Heinz-Walter Hoetter

Hades

Bist auch du auf ihn vorbereitet, wenn er kommt, der alte Mann, der sich HADES nennt?

 

***

„Auf dem Friedhof wohne ich, wo die Geister der Toten um mich sind. Jede Nacht treibt es mich heraus aus dem ewig finsteren, nach Moder und Verwesung stinkendem Totenreich – empor in die Welt der Lebenden. Dann verlasse ich mein unsichtbares Grab und streife unerkannt und ruhelos durch ihre großen Städte oder weit abgelegenen Orte, ständig auf der Suche nach jenen verderbten Menschen, die sich trotz ihrer schändlichen Taten in vermeintlicher Sicherheit wähnen, und mit denen die Verstorbenen allzu oft noch eine Rechnung offen haben. Nun, ich tue ja nur das, was meine ureigenste Aufgabe ist...“

 

 

***

 

Flüchtige Nebelschwaden durchzogen die still und einsam da liegenden Straßen der friedlich schlafenden Stadt. Kein einziger Laut war draußen zu hören.

 

Nur der Dieselmotor eines alten Mercedes 190 D lief leise im Leerlaufbetrieb vor sich hin. Am Steuer der ehemaligen Nobelkarosse saß eine gut gekleidete, aber schon etwas in die Jahre gekommene Dame, die mit ihrem schweren Wagen auf einem abgelegenen Parkplatz, direkt gegenüber eines großen städtischen Friedhofes stand und hier, an diesem unfreiwilligen Ort, eigentlich nur ein wenig ausruhen wollte. Der Grund dafür war ein gesundheitlicher.

 

Sie hatte eine lange, strapaziöse Autobahnfahrt hinter sich. Vielleicht zuviel für eine Frau ihres Alters. Kurz nach dem Verlassen der letzten Ausfahrt spielte plötzlich ihr Kreislauf verrückt, was sie dazu zwang, die Weiterfahrt vorsichtshalber für eine kleine Erholungspause zu unterbrechen. Das würde schon reichen – dachte sie jedenfalls.

 

Das Autoradio spielte gerade einen dieser neumodischen Schlager, der gedämpft aus den Lautsprechern drang. Elli Windhaus, so hieß die knapp fünfundsechzig Jahre alte Frau, hörte aber nicht hin, lehnte sich dafür lieber bequem und entspannt in den Sitz zurück, atmete mehrmals hintereinander langsam und tief durch und starrte dabei zur Frontscheibe hinaus.

 

Ihr Blick wanderte durch den leichten Nebel, durchdrang ihn und blieb schließlich an einer großen runden Bogenlampe hängen, die sich über den Eingang des ihr gegenüber liegenden Friedhofes erhob und eine verschwommene Lichtinsel bildete.

 

Gleich neben dem mächtigen Eisentor, des düster und unheimlich wirkenden Friedhofseinganges, befand sich ein hoher, kreisförmig angelegter Brunnen aus graufarbigem Naturstein, bestückt mit einigen kopfartigen Wasserspeiern, die allerdings nachts nicht in Betrieb waren.

 

Als Elli Windhaus die wasserlosen, in Stein gehauenen Köpfe erspähte, erschrak sie fürchterlich. Sie kniff die Augen zusammen und sah mit angestrengtem Blick über den Parkplatz hinüber zum Friedhof. Der Nebel hatte sich etwas verflüchtigt. Das trübe Licht der Bogenlampe reichte aus, um die Umgebung der Anlage gut beobachten zu können.

 

Hatte sich einer der Steingesichter nicht gerade bewegt oder stand da jemand am Brunnen und schaute schon eine ganze Weile zu ihr herüber?

 

Elli Windhaus umklammerte krampfhaft das breite Lenkrad, bis die Gelenkknochen ihrer Finger weiß hervortraten. Dann zog sie sich daran hoch und richtete sich in dem lederbespannten Sitz stangengerade auf.

 

„Du bist total übermüdet und ein wenig überspannt von der langen, eintönigen Fahrt auf der Autobahn“, murmelte sie halblaut vor sich hin. „Jetzt witterst du schon Gespenster“, sagte sie mit abwesendem Blick, wobei sie jetzt nicht mehr murmelte, sondern mit lauter Stimme redete. Sie wollte sich offenbar selbst Mut zusprechen. Jemand oder etwas huschte über den Parkplatz wie ein schneller Schatten. Dann war einige Minuten lang nichts mehr zu sehen.

 

Plötzlich kratzte jemand am Seitenfenster. Es war ein scheußliches Geräusch, das eindeutig von der Türscheibe an ihrer Fahrerseite kam. Es klang, als ob jemand mit dem Fingernagel über eine glatte Schiefertafel fahren würde.

 

Die alte Dame drehte reflexartig ihren Kopf herum und schaute zum Wagenfenster hinaus. Im gleichen Moment erschrak sie so heftig, wie nie zuvor in ihrem Leben. Sie stieß einen spitzen Schrei aus, der von Angst und Entsetzen geprägt war.

 

Ein Horrorgesicht starrte sie an.

 

Direkt vor der Wagentür stand ein buckliger alter Mann. Er war von großer Gestalt, schwarz und dunkelgrau gekleidet. Ein alter Hut bedeckte seinen Kopf. An den Seitenrändern traten strähnige, grauweiße Haare hervor, die ihm bis zu den krummen Schultern herunterhingen.

 

Das faltige Gesicht des Alten war so ausgemergelt, dass es fast wie ein abgekochter Totenschädel wirkte. Die lederartige Haut hatte eine weißgraue Farbe angenommen. Die Augen, wenn es denn welche waren, lagen tief in den Höhlen. Die krumme Nase sprang wie ein riesiger Geierschnabel vor und auf dem knöchernen Kinn hafteten einige trockene Erdkrumen. Die krallenartigen Hände besaßen lange, sichelartige Fingernägel, die vor Schmutz nur so starrten.

 

Mrs. Elli Windhaus hatte in ihrem Leben schon viele verwahrloste Menschen gesehen, aber dieser bucklige alte Mann musste wohl ein ganz besonders schlimmes Exemplar eines obdachlosen Stadtstreichers sein, dachte sie.

 

Dann kratzte die Horrorgestalt abermals an der Scheibe und zwar derart heftig, dass es der alten Frau durch Mark und Bein ging. Im nächsten Augenblick klopfte sie mit ihren schrecklichen Krallen auch schon am Fenster der Fahrertür.

 

„He, Sie da drinnen im Wagen! Haben Sie ein paar Cent für mich? Es muss ja nicht viel sein. Nur eine kleine, milde Gabe für einen alten Penner, dem es bestimmt nicht so gut geht, wie Ihnen. Ist es Ihnen überhaupt schon mal in Ihrem Leben schlecht gegangen? Ich bin mir sicher, dass sie noch nie irgend einen Mangel erleiden mussten. – Warum sagen Sie nichts? Hat es Ihnen etwa die Sprache verschlagen?“

 

Die alte Dame war kurz davor, auf die Hupe zu drücken, um sich wenigstens auf diese Art und Weise auf dem hier so einsam da liegenden, nächtlichen Parkplatz für jemanden da draußen bemerkbar zu machen. Vielleicht würde man ihr zu Hilfe eilen, hoffte sie insgeheim.

 

Wieder klopfte die schrecklich aussehende Gestalt an die Türscheibe.

 

„Was ist mit Ihnen? Können Sie nicht sprechen? Wollen Sie mir nichts geben? Haben Sie denn kein Erbarmen mit einem alten Mann, der kurz vor dem Verhungern steht?“

 

Elli Windhaus riss sich zusammen. Trotz ihres Alters hatte sie einen gut durchtrainierten, drahtigen Körper und von solch einem dahergelaufenen Penner wollte sie sich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Nicht umsonst nannte man sie die mutige Elli, die sehr energisch und bestimmt auftreten konnte.

 

Langsam kurbelte die alte Dame die Scheibe herunter.

 

„Wer sind Sie?“ fragte sie ohne Umschweife. „Was wollen Sie von mir? Ein Almosen? Mitten in der Nacht und ausgerechnet von mir? So eine Frechheit! Nicht davon zu sprechen, dass Sie mit Ihrem absurden Verhalten andere Leute in Angst und Schrecken versetzen. Wenn Sie mich noch länger belästigen, rufe ich nach der Polizei. Wohnen Sie überhaupt in dieser Stadt?“

 

Der Fremde grinste ein wenig.

 

„In gewisser Hinsicht ja, sehr verehrte Misses. Ich wohne dort im Friedhof, wo die Geister der Verstorbenen ihr Unwesen treiben. Auch der Geist ihres verstorbenen Mannes, des armen Mr. Arnie Windhaus, den man tot im Keller fand und angeblich von der steilen Kellertreppe gestürzt sein soll, wandert ruhelos über den Friedhof und wartet auf seine Frau, die ihm zum Verhängnis wurde.“

 

Der Unheimliche schlug plötzlich krachend mit der flachen Hand auf das blecherne Wagendach.

 

„Sie haben ihn auf dem Gewissen – nicht wahr? Geben Sie es zu! Sie waren es, der ihn von hinten angestoßen hat, so dass er das Gleichgewicht verlor und sich beim Sturz von der Kellertreppe das Genick brach. Arnie ist Ihnen aber trotzdem nicht böse. Er ist eben nicht nachtragend. Er will nur, dass Sie zu ihm zurückkommen. Er hat Ihnen schon gleich nach seinem Tod verziehen, wenn Sie das überhaupt wissen wollen. Aber solange Sie nicht bei ihm sind, findet er keine Ruhe, und es treibt ihn heraus aus seinem feuchten Grab. In der Nacht und im Nebel sind die Geister der Verstorbenen unterwegs. Sie gehen um und suchen jene auf, die im Diesseits noch eine Rechnung mit ihnen offen haben. – Der Friedhof hält sie nicht auf. Und wenn sie es nicht selbst können, beauftragen sie einen wie mich, der sich dann um die Sache kümmert.“

 

Elli Windhaus erschrak zutiefst. Ihr Gesicht lief leichenblass an.

 

Der schreckliche Alte schien tatsächlich so etwas wie einen sechsten Sinn zu haben. Woher wusste er nur von dieser schlimmen Geschichte? Ihr Mann Arnie Windhaus war ein Tyrann gewesen, der ihr das Leben im Laufe der zurückliegenden Jahre immer mehr zur Hölle gemacht hatte. Früher war er anders gewesen. Doch dann veränderte er sich schlagartig immer mehr. Es muss wohl an seiner Krankheit gelegen haben. – Sie selbst nahm aktiv am Leben teil, besuchte regelmäßig ihre Freundinnen und Freunde, ging mit ihnen ins Theater oder sie veranstalteten untereinander gemeinsam kleine Kaffeekränzchen. Nach seinem schlimmen Schlaganfall war Arnie gehbehindert und konnte sich nicht mehr lange auf seinen zunehmend wackliger gewordenen Beinen halten.

Er verlangte von ihr, trotz einer Pflegehilfe, die mehrmals in der Woche vorbeikam, dass sie bei ihm zuhause blieb, was sie nicht wollte. Seit der Zeit wuchs der Groll in ihm gegen sie und bald gab es keinen Tag, an dem sie sich nicht wie die Kesselflicker stritten. Dann kam der verhängnisvolle Tag, von dem sie sich wünschte, es hätte ihn nie gegeben.

 

In Gedanken erinnerte sie sich.

 

Ihr Mann Arnie stand vor der geöffneten Kellertür ihres gemeinsamen Hauses und wollte gerade das verrostete Schloss ölen. Er hasste quietschende Schlösser. Sie kam rein zufällig vorbei und sah ihm bei der Arbeit zu. Dann, wie von einer bösen Macht und einem inneren unheimlichen Drang getrieben, stieß sie ihn von hinten an, sodass er augenblicklich das Gleichgewicht verlor, die sechs Meter hohe, steil nach unten abfallende Steintreppe laut schreiend kopfüber runterfiel und im dunklen Keller mit gebrochenem Genick liegen blieb. Als sie voller Entsetzen bemerkte, was sie getan hatte, rief sie sofort telefonisch nach dem Notarzt, der jedoch später nur noch Arnies Tod feststellen konnte. Alle glaubten ihr, dass es ein schlimmer Unfall gewesen war. Niemand dachte auch nur im Entferntesten daran, dass Elli Windhaus ihren Mann umgebracht haben könnte. Im Laufe der zurückliegenden Jahre verdrängte sie dieses schlimme Ereignis immer mehr, wobei sie soweit ging, bis sie bald selbst der Überzeugung erlag, keine kaltblütige Mörderin zu sein, sondern nur eine Frau war, die instinktiv aus einem gewissen Selbstinteresse heraus gehandelt hatte, um ihr eigenes Leben zu schützen. Im Gefängnis wäre sie langsam zugrunde gegangen. Das wusste Mrs. Windhaus nur zu gut. Also schwieg sie eisern darüber, was wirklich geschehen war.

 

Endlich riss sie sich zusammen und schüttelte jeden Gedanken darüber ab.

 

Sie blickte die Horrorgestalt durchs offene Fahrerfenster an und musterte sie von oben bis unten. Der zerlumpte, ausgemergelte Mann tat ihr auf einmal irgendwie leid. Sie empfand plötzlich keine Angst mehr vor ihm, sondern spielte jetzt mit dem Gedanken, dass es sich wohlmöglich um den Totengräber des Friedhofs handeln müsse, der sich ausgerechnet in dieser Nacht aus irgendwelchen zweifelhaften Gründen nur einen üblen Scherz mit ihr erlaube. Vielleicht hatte er auch nur zuviel Alkohol getrunken, der ihm jetzt die Sinne verwirrte.

 

Der herunter gekommene Kerl roch allerdings scheußlich nach Schweiß und Morast, als ob er selbst schon eine Leiche war. Hygiene schien für ihn ein Fremdwort zu sein. Die alte Dame rümpfte die Nase. Dann öffnete sie resolut die Fahrertür und stieg beherzt aus.

 

Mrs. Windhaus war trotz ihres Alters sehr sportlich, ob sie aber im Ernstfall gegen einen rabiaten Mann ankommen würde, wusste sie selber nicht. Doch sie wich nicht so schnell zurück, wenn eine Gefahr oder irgendwelche Probleme auftraten. Diese Eigenschaft zählte zu ihrem Charakter.

 

„Warum erzählen Sie mir diesen ganzen Unsinn“, fragte sie ruhig und ließ den penetrant stinkenden Kerl nicht aus den Augen.

 

Groß und hager überragte er sie um ein ganzes Stück. Elli Windhaus war keine große Frau. Das musste sie auch jetzt wieder zur Kenntnis nehmen. Hätte er sich auch nur ein wenig gerade gestreckt, wäre der unheimliche Alte weit über Einsachtzig gewesen.

 

„Ich erzähle Ihnen kein Unsinn“, ertönte es heiser und krächzend aus seinem fast zahnlosen Mund. „Der alte Hades erzählt niemals Unsinn. Ihr verstorbener Mann hat es mir selbst erzählt. Er muss es doch wohl am Besten wissen. Außerdem kann ich in die Vergangenheit sehen, und ich kenne auch die Zukunft. Ich kann in den Menschen lesen wie in aufgeschlagenen Büchern. Auch in Ihrem Buch des Lebens kann ich lesen, Mrs. Windhaus. Abgründe an Bosheit, Hinterlist, Heimtücke und schlimmste Verworfenheit sind die meisten Menschen. Nur ganz wenige unter ihnen sind von edler Gesinnung. Man kann sie suchen wie die sprichwörtliche Stecknadel im Heuhaufen. – Böse und falsch zu sein, das sind jene Eigenschaften der Menschen, die man am häufigsten bei ihnen antrifft.“

 

„Was Sie nicht sagen? Sieh mal einer an! Da werden Sie wohl von sich selbst auf die anderen schließen – oder?“ gab Mrs. Windhaus sofort resolut kontra. Sie war schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Sie ließ ihrem Gegenüber keine Chance und redete sofort weiter.

 

„Natürlich weiß ich, das die Menschen keine Engel sind, und die Welt ist auch kein Paradies. Aber so schlecht, wie Sie glauben, ist die Menschheit nun auch wieder nicht.“

 

„Ich lese in Ihrem kranken Herzen, meine hochverehrte Dame, die Sie doch immer sein wollen...“, murmelte der Alte undeutlich vor sich hin. Seine krallenartigen Finger bewegten sich, als ob sie Formeln und Symbole in die Luft schreiben würden.

 

Seine Stimme erhob sich plötzlich.

 

„Sie haben Ihren Mann getötet. Er war anfangs deswegen schwer enttäuscht von Ihnen. Aber er hat Ihnen verziehen, als er erkannte, dass Sie von Rachegedanken wegen seines ungerechten Verhaltens getrieben wurden. – Trotzdem gibt es für Ihre mörderische Tat keine Entschuldigung. – Nein, auch Sie sind nicht rein. Keiner ist es...“

 

Der unheimliche Mann schien tatsächlich ihre Gedanken lesen zu können.

Elli Windhaus zuckte mehrmals hintereinander zusammen, denn sie hatte das komische Gefühl, dass ihr Herz auf einmal heftig zu pochen anfing. Sie konnte jeden einzelnen Schlag Ihres Herzens bis zum Hals spüren. Beklommenheit stieg in ihr auf, als leichte Brustschmerzen einsetzten. Ein übler Brechreiz kam in ihr hoch. Ihre Wahrnehmungen verzerrten sich etwas. Sie versuchte diese beängstigenden Tatsachen bewusst zu überspielen. Plötzlich dachte sie an ihren verstorbenen Mann, der sich wie von selbst unaufhörlich in ihr eingetrübtes Bewusstsein drängelte. In der Tat: Nach dem schrecklichen Vorfall hatte sie erkennen müssen, dass sie ihren Arnie immer noch liebte – trotz allem, was passiert war.

 

Sie riss sich abermals mit aller Kraft zusammen.

 

„Sie übertreiben ganz schön. Das gefällt mir nicht. Sie haben nicht das Recht dazu, sich in anderer Leute Leben einzumischen. Niemand hat das Recht dazu – auch Sie nicht. Hier, ich gebe Ihnen ein bisschen Geld, damit Sie mich endlich in Ruhe lassen“, antwortete Mrs. Windhaus und warf dem Alten ein großes Geldstück entgegen.

 

Im gleichen Augenblick öffnete sich, wie von Geisterhand bewegt, das eiserne Friedhofstor. Nebelschwaden wehten hindurch.

 

„Ach, Sie können einem leid tun. Ich will in Wirklichkeit kein Geld von Ihnen“, krächzte die zerlumpte Gestalt und schlug gegen die Hand von Mrs. Windhaus. „Sie sind dem Tod geweiht, und der steht direkt vor Ihnen. – Haben Sie das denn noch gar nicht bemerkt? Wo bleibt Ihr viel gerühmter Verstand für das Reale, Mrs. Windhaus? Schauen Sie nur, wer dort am offenen Tor steht! Es ist Arnie, ihr Ehegatte! Er ruft Sie, und wird Sie jetzt zu sich holen. Sie können keine Flucht mehr ergreifen. Es ist zu spät!“

 

Der Alte mit dem Horrorgesicht kreischte plötzlich übergangslos wie von Sinnen und fuchtelte mit einem langen Stock herum, den er aus seinem zerlumpten Gewand gezogen hatte. Elli Windhaus stand wie unter Schock und konnte sich nicht mehr bewegen. Ihre Glieder schienen gelähmt zu sein. Sie wurde von seiner Aktion vollkommen überrascht. Im nächsten Moment stach die unheimliche Gestalt auch schon mit dem spitzen Stock zu, der tief in das Herz der alten Dame drang. Er durchbohrte es einfach, ohne das auch nur eine Verletzung zu sehen war oder ein Tropfen Blut floss. Die Frau riss die Augen weit auf, griff sich mit beiden Händen instinktiv an die Brust und kippte dann mit einem grenzenlosen Entsetzen im Gesicht wie eine leblose Gummipuppe vornüber auf den harten Teerbelag des Parkplatzes. Sie war schon tot, als sie mit einem hässlich knirschenden Geräusch mit dem Kopf voraus der Länge nach dumpf auf den Boden aufschlug, wo sie regungslos liegen blieb.

 

***

 

„Ihr armer Körper schaut so schrecklich mitgenommen aus. Blut läuft ihr aus Mund und Nase“, sagte Mr. Arnie Windhaus zu dem alten Mann, der sich Hades nannte. „Ich kann nur hoffen, dass du ihr keine Schmerzen zugefügt hast.“

 

„Sie hat nichts von all dem gespürt. Sie hatte einen schnellen Herztod. Du hast es ja selbst so gewollt. Ich erledige meine Arbeit immer so, wie man sie mir aufgetragen hat“, antwortete Hades ruhig.

 

„Ich weiß. Wo ist sie jetzt? Ist sie hier?“

 

„Ja! Ihr körperloser Geist steht vor deinem Grab, das jetzt euer gemeinsames sein wird“, sagte der alte Mann mit dem aschfahlen Totengesicht und deutete mit seiner knöchernen rechten Hand auf ein großes Grabdenkmal am Rande eines breiten Friedhofsweges. „Sie hofft, dass du bald kommst und ihr gegenüber Worte des Verzeihens aussprechen wirst. Sie will es selbst von dir hören. Sie hat ihre Tat schon längst bereut und freut sich darauf, dich endlich wiederzusehen. Alles wird wieder gut! Lass’ sie also nicht zu lange warten. Das Friedhofstor schließt sich bald wieder. Die Ewigkeit wartet nicht gerne...“

 

„Ja, die Trauer hat ihre Zeit, aber alles muss einmal zu Ende sein. Die Narben meiner Seele werden heilen, und ganz bestimmt auch ihre“, sagte Mr. Windhaus hoffnungsvoll seufzend.

 

„Eure kranken Seelen werden im Jenseits von allen Sünden gereinigt. Es ist ein Ort der absoluten Reinheit und Unversehrtheit. Niemand kommt dort hin, bevor er nicht vom irdischen Bösen vollständig gereinigt und erlöst worden ist. – Geh’ jetzt! Ich kann diese Welt nicht verlassen. Ich gehöre zu ihr. Im ewigen Leben hat der Tod nichts zu suchen.

 

Als sich das eiserne Friedhofstor im wallenden Nebel leise schloss, sah man zwei menschenähnlich aussehende Seelen im tiefen Frieden innig umschlugen vereint vor einem Grab stehen. Sie haben sich gegenseitig ihre bösen Taten vergeben. Ein Engel mit großen weißen Flügeln erschien plötzlich aus einem hellen Lichtkranz und nahm beide mit hinüber in die andere Welt, wo der Friede ewig währt.

 

***

 

Am frühen Morgen entdeckten zwei zufällig vorbeikommende Passanten die erstarrte Leiche von Mrs. Elli Windhaus, die in einer großen Blutlache noch immer vor ihrem Mercedeswagen lag, dessen Fahrertür weit offen stand.

 

Der Notarzt konnte nur noch den Tod der alten Frau feststellen. Die schnell herbei gerufene Kriminalpolizei ging zuerst von einem Gewaltverbrechen aus, was sich jedoch nach eingehender Obduktion der Leiche in der hiesigen Gerichtsmedizin als unhaltbar erwies. Die alte Dame hatte sich offenbar mit der langen Autobahnfahrt zuviel zugemutet und war an einem plötzlichen Herzversagen gestorben. Sie konnte das Fahrzeug offenbar noch verlassen, um frische Luft zu schnappen. Kurz darauf muss sie wohl zusammengebrochen sein, fiel schließlich auf das Gesicht, wodurch sie sich eindeutig noch einen Schädelbruch mit einer großen Platzwunde am Kopf zugezogen haben muss, hieß es in der beweiskräftigen Erklärung des Gerichtsmediziners zur Todesursache. Fremdeinwirkung konnte daher zwingend ausgeschlossen werden. Damit war der Fall erledigt.

 

So und nicht anders hat sich alles zugetragen.

 

 

***

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

ich habe euch diese seltsam anmutende Geschichte nur erzählt, um euch darauf vorzubereiten, wenn er eines Tages auch mal bei euch aufkreuzt. Ich meine damit diesen alten Mann mit dem Totengesicht, der sich HADES nennt. Ihr werdet ihn in der Regel nicht rechtzeitig erkennen und wenn doch, dann ist es schon zu spät gewesen.

 

Ich weiß, wovon ich rede. Dort, wo ich arbeite, begegnet er mir immer wieder, jedenfalls öfters, als mir lieb ist.

 

Dann erzählt er mir seine gruseligen Geschichten, wenn er mich unauffällig tagsüber bei der Arbeit besucht. Nur ich kann ihn sehen.

 

Na ja, eines schönen Tages wird er auch mich holen. Was soll's? Das ist der Lauf der Welt. Den Tod kann man nicht aufhalten. Er trifft jeden von uns (im wahrsten Sinne des Wortes).

 

Und wenn der alte Hades kommt? Tja, dann lass’ ich mir vorher von ihm noch eine schaurig-schöne Geschichte erzählen. Und wenn er dann damit fertig ist, gehen wir zusammen ein letztes Mal zum Friedhof, der ein Ort ohne Wiederkehr auch für mich ist. Denn selbst ein Totengräber kommt am Tod nicht vorbei.

Ist doch so – oder?

 

 

 

ENDE

 

© Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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