Heinz-Walter Hoetter

Der Bote des Lichts

Draußen regnet es in Strömen. Ein Gewitter zieht über mir hinweg. Ich stehe vor der weit geöffneten Schiebetür meines Wintergartens, schaue nach draußen in den Garten und rauche dabei genussvoll eine Zigarette. Ich nehme gerade einen tiefen Zug, als plötzlich ein greller Blitz vom Wolken behangenen Himmel herunterfährt und direkt in die riesige Fichte einschlägt, die keine zehn Meter vor mir mitten auf der Wiese steht. Ich bemerke noch das helle Licht, das meine Augen blendet und spüre kurz danach einen heftigen Stromschlag, der meinen Körper wie heiße Lava durchflutet. Dann wird mir dunkel vor den Augen. Nur mein Bewusstsein scheint jetzt noch zu funktionieren. Ich habe das komische Gefühl in ein schwarzes Loch zu fallen, das mich immer tiefer in sich hinein zieht. Im nächsten Augenblick erblicke ich ein helles Licht am Ende des dunklen Tunnels und rase darauf zu.

Dann werde ich ohnmächtig.


***


Als ich langsam wieder zur mir komme, liege ich rücklings am Fuße eines mit hohem Gras bewachsenen Hügels und starre ungläubig in einen mit unzähligen Sternen übersäten Nachthimmel. Ich bin noch ganz benommen und kann mich im Augenblick nicht so richtig orientieren, als ich dieses komische Geräusch vernehme, als würde man irgendein größeres Tier schlachten.

Überrascht versuche ich auf die Beine zu kommen und lausche angestrengt in die vom Vollmond fahl erhellte Dunkelheit hinein. Da ist es wieder, dieses seltsam klingende Geräusch. Es kommt genau von der mir gegenüberliegenden Seite des Grashügels, in die ich jedoch von hier aus nicht einsehen kann.

Meine Neugier ist jetzt erwacht. Auf allen Vieren krieche ich den sanften Hang nach oben und schaue vorsichtig über den mit Gras bewachsenen Hügelrand. Im nächsten Moment bekomme ich einen fürchterlichen Schreck und hätte um ein Haar vor Entsetzen laut aufgeschrien.

Am dicken Ast einer kräftigen Eiche direkt unter mir hängt im fahlen Mondlicht eine nackte Frauenleiche. Ihre Blut verschmierten Füße schaukeln nur ein paar Zentimeter über dem Boden, wo sich eine breite Blutlache gebildet hat. Der Körper ist vom Hals bis runter zum Bauch aufgeschlitzt. Die Eingeweide quellen heraus und der penetrante Gestank toten menschlichen Fleisches dringt in meine Nase, was einen Würgereflex bei mir auslöst.

Trotzdem gehe den Hügel runter und stehe bald vor der Eiche. Die junge Frau hat ein schönes Gesicht, das aber irgendwie verzerrt aussieht. Sie muss wohl große Schmerzen erlitten haben, als man sie auf diese Art und Weise umgebracht hat. Erst jetzt sehe ich, dass ihr linkes Auge ausgestochen worden ist. In diesem Augenblick muss ich mich übergeben und sinke mit weichen Knien ins hohe Gras. Ich bin in einem Albtraum gelandet, denke ich und muss immer wieder wie magisch den Baum mit der daran aufgehängten Leiche betrachten.

Plötzlich tauchen drei oder vier Polizisten auf. Sie schreien mich an, dass ich mich der Länge nach auf den Boden legen soll und zielen mit ihren großkalibrigen Waffen auf mich. Ich tue, was sie von mir verlangen. Schon sind sie bei mir und legen mir mit brutalen Handgriffen die Handschellen an. Ich werde durchsucht und kurz darauf in ein Polizeifahrzeug gebracht. Das Innere des Wagens stinkt nach alten Pennern, Hurendreck und Bullenschweiß. Zwei korpulente Fleischberge in schwarzen Uniformen sitzen mir gegenüber und beobachten jede meiner Bewegung.

"Ich bin unschuldig. Ich habe nichts getan. Wo bin ich und wo fahren wir überhaupt hin?" frage ich den Beamten, der mir direkt gegenüber sitzt.

Er antwortet mir verächtlich: "Halt deine Klappe, du Bastard. Sei still und reiß dich zusammen, sonst gibt's was mit dem Gummiknüppel."

Ich halte lieber meinen Mund, als er mit der rechten Hand nach seinem Schlagstock fingert.

Dann redet der andere Uniformträger auf mich ein.

"Deine Zeit geht langsam zu Ende. Wir bringen dich hinauf auf den Berg, wo wir dich ins Gefängnis stecken. Also, nichts für ungut, mein Freundchen. Du bist ein sadistischer Mörder. Du hast eine unschuldige Frau umgebracht. Ist dir das nicht klar?"

Sein Kollege nickt eifrig zu seinen Worten. Ich bin wie benommen und blicke ganz nebenbei aus dem vergitterten Fahrzeugfenster. Der Motor des Wagens jault plötzlich auf und wird immer schneller und schneller. Ich sehe, wie er auf einen tiefen Abgrund zurast und schreie vor lauter Todesangst. Doch dann schweben die Beamten auf einmal im Fahrzeug und drehen sich um ihre eigene Achse. Sie kreisen buchstäblich um ihren eigenen Nabel.

Wir blicken uns in der Schwerelosigkeit gegenseitig an, weil wir ja mit Handschellen aneinander gekettet sind. Das Polizeifahrzeug ist gar nicht in den Abgrund gestürzt, sondern fliegt mit hoher Geschwindigkeit hinaus ins All. Im nächsten Augenblick zerstäubt der Wagen mit unbeschreiblichem Getöse.

Irgendein physikalisches Gesetz schleudert mich im hohen Bogen auf einen Planeten zu, der wie die Erde aussieht. Ich habe wohl den höchsten Punkt meiner Flugbahn überschritten und stürze auf ein schäumendes Meer zu. Als ich schließlich darin eintauche, vermischen sich Himmel und Erde zu einem brodelnden Hexenkessel.

Dann werde ich wieder ohnmächtig.


***


Als ich wieder zu mir komme, stehe ich in einem Haus, das ich nicht kenne. Im Innern ist es wohlig warm. Ich gehe in die Küche, weiß aber nicht, warum ich das tue. Dann sehe ich diese Messer an der Wand. Es sind schöne Objekte. Manche sind schmal geformt, andere kurz und breit. Ich entscheide mich für ein Exemplar der Mittelklasse, das wunderbar proportioniert ist. Es liegt gut in der Hand.
Ich verlasse die Küche wieder. Dann höre ich ein entferntes Lachen. Oben im ersten Stock spielen Kinder. Sie tollen herum. Bevor ich zu ihnen hinaufgehe, überlege mich mir, wie ich sie töten will. Ich werde sie in die Brust stechen, damit sie nicht mehr schreien können. Ihre Lungen werden sich mit Blut füllen und der Tod wird bald eintreten. Vor meinem geistigen Auge lasse ich den Film ihres Todes ablaufen.

Als ich die Treppe hochgehe scheint mit jeder Sekunde der Gang enger und dunkler zu werden. Ein seltsamer Taumel erfasst mich. Doch ich gehe weiter und schicke mich kaltblütig an, das Unsagbare zu tun. Was ist das für ein hartes Los, das mein Leben heimsucht und aus mir einen abstoßenden Mörder machen will?

Mein Ende naht schon wieder. Ich bemerke neben mir ein Gestalt, die wie der Teufel aussieht. Er grinst mich an und nickt mit dem Kopf. "Tu es!", sagt er zu mir und öffnet das Kinderzimmer, wo zwei Mädchen lachend miteinander spielen.

Das kleine der beiden Mädchen sieht mich an und entblößt ihren Hals. "Stech' rein!", sagt sie zu mir mit heller Stimme und lacht mich auf seltsame Art und Weise an, als wäre sie irre im Kopf.

Ich steche ohne mit der Wimper zu zucken einfach zu. Rote Blasen sprudeln aus ihrer Halsschlagader, aber sie lacht nur und spielt weiter als wäre gar nichts passiert. Ich ramme ihr das Messer noch dreimal hinter einander mit voller Kraft in ihren kleinen Brustkorb, aber sie stirbt nicht. Sie bricht auch nicht zusammen, sondern fängt plötzlich an zu singen.

Das zweite Mädchen kommt springend auf mich zu und reißt mir das Messer aus der Hand. Sie schneidet sich damit ganz langsam den Kopf ab, der mit einem dumpfen Knall auf den Boden fällt und direkt vor meine Füße rollt. Schlagartig denke ich darüber nach, dass ich wohl möglich wieder in einem Albtraum gelandet bin und zwinge mich dazu, nicht den Verstand zu verlieren.

Auf einmal steht ein junger Mann in einem weißen, hell leuchtenden Umhang vor mir.

"Ich kann dir helfen. Ich bin Ariel, der Bote des Lichts. Du kannst so nicht weiter existieren. Du befindest dich in einer Zwischenwelt. Ich will dich retten aus dieser bösen Verdammnis. Du bist in der Vorhalle zur Hölle gelandet. Ich weiß nicht, wie du hier hingekommen bist, aber du gehörst hier nicht hin. Ich werde dich jetzt mitnehmen und in deine Welt zurückbringen. Mach' dich auf eine lange Reise gefasst!"

Ich nächsten Augenblick wird mir wieder schwarz vor Augen und eine abgrundtiefe Dunkelheit umgibt meine Sinne.


***


Draußen regnet es in Strömen. Ein Gewitter zieht über mir hinweg. Ich stehe vor der weit geöffneten Schiebetür meines Wintergartens, schaue nach draußen in den Garten und rauche dabei genussvoll eine Zigarette. Blitze zucken überall vom wolkenverhangenen Himmel herab und machen mir Angst. Eine innere Stimme sagt mir, dass ich in Gefahr bin. Schnell schließe ich die Tür und gehe zurück ins Haus. Gerade als ich den Wintergarten verlasse schlägt ein Blitz in die riesige Fichte ein, die keine zehn Meter vor mir mitten auf der Wiese steht.


Meine Güte, denke ich so für mich, ich wäre bestimmt vom Blitz getroffen worden, wenn ich noch an der offenen Schiebetür meines Wintergartens gestanden hätte. Ich muss wohl ein Schutzengel gehabt haben. Ich drücke meine Zigarette mit zitternden Händen aus und gehe nach oben zu meinen beiden Töchter und spiele mit ihnen.

***

Vor der dunklen, regennassen Verglasung des Wintergartens steht ein junger Mann in einem leuchtend weißen Umhang und schaut zufrieden ins Haus.


Sein Name heißt Ariel, der Bote des Lichts.


ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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