Wolfgang Küssner

Der Leichtigkeit ein Lob

Hier ein Hindernis, dort ein Missstand. Mängel werden sichtbar, Fehler treten zutage. Hier eine Misere, dort ein Problem. Mal ist es nur ein Handycap, mal müssen Schwierigkeiten überwunden werden. Klippen sind zu umschiffen. Streitfragen suchen nach Klärung. Dann ist eine Hürde zu nehmen, ein neuer Konflikt entsteht. Gegensätze prallen aufeinander und verlangen nach Lösungen. Sorgen, Nöte, Befürchtungen, Ängste. Ob real oder nicht, ob positiv oder negativ: Gefühl ist Gefühl.

Da wird nachgedacht und gegrübelt, diskutiert und recherchiert. Da werden Alternativen gesucht, Lösungsansätze gleich wieder hinterfragt; Überlegungen in die eine, Überlegungen in die andere Richtung angestellt. Es tauchen immer wieder Zweifel auf, es fehlen Erfahrungen. Konzepte werden kreiert. Wie kommt man aus dem Dilemma raus? Wie wird die Gegenseite reagieren? Haben die Pläne Auswirkungen? Welche? Nur zu gern möchte man da der Leichtigkeit ein Lob aussprechen.

Filigrane Schneekristalle fallen kaum wahrnehmbar nieder und verzaubern die Landschaft in ein weißes Märchen. Am blauen Himmel ziehen langsam lockere Schäfchenwolken dahin und vermitteln ein Gefühl von Freiheit, von Grenzenlosigkeit. Schon ein leichter Hauch läßt Daunen tanzen; ein kleines Pusten wirbelt den Wattebausch auf. Eine leichte Brise bringt bereits frische Luft. Leichte Kleidung läßt die Wärme erträglicher erscheinen. Leichte Aufgaben sind einfacher zu lösen. Leichte Kost hält fit und beweglich. Leichte Musik und Lektüre erreichen deutlich mehr Menschen. Leichtmetalle verbessern technische Geräte, machen unser Leben bequemer. Der Leichtfüßige geht gewandter, graziöser, beflügelter durch den Tag. Ein Leichtgewicht trägt weniger Ballast mit sich, zeigt im Sport mehr Beweglichkeit, mehr Ästhetik. Da möchte man der Leichtigkeit ein Lob aussprechen.

Der Leichtsinnige läuft allerdings häufig Gefahr, ins Risiko zu geraten. Der Leichtgläubige ist schnell zu beeinflussen, zu manipulieren. Auch leichte Probleme und Krankheiten müssen ernst genommen werden. Leichte Zigaretten ermöglichen ein tieferes Inhallieren, bis in die Lungenspitzen hinein. Auch leichte Sorgen wollen gelöst sein. Leichte Kavallerie ist nicht nur eine Operette von Franz von Suppé, sondern auch eine auf Reittieren und Befehl kämpfendeTruppe. Ein Spanischer Wind, also ein schaumig-leichtes Baiser, ist trotzdem eine beachtliche Kalorienbombe. Eine leichte Feldhaubitze kann genauso wie eine schwere Zerstörung und Tod bringen. Zum Überleben verkaufen leichte Mädchen und Jungs ihren Körper. Zweifel kommen auf. Da überlegt man sich, ob es richtig ist, der Leichtigkeit ein Lob auszusprechen.

Ein durchschnittliches Gehirn wiegt leichte 1300 bis 1400 Gramm. Unser Instrument zum Denken. Der Bauchraum ist wesentlich größer, gewichtiger. Er reicht von der Spitze des Brustbeins bis zum Leistenband; dazwischen Rippen, Unterleib und Becken, Magen- und Nabelregion, Darm- und Scharmregion. Eigentlich keine Regionen fürs Denken. Und doch werden häufig aus dem Bauch heraus Entscheidungen getroffen. Experten sprechen hier von Intuition. Leichte Einschätzungen, Urteile, die von viel Gefühl und etwas Einsicht, von Begabung und dem sogenannten gesunden Menschenverstand geprägt sind. Bauchklatscher, das sei an dieser Stelle erwähnt, sind weder Menschen, die mit dem Bauch klatschen, noch solche, die für ein geäußerstes Bauchgefühl applaudieren. Vielleicht sei darauf hingeweisen, dass der Bauchraum auch jener Ort ist, in dem Blähungen entstehen.

Klugscheißer, Erbsenzähler, Korinthenkacker, Besserwisser, Schlauberger, Quacksalber, Verführer, Lautsprecher, Zündler, Täuscher, Anstifter, Pseudo-Wissenschaftler, Rattenfänger, Hetzer, Hassprediger, sogenannte Heilsbringer (Heil H.....) und selbsternannte Erlöser und immer wieder Populisten sind hier aktiv, um bei kritischen, enttäuschten, zweifelnden, frustrierte, sich nach Gerechtigkeit sehnenden Menschen mit ihren Parolen und Versprechungen, mit ihren Verdrehungen das Bauchgefühl zu aktivieren und zu punkten.

Prozesse, Entscheidungen, Verhältnisse, Lagen werden nicht analysiert, nicht erklärt, sondern einfach als Humus, als Nährboden instrumentalisiert. Stimmungsmachende Fake News dienen diesen fragwürdigen Wölfen im Schafspelz als zusätzliche Methode. Die einfachen, unwahren, verblendenden Parolen lassen in Form von Bauchgefühl-Äußerungen reichlich Wasser auf ihre Mühlen fließen. Das, was so leicht daherkommt, kann ungewollte, ungeahnte, schwere Folgen haben. Darf man hier noch der Leichtigkeit ein Lob aussprechen?.

Oktober 2018

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