Frauen von Gaia gebaren nur Töchter, was den Fortbestand des Planeten sicherte. Wenn ein männliches Lebewesen zu alt wurde, schickten die Frauen es zurück auf seinen Heimatplaneten Sirius. Dann kamen neue junge und potente männliche Lebewesen auf den Planet Gaia, um den Fortbestand zu sichern.
Miranda saß in der dunklen Ecke einer Kneipe und schaute den Männern zu, die an der Theke saßen, Bier tranken und sich unterhielten. Natürlich sprachen sie über Sex und Frauen. Ziemlich laut. Sie redeten über „Riesentitten“ und einen „geilen Arsch.“
Miranda kannte die Bedeutung dieser Ausdrücke nicht und schlug in ihrem galaktischen Wörterbuch nach. Es war offensichtlich nicht nett, was die Männer sagten, und sicher auch herabwürdigend für eine Frau. Miranda schüttelte den Kopf. Auf dem Planeten Gaia wurden Frauen stets mit Respekt behandelt.
Sie sah den Männern an der Theke weiter zu, die immer mehr Bier tranken, und deren Stimmen immer lauter wurden. Es ging immer noch um Sex, und sie witzelten, wer von ihnen wohl „den Größten hätte.“ Das verstand Miranda auch ohne ihr galaktisches Wörterbuch. Unerkannt verließ sie die Kneipe.
„Männer sind komische Kreaturen“, dachte sie. „Wenn diese Spezies so weiterlebt, wird sie sicher bald vom Aussterben bedroht sein.“ Diese Erkenntnis schickte sie unter dem Kürzel „MM“ an Gaia. Miranda hatte die „Mission Männer“ beendet, am nächsten Tagen würde sie wieder auf ihrem Planeten sein. Eine wundervolle Vorstellung!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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