Heinz-Walter Hoetter

Der Landschaftsprogrammierer

Und während der alte, bärtige Mann gemächlich das Holz hackte, die einzelnen abgeschlagenen Holzscheite gleich neben seinem Platz an der weiß getünchten Rückwand der idyllisch gelegenen Berghütte zu einem großen Holzstapel kunstvoll aufschichtete, kam JOHN BATTON mit langen, weit ausholenden Sätzen den schmalen Weg vom Tal heraufgeeilt.


Plötzlich bog er von dem holprigen Steinweg rechts ab, betrat eine grüne Almwiese und zog eine dunkle Fußspur durch das feuchte Gras des sanft ansteigenden Berghanges hinter sich her, bis ihm schließlich ein Brust hoher Holzzaun den Weg versperrte über den er jedoch mit einem einzigen mühelosen Sprung, wie der einer geschmeidigen Raubkatze, hinweg setzte, um ihn auf der anderen Seite des Zaunes mit sportlich federnden Schritten wieder abzufangen. Dann reckte JOHN BATTON seinen gut durchtrainierten, braungebrannten Körper pfeilschnell in die Höhe, ruderte ein paar Mal mit seinen kräftigen Armen ausbalancierend hin und her und tänzelte dabei von einem Fuß auf den anderen, wobei ihm der frische Bergwind heftig durch die langen blonden Haare blies. JOHN fühlte sich hier oben in der weiten Bergwelt wohl, die in der letzten Zeit schon fast seine zweite Heimat geworden war. Ihn faszinierte die erhabene Schönheit der eisblauen Gletscher und er bewunderte immer wieder das gewaltige Gebirgsmassiv mit seinen vielen weiß leuchtenden Schneekuppen am Horizont. Aber es gab auch schroffe Steilhänge und zerklüftete Täler in denen wilde Gebirgsbäche donnernd dahin rauschten. Alles sah in seiner Gesamtkomposition einfach majestätisch und atemberaubend aus. Es war schlichtweg ein faszinierendes Panorama, das einfach jeden in seinen Bann ziehen musste. Die ganze Berglandschaft war John mittlerweile irgendwie ans Herz gewachsen, wenngleich sie in Wirklichkeit nur eine super komplexe Computer generierte Holografie war, die allerdings einem kritischen Vergleich mit natürlichen Berglandschaften jederzeit standhalten konnte. Alles wirkte deshalb so täuschend echt, weil gewaltige Quantencomputer echte Materie in die jeweiligen Holografien hinein transformierten und auf diese Weise künstlich geschaffene Landschaften produzieren konnten, die von denen in der realen Welt in nichts mehr zu unterscheiden waren.

Aus der Ferne hörte man auf einmal das dumpfe Grollen eines herauf ziehenden Gewitters. Obwohl es noch sehr weit weg war, runzelte der alte Mann nachdenklich die Stirn, legte die schwere Axt behäbig beiseite, schnappte sich seinen grauen Filzhut, setzte ihn auf den Kopf und schob ihn weit nach hinten in den Nacken. Dabei beobachtete er aufmerksam den weiten Horizont, der jetzt auf einmal von einer schwarzgrauen Wolke durchzogen wurde, die bedrohlich von einer Sekunde auf die andere an Größe zunahm. John bemerkte sogleich das nachdenkliche Gesicht des betagten Mannes, der sein Vater war. Deshalb beendete er auch mit einem Schlag sein kleines Fitnesstraining, stand abrupt still und blickte nun ebenfalls gespannt zum weiten Horizont hinüber. Das ganze Szenario wurde von einem unheilvollen Donnern begleitet, das schnell näher kam. Heftige Blitze zuckten wie wild geworden aus den dunklen Wolken hervor, durchschlugen mit einem lauten Knall die turbulente Atmosphäre und entluden ihre gleißend helle Energie irgendwo am Boden der Berge, deren felsige Gebirgslandschaft jedes Mal für wenige Sekunden in ein gespenstisch anmutendes, aschfahles Licht getaucht wurde. Es war einfach ein grandioses Naturschauspiel und man konnte förmlich das Knistern der elektrischen Entladungen spüren, als das tobende Gewitter langsam direkt an den beiden Männern vorbei zog.

Kurz darauf drehte sich der alte Mann langsam herum, nickte anerkennend mit dem Kopf und sagte dann: „Ein beeindruckendes Naturschauspiel hast du da zusammengestellt..., mein Sohn. Wirklich sehr gut gelungen und äußerst überzeugend, wie ich dazu feststellen muss.“

JOHN BATTON sah seinen Vater zufrieden an und gab ihm schließlich zur Antwort: „Ja, du hast Recht, es sah tatsächlich überwältigend aus. Trotzdem bin ich noch nicht ganz zufrieden damit. Einige wichtige Szenen des Wetterprogramms innerhalb der gerade vorgestellten Gebirgssimulation sollte ich besser noch einmal etwas genauer unter Lupe nehmen. Ich werde wohl ein paar kleine Änderungen vornehmen müssen. Das stellt für mich aber kein großes Problem dar." Dann redete er weiter: "Ich hatte den Eindruck, dass die Sequenzen der eingespielten Gewitterblitze zu kurz hintereinander abgelaufen sind. Sie haben deshalb ihre unmittelbare Umgebung für meinen Geschmack einfach zu lange ausgeleuchtet. Das wirkt insgesamt gesehen etwas zu unnatürlich. An einigen Stellen nahmen die eingespielten Blitze sogar den Weg von unten nach oben, was eigentlich von mir so nicht vorgesehen war. Scheint sich ein Fehler in der Programmierung eingeschlichen zu haben. Außerdem sollte eigentlich der aufkommende Regenschauer etwas früher einsetzen. Na ja, aber im Großen und Ganzen kann ich mit dem vorläufigen Ergebnis meiner Landschafts- und Wettersimulation eigentlich recht zufrieden sein. Aber wie gesagt, ein paar Fehler müssen noch korrigiert werden, dann ist die Sache wirklich absolut perfekt.“

Noch während JOHN BATTON den Satz beendete, schaute er zu seinem Vater hinüber, der langsam auf ihn zukam und wenige Augenblicke später direkt vor ihm stand.

Dann sagte er: „Ich glaube, mein Sohn, wir machen für heute Schluss! Du hast genug Zeit! - Morgen ist auch noch ein Tag, um die beabsichtigten Änderungen am Holoprogramm vornehmen zu können. Trotzdem bin ich mir jetzt schon sicher, dass dich allein diese hervorragend gelungene Arbeit auf Anhieb ins Finale bringen wird.“

JOHN BATTON war sichtlich erleichtert. Wusste er doch, dass er dem profunden Urteil seines alten Vaters voll vertrauen konnte. Er hatte ihm viel zu verdanken, denn er war in ihrer Zeit der letzte noch lebende Großmeister aller Basissimulationsprogramme, die in speziell dafür vorgesehenen molekularen Speichermedien von Generation zu Generation bewahrt wurden, um damit die kollektiven Erinnerungen an die wunderschönen Landschaften ihres im Nebel von Raum und Zeit verloren gegangenen Heimatplaneten wach zu halten, dessen Namen sie nie vergessen würden.

Dieser Planet hieß Erde.

Sie alle waren nämlich die fernen Nachkömmlinge jener uralten Menschheit gewesen, deren Vorfahren vor undenklichen Zeiten noch auf dem Planeten Erde gelebt und diesen dann aber irgendwann einmal als mutige Raumfahrer und Endecker verlassen hatten, um ferne noch unerforschte Welten in den unendlichen Weiten des Universums zu erobern. Immer weiter drangen sie dabei in die grenzenlose Tiefe des Alls vor, besiedelten selbst wieder Planeten oder zogen weiter, von Sternensystem zu Sternensystem, von Galaxie zur Galaxie, bis sich ihre Spur irgendwo da draußen in der Ewigkeit von Raum und Zeit verlor, gleichwohl aber die Geschichte ihrer Herkunft immer bei sich tragend.


Um also die Erinnerungen an ihren Ursprungsplaneten wach zu halten erschufen sie schon sehr früh äußerst leistungsfähige Supercomputer mit schier unglaublichen Fähigkeiten, die dazu in der Lage waren, jede nur denkbare Welt auf gigantischen Holoplattformen materiealisieren zu lassen. Tief im innern der gewaltigen Quantencomputer war jeder Quadratmillimeter der Erde mit all ihren schönen Landschaften originalgetreu abgespeichert worden und diese wiederum dienten als Vorlage für alle computersimulierte Darstellungen auf den Holobühnen.

So entstanden die Landschaftsprogrammierer und seit der Zeit veranstaltete man immer wieder eigens dafür ins Leben gerufene Wettbewerbe, um die fähigsten Programmierer unter ihnen ausfindig machen zu können, die das Talent dazu mitbrachten, mit ihrer angeborenen Programmiererkunst genau diese so überaus real wirkenden Landschaftsimulationen der Erde mit Hilfe der Computer entstehen zu lassen.

Vater und Sohn gingen jetzt gemeinsam hinüber zur zentral gelegenen positronischen Steuerungsanlage des gewaltigen Holodecks.

John gab persönlich den geheimen Code für den Befehl zum Abspeichern der holographischen Landschaft in den Computer ein und nach einer Weile verschwand die kilometerweite Gebirgslandschaft sukzessive wieder von der Bildfläche, als wäre sie nie da gewesen. An ihrer Stelle breitete sich bald nur noch ein undurchdringliches Schwarz aus, das aussah wie ein Universum ohne Sterne.

Dann durchschritten Vater und Sohn die leise surrenden Sicherheitsschleusen der riesenhaften Anlage, bis sie endlich den Ausgang erreichten, um draußen in einem der wartenden, radlosen Antigravitationsgleiter Platz zu nehmen, der sie beide, wie von Geisterhand gesteuert, zurück in die fern gelegene Großstadt Nova City bringen würde.

 

ENDE

©Heinz-Walter Hoetter

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.11.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Im Schatten des Olivenbaumes von Joana Angelides



Ein Olivenbaum zieht die Menschen in seinen Bann und bestimmt besonders das Leben einer leidenschaftlichen Frau.
Sie trifft eine überraschende Entscheidung.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Science-Fiction" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Heinz-Walter Hoetter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Nicht der Glaube ist eine Tugend, sondern der Zweifel von Heinz-Walter Hoetter (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Die Schattengalaxie von Benjamin Bieber (Science-Fiction)
Das Treffen ohne Verabredung von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)