Heinz-Walter Hoetter

Dschucan Tellebies Heimat liegt in einer anderen Welt

Ein blondhaariger junger Mann stand tief in Gedanken versunken in einem heruntergekommenen Landhaus am Fenster des oberen Stockwerkes und blickte von dort aus verträumt nach draußen in einen grünen, weitläufigen Park mit zahlreichen mächtigen Eichen.

 

Sein goldfarbenes Haar reichte ihm bis zur Schulter herunter, das dicht über den schmalen Kragen seiner verschlissenen schwarzen Lederjacke hing. Ab und zu krampften sich die feingliedrigen Finger seiner Hände zusammen, um dann für einige Momente in seinen ausgebeulten Hosentaschen zu verschwinden, wo sie sich, unmerklich für Außenstehende, zu einer Faust zusammenballten. Die innere Anspannung des jungen Mannes, der sich Dschucan Tellebie nannte, war nicht zu übersehen. Ansonsten konnte man keine weiteren Bewegungen an ihm beobachten.

 

Dschucan hatte schon sehr früh als Kind seine Mutter verloren, die Eleanor hieß, von der er aber nicht einmal wusste, ob sie wirklich seine Mutter war.

Ähnliches behaupteten jedenfalls böse Zungen aus der ehemaligen Nachbarschaft.

 

Vor knapp einem Jahr, nach dem überraschenden Tod seines Vaters, hatte man ihn einfach in ein Kinder- und Jugendheim gesteckt, wo er sich allerdings überhaupt nicht wohlfühlte. Verwandte gab es komischerweise auch keine.

 

Immer wieder zog es Dschucan in das leerstehende Landhaus seiner verstorbenen Eltern, das er mit einem selbst angefertigten Nachschlüssel heimlich über eine Tiefgarage betreten konnte. Irgendein komisches Geheimnis umgab das alte Gemäuer, aber selbst Dschucan konnte sich nicht erklären, um was es sich dabei handelte. Seltsamerweise war nach ihnen kein neuer Mieter eingezogen. Das Anwesen verfiel deshalb immer mehr.

 

Jetzt, mit knapp achtzehn Jahren, musste er versuchen, sein tägliches Brot selbst zu verdienen, was ihm aber nicht allzu gut gelang. Er war zwar nicht faul, aber mit den Menschen kam Dschucan nicht so richtig zu recht. Warum das so war, konnte er sich selbst nicht erklären. Er dachte auch nicht weiter darüber nach.

 

 

***

 

Mr. Boris Whitman war ein steinreicher, aber sehr geheimnisvoller Geschäftsmann, der das Landhaus kurz nach dem Tode von Mr. Tellebie aufgekauft hatte. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen ließ er seitdem nichts mehr an dem Anwesen machen, was dazu führte, dass es immer mehr herunterkam.

 

Mr. Whitman war von einer stattlichen Gestalt, sehr selbstbewusst, aber dennoch irgendwie zurückhaltend und meistens sehr wortkarg. Außerdem war er angeblich Witwer, der sich nach dem Tod seiner Frau fast ganz von aller menschlichen Gesellschaft zurückgezogen hatte und sich dafür mehr auf seine Geschäfte konzentrierte. Er fuhr überall in der Weltgeschichte herum und kehrte nur noch sehr selten nach Hause zurück. Kaum war er da, reiste er auch schon wieder ab, als wäre jemand hinter ihm her.

 

Es ging sogar das Gerücht um, dass Mr. Whitman eine kriminelle Vergangenheit hatte und an einer Kindesentführung beteiligt gewesen sein soll. Aber das waren eben alles nur Gerüchte. Genaues wusste man nicht.

 

Dschucans Vater, Lester Tellebie, dagegen war Gelehrter gewesen, ein hochbegabter Physiker, der seiner Zeit weit voraus war, aber genau deshalb wenig Anerkennung genoss, da man ihn als „Spinner“ abtat, weil er vehement die Theorie vertreten hatte, dass Reisen durch die Zeit möglich seien, wenn man nur über die entsprechende Technik verfügte. Seine Arbeiten über die Theorie der Zeitreisen wurden allerdings nie veröffentlicht oder auf Stichhaltigkeit hin überprüft. Mr. Tellebie nahm sie als verarmter Mann mit ins Grab. Zurück blieben eine Menge schriftlicher Unterlagen mit geheimnisvoll anmutenden Formeln und unerklärlichen Skizzen. Alles wurde gut verpackt in zwei Koffer großen Pappkartons irgendwo auf dem großen Speicher des alten Landhauses verfrachtet, wohl auch deshalb, weil niemand die Theorie Tellebies verstand oder was damit zu tun haben wollte. Außer Mr. Whitman kümmerte sich niemand mehr um die Unterlagen des ehemaligen Physikers. Warum er das tat, konnte selbst Dschucan nicht erklären. Aber für alles gab es einen Grund, dachte der junge Mann für sich.

 

Gerade als Dschucan sich vom Fenster abwenden wollte, entdeckte er neben einer der großen Eichen, an dem breiten Torbogen des Hauptweges, plötzlich eine seltsame, kreisrunde Lichterscheinung, die mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zuschoss, mühelos durch das geschlossene Fenster drang, als wäre es aus Luft, um Sekunden später in den Körper des jungen Mannes einzudringen, ohne das er etwas dagegen machen konnte. Im nächsten Augenblick sackte Dschucan kraftlos zu Boden und verlor das Bewusstsein. Kurz darauf löste sich sein Körper im Nichts auf und war verschwunden.

 

 

***

 

Er konnte die Bewegung nicht stoppen. Dschucan Tellebie schwebte schwerelos durch einen schwach ausgeleuchteten röhrenförmigen Raum, dessen Grenzen sich ständig nach allen Seiten beliebig zu verändern schienen.

 

Wie lange war er schon hier?

 

Der junge Mann atmete schwer. Es war fast unmöglich, hier die Orientierung zu behalten, aber er glaubte sich nicht weit des Landhauses zu befinden, in dessen oberem Stockwerk er am Fenster gestanden hatte, bevor er von dieser ominösen Lichterscheinung getroffen wurde.

 

Ein seltsamer Ton ließ ihn aufhorchen, der erst leise und weit entfernt schien, dann aber immer lauter wurde. Dschucan lauschte dem Klang und konnte ihn zuerst nicht deuten. Nach einer Weile dämmerte es ihm. Es musste das Geräusch einer Turbine sein, die irgendwo vor sich hin lief und auch die Ursache für den kaum wahrnehmbaren Luftzug war, der über seine Gesicht strich.

 

Von einer Sekunde auf die andere stoppte seine schwebende Bewegung und Dschucan spürte plötzlich unter seinen Füßen festen Boden. Die Lautstärke der Turbine hatte sich auf ein gleichmäßiges Brummen eingependelt. Ein neues Geräusch schreckte ihn auf. Instinktiv blieb er stehen um zu lauschen, doch es wiederholte sich nicht. Der Raum verengte sich und nahm die Form eines Ganges an. Langsam ging er weiter und stieß auf eine schmale Treppe, die offenbar nach oben führte.

 

Eilig rannte er die Stufen hinauf und erreichte über eine mannshohe Stahltür einen kleinen Hinterhof, der von einer hohen Mauer umgeben war, die er nicht überwinden konnte. Dschucan schaute sich um und entdeckte ein weiteres Tor rechts von seinem Standort. Überall knisterte es wie nach einer elektrischen Entladung.

 

Dann stand er vor der Tür, die aus einem Metall bestand, das er nicht kannte. Zuerst hatte er Angst, dass sie sich nicht öffnen ließ, aber er hatte Glück. Sie ließ sich ohne Schwierigkeiten aufsperren. Erleichtert und mit größter Vorsicht schritt er hindurch. Auf der anderen Seite angekommen, hätte es ihm beinahe den Atem verschlagen. Sein Blick fiel auf einen wahrhaft gigantischen Raumflughafen, der sich nur wenige hundert Meter direkt vor ihm befand. Am fernen Horizont schimmerten die hohen Wolkenkratzer einer unbekannten futuristisch aussehenden Stadt durch einen dunstigen Nebelschleier. Dschucan befand sich in einer anderen, für ihn völlig fremdartigen Welt. Und doch erschien sie ihm irgendwie vertraut.

 

Dann hörte er plötzlich das Dröhnen von Raketenmotoren, die ihn unwillkürlich zum Himmel aufblicken ließen. Ein riesiges Raumschiff schwebte heran und setzte gerade mit blinkenden Positionslichtern zur Landung an. Atemlos beobachtete Dschucan das grandiose Schauspiel. Obwohl er eine starke innere Unruhe verspürte, weil er nicht wusste wo er sich befand, versuchte er sich zusammenzureißen und versteckte sich so gut es ging im Schatten der hohen Mauer.

 

Während er noch seine Blicke mit weit aufgerissenen Augen hin und her schweifen ließ, löste sich von dem gewaltigen Raumschiff ein kleines Beiboot, das wenige Minuten später keine zehn Meter vor Dschucan mit ausgefahrenen Landestützen aufsetzte. Das kreisrunde Ausstiegsschott einer kupferfarbenen Luftschleuse öffnete sich laut zischend und heraus traten ein Mann und eine Frau, die beide langsamen Schrittes auf den wie erstarrt da stehenden jungen Mann zugingen. Als sie sich gegenüberstanden, schauten sie sich abwechselnd einander wortlosen Staunens an, als ob niemand glauben könne, was er da sah.

 

Die hünenhafte Frau in dem schwarzen Raumanzug ging schließlich als erste auf Dschucan zu und streichelt zärtlich seine blassen Wangen.

 

„Du bist es wirklich, Dschucan.“

 

Die schlanke Frau drehte sich scheinbar zufrieden zu dem wartenden Mann herum und sagte mit überglücklicher Stimme: „Schau, Chomhosos, er ist schon ein richtiger Mann.“

 

Der Raumfahrer nickte ungläubig ein paar Mal mit dem Kopf, als hätte es ihm die Sprache verschlagen. Seine Augen glänzten, als wollte er in Tränen ausbrechen.

 

Dann sprach die Frau weiter.

 

„Ich bin Xeone, deine Mutter. Mein lieber Sohn, dein Vater und ich haben lange nach dir gesucht. Das halbe Universum mussten wir durchforsten, bis wir dich nach deiner Entführung endlich auf der Erde des Menschen entdeckt haben. Damals warst du noch ein Baby. Zuerst haben wir die biologischen Signaturen deines Kidnappers, eines gewissen Mr. Boris Whitman, alias Thuzlar Shaahalamo, lokalisieren können, der dich bei einem Physiker namens Lester Tellebie und seiner Frau Eleanore versteckt hielt. Thuzlar Shaahalamo und Lester Tellebie waren Freunde, weil Thuzlar ihm die Grundlagen der Zeitreise verriet, was die Menschen auf der Erde natürlich noch nicht verstehen konnten. Sie waren für dieses Wissen noch nicht reif genug gewesen. Tellebie machte sich mit der Verbreitung der Zeitreisetheorie lächerlich und verspielte dabei unter den Menschen seinen Ruf als Physiker. Als wir Thuzlar entdeckten, verschwand dieser und ließ dich mutterseelenallein zurück. Wir verschafften dir sofort eine Möglichkeit, dass du in unsere Welt wieder zurückkehren konntest und setzten unsere modernste Zeitmaschine dafür ein, die dir einen linearen Korridor aufbaute, um dich zurückzuholen. Du standst gerade am Fenster des Landhauses als du von dem Zeitschlauch erfasst worden bist. Wie du siehst, haben wir es tatsächlich geschafft. Wir sind überglücklich, dich wieder bei uns zu haben.“

 

Die Frau nahm den jungen Mann in die Arme und drückte ihn jetzt überschwänglich. Gleiches tat der Mann, der sein Vater war.

 

Dschucan begriff seine neue Situation immer noch nicht ganz. Aber irgendwie fühlte er sich plötzlich wie neugeboren. Er hatte tatsächlich den wunderbaren Eindruck, dass er hier hingehörte, weil diese neue Welt seine eigentliche Heimat war.

 

„Nun ist endlich wahr geworden, wovon wir solange geträumt haben. Wir haben unseren vermissten Sohn endlich wieder“, hauchte die Frau in dem schwarzen Raumanzug mit tränenerstickter Stimme. Ihre glücklichen Blicke glitten dabei zwischen ihrem Ehegatten und ihrem Sohn hin und her.

 

„Ja, Xeone“, sagte ihr Mann Chomhosos leise. „Wir haben ihn wieder. Es ist ein Wunder.“

 

Dann atmete er ein paar Mal tief durch und schwieg erschöpft. Wenige Augenblicke später ging die kleine Familie zu dem wartenden Beiboot, stiegen nacheinander ein und düsten damit in die futuristisch aussehende Stadt mit ihren gewaltigen Wolkenkratzern am fernen Horizont.

 

Dschucan war wieder zu Hause.

 

 

ENDE

 

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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