Helmut Wurm

Sokrates und die medizinischen Anmelde-Rituale

Sokrates hat sich vermutlich an einem Gericht mit Zwiebeln und Bohnen den Magen verdorben. Ihm ist schlecht, er hat heftige Koliken und möchte einen Arzt aufsuchen... Da er gerade in einer Stadt unterwegs ist, sucht er nach einem Arztschild am Straßenrand und findet einen Hinweis auf ein nahes Krankenhaus und auf eine Arztpraxis. Er wählt die Arztpraxis und geht direkt dorthin. Er hofft, dass er als Notfall direkt zum Arzt vorgelassen wird. Aber die Sprechstundenhilfe hält ihn energisch auf und sagt und fragt im Wechsel:

Die Sprechstundenhilfe: Wo wollen Sie denn so schnell hin? Etwa zum Arzt? Was haben Sie denn so Dringendes? Aber hier kann keiner so einfach zum Arzt gehen. Jeder muss sich zuerst anmelden und wir müssen seine Daten genau festhalten. Wir müssen genau wissen, wer da zum Arzt will, weshalb er zum Arzt will und vor allem, wer die Rechnung bezahlt... Und außerdem: Wer zum Arzt will, muss Zeit mitbringen, Wartezeit und Zeit für das Aufnahme-Formelle. Also los, setzen Sie sich hin und beantworten Sie meine Fragen. Und zwischen meinen Fragen müssen Sie einige Unterschriften leisten, nämlich Bestätigungen, Einverständnis-Erklärungen, Erlaubnisse, dass wir Ihre Daten an die ärztliche Zentralstelle weiter geben dürfen, dass Sie den Arzt wegen eventueller Behandlungs-Irrtümer nicht anklagen werden, dass Sie…

Die Sprechstundenhilfe fragt nun nach allem und jedem, nach der Krankenkasse, früheren Arztbesuchen… und füllt mehrere Vordrucke aus. Sokrates muss sie unterschreiben. Dabei sucht er in Wirklichkeit nur schnelle Hilfe für seine Beschwerden, ein Medikament oder eine Spritze... Er rückt immer verzweifelter auf dem Stuhl hin und her... Die Sprechstundenhilfe bemerkt das und stellt endlich die erste vernünftige Frage, nämlich weshalb er eigentlich zum Arzt wolle und weshalb er auf dem Stuhl mit einem so schmerzverzerrten Gesicht hin und her rücke. Als Sokrates auf seinen Bauch deutet und Kolik und Bauchschmerzen murmelt, steht die Sprechstundenhilfe entsetzt auf:
Die Sprechstundenhilfe: Sie haben Schmerzen im Bauch, starke Schmerzen?.. Dann kann der Arzt erst nach einer Ultralschall-Untersuchung, besser nach einer Rumpf-CT oder am besten nach einer Bauch-MRT Konkreteres sagen und behandeln… Ohne Befund keine Behandlung… Schräg gegenüber ist ein Krankenhaus mit modernen Abteilungen. Da müssen Sie vorher hin… Ich schreibe Ihnen eine Überweisung direkt in die MRT-Ambulanz, im 2. Stock. des Krankenhauses... Dann können Sie wieder kommen…

Sokrates schleppt sich zum gegenüber liegenden Krankenhaus und möchte den Fahrstuhl zum 2. Stock wählen. Er möchte aber nur… Denn bereits am Eingang des Krankenhauses wird er von dem Dienst tuenden Eingangs-Angestellten aufgehalten…

Der Krankenhaus-Eingangs-Angestellte: Wo wollen Sie hin?... Sie können doch nicht einfach so hier eindringen… Sie haben eine Überweisung in den 2. Stock? Das kann jeder sagen… Wer hier behandelt werden will, dessen Daten müssen vorher genau aufgenommen werden. Vor allem wollen wir wissen, wer die Rechnungen bezahlt… Also los, setzen Sie sich hin und beantworten Sie alle meine Fragen. Und zwischen meinen Fragen müssen Sie einige Formulare unterschreiben, nämlich Einverständnis-Erklärungen, die Erlaubnis, dass wir ihre Daten an die ärztliche Zentralstelle weiter geben dürfen, dass sie den Arzt wegen eventueller Behandlungs-Irrtümer nicht anklagen werden, dass Sie…

Der Verwaltungsangestellte fragt nun nach allem und jedem, nach der Krankenkasse, nach früheren Arztbesuchen und füllt mehrere Vordrucke aus. Sokrates muss diese lesen und unterschreiben. Dabei sucht er in Wirklichkeit nur schnelle Hilfe, ein Medikament oder eine Spritze... Er rückt immer verzweifelter auf dem Stuhl herum. Der Verwaltungsgehilfe bemerkt das und stellt jetzt die erste vernünftige Frage, nämlich weshalb er eigentlich zum MRT wolle und weshalb er so auf dem Stuhl mit schmerzverzerrtem Gesicht hin und her rücke. Als Sokrates auf seinen Bauch deutet und Kolik und Bauchschmerzen murmelt, steht der Angestellte entsetzt auf.
Der Krankenhaus-Eingangs-Angestellte: Dann sind Sie eventuell sogar ein schwerer Notfall, der nicht nur in die MRT-Abteilung muss, sondern eventuell in die Notaufnahme gehört. Ich werde die Notaufnahme sofort informieren und eine Infusion vorbereiten lassen... Das macht man so bei uns… Bei unklaren Erkrankungen gibt es zuerst einmal eine Infusion… Aber jetzt zuerst schnell zur MRT…

Sokrates schleppt sich unter großen Kolikschmerzen die Treppen hoch in den 2. Stock. Den Fahrstuhl zu benutzen schämt er sich. Als er im 2. Stock nach dem MRT-Arzt sucht und einer Schwester die Überweisung des ersten Arztes zeigt, bringt die ihn nicht zum MRT, sondern zur Aufnahme-Schwester. Die sagt:

Die Aufnahme-Schwester: Hier kann keiner einfach zu einer MRT-Analyse gehen, auch wenn man eine Überweisung hat. Zuerst muss man sich anmelden und wir müssen alle Daten genau festhalten… Wir müssen ja genau wissen, wer da zum Arzt will, weshalb er zum Arzt will und vor allem, wer die Rechnungen bezahlt. .. Also setzen Sie sich hin und beantworten Sie alle meine Fragen. Und zwischen meine Fragen müssen Sie wiederholt Formulare unterschreiben, nämlich Einverständnis-Erklärungen, die Erlaubnis, dass wir ihre Daten an die ärztliche Zentralstelle weiter geben dürfen, dass Sie das Krankenhaus wegen eventueller Behandlungs-Irrtümer nicht anklagen werden, dass…

Die Aufnahme-Schwester fragt nun nach allem und jedem, nach der Krankenkasse, nach früheren Arztbesuchen… und füllt mehrere Vordrucke aus. Sokrates muss dieser Vordrucke unterschreiben. Dann verweist sie ihn ins Wartezimmer. Dort müsse er noch ein Weilchen warten. Dabei sucht Sokrates in Wirklichkeit nur schnelle Hilfe, ein Medikament oder eine Spritze, die seine Beschwerden lindern. Er rückt immer verzweifelter auf dem Stuhl hin und her.

Ein anderer Wartender bemerkt das und stellt die Frage, weshalb Sokrates so auf dem Stuhl mit schmerzverzerrtem Gesicht hin und her rücke. Als Sokrates auf seinen Bauch deutet und Kolik und Bauchschmerzen murmelt, gibt ihm der andere Besuch grinsend und unauffällig ein Fläschchen Magenbitter. Sokrates trinkt in seiner Verzweiflung das ganze Fläschchen aus. Er spürt sofort die belebende Wirkung der Kräuter im Magen, spürt, dass sich seine Koliken lösen wollen, geht auf die Patiententoilette und befreit sich von einer sehr großen Blähung. Erleichtert kommt er ins Wartezimmer zurück, dankt dem anderen Patienten und meldet sich bei der verblüfften Aufnahme-Schwester ab. Dann geht er den Weg zurück zum Eingang.

Als er dort erleichterten Schrittes das Krankenhaus verlassen will, hält ihn der Eingangs-Angestellte zurück.

Der Krankenhaus-Eingangs-Angestellte: Sie können nach einer offensichtlich sehr erfolgreichen Behandlung doch nicht einfach wieder verschwinden… Wir brauchen ein Ergebnis-Protokoll und eine hoffentlich gute Beurteilung unserer Ärzte. Und dann muss ich wissen, an welche Adresse ich die Rechnungen schicke…

Er füllt mehrere Vordrucke aus und überreicht sie Sokrates zum Unterschreiben. Dann wünscht er Sokrates freundlich gute Gesundheit, verbunden mit der Bitte, das Krankenhaus positiv weiter zu empfehlen.

Ähnlich macht es die Aufnahme-Angestellte in der Arztpraxis schrägt gegenüber, wo Sokrates zuerst Hilfe suchte. Sie kommt aus der Tür, als sie Sokrates auf die Straße treten sieht, hält ihn zurück und sagt:

Die Arzt-Sprechstunden-Hilfe: Sie können nach einer offensichtlich erfolgreichen Behandlung im Krankenhaus doch nicht einfach so an uns vorbei gehen… Wir brauchen ein Behandlungs-Ergebnis-Protokoll und eine, hoffentlich gute, Beurteilung unserer Arztpraxis. Denn wir haben Sie ja an das Krankenhaus vermittelt. Und dann muss ich wissen, an welche Adresse ich die Rechnungen schicke…

Sokrates möchte aus Verachtung über diese schriftlichen Anmelde- und Entlass-Rituale am liebsten noch einmal einen großen F… lassen, um seine Gefühle zu erleichtern. Aber er geht lieber nach Hause und erzählte alles seinen Schülern, von denen einer es notierte.

Nach einigen Tagen erhält er per Post mehrere Rechnungen mit genauen Auflistungen der geplanten bzw. nicht praktizierten medizinischen Leistungen. Auch für die Aufnahme-Rituale wurden Gebühren berechnet... Überweisungsformulare sind mit beigefügt …

 

(Notiert vom Discipulus Sokratis, im November 2018)

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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