Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 32

Aber auch Mikesch war derzeit alles andere als erfreut. Der Sumpf war für den Kater noch schlimmer als der räudige Köter Schluffi, den die Freundin seiner Dosenöffnerin gelegentlich anschleppte. Zwar verfügte der inzwischen über eine stattliche Anzahl von Narben auf seiner langen Schnauze, klüger war er deshalb aber trotzdem nicht geworden. Mikesch schüttelte bei der Erinnerung sein pelziges Haupt und blickte zu Gorgus auf, der unaufhaltsam wie ein Eisbrecher in der Antarktis durch das Sumpfgebiet stapfte. Seine gewaltigen Füße hinterließen Zerstörungen, an der die Natur lange zu knacken haben würde. Mikesch fragte sich, wo der Troll wohl normaler Weise lebte und ob er sein gewohntes Umfeld vermißte.

„Weißt du, was Heimweh ist?“, fragte er, worauf der Troll ratlos seine Stirn in Falten legte.

Heim mit Aua?“, fragte er treuherzig, was den Kater auf maunzen ließ.

„Sei dankbar, daß die Natur dich so kräftig gemacht hat, mein Großer, sonst würde deine Spezies schon lange ausgestorben sein“, seufzte er. Mit Trollen konnte man einfach kein Gespräch führen. Das zumindest hatte Gorgus mit Schluffi gemein.

Wie dein Heim?“, wollte Gorgus zu Mikesch Erstaunen wissen. Seine Stimme klang ungewohnt sanft, sofern man das Grollen einer Steinlawine, an das die Stimme des Trolls stets erinnerte, so interpretieren mochte.

„Kabelfernsehen, Dosenfutter und ‘ne funktionierende Heizung“, antwortete der Kater automatisch. „Anders ausgedrückt, es ist ganz OK“, ergänzte er, als er das ratlose Gesicht des Trolls betrachtete.

Du gern zurück?“

„Na klar, ich meine..“, stockte Mikesch, der sich von der Frage überrumpelt fühlte. Wollte er wirklich zurück? Sicher, regelmäßige Fütterung und ein warmes Plätzchen sind stets ein guter Grund. Aber was erwartete ihn sonst noch?

Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte seine Dosenöffnerin schon lange nicht mehr viel Zeit für ihn übrig gehabt, insbesondere nicht, seit sie diesen neuen Freund hatte.

 

Was würde passieren, wenn der Freund keine Katzen mochte?

 

Würde der Miezekater dann auf dem Abstellgleis landen?

 

Endstation Tierheim. Alle Stubentiger bitte aussteigen.

 

Die Aussicht war alles andere als verlockend. Aber wer konnte schon ahnen, wie eine Dosenöffnerin im Liebestaumel reagieren würde?

Eines wurde Mikesch bei diesen Überlegungen bewußt, die Entscheidung zurückzukehren, falls er überhaupt jemals die Möglichkeit haben sollte, bedurfte der sorgfältigen Abwägung.

„Ich überlege noch“, murrte er daher in einer Stimmlage, die deutlich machen sollte, daß er das Thema nicht vertiefen wollte.

Ich hoffen, du entscheiden für hier“, brummte Gorgus verlegen. „Du große Klappe, aber Freund.“

„Ich denk drüber nach, mein Großer“, maunzte Mikesch, der von der Offenheit des Trolls gerührt war. Mit deutlich besser Laune und mehr Optimismus als zuvor, patschte er weiter durch den Sumpf.

„Wie bist du eigentlich bei Hillys traurigem Haufen gelandet?“, fragte der Kater nachdem sie den Waldrand wieder erreicht hatten. Dichtes Gestrüpp mit einer erlesenen Auswahl aus Dornen erwartete sie dort, was nicht unbedingt eine Verbesserung zu dem stinkenden Morast darstellte. Zumindest dann nicht, wenn man Wert auf ein gepflegtes Fell legte. Und natürlich führte die Spur mitten hindurch.

Brauchte Versteck“, brummte Gorgus und weckte damit die Neugier des Katers. Was mochte einen Kraftklotz wie diesen dazu veranlassen, ein Versteck zu suchen. Nach Mikesch Ansicht benötigten eher diejenigen, die das Pech hatten, dem Troll in die Quere zu kommen, dringend eine bombensichere Unterkunft.

Was also hatte er angestellt?

„Hattest du ein Schaf zu viel gefuttert?“, fragte Mikesch lässig, um den Troll aus der Reserve zu locken.

Nein, Schafherde“, korrigierte Gorgus mit düsterer Miene. „Frühstück“, ergänzte er, als er den erstaunten Blick des Katers auffing. Nun verstand er allmählich. Vermutlich war er von einer Armarda erboster Bauern mir Mistgabeln und Sensen verfolgt worden, nachdem diese die erschreckende Dezimierung ihres Viehbestands festgestellt hatten.

„Hör mal, mein Großer. Du kannst nicht einfach durch die Gegend spazieren und dir ‘n halben Bauernhof zum Frühstück einwerfen. Da ist der Ärger vorprogrammiert.“

Bauer geschuldet“, brummte Gorgus empört. „Ganzen Sommer gearbeitet, nicht bezahlt, Schafe Entschädigung.“

„Er hat dich reingelegt und du hast zur Selbstbedienung gegriffen. Warum hast du nicht auf deinem Recht auf Lohn bestanden?“

Gorgus sah den Kater an, als habe der ihn gefragt, warum er nicht Hochseilartist geworden sei.

Trolle nicht beliebt. Trolle gut für Arbeit, Kampf und beschimpfen. Wenn Mensch tötet Troll, kein Problem, wenn Troll tötet Mensch...“

„..oder frißt Schaf...“

..dann Problem!“

„Also bist du nach einem Frühstück mit Schaf und Käse bei Hilly untergetaucht.“

Gorgus nickte.

Hilly Familie. Freunde. Ich gerne dort.“

„Schön, wenn man weiß, wo man hingehört“, brummte Mikesch mit einer ungewohnten Melancholie in der Stimme, während er hinter Gorgus her schlich, dem die Natur nicht viel entgegenzusetzen hatte. Gorgus war schon ein echtes Problem für jedes intakte Ökosystem.

Nach ein paar hundert Schritten und circa zwei Dutzend nieder getrampelten Jungbäumen später erscholl plötzlich Hillys aufgeregte Stimme von der Spitze ihres Pfadfinderwandertrupps.

„Hier hat sie gerastet.“

Schnell fanden sich die Gefährten auf der kleinen Lichtung zusammen, die offenbar von Nobeline als Übernachtungsstätte auserkoren worden war und betrachteten die Spuren, die sie hinterlassen hatte.

„Sie hat ‘n Wildschwein tot gedichtet“, staunte Mikesch beim Anblick der Überreste eines Wildschweinkadavers, den Hilly unter einem Baum entdeckt hatte.

Sie von dir gelernt?“, fragte Gorgus trocken und fing sich dafür einen Prankenhieb des Katers ein, der allerdings an der zähen Haut des Trolls noch nicht einmal Kratzer hinterließ.

„Hört auf zu streiten, und seht euch lieber das an. Hier sind Spuren eines weiteren Pferdes sowie Männerfußspuren. Sie ist hier auf jemanden gestoßen, vermutlich einen Jäger, und mit ihm zusammen weitergezogen“, teilte Hilly nach sorgfältiger Untersuchung des Waldbodens mit.

„Ist sie freiwillig mitgegangen?“, fragte Bärbeiß, der schon wieder seine Axt schärfte.

„Schwer zu sagen. Auf jeden Fall stellt uns das vor neue Probleme. Wer immer sie auch begleitet, kennt sich im Wald aus und ist bewaffnet. Wir müssen ab jetzt sehr vorsichtig sein. Heute Nacht stellen wir Wachen auf. Bärbeiß, du übernimmst die erste Schicht.“

Der Zwerg grunzte zustimmend und spähte daraufhin mißtrauisch in das dichte Gebüsch am Rande der Lichtung, als würde er jeden Moment einen Überfall erwarten. Mikesch hielt das zwar für unwahrscheinlich, da vermutlich nur wenige Lebewesen auf dem Planeten so tolldreist oder strohdumm wären, sich mit einem Troll anzulegen, es sei denn, sie litten an akutem Lebensüberdruß oder vermißten eine Schafherde.

Auf der anderen Seite hatte Vorsicht aber noch nie geschadet; denn schließlich hielten auch sieben Leben nicht ewig.

Insbesondere dann nicht, wenn man das Gerede über Drachen ernst nehmen wollte...

Mikesch hatte nur zu gut noch die Worte des Zwergs im Ohr. Doch zum Glück waren sie bisher noch auf keine Drachenspuren gestoßen, ein Umstand, den der Kater nicht ernsthaft bedauerte. Zumindest ließ diese Tatsache ihn hoffen, daß die geschuppten Feuerspeier deutlich tiefer im Wald zu leben pflegten. Sein Blick wanderte zu Hilly, die sich in diesem Moment erhob und den Staub von den Händen wischte.

„Die Spur führt tiefer in den Wald hinein“, verkündete sie zum Entsetzen des Katers.

„Noch tiefer? Da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt.“

Hund ist in Pfanne?“, fragte Gorgus hoffnungsvoll, der sich in Erwartung eines schmackhaften Abendessens umsah.

„Nein! Aber tröste dich. Dafür kommt wahrscheinlich Morgen flambierter Kater auf die Speisekarte“, murrte Mikesch sarkastisch.

Kater schmecken furchtbar“, beschwerte der Troll sich trocken über die angekündigte Änderung des Speiseplans.

„Teil das bitte den Drachen mit, mein Großer.“ Mikesch sah alles andere als begeistert aus. Verdenken konnte ich es ihm nicht. Ein Wald, in dem angeblich Drachen hausten, war auch nicht unbedingt der Ort, deren Erforschung ich oben auf die Liste meiner liebsten Freizeitbeschäftigungen gesetzt hätte.

„Besteht tatsächlich die Gefahr, auf einen Drachen zu stoßen?“, fragte ich beklommen in die Runde.

„Worauf du deine Axt verwetten kannst. Der Weg von diesen Irren führt geradewegs in ihr Revier“, erklärte Bärbeiß zu den schleifenden Geräuschen des Wetzsteins, mit dem dieser offenbar zur eigenen Nervenberuhigung seine Axt schärfte. Ich war überzeugt, daß er, wenn er so weitermachte, bald ohne Axtblatt dastehen würde.

„Hast du noch mehr so gute Nachrichten?“, fragte ich bedrückt, worauf ein Grinsen das Bartgestrüpp des Zwerges teilte. Das Blitzen in seinen Augen verriet mir, daß mir die Antwort nicht gefallen würde.

„Du hast die Mitternachtswache“, brummte er.

 

wird fortgesetzt...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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