Herrmann Schreiber

Entführt – in die Freiheit!

Mein Vater war Bergmann. Man weiß ja, dass das ein gefährlicher Beruf ist. Und so war ich mit vier Jahren Halbwaise. Meine Mutter war oft krank, kümmerte sich aber mit viel Mühe um mich. Als ich zehn Jahre alt war, wurde es so schlimm, dass sie ins Krankenhaus musste. Das war Ende September. Gertrud, eine Freundin meiner Mutter, nahm mich, etwas widerwillig, zu sich. So gut wie bei meiner Mutter hatte ich es nicht bei ihr.

Ich wohnte nun auch in einem anderen Teil der Stadt, besuchte eine andere Schule, fand aber schnell neue Freude. Leider war ich nicht vorsichtig genug, mit den neuen Freunden. Ich war stolz, dass auch ältere unter ihnen waren, die recht nett mit mir umgingen. Als sie mir eines Tages sagten, sie wollten einem Kameraden einen Streich spielen und mich baten, für sie Schmiere zu stehen, machte ich gern mit. Mit zehn Jahren ahnte ich nicht, dass da etwas nicht stimmen könnte.

Die Sache an sich verlief reibungslos. Aber dann, als sie das Gestohlene verkaufen wollten, flogen sie auf. Sie wurden verhört und so geschickt befragt, dass sie mich als Schmieresteher erwähnten.

So wurde ich auch vernommen. Zunächst von einem recht unsympathischen Herrn Bachmüller, der mich zuerst über meine Familie ausfragte. Ich musste ihm erklären, dass meine allein erziehende Mutter im Krankenhaus lag und dass ich bei einer ihrer Freundinnen wohnte. Offenbar stimmte ihn das misstrauisch, denn als ich ihm dann erzählte, dass ich vom Diebstahl, bei dem ich Schmiere stehen sollte, nichts wusste, glaubte er mir nicht. Er hätte keine Zeit, sich weiter meine Lügen anzuhören. Ich dürfte nicht weiter bei einer allein stehenden Dame wohnen, die nicht berechtigt wäre, gefährdete Jugendliche zu betreuen. Ich würde später von einer Dame empfangen, die mich in ein Heim für schwer erziehbare Kinder „einweisen“ würde.

Die Nacht verbrachte ich, getrennt von den Kameraden, in einem Raum der sonst – dem Geruch nach zu schließen – offenbar als Ernüchterungszelle diente. Am nächsten Tage wurde ich zu einer Dame gerufen, Annette Pressler stand an ihrer Bürotür, die mich mit einem unerwartet freundlichen Lächeln empfing.

„Ich habe mich an deiner Schule nach dir erkundigt“, sagte sie. „Was ich da hörte, passt gar nicht zu dem ‚Mitglied einer jugendlichen Verbrecherbande,’ das du sein sollst“.

Ich erzählte ihr, wie ich, ohne etwas zu ahnen, zu der Beteiligung an dem Diebstahl gekommen war. Die Dame hörte mir aufmerksam zu.

„Ich glaube dir“, antwortete sie. „Aber ich habe sehr strenge Anweisungen. Du darfst nicht dort zurück, wo du gewohnt hast. Ein Heimaufenthalt wird sich nicht vermeiden lassen. Ich glaube jedoch, du bist fähig eine positive Rolle zu spielen. Ich möchte dir etwas vorschlagen. In einem unserer Heime haben wir drei rumänische Kinder, in deinem Alter oder etwas älter. Mit anderen Kindern waren sie bei Erwachsenen, die sie zum Stehlen einsetzten. Sind geschnappt worden. Die restliche Bande unauffindbar. Die drei sind ins Heim gekommen, können kaum deutsch, fühlen sich nicht wohl. Die beiden Lehrer, der sich um die vier Klassen in dem Heim kümmern – jeder eine vormittags, eine andere am Nachmittag - sie haben keine Zeit, sich mit den drei Rumänen zu beschäftigen. Wir suchen nun einen aufgeweckten Jungen, der in dem Zimmer der drei wohnt und mit ihnen deutsch lernt. Würdest du diese Rolle übernehmen?“

Ich dachte eine kurze Zeit nach. Das Essen dürfte in dem Heim nicht viel schlechter sein als bei Gertrud. Und zusammen sein mit Kindern, die aus einem fremden Land stammten, von dem ich gar nicht genau wusste, wo es lag, das wäre mal etwas Neues. Ich war aber vorsichtig, mit meiner Antwort:

„Wenn Sie mir das zutrauen, will ich es gern versuchen. Aber ich kann kein Wort rumänisch, also würde das nur gelingen, wenn ich von denen auch etwas von ihrer Sprache lerne.“

„Da hast du Recht. Ich sehe, du denkst an das, was du zu tun hast. Ich werde dafür sorgen, dass du ein Wörterbuch bekommst.“

Die freundliche Dame nahm mich dann mit, zu dem Heim, wo ich wohnen sollte. Ich sah ein riesiges Haus in dem die Jungen untergebracht waren, daneben ein etwas Kleineres für die Mädchen. Dahinter niedrige Wirtschaftsgebäude. Zwischen den Häusern und rings herum um das Ganze, sehr hohe Zäune oder Mauern.

Die ersten zwei Tage verbrachte ich im „Sonnengarten“ – so hieß das Heim – in einem Zimmer mit Jungen, die kleiner waren als ich, aber alle nur deutsch sprachen. Am dritten Tag holte mich einer der Betreuer zu sich und gab mir ein kleines Wörterbuch, rumänisch-deutsch und deutsch-rumänisch.

„Der jüngste von den dreien“, erklärte er mir, „heißt Iancu, und ist zehn Jahre alt, wie du, aber einige Monate jünger als du. Die anderen beiden sind zwölf Jahre alt, ihre Namen sind Petru und Vasile“.

Der Betreuer nahm mich mit auf das Zimmer der drei und stellte mich vor:

„Das ist Klaus Berger, er wird bei euch wohnen und euch helfen, deutsch zu lernen. Er hat ein Wörterbuch – zeig es ihnen, Klaus – wenn ihr ein Wort wissen wollt, fragt ihn. Seid nett zueinander – ich gehe jetzt.“

Ich weiß nicht, was sie da verstanden hatten. Aber ich hatte in dem Wörterbuch das Wort für Wörterbuch nachgeschaut, auch das für fragen. Das erstere sagte ich, indem ich ihnen das Wörterbuch zeigte, bei dem zweiten deutete ich auf mich. Als Antwort erhielt ich ein Durcheinander von offenbar freundlichen Worten, aber für mich leider unverständlich. Dann zeigte ich auf den jüngsten und sagte „Iancu“. Der freute sich, dass ich seinen Namen wusste. Ich nannte dann den Namen der beiden anderen und erfuhr, dass Vasili der von den drei schwarzhaarigen war, der die dunkelsten Haare hatte. Noch dunkler als schwarz.

Im Zimmer waren zwei Etagenbetten. Petru deutete auf das obere Bett des einen und sagte „Patul tau“. Ich wiederholte das Wort, sagte dann „Dein Bett“ und ließ sie das wiederholen. Ich zeigte dann auf mich und danach auf dass Bett, das Petru als meines erklärt hatte und sagte „Mein Bett“. Dann zeigte ich auf in anderes Bett, blickte fragnd von einem zum anderen. Vasile sagte mir dann „Patul meu“, ich wiederholte und ließ sie „Mein Bett“ wiederholen. So ging das weiter mit Schrank, Tisch und Stuhl – und mit vielem anderen, in den nächsten Tagen.

Iancu lernte am schnellsten – viel schneller deutsch als ich rumänisch. Außerdem war seine Aussprache korrekt, während man bei den beiden anderen, wenn sie deutsch sprachen, immer den Eindruck vom Herabprasseln eines Gerölls schwerer Steine hatte.

Petru lernte am langsamsten. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich mehr rumänisch konnte, als er deutsch. Aber da bin ich mir nicht ganz sicher.

Mit fünf anderen Bewohnern des Sonnengartens hatte ich eine Sonderstellung: ich durfte das Heim verlassen, um zur Schule zu gehen. Auch meine Mutter durfte ich im Krankenhaus besuchen. Die anderen durften nie raus und es wurde sehr aufgepasst, dass keiner auch nur in der Nähe war, wenn man uns das große Hoftor aufschloss.

Unter den außerhalb zur Schule gehenden war auch Constanze. Sie war mit mir in der Klasse und wir gingen immer zusammen zur Schule. Sie erzählte mir, dass sie Vollwaise sei und dass man sie in den Sonnengarten eingewiesen hätte, damit, so hätte man ihr gesagt „die anderen auch mal sehen sollten, wie ein anständiges Mädchen sich benimmt“. Ich erzählte ihr von meinem ähnlichen Fall und von meinen Kameraden, denen ich beim deutsch lernen half. Ich sagte ihr auch ein paar Worte rumänisch und sie behauptete, sie bewundere meine Kenntnisse.

So vergingen Wochen und Monate. Ich verstand mich immer besser mit meinen Zimmerkameraden und auch mit den anderen. Iancu sang oft leise vor sich hin, rumänische Melodien, die sich meist recht traurig anhörten. Manchmal sangen Petru und Vasile mit. Ich war mir sicher, dass sie zu der geplanten Weihnachtsfeier eins ihrer Lieder mit Erfolg vortragen könnten. Sie übten, und es klang recht gut. Nach umfangreichen Blättern im Wörterbuch erstellten wir auch eine deutsche Fassung des Textes. Iancu lernte ihn auswendig.

Beim Weihnachtsfest im Heim traten zuerst die Mädchen mit einem kurzen Sketch auf, danach führten zwei Jungen erstaunliche Zaubertricks vor. Manches sah so aus, als solle gezeigt werden, wie man Leuten etwas aus der Tasche zaubert. Danach kamen die drei Rumänen, mit ihrem langsamen, schwermütigem Lied. Als sie fertig waren, fing ein Mädchen an zu klatschen – das war die Constanze. Alle anderen klatschten auch. Da trat Iancu vor und rezitierte den deutschen Text des Liedes mit sicherer, kaum von Akzent gefärbter Stimme. Wieder rauschender Beifall.

In den nächsten Tagen sah ich zum ersten Mal, dass einige der Heimbewohner beim Ausgang auf dem Hof sich mit den drei Rumänen unterhielten. Mit einer Freundlichkeit, die ich denen nie zugetraut hätte!

Iancu war der erste von meinen rumänischen Kameraden, der mir erzählte, wie er zu der Bande von Klaukindern gekommen war.

„Mein Vater hatte keine Arbeit mehr. Er verließ uns, um in Brasov Arbeit zu finden. Wir – meine Mutter, meine zwei Schwestern und ich – warteten lange auf ihn. Wir hatten kaum mehr etwas zu essen, wenn die mitleidigen Nachbarn uns nicht etwas gaben, mussten wir hungern. Ich meinte, wenn einer weniger da sei, würde es meiner Familie besser gehen. In einer nahen Stadt, hatte ich gehört, gab es ein ausländisches Hilfswerk, das obdachlosen Kindern zu essen gab. Ich beschloss, dahin zu gehen. Ich verabschiedete mich von der Mutter und den Schwestern – viel Tränen – und zog los, mit Valeriu, einem älteren Jungen aus der Nachbarschaft. Wir lebten uns bald ein, in der Stadt. Das Essen war ausreichend. Wir versuchten zu verwerten, was wir auf der Müllhalde fanden. Auf einer verlassenen Baustelle lagen riesige Rohre aus Beton. Da konnte man ganz gut drin schlafen.“

„Auch im Winter?“ unterbrach ich ihn.

„Wahrscheinlich nicht. Deshalb wollte ich fort. Da organisierte jemand einen Geschicklichkeitswettbewerb. Kannst dir vorstellen, was das war. Jemandem was aus der Tasche ziehen, ohne dass er es merkt. Ich war der Jüngste von all den Kindern, der den Test bestand. Kam dann in eine ganz gute Unterkunft, mit den anderen, die die Prüfung bestanden hatten. Drei Wochen erhielten wir dann eine Ausbildung in – auf Deutsch würde das wohl heißen ‚Kleptologie’. Von grieschisch Klephtis, der Dieb, also Klauwissenschaft.“

„Was habt ihr denn da so gelernt?“ fragte ich neugierig.

„Zum Beispiel… An der Haltestelle von der Straßenbahn. Ein Mädchen, in der Hand einen Stadtplan, fragt eine Frau ‚Wie fahren Hauptbahnhof?’ Während die Frau erklärt, schneidet ein Komplize des Mädchens die Henkel der Handtasche der Frau durch, und ein dritter rempelt die Frau an, damit sie nicht merkt, dass sie von der Handtasche erleichtert wird.“

Iancu zitierte noch andere Beispiele seiner Ausbildung und fuhr dann fort:

„Am Ende dieser Ausbildung sagte man uns, wir würden nach Deutschland verfrachtet. Dort wären die Leute so reich, dass sie kaum merken würden, wenn man sie beklaut. Stimmt natürlich nicht, und ich habe mich oft geschämt, wenn ich klauen musste. So, jetzt weißt du alles.“

Vasile konnte bald auch soviel deutsch, dass ich ihn fragen konnte, wie er zu den Klaukindern gekommen war.

„Meine Geschichte ist ganz kurz“, berichtete er. Mein Stiefvater konnte mich nicht leiden. Ich ihn auch nicht. Er kannte jemanden, der Kinder anstellte. Der nahm mich, nach kurzer Prüfung. Ich ging gern mit, denn mein Stiefvater…“

Petru hatte auch nur sehr wenig zu erzählen.

„Ich war in einem Heim für böse Kinder. Viel schlimmer als das hier, viel schlimmer. Bin ausgerissen, war mit Iancu zum Test, hatte schon etwas Erfahrung im Klauen. Also bin ich genommen worden, und nun bin ich hier“.

Vasile war der erste, der mir von seiner Klautätigkeit berichtete.

„Dicke Männer habe ich gern beklaut. Denn wenn sie so dick sind, müssen sie viel zu essen haben, also sind sie reich. Aber unser Chef, der Iliescu, dem war das egal, ob wir Reichen oder Armen was wegnahmen. Einmal hat er uns vor einer Bank warten lassen. Er ist hineingegangen, um zu sehen wer etwas – und wieviel – abhebt. Gleich nach einer alten, gebrechlichen Frau ist er dann herausgekommen, hat uns Zeichen gemacht, wir sollten der Frau folgen. Sie ist dann in ein Haus, wir ihr nach. Haben ihr die Tasche abgenommen. Sie schrie. Wir sind schnell fort. Mit wahrscheinlich der ganzen Monatsrente der Frau. Ich schäme mich jetzt noch“.

*

Es war Anfang Mai, kurz nach meinem elften Geburtstag, als der Direktor des Heimes mich in sein Büro kommen ließ. Ich hatte ein unangenehmes Gefühl, zumal ich dort auch einen der beiden Lehrer sah. Er begrüßte mich aber recht freundlich und sagte:

„Ich habe in einer meiner Klassen den Iancu Gheorghiu. Hat bis jetzt immer still dagesessen, ich habe geglaubt, dass er kein Wort versteht. Als ich den Unterschied zwischen Flugzeug mit Propeller und Düsenflugzeug erklären wollte, habe ich zuerst die Klasse gefragt, ob jemand das schon kenne. Da hat sich der Iancu als einziger gemeldet und hat in recht gutem deutsch die Sache so gut erklärt, dass ich kaum etwas anzufügen hatte. Auf die Frage, wer ihm das beigebracht hätte, hat er gesagt, der Klaus Berger, und als ich wissen wollte, wer ihm so gut deutsch gelehrt hätte, war seine Antwort ‚auch der Klaus Berger’. Stimmt das?“

„Ja, warum nicht?“

„In diesen paar Monaten? Wo du doch selbst noch zur Schule gehst? Du hast doch gar keine pädagogische Ausbildung?“

Da mischte sich der Direktor in das Gespräch:

„Sehen Sie, lieber Schubert, die Fähigkeiten eines Menschen hängt nicht von der Zahl seiner Diplome ab, sondern von seinem Können, seinem Wissen, seinem Wollen. Erzähl mal, Klaus, wie du das gemacht hast!“

„Na ja, erst mit ‚mein Bett’, ‚dein Bett’, ‚dein Stuhl’ und so. Dann kurze Sätze, wie ‚ich kratze mir auf dem Kopf’, ‚ich putze mir die Nase’, ‚ich wasche mir die Hände’. Dann ‚du kratzt dich auf deinem Kopf’, ‚er kratzt sich auf seinem Kopf’, ‚wir kratzen uns auf unseren Köpfen’, auch ‚er kratzt dich auf deinem Kopf’ und so weiter.“

„Das Kopfkratzen und Naseputzen konntest du ihnen vormachen“, sagte der Lehrer, indem er sich auf dem Kopf kratzte, „aber wie war es mit einem Ausdruck wie ‚Verbrennungsvorgang’, den Iancu gebraucht hat?“

„Ich hatte ja ein Wörterbuch, und dann habe ich auch etwas rumänisch gelernt, schon um einigermaßen zu verstehen, was die drei sich untereinander erzählen. Außerdem haben die drei sich manchmal mit anderen Kindern vom Heim unterhalten und dabei etwas gelernt, nicht nur Schimpfworte!“

„Und du“, wollte der Direktor wissen, „du hast rumänisch gelernt? Sag mal etwas auf rumänisch!“

„Vreau sa-i scriu o scrisoare mamei mele“, antwortete ich nach einigem Überlegen.

„Und das heißt: ich kratze mich auf dem Kopf?“ fragte mich der Direktor.

„Nein, was Sie da sagen, das müsste etwa ‚Im zgâri capul heißen, oder ‚Eu scratch capul meu’ – ich weiß nicht so genau. Die Kameraden haben mir das nie gesagt. Was ich eben gesagt habe, das heißt: ich möchte meiner Mutter einen Brief schreiben“.

„Das hat dir einer von den dreien gesagt?“, fragte der Lehrer. „Und was hast du da gemacht?“

„Es war der Iancu. Von dem Geld, das mir meine Mutter gegeben hat, habe ich eine Briefmarke für Ausland gekauft und einen Umschlag. Den Brief habe ich dann abgeschickt.“

„Weißt du nicht, dass es des Heiminsassen verboten ist, jegliche Korrespondenz nach außen zu schmuggeln. Alle Briefe müssen auf ihren Inhalt geprüft werden!“

Der Lehrer erschien wütend. Der Direktor dagegen sagte ganz gelassen:

„Und diese Aufgabe hätten Sie, lieber Kollege, aufgrund ihrer umfassenden Sprachkenntnisse übernommen?“

Um die entstehende Spannung abzubauen, bemerkte ich: „Iancu hat mir seinen Brief zu lesen gegeben. Hat mir alles erklärt, was nicht direkt im Wörterbuch steht, wie die Deklinationsformen und so.“

„Und er hat die Verhältnisse hier im Heim als sehr schlecht dargestellt?“, fragte der Direktor.

„Nein, hat er nicht. Der Petru, der war in einem Heim für schwer Erziehbare in Rumänien. Er sagt, hier wäre fast das Paradies, nur sei es langweilig gewesen, ehe ich bei ihnen war. Aber übertrieben hat Iancu in seinem Brief doch etwas. Was er über mich geschrieben hat. Ich sei so ein netter Junge, immer hilfsbereit, und könnte schon so gut rumänisch…“

„Da hat er sicher recht“, unterbrach mich der Direktor. „Du hast besseres verdient, als ein Heim für schwer Erziehbare. Ich werde dafür sorgen, dass du die Sommerferien in einer besseren Umgebung verbringst. Ich möchte dir noch sagen, dass es mich gefreut hat, mich mit einem Jungen zu unterhalten, der anders ist, als die meisten der hier hausenden Bengel. Du kannst jetzt gehen.“

Später erzählte ich meinen Zimmerkameraden von dieser Unterredung, und auch Constanze gab ich Bericht, auf dem Schulweg.

Auch meiner Mutter wollte ich von dem zu erwartenden Ferienaufenthalt erzählen. Aber als ich sie im Krankenhaus besuchte, ging es ihr sehr schlecht. Sie erkannte mich zuerst gar nicht wieder. Ich weiß nicht, ob sie verstand, was ich ihr sagte. Zwei Wochen später wurde sie durch den Tod von ihrem Leiden erlöst.

Meine drei rumänischen Freunde versuchten, mich zu trösten. Sie wollten unbedingt mit zur Beerdigung. Ich teilte das der Sekretärin des Heimdirektors mit. Der Direktor empfing mich.

„Sie wollen sicher ausreißen“, sagte er mir.

„Das würde bedeuteten, dass sie mein Leid noch schlimmer machen würden, haben sie mir gesagt. Außerdem, ein Begräbnis zum Ausreißen benutzen, das wäre Sünde, fast so wie Mord“.

„Na gut, du scheinst ja einen guten Einfluss auf sie zu haben, also sag ihnen, sie können mitgehen“.

Meine drei Kameraden benahmen sich vorbildlich, auf dem Begräbnis. Auch Constanze war gekommen, sowie Nachbarn aus unserer ehemaligen Wohnung.

*

Kurz vor Ende des Schuljahres wurde ich zum Jugendamt berufen. Dort empfing mich wieder unsympathische Herr Bachmüller.

„Du scheinst dich ja recht gut entwickelt zu haben, im Sonnengarten. So ein Erziehungsheim hat doch eine gute Wirkung, kann einen Jungen, der schon ziemlich auf die schiefe Bahn gerutscht war, wieder auf den rechten Weg bringen. Der Direktor des Sonnengartens hat sich recht positiv über dich geäußert, ich hoffe, dass alles stimmt, was er gesagt hat. Er hat mich gebeten, dich in das neue Programm der sozialen Annäherung aufzunehmen. Das ist von dem berühmten Bauunternehmer Baldmann ins Leben gerufen worden. Dieser Baldmann hat billige Häuser gebaut und dann seine Bruchbuden so teuer verkauft, dass er sehr reich geworden ist. Hat deshalb vielleicht etwas schlechtes Gewissen und also beschlossen, etwas für die soziale Annäherung zu tun. Er meint, dass die Reichen nicht immer für sich in ihrer Ecke bleiben sollen und die Armen in der anderen, sondern dass ein gewisser Kontakt zwischen den beiden Gruppen bestehen soll, genau so zwischen den Lammfrommen und denen, die es nicht so genau mit dem Gesetz nehmen. Du kennst das ja, meine Kollegin, Frau Pressler hat dich als sozusagen ‚sozial Höhergestellter’ in das Programm aufgenommen. Hat sie dir das gesagt?“

„Nicht direkt, sie hat mir nur gesagt, dass sie sich an meiner Schule über mich erkundigt hätte und dass sie mich für geeignet halte, den drei Rumänen etwas deutsch beizubringen.“

„Das ist wohl auch gelungen, wie der Direktor vom Sonnengarten meint.“

„Liegt nicht nur an mir. Das sind nämlich drei helle Köpfe…“

„Scheint also zu stimmen, was man mir über dich sagt. Intelligent und bescheiden. Hoffe also, dass ich mich nicht blamieren werde, wenn ich dich zum Lichthain gehen lasse. Der Lichthain, das ist ein Ferienheim für Kinder reicher Leute. Zwei Schwimmbäder, Achterbahn, Reithof, Schießstand, und so weiter. Dein Aufenthalt dort wird nicht vom Amt bezahlt, sondern erfolgt aufgrund einer großzügigen Spende des Herrn Baldmann. Das gilt für dich und ein Mädchen vom Sonnengarten, eine Constanze.“

„Und meine rumänischen Freunde? Ich würde gern mit ihnen zusammen bleiben. Könnten sie nicht mitkommen?“

„Diese Klaukinder? Von denen wirst du dich wohl losreißen können! Ich biete dir hier eine einmalige Gelegenheit, aus deinem Ganovenmilieu herauszukommen, und du fängst von deinen Rumänen an! Sie werden übrigens auch, auf grund ihrer guten Führung, in ein Ferienheim kommen. Aber du, du wirst einen Monat lang in einem großartigen Rahmen mit tadellosen Jugendlichen deines Alters ein luxuriöses Leben führen!“

Das war zwar nicht genau das, was ich mir für die Ferien gewünscht hätte, aber ich bedankte mich trotzdem bei Herrn Bachmüller mit freundlichem Lächeln. Er sagte mir dann noch:

„Geh jetzt noch zu Frau Pressler. Von ihr bekommst du Kleidung und Schuhe – auch von Baldmann bezahlt. Damit wirst du genauso fein aussehen, wie die anderen vom Lichthain.

Als ich, nach Verlassen des Büros, in den Wartesaal trat, sah ich die Constanze da sitzen. Ich ging auf sie zu.

„Warst du bei dem unausstehlichen Bachmüller?“ fragte sie mich.

„Er hat sich etwas gebessert. Nehme an, zu ihm musst du auch?“

„Ja, und was hat er dir erzählt,“

„Was er dir auch sagen wird. Dass wir beide die Ferien in einem Heim für reiche Kinder verbringen sollen. Mit zwei Schwimmbädern, Achterbahn, Reithof, Schießstand, und so weiter.“

„Mit dir zusammen! Toll! Aber Schießstand, auch für Mädchen…?“

Mehr konnte sie nicht sagen, denn aus einem Lautsprecher erscholl eine Stimme, die Constanze zu Herrn Bachmüller rief.

Dann ging ich zu Frau Pressler. Sie beglückwünschte mich zu dem verdienten Aufenthalt, wie sie sagte und gab mir Anzuziehen. Von Kopf – eine im Lichthain übliche Mütze – bis Fuß – weiße Sportschuhe. In der richtigen Größe! Die Maße hatte sie vom Sonnengarten bekommen. Außerdem einen Koffer, um das alles unterzubringen.

Meinen rumänischen Kameraden erzählte ich gleich darauf, was ihnen und mir bevorstannd. Iancu meinte, dass er hoffte, wir würden uns später wiedersehen. Vasile erwartete, dass es in dem zu erwartendem Ferienheim gut zu essen geben würde. Petru antwortete mir auf rumänisch. Wenn ich recht verstanden habe, hoffte er, dass sie alle eine Gelegenheit zum Ausreißen haben würden. Aber da er rumänisch sprach, bin ich nicht sicher, richtig verstanden zu haben.

*

Gleich zu Beginn der Ferien ging es los. Wir beide Constanze und ich, wurden mit einem Taxi nach dem ‚Lichthain’ befördert. Knapp zwei Stunden Fahrt. Constanze hatte ein neues Kleid. Sie erzählte mir, dass sie es selbst ausgesucht hätte.

„Wirklich hübsch, dein Kleid“, sagte ich. Damit siehst du noch schöner aus, als vorher“.

„Red’ nicht so’n Quatsch“, bekam ich als Antwort.

Im Lichthain angekommen, sahen wir eine riesige Anlage, mehrere Hektar Wald und Wiese. Genau konnte man die Grenzen der Anlage nicht erkennen, da sie nicht von einem Zaun umgeben war.

Wir wurden von einem elegant gekleideten Herrn empfangen. Er begrüßte uns mit vornehmen Worten und übergab dann Constanze an eine Dame, die sie an ihren Wohnort zu begleiten hatte. Einer der zahlreichen Männer in Livree, die da herumstanden, nahm meinen Koffer und begleitete mich zu einem der sechs flachen Gebäude, in denen sich die Zimmer für die männlichen Teilnehmer befanden.

Vor der Tür des Hauses standen zwei Jungen, die mir neugierig entgegenblickten. Sie waren mindestens ein Jahr älter als ich, also zwölf oder dreizehn. Mein Begleiter sagte ihnen „Hier ist der Erwartete“ und kehrte um.

Einer der Jungen trat vor. Unter der im Lichthain üblichen Mütze sah ich braunes Haar. Wie ich trug er kurze Hosen und weiße Sportschuhe. Er gab mir die Hand.

„Willkommen im Lichthain, Klaus Berger. Ich bin Roderich Gleiberger-Maltus, aus Köln, und das ist mein Kamerad Donald Koenig, aus Philadelphia, U.S.A. Wir sind die einzigen dieser Horde reicher Kinder, die sich für das Projekt ‚Soziale Annäherung’ gemeldet haben. Wir wissen, du hast keine Eltern mehr, hattest in einem Heim für schwer Erziehbare die Aufgabe, rumänischen Kinder deutsch zu lehren und hast diese Aufgabe bestens erfüllt. Ich stamme aus einer Familie, die unter anderem mit der Herstellung und dem Handel von Gegenständen aus Metall wohlhabend geworden ist, und die Familie Donalds ist seit Generationen mit der Herstellung und dem Handel mit Waffen beschäftigt. Die Vorfahren Donalds stammen aus Deutschland, und in seiner Familie ist die deutsche Sprache, wie du sehen – oder besser gesagt hören – wirst, immer gepflegt worden. Übrigens ist der Schießstand, den wir seit diesem Jahr im Lichthain haben, einer großzügigen Spende der Familie Donald Koenigs zu verdanken“.

Nun gab mir Donald die Hand. In seinem gut verständlichen, obwohl etwas breit gestampften deutsch sagte er mir:

„Wie ich hörte, hast du mit allerlei zwielichtigen Elementen zu tun gehabt. Ich wünsche dir nicht, dass du jemals gezwungen wirst, dich mit der Waffe in der Hand gegen dunkle Elemente zu verteidigen. Trotzdem ist ratsam, dass du auf einen solchen Fall vorbereitet bist. Das wird hier geschehen. Nun komm, wir wollen dir das Zimmer zeigen, in dem du mit uns wohnen wirst“.

Das Zimmer, für drei Personen, war mehr als zweimal so groß, wie das, welches wir im Sonnengarten für vier hatten. Zu jedem Bett gehörte ein Schrank, ein Waschbecken (warm und kalt Wasser) mit Handtüchern, Waschlappen, Zahnputzbecher. Nachdem ich meine Sachen ausgepackt und verstaut hatte, schlug Roderich mir einen Rundgang vor.

„Wir zeigen dir alles, was es hier zu sehen gibt. Draußen müssen wir immer die Mütze tragen – setz deine auf. Das ist so, weil im ersten Jahr des Bestehens des Lichthains junge Burschen aus dem Dorf gekommen sind und sich hier breitgemacht haben. Bei mehr als fünfzig Teilnehmern kennt nicht jeder jeden, besonders bei Beginn des Aufenthaltes. Also hat man sie nicht gleich erkannt. Weil aber kein Zaun um die Anlage kommen soll, damit wir nicht das Gefühl haben sollen, eingesperrt zu sein, müssen wir Mützen tragen“.

„Und wenn die Burschen aus dem Dorf auch Mützen tragen?“ fragte ich.

„Unsere sind eine Spezialanfertigung. Obwohl es da individuelle Unterschiede gibt, damit die Mütze nicht als Uniform empfunden wird. Sieh meine, hier. Eine silberne Litze ringsum und meine Initialen, R G-M, sind mit rotem Garn eingestickt. Ich habe übrigens zwei solche Mützen. Voriges Jahr hatte ich nur eine, die hatte ich mal verlegt, musste lange suchen… Da hat mir meine Mutter eine zweite besorgt“.

Inzwischen waren wir bei den Schwimmbädern angekommen.

„Es gibt sowohl ein beheiztes Hallenbad, für schlechtes Wetter, als auch das Freibad“, kommentierte Roderich. „Nicht groß genug für alle, es werden Gruppen eingeteilt, zum Baden“.

Dann kamen wir zum Schießstand. Mindestens zwanzig konnten da gleichzeitig auf verschiedene Zielscheiben feuern. Donald erklärte:

„Bei uns, in Amerika, sind viel mehr Personen bewaffnet, als bei euch.“

„Und deshalb“, wagte ich zu äußern, „gibt es bei euch oft wilde Schießereien, bei der ein Verrückter einen ganzen Haufen Leute umlegt“.

„Gewiss“, verteidigte sich Donald, „aber das ist nicht so, weil es zu viel, sondern weil es zu wenig Waffen gibt. Wenn einer so losballert und andere sind bewaffnet, dann ist es wahrscheinlich, dass er bald auch eine Kugel in den Kopf bekommt. Also gibt es insgesamt weniger Tote, als wenn nur der Irrsinnige eine Waffe hat. Also müssen mehr Leute Waffen haben“.

Gewiss, für einen Waffenfabrikanten mag diese Theorie vorteilhaft sein. Ich meinte aber trotzdem, dass niemand erschossen werden könnte, wenn der Besitz von Feuerwaffen streng geregelt ist.

Nachdem Roderich und Donald mich überall herumgeführt hatten, war es Zeit für das Abendessen. Ich will niemanden neidisch machen, also sage ich nichts über die reichliche Auswahl, die hervorragende Qualität und die aufmerksame Bedienung.

Danach, in unserem Zimmer, erzählten Roderich und Donald von sich, ihren Schulen und ihren Familien.

„Ich habe eine zwei Jahre jüngere Schwester, Rebecca“, sagte Roderich, sie ist elf, und einen drei Jahre älteren Bruder, Friedhelm. Unsere Vornamen sind etwas ungewöhnlich, wie das in feinen Familien so üblich ist“.

„Bei uns ist das nicht so“, bemerkte Donald. Ich habe zwei ältere Schwestern, zwei und vier Jahre älter als ich, also vierzehn und sechzehn. Sie heißen Susan und Carol”.

Er sprach mir auch von seiner Umgebung, der Dienerschaft, seinem Schwimmbad. Ich konnte nur sehr wenig von mir selbst berichten.

*

Am nächsten Morgen: Waffenkunde. Donald hatte mich dazu einteilen lassen. Erst die verschiedenen Arten von Feuerwaffen, auch automatische, dann wie man sie lädt, entsichert, wie man zielt und schießt.

Am Nachmittag Sport. Recht ermüdend, da es sehr heiß war. Am Abend schlief ich rasch ein.

Constanze sah ich kurz, aus der Ferne, am zweiten Tag. Ich winkte ihr zu und hatte den Eindruck, dass sie sich in der Gesellschaft von Mädchen aus feinen Familien nicht sehr wohlfühlte. Ich konnte sie verstehen, denn mir war der Betrieb im Lichthain zumindest ungewohnt. Das Personal war fast so Zahlreich wie die Kinder, und alles was wir taten, war vorgeschrieben, nichts konnten wir allein tun.

Am dritten Tag hatten wir Schwimmen. Die Umkleidekabinen waren in der Halle, danach ging es draußen ins Wasser. Die Kabinennummer musste sich jeder merken. Abschließen konnte man die Kabinen nicht. Offenbar wurde angenommen, dass alle reich genug seien, um nicht stehlen zu müssen. Als ich aber vom Schwimmen zurückkam, stellte ich fest, dass der Schnürsenkel meines linken Schuhes fehlte.

„Manche der Jungen hier zeigen auf diese lächerliche Art, dass sie mit der sozialen Annäherung nicht einverstanden sind“, meinte Roderich, als ich ihm das zeigte.

Es gab da ein kleines Geschäft für Bedarfsartikel, wie Zahn- und Schuhkreme, Sicherheitsnadeln und Sonnenschutz, das zwei Stunden am Tag geöffnet war. Roderich kaufte mir dort Schnürsenkel. Es gab aber nur schwarze. So hatte ich an einem Schuh schwarze und an dem anderen weiße. Damit sollte ich zeigen – so riet mir Roderich – dass mir die kleine Stichelei nichts ausmachte.

Der Urheber dieser gab jedoch nicht auf. So fand ich nach dem nächsten Besuch des Schwimmbads in meiner Kabine anstelle meiner Mütze eine viel zu kleine. Da es da keine Mützen zu kaufen gab, lieh mir Roderich seine zweite Mütze und meldete den Vorfall der zuständigen Person.

Am nächsten Morgen hatte ich zum dritten Mal Schießen. Ich empfand die ganze Waffengeschichte als recht langweilig, obwohl ich in der Treffsicherheit bessere Resultate erzielte als die meisten anderen.

Das Thema eines der nächsten Nachmittage war Geländeerkundung – wie bei den Pfadfindern. Wir waren in Fünfergruppen aufgeteilt. Jede Gruppe bekam einen Zettel, auf dem der Weg angegeben war, der einzuschlagen war. Jeder hatte da aufzuschreiben, was er im Gelände sah.

In meiner Gruppe waren wir nur zu viert – Donald, zwei Neunjährige aus dem Nebenzimmer und ich. Roderich hatte Musikunterricht. Nicht etwa so etwas vulgäres wie Klavier oder Trompete, sondern Cello. Er liebte weder das Instrument, noch die Musik, gab sich aber trotzdem Mühe.

Als wir losgehen wollten, kam eine Dame, etwas anders gekleidet als das Personal, sagte uns, dass wir eine falsche Wegbeschreibung hätten und gab uns eine andere.

Unser Weg führte uns über eine Wiese, dann durch ein Stück Fichtenwald, danach an einen kleinen Felsen und endlich auf eine kleine Anhöhe, von der wie eine Straße sahen. Auf der stand ein Lieferwagen und davor ein kleines Mädchen, das uns Zeichen machte und uns zurief:

„Kommt mal her, seht euch das an!“

Die Straße befand sich zwar außerhalb des Lichthains und man hatte uns gesagt, wir sollten nicht mit Fremden reden, aber wir gingen trotzdem hin. Als wir an die Straße kamen, lief das Mädchen weg und forderte uns auf, ihr zu folgen. Das taten wir und wurden überrascht durch drei Männer, die hinter dem Lieferwagen und aus dem Gebüsch hervorkamen. Einer bedrohte uns mit einem Revolver, die zwei anderen ergriffen mich. Donald schrie etwas auf Englisch, die beiden Kleinen liefen weg – das konnte ich gerade noch sehen, bevor man mir Handschellen anlegte und mich durch die hintere Tür in den Lieferwagen schob. Da dachte ich an Donald, der protestiert hatte, als man ihm verbot, sein Schießeisen überall hin mitzunehmen. Wenn er gefeuert hätte und der andere zurückgeschossen hätte… Aber schon fuhr der Wagen fort. Ich lag hilflos auf dem Boden und wurde durchgeschüttelt.

Die Fahrt dauerte mehr als eine Stunde. Ich wurde aus dem Wagen geholt. Wir waren in einer Garage angekommen. Ein bärtiger Mann sah mich mit höhnischem Lächeln an.

„Na, mein lieber Roderich, wie viel Lösegeld werden deine Eltern wohl zahlen wollen, um dich wiederzukriegen?“

„Ich bin nicht Roderich, ich bin der Klaus Berger! Lasst mich frei!“

„Du kannst uns viel erzählen, dass du ein andrer bist, hast doch die Mütze mit deinen Initialen, R G-M, auf deinem Kopf!“

„ Die Mütze? Die hat mir der Roderich geborgt, weil meine vertauscht worden ist. Der richtige Roderich, der sitzt im Lichthain, hat Musikunterricht!“

Da schienen dem Bärtigen doch Zweifel aufzukommen. Er sagte, er wolle Martinescu, den Chef holen. Dieser Chef sah zivilisierter aus als der andere. Ich hatte einen Ausweis, den ich im Sonnengarten erhalten hatte, um das Heim verlassen und zur Schule gehen können. Den holte ich aus der Tasche.

„Da haben wir tatsächlich den Falschen erwischt“, meinte der Bandenchef.

„Also lasst ihr mich frei?“

„Leider nein, denn man würde dich so geschickt ausfragen, das es für uns gefährlich werden könnte. Komm jetzt mit nach oben, in unsere Wohnung, sollst erst mal etwas zu essen bekommen“.

Eigentlich waren sie recht freundlich, die Kidnapper. Am Abend bekam ich ein kleines Zimmer, für mich ganz allein, mit einem recht bequemen Bett. Am nächsten Morgen ließ Martinescu, der Chef, mich kommen.

„Der Sonnengarten, das ist doch eine Anstalt für schwer Erziehbare. Wie kommt es, dass du dann im Lichthain warst, mit lauter Kindern von reichen Leuten? Hat das was mit deiner Familie zu tun?“

„Familie nein. Bin Vollwaise. Das mit dem Lichthain, das ist eine Idee von einem Weltverbesserer: soziale Annäherung. Die bösen Kinder sollen sich bessern, wenn sie mit reichen zusammen ihre Ferien verbringen. Mich haben sie als Versuchskaninchen dazu ausgesucht, wahrscheinlich weil ich nicht ganz so wild bin, wie manche andre. Auch ein Mädchen vom Sonnengarten ist jetzt im Lichthain, die Constanze. Ich habe mich so gut wie möglich benommen, aber die anderen Kinder, die sind vielleicht gehässig! Sehen Sie meine Schuhe. Da hat einer mir den weißen Schnürsenkel aus dem linken Schuh weggenommen und ich musste in den einen schwarzen einziehen. Und meine Mütze! Der Roderich hat mir seine zweite borgen müssen… Weshalb wollen Sie eigentlich gerade den? Das ist vielleicht der einzige Anständige der ganzen Bande!“

„Das lass mal unsere Sache sein. Wir sprechen jetzt von dir. Du kannst nicht hier bleiben. Wenn jemand auf die Idee kommen sollte, wir hätten dich entführt, müssen wir zeigen können, hier ist kein Kind. Ich nehme dich nachher mit zu einer befreundeten Gruppe. Da sind übrigens Kinder. Ich will nicht wissen, warum du in den Sonnengarten gekommen bist. Wahrscheinlich, weil du das gemacht hast, was auch diese Kinder tun. Sicher kannst du denen bei ihrer Tätigkeit helfen. Eins von den Kindern soll auch gut deutsch sprechen“.

Also sprechen die anderen nicht gut deutsch? Waren das etwa rumänische Klaukinder? Jedenfalls war ich froh, dass man mich nicht mehr ausgefragt hatte, dass ich nichts von meinen rumänischen Freunden erzählt hatte.

Zehn Minuten später ging es los. Der Chef, Martinescu, persönlich, nahm mich mit. Unterwegs erzählte er mir:

„Die Gruppe, zu der du kommst, wohnt in einer Wohnung im Erdgeschoss. Sie hat zwei Ausgänge: auf das Treppenhaus und auf die Garage des Mehrfamilienhauses. Die Kinder, die da wohnen, die arbeiten… Kannst du dir das denken?“

„Im Klaugewerbe!“

„Richtig. Ionescu ist ihr Chef, Lopesco sein Gehilfe. Sagen dir diese Namen etwas?“

Ich hatte nicht vor, meine Sprachkenntnisse zu verraten. Also antwortete ich:

„Spanisch?“

„Nein, rumänisch. Offiziell wohnen nur Ionescu und Lopesco dort. Falls aber jemand im Haus Kinderstimmen hören sollte und nachfragen würde, sagen sie, dass sie sich gern Kinderfilme auf DVD ansehen. Für den Transport der Kinder haben sie ein Auto, aus dem die Hintersitze entfernt worden sind. Beim Heraus- oder Hereinfahren, aus oder in die Garage, müssen sich die Kinder ducken, damit sie nicht zu sehen sind“.

Als wir angekommen waren, wurde ich zuerst Ionescu vorgestellt. Er sprach ein gut verständliches, wenn auch nicht fehlerloses und akzentfreies Deutsch. Ich sagte ihm, unter anderem, dass ich infolge eines Diebstahls in den Sonnengarten gekommen war.

„Bei uns wirst du es mindestens genauso gut haben, wie dort. Wenn du versprichst, nicht auszureißen, kannst du als Assistent arbeiten. Das geht so: Wenn einer von unseren Buben in der Straßenbahn jemandem was klaut, gibt er es dem Assistenten, damit man bei ihm selbst nichts findet. Wenn der Assistent aber genauso fremdländisch aussieht wie der Dieb, kann sich der Bestohlene leicht denken, wo seine Sachen geblieben sind. Aber von einem Jungen mit dunkelblonden Haaren und blauen Augen, wie du, nimmt man nicht so leicht an, dass er zu einer Klaubande gehört. Jetzt sage nicht, dass du mitmachen willst, bloß weil du eine Gelegenheit suchst, auszureißen. Unsere weitverzweigte Organisation hat überall Mittelsmänner. Wo du dich auch versteckst, du wirst gefunden, und was dann mit dir geschieht, wird für dich sehr unangenehm sein. Also, willst du mitmachen?“

Was soll ich tun? Wenn ich nein sage, sperren sie mich irgendwo ein und geben mir kaum zu essen. Wenn ich ja sage, komme ich wenigstens raus. Ich war naiv genug, Ionescu zu glauben, dass es sie wirklich gab, die ‚weitverzweigte Organisation,’ mit der er mir drohte. Aber ich bildete mir ein, die Polizei würde mich schützen, wenn ich etwas Schwerwiegendes zu melden hätte. Auf so eine Gelegenheit hoffte ich, spätestens bis Ende der Sommerferien. Also antwortete ich:

„Ja, ich will, und ich verspreche, nicht abzuhauen.“

„Gut. Und ich habe gleich Arbeit für dich. Hier sind bei unserer Arbeit ‚angefallene’ Personalausweise und hier ist ein Stadtplan. Sieh dir die Adressen an, und mache eine Liste, wie man die Ausweise am besten zurückbringen kann, mit möglichst kurzen Wegen von einer Adresse zur anderen“.

Ich nahm mir Zeit für diese Arbeit. Bis nach dem Mittagessen, das mir von einem schon fast erwachsenen Mädchen gebracht wurde. Am Abend fuhr Ionescu die Kinder von ihrer ‚Arbeit’ abholen. Dann ließ er mich kommen.

„Hier ist einer, der spricht gut deutsch. Er kann dir Gesellschaft leisten“.

Und zu meinem größten Erstaunen sehe ich da… wen… Iancu! Er wusste offenbar mit wem er da zusammentreffen würde, denn er hielt den Zeigefinger vor den Mund, zum Zeichen, dass ich nicht zeigen solle, dass ich ihn kenne. Während die anderen auf das Abendessen warteten, führte er mich in den Schlafraum der Jungen.

„Ich weiß, du bist hier, weil sie dich anstelle von einem geschnappt haben, mit dem sie sich das ganz große Lösegeld verdienen wollten. So etwas gelingt ihnen hoffentlich nie, Ionescu, Lopesco und ihr Ober-Chef Martinescu, sind wohl viel zu dumm für so etwas. Hast du ihnen gesagt, dass du Rumänisch kannst?“

„Nein, habe ich nicht“.

„Behalte das lieber für dich. Wenn sie es nicht wissen, sagen sie vielleicht in deiner Gegenwart etwas, was für dich interessant sein könnte“.

„Und du, wie kommst du hier her? Der unausstehliche Bachmüller hatte mir doch gesagt, er wolle euch Dreien einen angenehmen Ferienaufenthalt verschaffen?“

„Von wegen angenehm! Tagsüber Ausflüge, gut bewacht, Gymnastik oder gar Abfall sortieren, nachts in einer stinkenden Bruchbude auf dünnen Matratzen schlafen. Hier haben wir wenigstens dicke Strohsäcke! Und wir waren die einzigen Ausländer der Gruppe. Das Verhältnis zu den anderen war mehr als gespannt. Wenn wir aus dem Abfall was für uns Brauchbares rausgefischt hatten, nahmen sie es uns weg. Nach vier Tagen… wie hattest du einmal gesagt… haben wir das Weite gesucht“.

„Das hast du dir gemerkt! Aber erzähl weiter“.

„Der Petru und der Vasile, die haben gleich etwas klauen wollen und sind dabei geschnappt worden. Ich befand mich dicht bei ihnen, man hat mich gefragt, was ich da mache. Habe gesagt, dass ich bloß mal sehen wollte, was die da machen, denn sie kämen mir verdächtig vor. Das in dem guten Deutsch, das mir ein gewisser Klaus Berger beigebracht hat und dem ich hier dafür danken möchte, dass er mir durch seinen guten Unterricht eine Verhaftung und deren unangenehme Folgen erspart hat. Ja, und dann – von der Wohnung von Ionescu hatte mir mein ehemaliger Bandenchef, der Iliescu, erzählt. Bin hingegangen und wurde angenommen. Für meine Klaukameraden bin ich etwas wie ein Intellektueller, weil ich viel besser Deutsch spreche als sie. Und das, weil mir ein gewisser Klaus Berger so gutes Deutsch beigebracht hat… aber davon habe ich schon gesprochen“.

Inzwischen war das Abendessen fertig. Danach stellte Iancu mir seine, wie er sagte, Klaukameraden vor. Alexandru war mit 16 Jahren der älteste der Bande. Er kam mir ungewöhnlich groß und stark vor, das vielleicht nur, weil er fünf Jahre älter war als ich.

Den Jüngsten hatte ich schon bei Tisch beobachtet. Ich war erstaunt, dass so kleine Kerle bei der Klauerei mitmachten. Iancu beschrieb mir, wozu er gebraucht wurde:

„Das ist Vlad. Er ist acht, sieht aber aus wie sechs. Seine Spezialität: vergitterte Fenster. Kriecht zwischen zwei Gitterstäben durch, zwischen denen du gerade deine Hand durchkriegst. Na, etwas mehr schon“.

*

Im Schlafraum lagen zehn Strohsäcke für die acht Jungen der Bande. Die vier Mädchen, erklärte mir Iancu, schlafen in einem kleinen Zimmer nebenan. Iancu wies mir den Strohsack neben dem Seinen zu. So konnten wir uns noch unterhalten; er meinte, die anderen könnten nichts verstehen, wenn wir leise deutsch reden würden.

Er erzählte mir von seinen Kameraden und von seiner Klautätigkeit, die ihm, wie er sagte, immer schwerer fiel.

Ich sagte ihm vorsichtiger Weise nichts von meiner Absicht, Ionescu und seine Bande bald zu verlassen. Zunächst erschien mir das schwierig, denn Alexandru hatte auf mich aufzupassen, wie ich mit meinem rumänischen Ohr gehört hatte. Für ihn, wie für die meisten der Jungen, war ich der Fremde, dem man nicht trauen konnte, für die meisten Mädchen war ich der Fremde, den man meiden musste. Für die beiden Jüngsten, Elisabeta – Iancu sagte mir, sie sei Alexandrus Schwester – und Vlad, war ich dagagen das Objekt kindlicher Neugier. Ich hatte den Eindruck, dass sie oft meine Nähe suchten, besonders Vlad.

Das Erste, was ich für Ionescu und seine Kinderbande tun musste, war es, die ‚angefallenen’ Personalausweise den betreffenden Leuten wiederzubringen. Meist wohnten sie in Mehrfamilienhäusern. Ich ging hinein, Alexandru wartete draußen. Wenn die Leute da waren, sagte ich ihnen, ich hätte den Ausweis irgendwo gefunden, und das ich wüsste, wie umständlich und teuer es sei, einen Neuen zu bekommen. Man gab mir dann immer etwas, meist 10, manchmal 20 €. Draußen hatte ich dann das Geld an Alexandru abzuliefern. Als wir, nach getaner Arbeit, zurückkehrten, hatten wir weit über 100 € gesammelt. Lopesco untersuchte dann unsere Kleidung nach eventuell verstecktem Geld, sogar die Schuhe mussten wir ausziehen.

Am nächsten Tag bekam ich eine weite, lange Hose mit enormen Taschen, dazu einen goßen Plastikbeutel, und musste Alexandru als Assistent begleiten. Portemonnaies, Handys, Brieftaschen, Handtaschen… ich schäme mich, dass ich da so lange mitgemacht habe, dass ich jeden Tag unbeirrt mit Alexandru losgezogen bin.

Einmal hatte es in der Nacht geregnet und es war etwas kühl am nächsten Morgen. Als ich mich zur ‚Arbeit’ fertigmachte, kam Elisabeta und sagte:

„Du… kalt… jacheta!“

Da sie mir meine Jacke hinhielt, brauchte ich nicht zu zeigen, dass ich das Wort ‚jacheta’ verstanden hatte. Nicht verstanden habe ich dagegen die Reaktion Alexandrus. Er beschimpfte seine Schwester, sie solle nicht mit einem Fremden abgeben, das gehöhre sich nicht, sie solle sich anständig benehmen, und so weiter.

Trotzdem versuchte ich, mich möglichst freundlich zu Alexandru zu zeigen. So an dem Tage, als er sich, in der Straßenbahn, einer Gruppe von Mädchen näherte, um einem ihr Handy aus der Tasche zu ziehen. Obwohl mit den anderen heftig schwätzend, merkte sie es – aber Alexandru hatte schon das Handy in der Hand. Sie rief: „Haltet den Dieb!“. Alexandru ging zur Tür des Wagens, ich ihm nach.

„Gib das her“, herrschte ich ihn mit möglichst autoritärer Stimme an. „Los, mach schon, das gehört nicht dir! Das hast du geklaut!“

Die Bahn näherte sich einer Haltestelle. Ein kräftiger Mann, der hinter Alexandru stand, machte Miene, ihn zu ergreifen. Alexandru gab mir das Handy. Zu dem Mann sagte ich: „Lassen sie ihn, er hat es wiedergegeben“. Die Straßenbahn hielt, Alexandru sprang aus der Tür.

Diese Handlungsweise hatte Ionescu mir beigebracht. Sie dient dazu, die Aufmerksamkeit der Umstehenden vom Dieb abzulenken, auf den mutigen Kleinen, der den Diebstahl beobachtet hat, den Dieb gezwungen hat, das Gestohlene herauszugeben, aber nicht will, dass der Dieb verfolgt wird.

Als ich dem Mädchen ihr Handy wiedergab, bedankte sie sich aufrichtig. Auch ihre Freundinnen bewunderten mein Verhalten:

„Das hast du fein gemacht – dem hast es aber gegeben – wie der dir gehorcht hat – so wie du gibt es nicht viele – hätte nie geglaubt, dass ein Junge wie du! – auf welche Schule gehst du?“

„Den Jungen kenne ich“, antwortete ich. „Habe ihn schon mal unter ähnlichen Umständen gesehen. Bin ihm gefolgt und habe erfahren, dass er einer Volksgruppe angehört, die in seiner Heimat von verschiedenen Leuten verfolgt wird. Trotzdem ist er bei uns nicht als gefährdet anerkannt, hat keine Aufenthaltsgenehmigung. Deshalb schlägt er sich so durch, mehr schlecht als recht“.

Inzwischen waren wir bei der nächsten Haltestelle angekommen. Ich verabschiedete mich von den Mädchen mit einer Geste, die ritterlich sein sollte. Eigentlich fühlte ich mich eher in der glitzernden Rüstung eines Don Quichotte, der sich mit einer tiefen Verbeugung von seiner Dulcinea verabschiedet und mit elegantem Schwung seine Rosinante besteigt.

Mit der nächsten Bahn kam Alexandru. Er bedankte sich bei mir – gewiss, für sowas hatte er bisher noch nie Anlass gehabt – aber er tat es mit einer Freundlichkeit, die ich von ihm nicht gewohnt war. In der Folge hielt er zwar immer noch seine Schwester an, nicht mit mir zu sprechen, aber sein Benehmen mir gegenüber war durchaus freundlich geworden. Die ‚Arbeit’, die ich machen musste, war trotzdem nicht erträglicher, aber ich fügte mich eben drein.

Iancu war da viel mutiger als ich. Eines Abends sah ich ihn nicht, weder beim Essen, noch im Schlafraum. Einer seiner Kameraden erklärte mir das mit „Arbeit schlecht, Strafe“. Am nächste Tag erzählte mir Iancu, was er verbrochen hatte:

„Ich war mit Dragos unterwegs. Der hatte einem jungen Mann seinen Taschenrechner aus der Tasche gezogen. Er gab ihn mir, zur Aufbewahrung. Der Mann war schlechter gekleidet als wir und sah unterernährt aus. Da habe ich ihm seinen Rechner wiedergegeben, ihm gesagt, er hätte ihn verloren. Wie der sich gefreut hat, als er ihn wiederbekam! Der Dragos, er hat das aber dem Ionescu erzählt, als wir unsere magere Ernte ablieferten. Ich bekam kein Abendbrot und wurde die Nacht über im linken Badezimmer eingeschlossen“.

Das linke Badezimmer, das war das bessere. Das rechte, das war eigentlich nur die Wäschekammer, mit der Waschmaschine. Aber der Chef, Ionescu, war sehr darauf bedacht, dass sich sein junges Personal nicht durch einen unangenehmen Geruch auffällt. Deshalb hat er seinen Gehilfen, den Lopesco – der war von Beruf Klempner – beauftragt, in dieser Wäschekammer auch eine Dusche und ein Waschbecken zu installieren. In diese zweite Dusche konnte man aber niemanden einsperren, da man sie nur von innen durch einen primitiven Haken verschließen konnte. Das linke Badezimmer konnte man zwar an sich auch nur von innen verschließen, aber das, wie es so üblich ist, mit einem in die Türbeschläge eingebauten Riegel. Diese Türbeschläge hatte Ionescu nun abgeschraubt und anders herum wieder angeschraubt, sodass man den Riegel nun von außen bedienen konnte. Ein entsprechend angebrachtes Klebeband sollte an die besondere Rolle des linken Badezimmers erinnern.

Diese Rolle konnte das linke Badezimmer drei Tage später wieder übernehmen. Iancu erzählte mir dann, warum er wieder die Nacht über – ohne Abendessen – eingesperrt worden war:

„Der Mihaï hat mich diesmal mitgenommen. Da war, in der Straßenbahn, eine alte Dame, ganz mager, ging mit Stock. Der Reißverschluss ihrer Einkaufstasche war offen und da lag ihre Geldbörse. Mihaï sagte mir, ich hätte kleine Hände, ich solle sie nehmen. Da bin ich hin, zu der Dame, habe ihr gesagt, sie solle ihre Tasche zumachen, sonst könnte einer ihr Geld klauen. Hat sie gemacht, und mir gesagt: ‚Du bist aber ein lieber Junge, sowas wie dich findet man heute nur noch selten, hab recht vielen, herzlichen Dank!’. Weißt du, Klaus, wenn man so was gesagt bekommt, dann lässt man schon mal eine Nacht eingesperrt sein über sich ergehen. Übrigens, die Mirela, die hat mir noch heimlich etwas zu essen gebracht, gestern Abend“.

Zwei Tage später verbüßte Iancu wieder die Folgen einer Missetat, und bei nächster Gelegeheit erzählte er mir dann, was er verbrochen hatte:

„Ich war mit der Ecaterina unterwegs, das ist die lange, dürre. Sie sagte mir, wie die anderen auch, ich solle mal mit jemandem ein Gespräch anfangen, damit sie dann leichter Handeln kann. Wenn einer wie ich mit einem Erwachsenen in der Straßenbahn ein Gespräch anfängt, das fällt doch auf. Also habe ich einen kleinen Buben angequasselt. Der hat mir erzählt, dass er jeden Tag – ganz allein – zu einer Jugendbetreuung fährt. Wo das ist, wie das heißt, wo er aussteigt, was er dort macht, und so weiter, hat er mir alles gesagt. In der Zeit hat ihm die Ecaterina seine Mundharmonika weggenommen“.

„Der Ionescu dürfte aber über den Wert dieses Objekts nicht besonders begeistert gewesen sein“, unterbrach ich Iancu.

„War er nicht, hat das Ding in den Abfall geworfen und mit Ecaterina geschimpft. Ich habe die Mundharmonika aus dem Abfall gefischt und eingesteckt. Am nächsten Tag war ich mit Andreï. Als die Zeit gekommen war, zu der ich etwas zu tun hatte, bin ich dem Andreï… durch die Lappen gegangen – das hast du mir doch mal gesagt – bin zu der Haltestelle, wo der Bub aussteigen würde. Hab’ auf ihn gewartet und ihm seine Mundharmonika wiedergegeben – hat der sich vielleicht gefreut. Dann hab’ ich mir was zu essen geklaut und mich bis zum Abend herumgetrieben. Am Treffpunkt, an der Haltestelle, wo der Ionescu uns mit seinem Auto abholt, hab’ ich den Andreï wiedergetroffen – der war vielleicht sauer!“

Am nächsten Vormittag hatte mir Ionescu Wichtiges mitzuteilen. Er zeigte sich sogar recht freundlich, als er mir sagte:

„Der Roderich, anstelle dessen du entführt worden bist, den hat Martinescu, unser Chef, nun doch noch geschnappt. Er soll natürlich nicht bei ihm bleiben, wir sollen uns um ihn kümmern. Er soll möglichst gut behandelt werden, deshalb wirst du mit ihm zusammen sein. Wir werden natürlich alles tun, damit ihr nicht abhauen könnt. Nachts müsst ihr eingesperrt bleiben. Ihr schlaft in dem rechten Badezimmer. Es hat nur ein ganz kleines, vergittertes Fenster. Da kann keiner raus. Aber an der Tür dieses Raumes will ich jetzt einen großen Riegel anbringen, damit ich euch einschließen kann, nachts oder wenn Besuch kommt, der euch nicht sehen darf. Komm, hilf mir mal, halte das hier…“

Während er schraubte und ich das schwere Stück festhielt, überlegte ich mir, warum er uns nicht im linken Badezimmer einschließen wollte, so wie den Iancu. War es, weil er erwartete, dass dieser rückfällig werden würde und dass den abschließbaren Raum noch für ihn brauchte, oder weil er annahm, dass der Riegel dort nicht solide genug sei und wir ihn brechen könnten, indem wir uns gegen die Tür werfen? Aber so etwas würde ja viel zu viel Krach machen. Meine Grübeleien wurden unterbrochen von Lopesco, dem Gehilfen Ionescus. Er kam mit einigen Jungen von der Garage. Auf seine Frage, was er da mache, erkläte ihm Ionescu auf Rumänisch, was er mir auf Deutsch erklärt hatte. Er fügte hinzu:

„Hoffentlich verbrennt sich der Martinescu nicht die Finger, mit seiner Forderung von Lösegeld“.

Ich konnte gerade noch den leisen Laut zurückhalten, mit dem ich verraten hätte, dass ich das verstand.

*

Am nächsten Morgen wurde Roderich gebracht. Er hatte sichtlich schlechte Laune, erheiterte sich aber etwas, als er mich begrüßte.

„Man hat mir gesagt, dass ich dich hier treffen würde. Du sollst dich um mich kümmern?“

„Ja, soweit das möglich ist. Aber sag mal, wie sind die denn an dich rangekommen? Es war doch klar, dass sie es auf dich abgesehen hatten, als sie mich entführten!“

„Ich verstehe immer noch nicht, wie sie mich kriegen konnten. Als du fort warst, haben die vom Lichthain bei mir zu Hause angerufen und erzählt, dass du an meiner Stelle entführt worden bist. Da hat mich mein Vater gefragt, ob ich nach Hause will, oder, für den Rest der Ferien in ein tolles Heim im Gebirge, ganz einsam, nur eine einzige Straße, die dahin führt, leicht zu überwachen, deshalb absolut sicher. Na, zu Hause bin ich das ganze Jahr, also habe ich ja gesagt, zu dem Heim im Gebirge. Als ich dann eine Weile dort war, hat meine Mutter angerufen, mich gefragt, wie es mir geht. Hab’ gesagt, es sei da ziemlich kalt, im Gebirge, langweilig, weil ich nie rauskönnte und nicht an den Spielen in der Gegend teilnehmen könnte. Nach ein paar Tagen, wieder ein Anruf von Manfred Bauer, dem Sekretär von Vater. Wenn das so wäre, kalt und langweilig, sollte ich heim. Er würde ein Taxi schicken, Nummer angegeben, Name des Fahrers genannt. Da haben sie zurückgerufen, von dem Heim im Gebirge: der Manfred Bauer hat alles bestätigt. Das Taxi ist einen Tag später gekommen, Fahrer sehr freundlich. Nach langer Fahrt auf kleine Straße abgebogen, plötzlich Waldweg, zwei starke Männer mit Revolvern – und nun bin ich hier. Wie kann das sein?“

„Ganz einfach. Eine Telefonleitung kann man abhören, also haben die Entführer gewusst, was du deiner Mutter gesagt hast. Eine Telefonleitung kann man auch durchschneiden und an das Ende, was nach außen führt, einen Telefonapparat anschließen. Von da aus, alles Mögliche erzählen, was so klingt, als ob es von dir zu Hause kommt. Der Manfred Bauer braucht ja nicht der Richtige zu sein“.

„Du, ein elfjähriger Junge, du weißt das, und diese Idioten…“

„Ich bin auch schon seit einiger Zeit mit Kindern zusammen, die zu einem gewissen Milieu gehören. Ich weiß nicht, ob sie das, was dir passiert ist, in ihren Kursen für Kleptologie lernen…“

„Was für einige …logie?“

„Kleptologie, die Wissenschaft des Klauens. Wie Kleptomanie, Klausucht. Das Wort hat mir der Iancu gesagt. Käme von klephtis, griechisch für Dieb. Und dann …logie, wie Biologie“.

„Toll! Eine ganze Wissenschaft ist das bei denen! Mit Grundschulen, höheren Schulen, Universitäten wo du einen Bachelor, einen Master, vielleicht sogar einen Doktor es Kleptologie werden kannst!“

„Übertreib mal nicht. Übrigens, ist da niemandem aufgefallen, dass der Sekretär deines Vaters angerufen hat, und nicht eins von deinen Eltern?“

„Die sind in der Ferienzeit auch mal weg. Und außerdem, wir sind eine feine Familie, also Taxi bestellen, und Ähnliches, das macht man nicht selbst, das überlässt man dem Personal!“

„Und, warum haben die Entführer es gerade auf dich abgesehen? Im Lichthain gibt es doch genug andere Kinder von reichen Leuten, mit denen man sich ein Lösegeld verdienen kann“.

„Das kann mit den Geschäften meines Vaters zu tun haben. Er hat vielleicht jemandem einen hohen Gewinn an der Börse weggeschnappt, oder jemanden zu einer Operation geraten, die sich dann als desaströs erwiesen hat. Auf diese Weise kann man jemanden völlig ruinieren – und die Sache ist trotzdem ganz und gar legal. Die Klaukinder hier sind da wahre Engel im Vergleich zu so etwas. Du kannst dir aber denken, dass ein von so einer Finanzoperation Geschädigter sich rächen will und sich sein Geld mit einer Entführung nebst Lösegeldforderung wiederholen will“.

„Ja, wenn das so ist, dann ist es wohl besser, nicht so reich zu sein… Jetzt komm, ich will dir den Raum zeigen – Zimmer kann man das nicht nennen – in dem wir hausen sollen“.

Der große Riegel an der Tür, der fiel Roderich gleich auf. Ich sagte ihm, dass er nur nachts geschlossen werden soll, da am Tage immer Ionescu oder sein Gehilfe Lopesco da sind. Im rechten Badezimmer zeigte ich Roderich die zwei Strohsäcke, die an den Längswänden des Raumes lagen. Dieser war immerhin so breit, dass dazwischen noch Platz genug war, um zum Waschbecken zu gehen. Auch ein kleiner Schrank war vorhanden.

Tagsüber waren wir tatsächlich immer mit Ionescu oder Lopesco allein. Auch Mirela, die uns abends das Essen zubereitete, musste tagsüber ‚arbeiten’. Die von den Kindern, die mittags etwas essen wollten, mussten sich es selbst beschaffen.

Ab und zu empfing Ionescu Besuch. Wir wurden dann eingesperrt, uns durfte niemand sehen. Sonst durften wir auch nicht überall hin, in der Wohnung. Das Büro von Ionescu war für uns tabu. Damit wir uns nicht zu sehr langweilen mussten, erzählte Roderich, wie seine Familie reich geworden war.

„Den Schuhlöffel aus rostfreiem Stahl, den hat mein Urgroßvater zwar nicht erfunden, aber er hat welche hergestellt, die kleiner waren, als die von der Konkurrenz. Das gefiel den Damen, und es war Materialersparnis, also höherer Gewinn. Aber schon mein Großvater hat dann aufgehört, etwas herzustellen. Die Erzeugung von Gebrauchsgegenständen oder handwerkliche Arbeit, das ist gewiss moralisch befriedigend: du stellst eine Kaffeekanne her, einen Kugelschreiber oder einen Scheuerlappen und verkaufst die Sachen. Dann freut sich der Käufer über die Sachen, die ihm nützlich sind, und du freust dich über das Geld, was er bezahlt hat. Das ist aber mühsam und es kommt nicht viel dabei heraus. Dagegen wenn du das große Geld verdienen willst, dann musst du etwas machen, das nur dir etwas nützt: Aktien kaufen und verkaufen. Die Firma meines Vaters macht das. Es erfordert eine genaue Kenntnis des Marktes, das laufende Studium der Aktienkurse, genaue Beobachtung von Angebot und Nachfrage der verschiedensten Artikel. Mein Vater hat da keine ruhige Minute – es könnte dieser oder jener Kurs unerwartet fallen oder steigen – er macht auch Reisen, um die Verhältnisse in diesem oder jenen Land genauer zu verfolgen. Mein großer Bruder muss jetzt schon – er geht noch zur Schule – sein eigenes Kapital verwalten. Macht ihm keinen Spaß. In zwei Jahren bin ich auch dran – bin nicht begeistert von der Sache“.

„Dein Vater hat eine Firma?“ fragte ich.

„Nicht ganz für sich allein. Es ist eine Aktiengesellschaft, eine sogenannte Holding“.

„Und was stellt diese Firma her?“

„Nichts! Begreif doch endlich, dass man das große Geld nicht verdienen kann, indem man arbeitet, etwas herstellt oder etwas anderes kauft und verkauft. Nur die Aktien der Firma meines Vaters werden an der Börse gehandelt, und er besitzt auch Aktien anderer Holdings.“

Das war mir zu hoch, zu kompliziert. Ich sprach Roderich von unseren Mitbewohnern und erzählte ihm von unserem Leben, besonders von Iancu und seinen Straftaten. Roderich meinte, er möchte ihn gern näher kennenlernen.

Am dritten Tag Roderichs Aufenthalts entnahm ich einem Gespräch zwischen Ionescu und Lopesco – sie wussten immer noch nicht, dass ich sie verstand – dass ersterer am Vormittag den Weiterverkäufer des Diebesgutes treffen würde. Ich wusste, dass dies lange dauern würde.

Lopesco hatte uns aufzupassen. Auch Iancu war dageblieben, keiner von den anderen wollte ihn auch nur als Assistenten haben. Aber einsperren wollte man ihn nicht, denn Roderich sollte einen guten Eindruck von der Verbrecherbande erhalten. Offenbar wollte Ionescu, falls die Sache auffliegen sollte, sich verteidigen können, indem er angab, dass Martinescu ihn gezwungen hätte, Roderich bei sich aufzunehmen.

Also durfte Iancu frei herumlaufen, sich sogar mit uns unterhalten, obwohl Lopesco kaum verstehen konnte, wovon wir sprachen. Roderich war sehr erfreut, Iancu, dessen ‚Verfehlungen’ ich ihm geschildert hatte, näher kennenzulernen.

Später kam Iancu zu mir, um mir etwas Unerwartetes mitzuteilen.

„Ich wüsste, wie ihr von hier fortkommen könnt, wenn du mir dabei hilfst. Ihr müsstet mich nur fesseln, damit ich dann sagen kann, ihr hättet mich gezwungen“.

„Quatsch, wenn das gelingt, kommst du mit! Roderichs Eltern sind reich, sie werden dem Retter ihres Sohnes eine sorgenfreie Zukunft garantieren!“

Roderich kam gerade vorbei. Ich fragte ihn:

„Iancu sagt, er wüsste vielleicht etwas, was er und ich machen könnten, damit wir hier rauskommen. Wenn er mit uns käme, würde dein Vater dann ihm irgendwie weiter helfen?“

„Selbstverständlich! Stell dir vor, die Banditen hier wollen ein Lösegeld von drei Millionen. Diese Summe würde mein Vater sozusagen sparen, wenn ihr, Iancu und du, mir helft, von hier fortzukommen. Wenn mein Vater diese Summe nun anlegt, sagen wir zu nur 5 %, dann wären das, für jeden von euch, 75000 im Jahr, oder fast 7000 im Monat. Selbst wenn da noch 3000 für Steuern und Gebühren abgehen, bleibt noch viel mehr übrig, als ihr für Unterhalt, Studium, Reisen, und so weiter braucht. Und wenn einmal eure Ausbildung abgeschlossen ist, wenn ihr einen Beruf haben werdet, selbst Geld verdient und keine Zuwendung mehr benötigt, dann bleibt meinem Vater immer noch das Kapital. Es wird zwar etwas an Wert verlieren, wegen der unvermeidlichen Inflation, aber immerhin… Also rein finanziell wäre meine Befreiung eine sehr rentable Sache. Und dann ist da noch die emotionale Seite der Angelegenheit: der bekannte Finanzmagnat Gleiberger-Maltus gibt den tapferen Befreiern seines Sohnes eine beträchtliche Geldzuwendung – welch eine Reklame für die Firma!“

Nach diesen Darlegungen Roderichs war mir klar, dass er recht gut mit dem Finanzwesen zurechtkommen wird und damit auch Erfolg haben wird. Iancu sagte mir, dass er Roderichs Erklärungen einigermaßen verstanden hätte. Danach fragte ich ihn:

„Und wie glaubst du, dass wir hier rauskommen können?“

„Der Wasserhahn, im rechten Badezimmer. Der lässt sich leicht verdrehen, dort wo er am Rohr befestigt ist. Dann spritzt das Wasser, Zurückdrehen hilft nicht, das Gewinde ist ausgeleiert und der Wasserdruck ist zu hoch. Man muss das Wasser abdrehen, dann alles neu abdichten. Klaus, du gehst ins rechte Badezimmer, wäschst dir die Hände, verdrehst dabei den Hahn, ich zeig’ dir wie. Wenn es spritzt, rufst du Lopesco. Der kommt, drückt den Hahn nach der Wand zu, damit es nicht zu sehr spritzt. Sagt dir, du sollst mich rufen, ich soll das Wasser am Haupthahn abdrehen, ich wüsste, wo der Hahn ist. Du läufst fort, machst die Türe zu, schiebst der Riegel vor. Lopesco sitzt dann fest. Da die Fenster alle vergittert sind und die Wohnungstür verschlossen ist, müssen wir durch die Tür zur Garage raus. Ich glaube, ich weiß, wo der Schlüssel ist. Sonst müssen wir die Tür aufbrechen“.

Ein von einem Kind ausgedachter Plan. Aber da wir auch Kinder waren, hatten wir keine Zweifel: er wird funktionieren. Am Anfang funktionierte er auch. Ich verdrehte den Wasserhahn, das Wasser spritzte, ich rief Lopesco, der kam, ließ die Tür des Büros offen. Er trug mir auf, Iancu zu sagen, er solle den Haupthahn zudrehen. Ich ging und sperrte Lopesco ein. Nach einem kurzen „Hee!“ blieb er merkwürdigerweise recht ruhig.

Iancu drehte zuerst den Haupthahn zu. Er wollte sicher eine Überschwemmung vermeiden. Das war vielleicht ein Fehler, er hatte sicher Lopesco erlaubt, nachzudenken, an das, was zu tun war. Dann ging Iancu ins Büro, suchte den Schlüssel, fand ihn nicht. Lopesco hatte ihn offenbar eingesteckt. Also: Tür aufbrechen. Von Lopescos Klempnerwerkzeug war das meiste im Auto. Iancu versuchte es mit einem großen Schraubendreher.

„Geht nicht“, sagte er. „Man müsste ein… wie sagt man… Brechmittel haben“.

Es war wirklich nicht der Moment, Iancu über erbrechen, verbrechen, aufbrechen, wegbrechen oder andere Gebrechlichkeiten der deutschen Sprache aufzuklären.

„Brecheisen“, entgegnete ich ihm, während er in weiteren Schubfächern nach Werkzeug suchte. Er fand eine Bohrmaschine und Flachfräsbohrer – Roderich kannte den Ausdruck von einem Werkkurs im Lichthain. Er schlug vor, sehr nahe aneinander liegende Löcher in die Tür zu bohren, um das Schloss herum, um dann das Schloss mit der kleinen Axt, die Iancu gefunden hatte, herauszuschlagen. Erschien mir zwar schwierig, aber wir wussten nichts anderes.

Während Roderich das erste Loch bohrte, mit einem 38-Millimeter-Bohrer, ging ich zum rechten Badezimmer, legte das Ohr an die Tür. Lopesco hatte sein Handy dabei, er telefonierte. Offenbar um anderen Bandenmitgliedern mitzuteilen, was geschehen war und um sie aufzufordern, alles zu tun, was ein Entwischen Roderichs verhindern könne. Ich teilte meine Feststellung den anderen mit.

Als Roderich mit dem ersten Loch fast fertig war, rief mich Iancu ins Büro.

„Guck, was ich gefunden habe. Einer der Schlüssel, die in dieser Schublade lagen, passte in das Vorhängeschloss an diesem langen Kasten. Und in dem Kasten ist…“

Was ich da sah, erinnerte mich an den Lichhain, an Donald Koenig, an die Ausbildung an der Waffe: Eine Ansammlung von Schusswaffen. Revolver, Pistolen, auch moderne Versionen des „22 long rifle“ ganz ähnlich denen, die wir im Lichthain hatten.

„Du hast mir doch erzählt“, erinnerte mich Iancu, „dass du mit solchen Dingern geübt hast, im Lichthain. Also nimm eins, vielleicht kannst du es hier gebrauchen!“

Etwas widerwillig hob ich eine der Waffen auf. Fast identisch mit der, die ich vom Lichthain her kannte. Nicht ganz einen Meter lang, etwas mehr als zwei Kilo schwer. Ein Schild klebte auf dem Kolben: „Schützenverein Hubertus“, also sicherlich geklaut. Rechts oben, am Kolben, die Nachladeöffnung. Ich machte sie auf und stellte fest, dass da noch mindestens 10 Patronen waren.

Roderich hatte inzwischen schon einige Löcher gebohrt. Ohne ihn zu behindern, konnte ich da durchschauen, in die Garage. Da war zunächst ein Mädchen, das einen Behälter in eine der an der Außenwand stehenden Mülltonnen entleerte. Sie blieb darauf ganz in meiner Nähe, neben einem Auto stehen, offenbar durch das Bohrgeräusch neugierig geworden. Danach sah sie zu der zum Treppenhaus führenden Tür. Durch diese kam Alexandru, der Junge, den ich eine Zeit lang beim Klauen „assistiert“ hatte. Er sah sich ausgiebig um, bemerkte Roderichs Bohrarbeiten, und gerade als Roderich zum Bohren des letzten Loches ansetzte, ging er zu der kleinen Tür nach außen, für Fußgänger. Sie hatte nur innen eine Klinke, von außen konnte man sie nur mit einem Schlüssel öffnen. Er drückte die Klinke herunter, und herein kam Martinescu, der große Bandenchef, der Roderich und mich entführt hatte. Silviu, einer der größeren Jungen der Bande, begleitete ihn. Martinescu sprach mit Alexandru, wartete offenbar, bis Roderich mit dem Bohren fertig war. In einer Hand hielt er einen Revolver, in der anderen hatte er Handschellen.

Roderich hatte jetzt das letzte Loch gebohrt. Er schaltete die Bohrmaschine ab, legte sie hin, nahm die Axt und führte einen kräftigen Schlag gegen das Schloss. Es sprang heraus, die Tür öffnete sich ein wenig.

„Martinescu steht da, mit einem Revolver“, rief ich den anderen zu. „Bleibt noch hinter der Tür“.

Ich nahm die Flinte, sprang heraus, indem ich die Tür so wenig wie möglich öffnete. Es war nicht sehr hell in der Garage. Gleich vor mir war ein Auto geparkt. Neben dem linken Vorderrad stand das Mädchen. Ich legte mich, so schnell wie möglich, hinter das Auto, mit meinem Kopf in der Nähe des rechten Hinterrades. So konnte ich Martinescu und seine Helfer gut sehen, lag aber selbst im Dunkeln.

„Na, kommt schon raus, ihr kleinen Kinder“, hörte ich Martinescu rufen – er zielte mit seinem Revolver auf unsere Tür – „so leicht entwischt ihr mir doch nicht. Das Lösegeld, für den guten Roderich, das lass ich mir doch nicht entgehen. Nun kommt schon, macht auf, sonst schieße ich noch ein Loch in die Tür… Eins… Zwei…“

Er kam nicht dazu, mehr zu sagen. Ich lag zwar im Dunkeln, halb unter dem Auto, aber Martinescu stand in dem durch die offene Tür fallendem Licht. Ich konnte bequem und sicher zielen. Auf sein linkes Bein. Entsichern. Losdrücken. Er schrie kurz auf, fiel aber nicht, drehte sich nur um. Also noch einen Schuss, in die rechte Pobacke. Jetzt kippte er um, stöhnte verzweifelt, ließ den Revolver fallen.

Ich dachte kurz an Donald Koenig, den Sohn des Waffenfabrikanten aus U.S.A. So ganz Unrecht hatte er nicht. Wenn der eine Waffe hat, kann es doch gut sein, wenn der andere auch eine hat. Die Welt ist doch recht kompliziert. Auf jeden Fall hatte ich vor, Donald zu schreiben. Jetzt war aber Anderes wichtiger.

Da sich die Begleiter Martinescus sich von meiner Waffe bedroht wussten, konnte ich annehmen, dass sie das tun würden, was ich ihnen sagte. Zum ersten Mal, seit langer Zeit, konnte ich wieder rumänisch sprechen.

„Alexandru, heb’ den Revolver auf und werfe ihn in eine Mülltonne. Dann legt ihr beide dem Martinescu die Handschellen an. Ich habe noch einige Schuss Munition. Also wenn ihr nicht macht, was ich euch sage, dann knallt es!“

„Bist du das, Claudiu?“ antwortete mir Alexandru, die rumänischen Form meines Vornamens gebrauchend. Er hatte mich an meiner Stimme erkannt. „Dir ist es also gelungen, diesen Verbrecher auszuschalten. Er wollte uns unser mühsam zusammengeklautes Geld abnehmen und damit abhauen! Jetzt ist es uns, wir haben es auf unserem Bankkonto und wir können in die Heimat zurück! Wir nehmen ihm seine Kreditkarte und seinen Bankausweis ab. Ich benachrichtige die anderen, dass unsere Wohnung hier aufgeflogen ist. Wir haben unser Ausweichquartier. Ich wusste übrigens gar nicht, dass du so gut rumänisch kannst, aber die anderen haben mir gesagt: der benimmt sich oft so, als ob er uns verstehst. Und dann noch einen Gruß von meiner Schwester Elisabeta, sie spricht oft von dir. Ich werde ihr sagen, was du für uns getan hast“.

Während Alexandru sprach, waren Roderich und Iancu aus der gewaltsam geöffneten Tür gekommen. Ich blieb noch mit schussbereiter Waffe liegen, man weiß nie…

Das Mädchen hatte sich nicht bewegt, unter dem Auto durchblickend, konnte ich ihre Füße sehen. Sie war der einzige Zeuge der Schießerei und hatte schon mehr gesehen, als uns recht war. Ich wollte nicht von ihr erkannt werden, als derjenige, der auf Martinescu geschossen hat. Denn Martinescu könnte später erzählen, er hätte uns nur einen freundschaftlichen Besuch abstatten wollen, hätte sogar Roderich sagen wollen, dass seine Entführung ein Irrtum eines Angestellten sei, dass er ihn gehen lassen wollte – und da hätte der böse Klaus Berger auf ihn geschossen, ihn lebensgefährlich verwundet! Ich wäre dann von einem unausstehlichen Bachmüller in eine geschlossene Anstalt überwiesen worden und hätte dort jahrelang schmachten müssen. Das wollte ich vermeiden.

Ich blieb also halb unter dem Auto liegen und sprach zu dem Mädchen:

„Großes Mädchen! Geh bitte zu jemandem, der die Polizei benachrichtigt. Sollen mit einem Krankenwagen kommen und den Revolverhelden abholen. Du kannst alles erzählen, was du hier gesehen hast“.

„Ja, mache ich“, antwortete das Mädchen und verschwand.

Alexandru und Silviu hatten inzwischen Martinescus Revolver entsorgt und ihn zu den Fahrradständern geschleift, an denen sie ihn mittels der Handschellen anketteten. Er wehrte sich, schimpfte, aber die beiden großen Jungen wurden leicht mit ihm fertig. Dann meldete sich Alexandru noch einmal:

„Claudiu, können wir noch einmal hineingehen, paar Sachen herausholen, die uns und den anderen gehören, oder sie in das Versteck schaffen, das wir uns im Treppenhaus angelegt haben?“

„Ja, aber macht schnell, ich habe dem Mädchen gesagt, sie solle die Polizei rufen“, antwortete ich, in der Hoffnung, dass die Polizei in Wirklichkeit nicht so rasch handelt, wie man es im Fernsehen immer sieht.

Iancu ging jetzt auch seine paar Habseligkeiten aus der Wohnung holen. Ich teilte Roderich mit, dass ich fürchtete, erkannt zu werden und was das für Folgen haben könnte. Er holte eine Decke, in die er die Flinte einwickelte.

„Die nehmen wir mit“, sagte er. „Nichts hier lassen, was beweist, dass Klaus geschossen hat. Es könnte ja auch jemand anderes gewesen sein“.

Roderich hatte auch ein Handy in der Wohnung gefunden. Sobald wir draußen waren, rief er zu Hause an.

„Hier Roderich Gleiberger-Maltus. Dank dem selbstlosen und gut durchdachten Handeln zweier meiner lieben Freunde bin ich frei. Ich befinde mich, mit meinen Rettern, vor dem Postamt am Schillerplatz. Veranlassen Sie bitte, dass wir abgeholt werden… – ich warte… Mutter! Ja, ganz unerwartet habe ich Hilfe von zwei heldenhaften Personen bekommen, denen ich meine Freiheit verdanke… Du kommst selbst? Wir warten“.

Nach einiger Zeit kam eine stattliche Limousine vorgefahren. Der Fahrer stieg aus, öffnete die Tür. Heraus kam eine Dame deren Hut mich in Bewunderung versetzte. Sie ging auf Roderich zu, umarmte ihn, erkundigte sich nach seinem Wohlbefinden und fragte dann, wo denn seine Retter seien. Roderich zeigte auf uns. Seine Mutter bemühte sich, ihre Enttäuschung zu verbergen: elfjährige Retter ihres Sohnes hatte sie nicht erwartet. Roderich stellte uns dann vor.

„Das ist Iancu Gheorghiu, der tapfere Ritter von Transsylvanien, der den Plan zu meiner Befreiung erdachte und bei der Ausführung dieses Planes entscheidend mitwirkte, und das ist Klaus Berger, mein Kamerad vom Lichthain, der nicht zögerte, mit der Waffe in der Hand die Ausführung dieses Planes zu erzwingen. Ich meine, Mutter, dass unsere Familie ihnen gegenüber zu ewigem Dank verpflichtet ist“.

„Gewiss, mein Sohn, wir werden alles tun, was uns möglich ist, um uns dieser Wohltat würdig zu zeigen“.

Während ich über die geschwollene Ausdrucksweise von Frau Gleiberger-Maltus nachdachte, wand sich Roderich an den Fahrer der Limousine und übergab ihm das noch in die Decke gewickelte Gewehr.

„Darf ich Sie bitten, lieber Adalbert, diese Waffe diskret zu entsorgen. Sie ist zu meiner Befreiung verwendet worden, und dies nur im Falle einer dringenden Notwehr, aber ihr Auftauchen würde eine Reihe Fragen zur Folge haben, die uns zwingen würden, mit Personen minderen Standes zu verkehren“.

Toll, wie sich die feinen Leute so ausdrücken! Ich wusste gar nicht, dass Roderich das so gut kannte. Aber dann kam es noch besser, Frau Gleiberger-Maltus fragte mich:

„Und Sie, lieber Klaus, hat es Ihnen im Lichthain gefallen? Ist Ihre Familie auch von der hervorragenden Qualität dieses Ferienheims überzeugt?“

Mir verschlug es die Sprache. Im Alter von elf Jahren mit „Sie“ angeredet zu werden! Erfreulicherweise kam Roderich mir zu Hilfe.

„Mutter, Klaus hat keine leider keine Familie. Er wohnte in einem Waisenhaus und ist, wegen besonders guter Führung, im Rahmen der Baldmann-Stiftung der sozialen Annäherung, im Lichthain aufgenommen worden. Ich schätze ihn jedoch mehr als alle, denen ich dort begegnet bin“.

Wenn Roderich geglaubt hatte, mit seinen Worten die Sympathie seiner Mutter erregt zu haben, dann hatte er sich getäuscht. Sie antwortete ihm:

„Du warst in einer Situation, in der du nicht in standesgemäßer Umgebung sein konntest. Du wirst diese Misslichkeit überwinden und bald wieder zu Deinesgleichen zurückfinden“.

„Aber Mutter…“

Die Mutter hörte nicht zu. Sie nahm in der Limousine Platz. Roderich setzte sich neben sie, redete weiter auf sie ein. Iancu und ich, wir nahmen die beiden Sitze hinter ihnen. Der Fahrer schloss die Türen, stieg auch ein.

Nach kurzer Fahrt kamen wir vor einem riesigen schmiedeeisernen Tor an, hinter dem sich ein großer, gut gepflegter Park erstreckte. Neben dem Eingang ein schlichtes Gebäude – das Gesindehaus, wie man uns später sagte – und in der Mitte des Parks eine prächtige Villa mit kleinen Türmchen. Vor der Villa hielten wir, der Fahrer öffnete die Türen des Autos, wir stiegen aus.

Im Vestibül bat man uns, Iancu und mich, zu warten. Roderich und seine Mutter gingen die Geschwister des Jungen von unserer Ankunft benachrichtigen. Nach einer ganzen Weile tauchten sie auf. Frau Gleiberger-Maltus hatte sie sicher über unsere untergeordnete soziale Stellung informiert – und Roderich dagegen protestiert.

Zuerst wurde uns die etwas schüchterne kleine Schwester Roderichs, Rebecca, vorgestellt. Sie sagte: „Danke für das, was ihr für Roderich getan habt“, gab jedem von uns die Hand und machte einen formvollendeten Knicks, so wie das vor hundert Jahren üblich gewesen sein mag. Ihre Mutter runzelte missbilligend die Stirn, soviel Freundlichkeit hatte sie nicht erwartet, gegenüber Kindern, die in einem Heim für schwer Erziehbare gewohnt hatten.

Dann kam Friedhelm, Roderichs großer Bruder. „Ich bewundere deine Klugheit und deinen Mut, sei mein Freund!“ sagte zu Iancu, und „Ich bewundere deine Entschlusskraft und deine Zähigkeit, bitte, sei auch mein Freunnd“.

„Das Gleiche gilt für mich“, betonte Roderich.

Frau Gleiberger-Maltus verließ daraufhin den Raum, heftig mit ihren Stöckelschuhen auf den Boden stampfend. Das bedeutete, dass Friedhelms Worte viel mehr als höfliche Floskeln waren, die man sich unter feinen Leuten sagt.

Als Nächstes stellte sich Manfred Bauer, der Sekretär Herrn Gleiberger-Maltus, uns vor, begrüßte uns recht herzlich.

„Der Polizei ist seinerzeit die Entführung Roderichs gemeldet worden. Nun müssen wir erklären, dass er wieder da ist, gleichzeitig aber betonen, dass er und die an seiner Befreiung beteiligten viel zu erschöpft sind, um einer Befragung ausgesetzt werden zu können. Ich habe schon erfahren, dass bei der Befreiung Roderichs eine Schusswaffe gebraucht worden ist, und dass diese Tatsache nicht der Polizei mitgeteilt werden soll, um unangenehme und zwecklose Verhöre zu vermeiden. Also, besprecht euch, wie das erfolgen soll und teilt mir dann euren Beschluss mit. Ich erwarte euch in meinem Büro“.

Roderich analysierte die Situation wie folgt: „Die Zeugin, die uns beobachtet hat, hat gesehen, dass wir die Tür aufgebrochen haben, dass dann Klaus herauskam, dass er in Deckung ging und dass dann die Schüsse fielen. Daran lässt sich kaum was ändern“.

Iancu lächelte nur zu diesen Worten. Ich nehme an, dass ihm seine kleptologische Bildung erlaubte, in der Kunst der Verdrehung von Tatsachen Vortreffliches zu leisten.

„Wir sagen einfach“, schlug er vor, „ich hätte den Schlüssel gefunden, nachdem wir Lopesco eingeschossen hatten. Wir wären fort, hätten hinter uns zugeschlossen, um zu vermeiden, dass Lopesco uns nachläuft, falls er freikommen sollte. Den Schlüssel hätten wir dann in ein Gully geworfen. Das ist alles. Was dann geschehen ist – wir wissen es nicht“.

Wir beglückwünschten Iancu zu seiner Idee und gingen dann zu Manfred Bauer, um unsere Version der Befreiung Roderichs vorzutragen. Er rief dann bei der Polizei an, um Bericht zu erstatten. Dort war man offenbar über den Ausgang der Entführung Roderichs sehr erfreut, denn da er wieder da war, brauchte man sich nicht mehr um den Fall zu bemühen und konnte die Angelegenheit zu den Akten legen.

Manfred Bauer führte uns – Iancu und mich – dann in die Küche, wo wir etwas zu essen bekamen. Als wir fertig waren, kam Friedhelm und bat uns, zu verzeihen, dass wir wie „niedriges Gesinde“ abgefertigt worden waren. Er nahm uns mit, um uns unsere Unterkunft zu zeigen.

„Ihr wohnt im Gesindehaus, am Eingang des Anwesens. Um mit seinem Reichtum protzen zu können, hat mein Vater es viel größer gebaut als nötig, außerdem wohnen viele unserer Angestellten außerhalb. Ihr bekommt jeder ein schönes Zimmer mit – wir sagen Nassraum oder Feuchtzelle – sind euch diese Ausdrücke bekannt?“

Iancu hatte zwar diese Worte noch nie gehört, konnte sich aber denken, was damit gemeint ist. Friedhelm zeigte uns dann unsere Zimmer – für jeden von uns eins! Für uns ein absolut ungewohnter Luxus, zumal es da ein gemeinsames Vorzimmer gab, mit Sitzmöbeln und einem Tisch, an dem wir unsere Mahlzeiten einnehmen konnten. Im Gesindehaus gab es nämlich auch eine Gesindeküche mit einer Köchin, die allerdings auch ihre freien Tage hatte, dann vorkochte – wir mussten aufwärmen.

Iancu hatte dieser Luxus die Sprache verschlagen. Mir vergingen auch die Sinne, aber ich konnte gerade noch Friedhelm sagen:

„Dein Vater muss ja ungeheuer viel Geld verdienen!“

„Gewiss“, antwortete Friedhelm, „aber da ihr aus dem Klaukindermilieu kommt, wie Roderich mich hat wissen lassen, kann ich euch sagen, nicht ehrlicher als bei euch, aber in viel größerem Maßstab. Zum Beispiel: Wenn er ein großes Paket Aktien einer bestimmten Sorte verkauft, dann denken die, die auch diese Aktien haben: der Gleiberger-Maltus, der hat erfahren, dass diese Aktien bald weniger Wert sind, und sie verkaufen ihre auch. Zumal da Vater einen Journalisten kennt, der – gegen Bezahlung – ein entsprechendes Gerücht auch in seiner Zeitung erwähnt. Wenn dann, durch den massiven Verkauf, die Aktie genug gefallen ist, kauft Vater wieder ein ganzes Paket davon und hat dann genug verdient, um den ganzen Laden hier einige Zeit aufrecht zu halten. Na ja, in Wirklichkeit ist die Sache etwas komplizierter, und es gibt auch noch andere Arten, auf unmoralische, aber nicht ungesetzliche Art Geld zu verdienen. Aber – da wir gerade von Geld sprechen – Roderich hat mit Mutter über Taschengeld für euch gesprochen. Sie ist im Prinzip damit einverstanden, aber Vater soll bestimmen, wie viel. Morgen kommt Vater von seiner Reise zurück, mein Bruder und ich, wir werden ihn entsprechend bearbeiten“.

„Iancu wird sich sehr freuen über etwas Geld“, entgegnete ich, „er würde gern seiner Familie in Rumänien etwas schicken“.

„Großartige Idee“, behauptete Friedhelm, „für eine Reklamekampagne für Vaters Firma! Großzügiges Geldgeschenk vom großherzigen Gleiberger-Maltus, an die in bitterer Armut lebende Familie des tapferen Retters seines Sohnes… Iancu, eine Überweisung an deine Familie, die gibt es zusätzlich zu deinem Taschengeld!“

Wir wurden dann der übrigen Dienerschaft vorgestellt, wurden im hauseigenen Park herumgeführt und bekamen ein vorzügliches Abendessen mit Nachtisch. Danach saßen wir noch in unserem Vorzimmer und besprachen die Ereignisse des Tages. Plötzlich, als ich ihm schon Gute Nacht sagen wollte, fing Iancu an, auf Rumänisch zu sprechen:

„Claudiu, von so etwas, wie es mir heute passiert ist, hätte ich nie gewagt, zu träumen. Ohne dich… Gute Nacht!“

Er stand auf und ging in sein Zimmer. Er schämte sich wohl, zu zeigen, wie nahe er an den Tränen war.

*

Am nächsten Morgen weckte uns niemand, aber aufgrund der ungewohnten Umgebung und obwohl noch Ferien waren, wachten wir zeitig auf. Nach dem Frühstück kam Roderich, mit triumphaler Miene und der Morgenzeitung. „Bandenkrieg in Großgarage“ war die Überschrift des Artikels, den Roderich mir zeigte. Ich las:

„Gestern gelang der Polizei die Festnahme des lange gesuchten Andrei Botezariu, alias Martinescu, alias Ritter, alias Zimmermann. Er soll – mit anderen – einen Geldtransport überfallen haben, auch werden ihm mehrere Betrügereien vorgeworfen. Gefunden wurde er, aufgrund eines Anrufs aus einem Mehrfamilienwohnhaus, in der Garage desselben, mit Handschellen an einen Fahrradständer gekettet und durch Schüsse aus einem Kleinkalibergewehr leicht verwundet. Nach Aussagen der einzigen Zeugin, eines dreizehnjähriges Mädchens, hatte er die Garage, in Begleitung von zwei jungen Burschen, betreten und dann mit einem Revolver auf eine Tür gezielt, hinter der sich Leute befanden, die diese Tür gerade aufgebrochen hatten, offenbar um zu entfliehen. Die relative Dunkelheit, die in diesem Teil der Garage herrschte, erlaubte es der Zeugin nicht, genau zu erkennen, was dann geschah. Sie glaubte, eine kleine Person schnell aus der Tür schlüpfen zu sehen, die dann hinter einem Auto in Deckung ging, um zweimal auf den Bewaffneten zu schießen, der darauf umfiel. Dann gab diese Person den beiden jungen Begleitern des Bewaffneten Anweisungen in einer Fremdsprache, worauf diese den Eindringling an den Fahrradständer ketteten und danach verschwanden. Der Stimme nach zu urteilen handelte es sich um eine Frau, die dann, in gutem Deutsch, die Zeugin bat, die Polizei zu rufen. Diese fand, in einem Raum der Wohnung hinter der aufgebrochenen Tür, den dort eigeschlossenen Florin Lopesco, Mieter dieser Wohnung. Er wird zurzeit verhört“.

Ich atmete erleichtert auf. Mehrmals. „Wenn sie eine Frau suchen, die geschossen hat, dann werden sie wohl nicht so schnell merken, dass ich es war“.

„Sie wird tatsächlich gesucht“, sagte Roderich, „da, lies weiter!“

„Nach der Frau, die durch ihr unerwartetes Eingreifen die Verhaftung des Andrei Botezariu ermöglicht hat, wird zurzeit noch gesucht, die Bewohner des Hauses und die Inhaber der umliegenden Geschäfte werden noch befragt“.

„Und von uns“, wunderte ich mich, „von deiner Befreiung ist nicht die Rede?“

„Doch, auf der nächsten Seite. Da, lies!“

„Es wird uns auch gemeldet“, las ich, „dass es der Polizei gelungen ist, den von dem oben genannten Andrei Botezariu – alias Martinescu, alias Ritter, alias Zimmermann – mit Lösegeldforderung entführten Roderich Gleiberger-Maltus zu befreien. Zwei Leidensgenossen des letzteren – elfjährige Jungen – halfen durch ihr entschlossenes, tatkräftiges und intelligentes Handeln so entscheidend bei dieser Befreiung, dass diese ohne ihr kluges Eingreifen wohl nicht möglich gewesen wäre. Um diese heldenhaften Helfer vor noch in Freiheit befindlichen Bandenmitgliedern zu schützen, sollen ihre Namen nicht genannt werden und es soll auch nicht erwähnt werden, wie sie vorgegangen sind“.

Sie wollten sich wohl nicht lächerlich machen, die Polizisten, indem sie sagen, wir zwei hätten die Befreiung Roderichs allein geschafft.

*

Roderichs Vater war am Morgen von seiner Reise zurückgekommen. Am Nachmittag ließ sein Sekretär, Manfred Bauer, Iancu und mich in das Vorzimmer des Büros des Herrn Gleiberger-Maltus rufen. Eindrucksvoll, das Vorzimmer. Mindestens zehn Personen konnten da in eleganten Ledersesseln auf die feierliche Audienz warten. Manfred Bauer wies uns darauf hin, dass wir stolz sein müssten, von Gleiberger-Maltus persönlich empfangen zu werden:

„Herr Gleiberger-Maltus ist sehr beschäftigt. Er wird euch trotzdem kurz empfangen. Er führt eben ein wichtiges Telefongespräch. Sobald er es beendet, wird er euch kommen lassen. In der Zwischenzeit, kennt ihr den Mann auf diesem Foto?“ Er zeigte uns ein Passfoto.

„Er ist uns unter dem Namen Martinescu bekannt, soll aber in Wirklichkeit Andrei Botezariu heißen“, antwotete ich.

„Richtig. Er war vor einigen Monaten mit uns in geschäftliche Verbindung getreten. Sein Verhalten war aber nicht ehrlich, so dass Herr Gleiberger-Maltus die Verbindung abbrach. Als Andrei Botezariu dies nicht hinnehmen wollte, musste er die Geschicklickeit und den Einfluss des Herrn Gleiberger-Maltus verspüren. Den dadurch erlittene Schaden wollte er wohl dann ausgleichen durch die Entführung Roderichs und die Lösegeldforderung. Dank eures Eingreifens…“

Es ertönte eine Klingel und Manfred Bauer führte uns in das Büro des Herrn Gleiberger-Maltus. Viel eindrucksvoller als das Vorzimmer. Ein so erhabenes Gefühl beim Betreten eines Raumes hatte ich zuvor nur beim Betreten einer Kathedrale. Gleiberger-Maltus saß hinter einem imposanten Schreibtisch, erhob sich aber, um uns jedem die Hand zu geben, dankte uns für das, was wir für seinen Sohn getan hatten. Als er den Betrag unseres Taschengeldes nannte, merkte ich, dass Roderich und Friedhelm gut vorgearbeitet hatten. Nachdem er Iancu mitteilte, dass er seiner Familie einen (nicht genannten) Betrag überweisen würde, sagte er noch, dass sich sein Anwalt um seine Aufenthaltsgenehmigung kümmern würde. Auch würde er beim Jugendamt beantragen, dass wir hier wohnen dürften. Danach entließ er uns mit seinen „wiederholten Dankesbezeugungen“.

*

In den folgenden Tagen kam Roderich noch einige Male zu uns ins Gesindehaus. Er gab uns, unter anderem, noch einige Beispiele von den Methoden, die zum Reichtum seiner Familie geführt hatten.

„Stellt euch vor, jemand hat Ideen für ein Handy, das nicht nur Bilder, sondern auch Töne aufnimmt und speichert – Gespräche, Musik, Vogelstimmen. Hat aber kein Geld, das Ding in Serie herzustellen. Mein Vater überzeugt sich von der Rentabilität der Sache und investiert, das heißt, er borgt ihm Geld. Dafür bekommt er einen Anteil des Gewinnes, der beim Verkauf des Objektes entsteht. Meist hat er dann nach zehn Jahren doppelt so viel, wie er investiert hat. Wenn er diesen Gewinn wieder investiert, hat er nach wieder zehn Jahren das vierfache der Ausgangssumme, nach nochmal zehn Jahren das achtfache, dann das sechzehnfache… Und wenn sich das über mehrere Generationen erstreckt, so wie bei uns, ist eine Multiplikation mit 32, 64, 128, 256, und so weiter, durchaus möglich“.

„Und du“, entgegnete ich ihm, „willst dann auf dieser Art weiter den Reichtum der Familie vermehren?“

„Ich möchte lieber Arzt werden, Friedhelm interessiert sich für den Beruf Architekt. Falls uns das gelingen sollte, müsste dann unsere Schwester Rebecca in eine Familie irgend eines Finanzmoguls einheiraten – lieber nicht“.

„Wenn die Reichen auf der von dir beschriebenen Art einen immer größeren Teil des insgesamt vorhandenen Geldes bekommen“, mischte sich Iancu ein, „dann bleibt doch für die anderen immer weniger übrig?“

„Stimmt“, gab Roderich zu, „obwohl die Inflation etwas korrigiert. Aber trotzdem, arm und reich werden immer mehr auseinanderklaffen. Das ist nicht gerecht, aber bis jetzt hat niemand Besseres gefunden. Außer: alles kaputtschlagen, dann hat niemand mehr etwas, und das Spiel kann von Neuem beginnen“.

*

Bis zum Ende der Sommerferien waren es nun nur noch zehn Tage. Ich setzte mich dafür ein, dass Iancu die gleiche Schule besuchen könne wie ich. Natürlich nicht die feine Privatschule, in die Roderich und Friedhelm gingen, aber immerhin wurden wir für die unterste Klasse der höheren Schule unseres Stadtviertels angemeldet.

Iancu konnte zwar jetzt recht gut Deutsch sprechen, aber mit der Rechtschreibung haperte es noch. Manfred Bauer besorgte einen Studenten, der ihm Unterricht gab.

Am ersten Schultag hatte jeder sich vorzustellen. Zwei Schüler erklärten, dass ihre Familien aus Nordafrika stammten, ein anderer hatte Großeltern in Montenegro. Die brillanteste Rede hielt Iancu. Er stamme aus dem hintersten Winkel von Transsylvanien, sagte er, und ein Urgroßvater sei ein Vampir gewesen. Er erzählte sogar Schauergeschichten vom Sarg dieses Vampirs und von den unheimlichen Umtrieben, die er begangen haben soll. Damit verschaffte sich Iancu den Respekt der Jungen der Klasse und die Bewunderung der Mädchen. Seine Ausbildung in Kleptologie und die entsprechende Tätigkeit verschwieg er aber.

Nun ging ich jeden Tag mit Iancu zur Schule, wie früher, im Sonnengarten, mit Constanze. Es war jedoch nicht dasselbe. Schon, weil Iancu unterwegs immer Rumänisch mit mir sprach. Ich sollte es nicht vergessen.

An einem Sonntag besuchten wir, nach vorheriger Verabredung, die Kinder im Sonnengarten. Roderich riet mir, für Constanze einen Blumenstrauß mitzunehmen. Der Gärtner, der zu dem zahlreichen Personal des Hauses gehörte, könnte mir Blumen geben. Ich hielt es für ehrlicher, von meinem Taschengeld welche zu kaufen.

Der Direktor des Sonnengartens hatte die dortigen Kinder von dem – so hat er gesagt – heldenhaften Verhalten von Iancu und mir berichtet. Sie sollten es uns nachmachen, sagte er. So sahen uns alle recht neugierig an, als wir dort ankamen. Als ich Constanze den Blumenstrauß überreichte, errötete sie leicht. Ein dabeistehender größerer Junge sagte mir: „Man sieht, dass sie ganz schön auf dich abgefärbt haben, die Manieren der feinen Leute!“ Einige Wochen später kam Constanze zu einer Pflegefamilie, in einer anderen Stadt.

Iancu unterhielt sich mit Petru und Vasile, seinen Kameraden, mit denen zusammen wir seinerzeit im Sonnengarten gewohnt hatten. Auf Rumänisch, natürlich, aber sie sprachen so schnell, dass ich nur wenig verstand.

*

Einige Tage nach diesem Besuch teilte Friedhelm mir mit, dass manche seiner Klassenkameraden viel modernere Fernseher hätten, als er. Er hätte dies seinem Vater gesagt. Warum er mir das erzählte, begriff ich erst am folgenden Montag, als der für solche Sachen zuständige Angestellte den Iancu und mich fragte, wo er ihn aufstellen solle, den „alten“ Fernseher aus Friedhelms Zimmer. Es war natürlich durchaus nicht alt, das Flachbildschirmgerät mit Satellitenanschluss. Als Iancu mir dann am Mittwoch sagte, Roderich hätte ihm mitgeteilt, dass seine Klassenkameraden viel modernere Computer hätten, als er, wusste ich, was los war.

Die Hausaufgaben machten wir immer zusammen. Ich half Iancu bei Deutsch, er mir bei Mathematik. Das auch noch, als der Majordomus uns von einem japanischen Musikinstrument erzählt hatte, das sich doch im Musikzimmer des Hauptgebäudes recht billig ausnehme. Er fragte uns, ob wir es wollten. Iancu war begeistert, klimperte in jeder freien Minute auf den Tasten. Das Resultat hörte er sich allerdings immer nur im Kopfhörer an, es sei denn, ich bat ihn, mich mithören zu lassen.

Was er da spielte, gefiel mir so sehr, dass ich Roderich davon erzählte. Er wollte auch hören – das Resultat war, dass Iancu Musikunterricht bekam. Das hinderte ihn nicht daran, sich auch ausgiebig mit Roderichs Computer und dem dazu gehörigen Buch zu befassen. Er sprach wenig davon, aber ich hoffte trotzdem, dass er bald imstande sein werde, mir Privatunterricht in Informatik zu erteilen.

Ich nehme auch an, dass es Roderich und Friedhelm waren, die ihre Bedenken wegen des nicht standesgemäßen Aussehens unserer Kleidung ihren Eltern mitteilten. Eine „Dame de Compagnie“ nahm uns daraufhin mit zum Einkaufen. Iancu war absolut begeistert von den Sachen, die er bekommen hatte, zeigte mir stolz alle seine Reichtümer, die er überall in seinem Zimmer ausgebreitet hatte. Ich hatte, glaubte ich, Hemden mit zu steifen Kragen bekommen, dazu kurze Hosen, deren Saum mir in der Kniekehle kratzten und Schuhe, die mir, obwohl zu weit, an den großen Fußzehen rieben. Dazu ärgerte ich mich, dass ich vergessen hatte, nach weißen Schnürsenkeln zu fragen, mit denen ich die Schuhe, die ich immer noch am meisten trug, hätte in Ordnung bringen können.

*

Bei der Polizei schien man den Eindruck zu haben, dass die Akte im Falle Roderichs Befreiung doch noch recht mager sei. Man schickte uns jemanden, der Iancu und mich in Sachen der mysteriösen Frau befragen solle, die auf Andrei Botezariu, alias Martinescu, geschossen hatte. Der aus einer respektablen Familie stammende und noch unter den Folgen seiner Entführung leidende Roderich Gleiberger-Maltus sollte dagegen nicht befragt werden.

Die Befragung wurde ausgeführt von einem sehr freundlichen jungen Mann, der soeben seinen Abschluss an der Polizeischule gemacht hatte. Er stellte sich als Hans Halmer vor und gestand uns, dass dies seine erste Amtshandlung in Sachen Zeugenaussage sei. Mit einem Diktiergerät ließ er uns zuerst das hören, was das Mädchen gesagt hatte, das in die Garage gekommen war:

„Ich sah eine kleine Gestalt – kaum größer als mein zehnjähriger Bruder – aus der Tür kommen, die aufgebrochen worden war. Er hatte ein kleines Gewehr in der Hand und legte sich hinter dem Auto hin, was da stand. Er schoss zweimal. Der Mann mit dem Revolver fiel um. Der geschossen hatte eine helle Stimme, schien mir ein Junge zu sein. Er sprach in einer Fremdsprache mit einem der beiden Begleiter des Verwundeten, redete ihn mit einem Namen so ähnlich wie Alexander an. Der antwortete, ich weiß nicht was er sagte, verstand aber dann, als er weiter redete, einen Namen so ähnlich wie Elisabeth.“

Hans Halmer stellte sein Diktiergerät ab und durchbohrte mich mit seinem inquisitorischen Blick:

„Ist Elisabeth der Name der Frau, die auf Andrei Botezariu, alias Martinescu, geschossen hat?“

Wir mussten beide lachen. „Elisabeta ist Alexandrus kleine Schwester, neun Jahre“, antwortete ich, und Iancu ergänzte: „Sie ist ein bisschen in Klaus verknallt“.

Hans Halmer war sichtlich enttäuscht, gab aber noch nicht auf.

„Hört euch bitte den Rest der Zeugenaussage an, vielleicht finden wir da noch ein Element, das der Wahrheitsfindung dienen kann“.

Er schaltete das Diktiergerät wieder ein. Im Folgenden soll „B“ für die Bezeichnung des Befragers und „Z“ für die der Zeugin dienen.

Z: „Der noch immer hinter dem Auto liegende Junge gab dann offenbar den beiden Begleitern des Angeschossenen Anweisungen. Sie ketteten den Mann an den Fahrradständer und verschwanden. Mir gab der Junge auf, in bestem Deutsch, die Polizei rufen zu lassen“.

B: „Das ist doch kaum glaubwürdig. Ein Junge mit heller Stimme soll fließend Rumänisch – das war die Fremdsprache – und Deutsch gesprochen haben, soll mit einer Schusswaffe perfekt umgehen können und dazu noch genug Autorität haben, um den Begleitern des Andrei Botezariu, alias Martinescu, Befehle zu geben? Könnte es nicht eine Frau gewesen sein?“

Z: „Ja, meinetwegen. Eine kleine Frau mit heiserer Stimme“.

„Das ist Beeinflussung eines Zeugen!“ mischte sie da Iancu ein – ganz ungefragt. Wo er diesen Ausdruck wohl aufgeschnappt haben mag? Wahrscheinlich im Fernsehen. Der Polizist ließ sich nicht beeinflussen. Das Diktiergerät lief weiter.

B: „Ist dir sonst an dieser Person etwas aufgefallen?“

Z: „ Ja. Einmal, als sie etwas nach hinten rutschte, sah ich, dass sie an einem Fuß einen weißen Schnürsenkel und am anderen einen schwarzen in ihren weißen Schuhen hatte“.

Ich sah, wie der Blick des Polizisten langsam an meinen Beinen hinabgleitete, bis zu den Füßen. Im nächsten Moment sah er mich mit fassungsloser Ungläubigkeit an.

„Ich gestehe“, stöhnte ich, „ich gestehe alles!“

„Sprichst du denn Rumänisch?“ fragte mich der Polizist.

„Davon kann man zumindest ein paar Brocken lernen“, antwortete ich. „Sehen Sie den Iancu. Erst seit kaum mehr als zwei Jahren in Deutschland, gebraucht er den Ausdruck ‚Beeinflussung eines Zeugen’!“

„Das ist etwas Anderes. Er lebte in deutscher Umgebung“.

„Und ich? Ein Jahr lang auf einem Zimmer gelebt, wo außer mir nur noch drei Rumänen wohnten, die nicht raus durften. Schon allein bei dem Reichtum von Schimpfworten, den die hatten… davon wollte ich doch auch etwas haben!“

Den Polizisten schien das nicht zu beeindrucken. Er fragte weiter:

„Und von denen hast du auch den Umgang mit Schusswaffen gelernt?“

„Nein. Das war im Lichthain. Ferienaufenthalt für Kinder reicher Leute. Bin dahin gekommen durch die Stiftung Baldmann. Wohnte zusammen mit Roderich Gleiberger-Maltus – Sie kennen die Geschichte – und Donald Koenig, Sohn eines amerikanischen Waffenfabrikanten. Der meinte immer, wir Europäer hätten nicht genug Waffen, wären nicht entsprechend ausgebildet. Hat mich also rangenommen. Gefiel mir nicht besonders, obwohl ich gute Resultate im Schießen aufweisen konnte. Jetzt glaube ich aber, er hatte nicht ganz Unrecht, der Donald Koenig“.

„Dir scheinen ja die unmöglichsten Dinge zu passieren. Aber die Autorität, mit der du den viel älteren Alexandru herumkommandiert hast, woher hast du die?“

„Ach, Autorität. Wir waren gute Freunde, Alexandru und ich. Wir waren oft unterwegs, er Klauen, ich Aufbewahren. Einmal wäre er fast aufgeflogen, aber ich habe ihm aus der Patsche geholfen. Von da an war ich sein Freund. Und wie die anderen, hatte er auch das Klauen satt. Der Andrei Botezariu, alias Martinescu, der ließ sie schuften und nahm ihnen das mühsam Zusammengeklaute ab, drohte ihnen mit Vorgehen gegen ihre Familie, wenn sie nicht parierten. Alexandru war mehr als froh darüber, dass ich dabei war, den Andrei Botezariu, alias Martinescu, auszuschalten. Ich hätte ihm gar nicht sagen brauchen, er solle ihm die Handschellen anlegen. Er hat ihn übrigens an den Fahrradständer gekettet, ohne dass ich es ihm sagte“.

„Aber warum hast du dann, als von den Schnürsenkeln die Rede war, ausgerufen: ‚ich gestehe’? Du hast doch gar nichts Unrechtes getan? Auf einen Mann schießen, der mit seinem Revolver auf andere zielt, das ist doch eher eine gute Tat?“

„Vielleicht. Aber wenn es dann zur Gerichtsverhandlung kommt, und der Andrei Botezariu, alias Martinescu, sagt, er hätte dem Roderich Gleiberger-Maltus nur einen freundschaftlichen Besuch abstatten wollen, hätte ihm sagen wollen, seine Entführung sei ein Irrtum, er sei frei, und der böse Klaus, der hätte…“

„Und die Zeugin, die ihn mit dem Revolver in der Hand gesehen hat? Das ist Notwehr, wenn einer auf einen schießt, der jemanden mit einer Schusswaffe bedroht!“

„Beeinflussung eines Zeugen“, erklärte da Iancu, „Sie haben eben ein Beispiel davon erlebt. Der Revolver könnte der Zeugin nur… wie sagt man… suggeriert worden sein“.

Der Polizist dachte einen Augenblick nach. Dann:

„An der Polizeischule hat man uns ja gesagt, dass Zeugen oft weiter denken, als Polizisten. Ich erwartete allerdings nicht, dass mir das von Elfjährigen bestätigt werden würde. Nun zur Sache. Es ist zwar wenig wahrscheinlich, dass ein Anwalt Andrei Botezarius, alias Martinescu, so vorgehen würde, wie Klaus das sagt, aber Klaus könnte trotzdem vorübergehend in eine geschlossene Anstalt eingewiesen werden. Nun gibt es glücklicherweise eine Anordnung zum Schutz Jugendlicher. Danach kann das Ergebnis einer Ermittelung nicht weitergeben werden, wenn es einem Jugendlichen schaden kann. Das, was Klaus angestellt hat, wird nur noch der Richter erfahren, und er wird es für sich behalten. Ihr beide, ihr haltet die Klappe, und auch für Roderich gilt die Tatsache, dass er seine Befreiung nur euch beiden – und keiner Schusswaffe – zu verdanken hat. Dass eine mysteriöse Frau auf Andrei Botezariu, alias Martinescu, geschossen hat, hat mit eurem Fall nichts zu tun. Außerdem habt ihr uns einen Dienst erwiesen, indem ihr uns einen lang gesuchten Verbrecher geliefert habt. Wir werden alles tun, damit er euch nicht mehr schaden kann“.

Wir bedankten uns bei dem Polizisten, der dann behauptete, dass es ihm eine Freude gewesen sei, sich mit zwei so intelligenten und tapferen Jungen unterhalten zu können.

*

Eine Woche nach diesem Verhör zeigte uns Roderich eine Zeitungsmeldung, der zufolge der edle Philanthrop Gleiberger-Maltus der notleidenden Familie des tapferen Retters seines Sohnes eine großzügige Spende in Form einer hohen Geldsumme nach Rumänien hätte überweisen lassen. Roderich erklärte uns ergänzend, dass sein Vater eine Agentur in Rumänien beauftragt hätte, diese Spende feierlich zu überreichen.

Einige Tage später bekam Iancu Post von seinen Eltern. Ein großer Umschlag, darin eine rumänische Zeitung, in der die „edle Tat“ des Herrn Gleiberger-Maltus ausführlich gewürdigt wurde. Iancu starrte wie gebannt auf ein Foto, das dem Briefe beilag. Ein großes und ein kleineres Mädchen, dahinter zwei Erwachsene.

„Das sind meine Eltern“, sagte er mir, „und meine Schwestern, Nicoleta die Kleine, Tatiana, die Große. Und schau, was sie für Kleider haben!“

Ich sah zwei wirklich hübsche Trachtenkleider, mit viel Stickereien.

„Toll“, antwortete ich, „hier ziehen die Mädchen nicht so etwas Schönes an“.

„Weißt du, kurz bevor ich fort bin, von dort, da hat Tatiana mir erzählt, dass sie gern so ein Kleid hätte. Natürlich unerschwinglich, für uns. Dann hat sie mir aber gesagt, sie hätte von einer Prinzessin geträumt, die so ein Kleid trug. Und nun ist sie die Prinzessin! Oh, Klaus…“

Iancu erfasste meine Hand, drückte sie ganz fest. Das erste Mal, dass er so etwas tat, für freundschaftliche Berührungen hatte er sonst überhaupt nichts übrig. Dann fiel eine Träne auf die Zeitung. Er wischte sie sofort weg. Und drückte mir nochmals die Hand. Ganz fest!

*

Unser angenehmes, fast luxuriöses Leben ging dann ohne besondere Ereignisse weiter. Ich kam gut in der Schule mit, Iancu noch besser, obwohl er viel für seine Musikstunden übte und trotzdem Zeit fand, sich mit Roderichs Computer zu beschäftigen. Iancu bekam einen Brief, dem zu entnehmen war, dass seine Eltern beide Arbeit gefunden hatten. Die Eltern eines berühmten Sohnes stellt man gern ein, schrieb ihm sein Vater.

Im Frühjahr feierte ich meinen zwölften Geburtstag, dann kam der Iancus. Zu dieser Gelegenheit erklärte uns Friedhelm, er hätte eine zwar moralisch zweifelhafte, aber trotzdem durchaus legale und vor Allem sehr gewinnbringende Börsenoperation getätigt. Sein Vater hätte ihn dazu beglückwünscht und ihm sogar erlaubt, über einen Teil des Gewinnes frei zu verfügen. Er schlug Sommerferien in Rumänien vor, was allerdings nur für Iancu und mich genehmigt wurde. Roderich wäre gern mitgekommen, aber sein Vater fürchtete eine erneute Entführung, seine Mutter meinte, man könne einem Jungen aus guter Familie nicht die Lebensverhältnisse in einem so rückständigen Land zumuten.

Iancu freute sich riesig auf den bevorstehenden Besuch. Er erklärte mir, wen und was ich sehen würde, und riet mir dringend, meine Kenntnisse des Rumänischen nicht nur aufzufrischen, sondern auch zu erweitern. Nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich, denn bei unserer Rückkehr müsse ich denen schreiben, mit denen ich Bekanntschaft gemacht hatte. So mussten wir uns zunächst mal Bücher beschaffen, denn auch Iancu wollte sein Schulwissen zumindest auf den Stand eines Gleichaltrigen aus seiner Heimat bringen. Zuerst versuchten wir es bei einer großen Buchhandlung unserer Stadt. Da bekamen wir nichts als dumme Fragen, auf die Iancu antwortete, ich sei ein rumänischer Deutscher und er ein deutscher Rumäne.

Über das Internet bekamen dann doch Bücher, in denen ich mich mit den rumänischen Akzenten bekannt machte, die wie kleine Schiffe über manchen Vokalen schaukeln. Auch lernte ich die Bedeutung der kleinen Schwänzchen, die sie dort manchmal unter c, s und t malen.

*

Zu Beginn der Ferien ging es los. Von der Reise selbst ist nichts zu berichten, die Agentur hatte für alles gesorgt. Die letzte Strecke, von Brasov bis zu Iancus Dorf, erfolgte im Bus. Als wir ankamen, waren wir erstaunt, ein richtiges Empfangskomitee zu sehen. Etwa zwanzig Leute erwarteten uns, angeführt vom Bürgermeister des Dorfes. Die Agentur hatte ihn von unserer genauen Ankunftszeit benachrichtigt. Iancus Eltern und Geschwister begrüßten uns zuerst. Wirklich herzlich. Dann hielt der Bürgermeister eine kleine Ansprache, in der er das heldenhafte Verhalten eines lobenswerten Kindes des Dorfes betonte, das „nicht wie manche andere, die sich dadurch bereichern würden, indem sie anderen ihren Besitz stehlen, sondern sich mit Mut und Entschlossenheit dem Wohl seiner Mitmenschen gewidmet hätte und dadurch reich belohnt worden wäre“. Auch ich bekam von dem Loblied einiges ab: „…der den fremden Jungen zu seinem Freund gemacht hat, ihm die Sprache seines Landes gelehrt hat, und ihm unter schwierigsten Bedingungen immer zur Seite stand.“

Iancu antwortete in einer kurzen Rede, bedankte sich für den großartigen Empfang. Dann drehte er sich zu mir und sagte:

„Du bist dran!“

Aber ich hatte ja noch nie den kleinsten Satz vor so vielen Leuten gesagt! Vor allem, nicht auf Rumänisch! Also inspirierte ich mich von Iancus Rede.

„Einen so großartigen Empfang hatten wir nicht erwartet. Ich staune auch über die Freundlichkeit, die uns alle hier entgegenbringen, und bedanke mich bei euch allen!“

Kaum war ich fertig, fing Nicoleta, die kleine Schwester Iancus, an zu klatschen und alle anderen klatschten begeistert mit. Der Bürgermeister trat auf mich zu, sagte, dass er manchmal erwachsene Deutsche treffe, die etwas Rumänisch sprächen, aber ein Zwölfjähriger, und außerdem so gut… Wer mir das gelehrt hätte, wollte er wissen.

„Der Iancu. Das war sozusagen ein Informationsaustausch. Ich ihm Deutsch, er mir Rumänisch“.

Dann kam das Abendessen, bei den Gheorghius. Iancus Vater erzählte mir, bei dieser Gelegenheit, dass eine Agentur von unserem Wohltäter – offenbar dem Friedhelm – mit reichlichen Mitteln ausgestattet worden sei, um unseren Aufenthalt angenehm zu gestalten. Unter anderem, eine großzügige Spende an die Dorfgemeinschaft. Daher der Empfang durch den Bürgermeister. Weiterhin hätte die Agentur ein Zimmer für uns gemietet. Es entspräche zwar nicht dem in Deutschland Üblichen, aber hier in der Nähe gäbe es eben nichts Besseres.

Das Zimmer war eigentlich ganz ordentlich und vor allem peinlich sauber. Waschschüsseln und Krug, aber schön bestickte Decken auf den Betten. Dagegen das Klo… eine Bretterbude im Garten. Zum Thema Dusche erläuterte mir Iancu:

„Da ist da hinten ein breiter Bach, mindestens genauso gut wie Dusche. Ich habe da Schwimmen gelernt, vor vier Jahren. Übrigens, erzähle hier nicht, dass wir in Deutschland jeder ein eigenes Zimmer mit Nassraum haben. Das glaubt dir hier keiner, und die Leute werden meinen, du willst bloß angeben“.

In den nächsten Tagen zeigte mir Iancu das Dorf und seine Umgebung. Oft kam Nicoleta, seine kleine zehnjährige Schwester, mit uns. Sie plapperte dauernd und erfand drollige, schwer auszusprechende und nicht übersetzbare Kosenamen für mich. Tatiana, ihre große Schwester, benahm sich dagegen eher wie eine Dame.

Am vierten Tag erhielten wir Besuch von Alexandru. Obwohl er einige Dörfer weiter wohnte, hatte sich unsere Anwesenheit bis zu ihm herumgesprochen. Er kam mit dem Fahrrad, das er sich, wie er sagte, mit seinem „Verdienst“ gekauft habe. Er überbrachte mir auch Grüße von seiner Schwester Elisabeta.

Später traten wir eine Reise nach Transsylvanien an, die die Agentur für uns gebucht hatte. Iancu wollte mir weis machen, dass es da Vampire gäbe. Herrliche Landschaften und Gebirge gab es da, aber Vampire habe ich keine gesehen, denn am Tage laufen sie nicht herum, sondern ruhen in ihren Särgen. Und nachts, da ist dort die Straßenbeleuchtung – wenn vorhanden – so dürftig, dass man ihre langen und spitzen Eckzähne nicht sehen kann, selbst wenn sie den Mund aufmachen.

Zuletzt ging es noch einige Tage ans Schwarze Meer. Eine sehr diskrete Dame begleitete uns. Unterkunft in einem feinen Hotel. Liegestuhl und Badetuch wurde uns gestellt. Das Meer war übrigens durchaus nicht schwarz, sondern, je nach Wetter, blau oder grünlich gefärbt, wie bei uns.

Dann ging es zurück zu den Gheorghius, Iancus Familie. Tatiana, die große Schwester Iancus, und zwei ihrer Freundinnen sangen uns zum Abschied ein Lied. Ein ganz trauriges Lied. Aber dann noch ein zweites, in dem von Hoffnung und Freude die Rede war.

*

Nun sind wir wieder auf dem Anwesen der Gleiberger-Maltus, in unserer Wohnung im Gesindehaus. Iancu hat wieder eine seiner Ideen.

„Ich weiß nicht, ob dir das auch so geht, aber mir kommt das ganz außerordentlich vor, was wir zusammen erlebt haben. Ich bin so glücklich, dass ich das nicht für behalten kann, dass ich das anderen mitteilen möchte. Du hast doch oft aufgeschrieben, was uns so passiert ist. Wenn wir das im Internet veröffentlichen – selbst wenn es niemand liest, dann haben wir es wenigstens zum Lesen gegeben. Was meinst du?“

„Gewiss. Aber weißt du, wo man so eine Geschichte veröffentlichen kann? Du kennst dich doch aus im Internet“.

Da zeigte mir Iancu, auf dem Computer, e-stories, Webmaster Jörg Schwab.

„Da kannst du kostenfrei deine Geschichte veröffentlichen!“

Ich sah mir einiges an, von dem, was da zu lesen war. Und sagte dann:

„Das ist aber anspruchsvolle Literatur! Ich fürchte, dass ich da weit drunter bleibe“.

„Vielleicht nicht ganz so weit. Unser Deutschlehrer, dem ist einiges an meinem Benehmen und meiner Aussprache aufgefallen. Hat mich ausgefragt, und da habe ich ihm von meinem Wunsch auf Veröffentlichung erzählt. Unsere Geschichte interessiert ihn, und er will gern das, was du schreibst, korrigieren und allzu kindliche Redewendungen verbessern. Ich habe sogar eine Idee für den Titel: Entführt – in die Freiheit!“

„Verstehe. Entführt worden sind Roderich und ich, und durch deine Idee mit dem Wasserhahn, sind wir in die Freiheit gekommen!“

„Und ich, ich bin in eine Freiheit gekommen, die ich noch nie hatte, unter anderem, weil du so gut mit dem Schießeisen umgehen konntest. Das alles sollst du aufschreiben. Machst du mit?“

„Ja, gern, du musst mir nur erklären, wie das hier geht, mit dem Computer“.

Es vergingen noch zahlreiche Wochen, bis alles aufgeschrieben und korrigiert war. Dann erklärte mir Iancu das Fortschicken. Da waren einige Einträge und Klicks vorzunehmen, es war aber leicht. Schließlich sagte er mir:

„Und nun klickst du hier, auf <Absenden>“.

 

Ende

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