Helmut Wurm

Sokrates und die geplante Wolf-Einbürgerung

Sokrates schlendert durch eine Kleinstadt am Rande eines neu eingerichteten Natur-Parks entlang. Da sieht er am Marktplatz eine Gruppe von Menschen um eine Stange mit einem Wolfsbild stehen, auf dem steht „Willkommen in der alten früheren Heimat“. Die Stange hält ein Mann, dem man die kindliche Gutmütigkeit und Unflexibilität im Denken ansieht. Er lächelt zufrieden, glücklich, selbstüberzeugt in die Runde der Umherstehenden.

Die sind aber nicht so zufrieden und ungerührt, sondern scheinen sich teilweise heftig zu äußern. Sokrates geht hin, bleibt stehen, hört zu und erfährt bald, dass es sich um einen Wolf handelt, der im neuen Natur-Park eingebürgert werden soll und der den Anwohnern der Umgebung Sorge bereitet. Der Wolfsbild-Träger versucht noch einmal, mit nach oben gerichtetem, verklärtem Blick zu begründen, weshalb der Wolf eingebürgert werden soll, ja weshalb er das Recht hat, wieder eingebürgert zu werden:

Der Wolfsfreund: Wir Europäer haben überall dort, wohin wir kamen, Menschen und Tiere, die uns störten, vertrieben oder ausgerottet. Die Indianer haben wir ausgerottet, weil wir deren Land für Viehzucht und Ackerbau wollten, wir haben die Wale weitgehend ausgerottet, weil wir deren Fett wollten, und wir haben den Wolf ausgerottet, weil er unser Vieh „angeblich bedrohte“. Dabei ernährt er sich hauptsächlich von Wildtieren. Wir müssen jetzt das Verbrechen, das wir an den Wölfen begangen haben, wieder gut machen, wir müssen sie wieder in die alte Heimat zurückführen. Das ist unsere Pflicht. Deswegen wird jetzt eine Wölfin in dem hiesigen Naturschutzgebiet ausgewildert. Es werden männliche Wölfe nachkommen und bald wird sich hier in den weiten Wäldern wieder ein Wolfsrudel bilden – wie in den früheren Zeiten der alten Germanen und davor. Das sollte uns freuen, das ist Wiedergutmachung. (Der Mann schaut verklärt Richtung Wald)

Ein Umstehender (etwas spöttisch): Dann müssten wir auch wieder die Höhlenbären, die Wisente, die Waldnashörner, die Höhlenlöwen, die Säbeltiger und weiter zurück die Saurier einbürgern. Das wäre eine konsequente Wiedergutmachung.

Der Wolfsfreund: Ja, das wäre echte Wiedergutmachung. Aber außer den Wisenten gibt es diese früheren Bewohner Mitteleuropas nicht mehr. Die Wisente beginnt man ja im Rothaargebirge wieder auszuwildern. Aber vielleicht könnte man die anderen genannten Arten wieder neu zurückzüchten. Das wäre eine wundervolle wissenschaftliche Aufgabe, wenn die gelänge… (Der Mann schaut verklärt in Richtung Wald)

Ein anderer Umstehender (mit grünem Mantel): Ich bin Jäger. Wölfe haben großen Hunger und reißen viele Rehe und Hasen. Da werden wir Jäger bald kein Wild mehr vorfinden und die Büchsen der Bundeswehr geben müssen.

Der Wolfsfreund (begeistert): Auf Dich habe ich gewartet, verhasster Jäger… Ihr seid für mich verkappte Mörder, Blutdustige, Rechtsradikale… Ich habe Euch schon immer gehasst... Ja, das wollen meine Freunde und ich, Euch arbeitslos machen, Euch jagdlos machen, Euch waffenlos machen, Ihr sollt die Jagd aufgeben müssen… Das ist ein zusätzliches Anliegen, weshalb wir die Wölfe wieder einbürgern wollen… Euch soll das Mord-Handwerk verdorben werden… Ha, ha, ha. (lacht laut und hämisch)

Ein weiterer Umstehender: Ich wanderte mit meiner Familie bisher regelmäßig in Wald. Künftig werden ich und meine Kinder Angst haben und zu Hause im Garten bleiben.

Der Wolfsfreund (begeistert): Auch auf Dich habe ich gewartet, verhasster im Wald- Herumstreunender. Ihr sollt im Garten bleiben. Das ist nämlich das dritte Ziel meiner Freunde und von mir, dass neben der Wiedergutmachung an den Wölfe und neben der Ruinierung der Jagd auch die Waldspaziergängern künftig aufhören sollen, im Wald herum zu trampeln, Blumen und Zweige abzureißen, Pilze zu sammeln… Gerade in der Zeit der Klimaerwärmung müssen die Wälder so intakt und dicht wie möglich sein, um CO2 zu binden. Menschen im Wald stören nur diese Aufgabe…

Ein nächster Umstehender: Ich bin Landwirt und habe u.a. auch eine kleine Schafherde. Ich habe die Sorge, dass die Wölfe nicht nur wilde Tiere im Wald fressen, sondern auch den Schafen gefährlich werden. In einem anderen Teil Norddeutschlands sind Wölfe in eine Schafherde eingebrochen und haben 30 Schafe gerissen. Entschädigungen sind unsicher und stellen mich nicht zufrieden. Denn ich bin mit meinen Tieren emotional verwachsen.

Dürfen solche Schafe tötenden Wölfe abgeschossen werden?

Der Wolfsfreund (spielt diese Sorge herunter): Ob Schafe wirklich gerissen werden, ist noch völlig unsicher. Und dann nur ganz gelegentlich. Und dafür gibt es eine einfache Methode. Wölfe sind viel klüger, als sie von den Wolfs-Gegnern dargestellt werden. Ich bin der festen Meinung, dass man ihnen bewusst machen kann, dass Schafe nicht gefressen werden dürfen… Wie das gehen soll?... Ganz einfach. Man fängt einen solchen Jagd-Fehler machenden Wolf, stellt in an einem Halsband vor eine Schafherde und macht mehrfach Zeichen der Abscheu, dass es nämlich unehrenhaft ist, Schafe zu töten. Der Wolf wird das bald begreifen und seinen Artgenossen im Rudel mitteilen. Dann haben die Schafzüchter Ruhe… Aber abschießen kommt überhaupt nicht in Frage. Die Jäger haben ja bald keine Waffen mehr, ha, ha, ha, und die Polizei hat andere Aufgaben.

Noch ein anderer Umstehender: Und wenn nun ein Wolf in die Nähe der Siedlungen und Gärten kommt und Kinder anfällt? In Griechenland soll das vorgekommen sein.

Der Wolfsfreund (spielt diese Sorge herunter): Das halte ich für ein böses Märchen. Wolfe lieben wie alle hundeartigen Tiere Kinder. Und vor erwachsenen Menschen haben sie alle Furcht. Aber sollte so etwas wirklich ausnahmsweise vorkommen, dann muss dieser Wolf gefangen und einer Therapie durch einen erfahrenen Tier-Psychologen unterzogen werden. Wir haben einige erfahrene Tierpsychologen in unserer Gegend. Dann bekäme man solche Entgleisungen schnell in den Griff…

In der Menge beginnt es zu rumoren. Man hört Rufe: Der Kerl spinnt… Der hat nicht alle Tassen im Schrank… Das ist einer jener gefährlichen Gutmenschen, die durch ihre unrealen Spinnereien mehr schaden als nützen… Der gehört selbst in eine Therapie… Spinnige Gutmenschen können auch Schaden anrichten, so wie Bösmenschen… Jagt den Kerl davon…

Der Wolfsfreund (wütend): Ja ich bin ein Gutmensch, aber ein sehr wertvoller, alle meine Freunde sind auch solche wertvollen Gutmenschen… Wir wollen unsere Gesellschaft und unser Land verändern… Wir streben deswegen nach Einfluss auf den verschiedenen Ebenen der Gesellschaft. Wir haben unauffällig schon viele Positionen errungen, bis hinauf in die Regierungsebenen… Wir sind in die Kommunalverwaltungen, Schulen und Universitäten eingesickert… Es ist gefährlich, uns anzugreifen… Dann holen meine Freunde die Polizei… Wir halten alle zusammen (stellt sich stolz den Umstehenden entgegen).

Sokrates merkt, dass er jetzt eingreifen sollte. Er möchte die Menge beruhigen, aber auch die Wahrheit dafür nicht opfern.

Sokrates: Liebe Leute, ereifert Euch nicht unnötig. Die Geschichte lehrt zwar, dass es in jeder Generation Phantasten und übertriebene Gutmenschen gibt. Aber die ausgewogenen Gutmenschen sollten wir unterstützen. Es kommt auch bei diesen, wie bei allem, auf die Ausgewogenheit an… Dieser Wolfs-Gutmensch scheint mir aber nicht zu den ausgewogenen Gutmenschen zu gehören. Aber lasst uns mit ihm diskutieren, lasst uns versuchen, ihn von der Unrealität seiner Wolfs-Vorstellungen und seiner Wolfs-Therapien zu überzeugen… Lasst uns…

(Der Wolfs-Gutmensch unterbricht Sokrates stolz-eingebildet)

Der Wolfs-Gutmensch: Ich bin nicht unreal und phantastisch, ich bin realer Idealist und Natur-Missionar, ich diskutiere mit niemandem über die Wahrheit, ich werbe für die neue Natur-Wahrheit überall und zu jeder Zeit, ich lasse mich von verkrusteten und nazinahen Menschen nicht verunsichern. Ich…

Weiter kommt er nicht, denn die Umstehenden reißen ihm die Stange mit dem Wolfsbild aus der Hand, trampeln darauf herum und rufen durcheinander:

Die Umstehenden (durcheinander): Ich will mich nicht vor Wölfen fürchten müssen… Meine Schafe frisst kein Wolf… Meine Kinder sollen unbeschwert im Wald spazieren gehen dürfen… Jagt den Wolfs-Spinner davon!...

Sokrates sieht noch, wie der Wolfs-Gutmensch davon läuft, verfolgt von den anfangs Herumstehenden und hört ihn rufen: Ich hole die Polizei, ich rufe meine Freunde in der Politik…

Sokrates denkt:

Sokrates: Es ist in der Geschichte immer dasselbe. Auf ein Extrem folgt ein Gegenextrem. Besonders gilt das für die Deutschen… Erst die Bösmenschen der Nazis, dann jetzt die teils phantastischen Gutmenschen, die wirklich mehr als viele Bürger es bemerkt haben, in die Politik, in die Verwaltungen und in das Bildungssystem eingesickert sind. Die Deutschen kommen nicht zur Ruhe in Ausgewogenheit…

Sokrates geht kopfschüttelnd und etwas traurig weiter.

 

(Aufgeschrieben im Dezember 2018 vom discipulus Sokratis, der im Hintergrund dabei war und auch den Kopf geschüttelt hat)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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