Heinz-Walter Hoetter

Die Lebens(t)räume des Michael von Heiden

Michael von Heiden war eigentlich ein gut aussehender, junger Mann. Aber irgendwas stimmte heute nicht mit ihm. Er saß wie ein zusammengerollter Fötus mit geschlossenen Augen auf dem nackten, kalten Erdboden und versuchte verzweifelt, sich von den schrecklichen Qualen seines Daseins zu erleichtern.

Ihm ging es momentan sehr schlecht. Die knöchernen, viel zu spitzen Knie fast bis ans Kinn gezogen, zitternd am ganzen Körper, saß er röchelnd und nach Luft ringend da und starrte mit blicklosen Augen wie ein gehetztes Tier vor sich hin.

Der Tag hatte schon längst begonnen. An diesem Morgen schien die Sonne vom wolkenlosen blauen Himmel wohlig wärmend herunter. Im weitläufig angelegten, vorbildlich gepflegten Park, mit seinen herrlich grünen Wiesen, bunten Blumenbeeten, sanft wogenden Bäumen, dazu einen wunderschönen kleinen See, auf dem stolze Schwäne, quirlige Blesshühner und schnatternde Enten herumschwammen, spielten um diese Zeit schon ein paar lachende Kinder, die von ihren Eltern mit wachsamen Blicken beaufsichtigt wurden.

Es waren offenbar glückliche Menschen.

Warum kann ich nicht genauso glücklich sein, wie all die anderen Menschen auch? dachte sich von Heiden und kämpfte mit den Tränen.

Die Wirkung der Droge war diesmal fürchterlich. Sein Schädel schien zu platzen.

Der junge Mann biss sich auf einmal unter einem heftig einsetzenden, krampfartigen Anfall auf seine Unterlippe, bis das Blut kam. Dann wurde ihm schwarz vor Augen. Die Umgebung verschwand. Das fröhliche Kindergeschrei in der Ferne verstummte schlagartig.

Seltsames geschah mit ihm.

Plötzlich stand ein Mann in einem langen schwarzen Mantel vor ihm und sprach ihn an.

„Sie sind Michael von Heiden, nicht wahr?“

„Ja, der bin ich. Das ist mein Name. Warum?“

„Ist es nicht eine Schande, dass es in diesem schönen Park nur von Süchtigen so wimmelt?“ fragte ihn der geheimnisvolle Mantelträger mit vorwurfsvoller Stimme und sah den jämmerlich aussehenden Hockenden zu seinen Füßen mit durchbohrendem Blick an. „Was ist mit Ihnen, junger Mann? Haben Sie irgendwelche Drogen zu sich genommen? Irgendwas geschnupft? Marihuana geraucht? Gekifft oder Heroin gespritzt? Na, was ist? Raus mit der Sprache...!“

„Wieso interessiert Sie das? – Und wenn schon, Mister. Es geht Sie einen feuchten Dreck an! Verschwinden Sie jetzt und lassen Sie mich in Ruhe!“

Es blieb eine kurze Zeit lang still, dann sagte der Mann in dem langen, schwarzen Mantel schließlich mit bedrohlich anmutender Stimme: „Michael von Heiden, ich muss Ihnen mitteilen, dass ich den Auftrag habe, Sie umgehend mitzunehmen. Wenn Sie nicht freiwillig mitkommen, werde ich Sie dazu zwingen. Also, stehen Sie auf und kommen Sie mit!“

In diesem Augenblick begriff der junge Mann vage, dass irgendwas nicht in Ordnung war. Nur was, das wusste er im Moment noch nicht so genau. Er fragte sich auch, woher der Mann seinen Namen kannte. Vielleicht ein Polizist in Zivil, der ihn wegen Drogenbesitz mit auf die Wache nehmen wollte?

„Also gut, ich gebe ja zu, dass ich mir Heroin gespritzt habe. Na und? Was wollen Sie jetzt machen?“

„Ich hole mir nur, was mir zusteht“, sagte der unheimliche Mann im schwarzen Mantel mit rigoroser Bestimmtheit und griff im nächsten Augenblick mit seiner weißgrauen Knochenhand nach dem jungen Mann, der instinktiv zurückweichen wollte, aber auf einmal spürte, dass er sich offenbar nicht mehr bewegen konnte. Er wurde vielmehr das sonderbare Gefühl nicht los, eine Hülle verlassen zu müssen, von der er meinte, dass es sich hierbei um seinen eigenen Körper handle. Und so war es auch.

Michael von Heiden stand wie unter einem fremden Zwang auf. Als er sich umdrehte, sah er sich selbst wie ein zusammengerollter Fötus mit geschlossenen Augen leblos auf dem nackten Erdboden sitzen. Die Heroinspritze steckte noch in seinem Arm.

Der Mann in dem schwarzen Mantel stand neben ihm und wandte ihm sein Gesicht zu. Der Tod schaute ihn an.

Es war ein sehr bleiches Gesicht, mit großen tiefliegenden Augen, scharf umrissenen Backenknochen und einem kantigen Kinn. Die bleckenden Zähne schienen in einem fleischlosen Gebiss zu stecken.

Still und mit ein wenig gesenktem Kopf stand die körperlose Seele des jungen Mannes vor dem, was einmal sein eigenes irdisches Zuhause gewesen war.

Plötzlich erglühte über der Stelle, wo beide standen, ein pulsierendes Licht, das heller und heller wurde und allmählich die Umrisse eines Tores annahm. Der Tod nahm Michael von Heiden an die Hand und schritt auf den Durchgang zu.

Der Mann in Schwarz warf seinen weiten Mantel um den Jungen, und im selben Augenblick strömten zu seiner Seele endlose Informationen rüber, die ihm davon erzählten, was man über das Leben, die Liebe und den Tod wissen muss. Dann wurde er von einem mächtigen Sog in das helle Licht des Tores hineingezogen und fortgerissen. Es war ein Durchgang, der in die Unendlichkeit führte.

***

Michael von Heiden konnte sich nur schwer aus seinem Traum lösen, obwohl er für gewöhnlich sofort hellwach war. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, denn im Halbschlaf trieb er auf einer in helles, goldgelbes Sonnenlicht getauchten Welle dahin. Dann machte der Traum allmählich der Realität Platz, die sogar noch um ein Vielfaches angenehmer war, und der junge Mann holte erst einmal tief Luft, um den Schlaf endgültig abzuschütteln. Er fühlte einen tiefen inneren Frieden in sich, der ein überschäumendes Glücksgefühl in ihm aufsteigen ließ.

Es würde ein schöner Tag werden. Alles war so positiv und lebensbejahend. Die weiß gestrichenen Wände seines Schlafzimmers warfen die hellen Strahlen der aufgehenden Sonne zurück. Er kniff die Augen zusammen und blinzelte ein wenig, dann sprang er mit einem Satz aus dem Bett, ging hinüber zum Fenster und öffnete es. Als es weit offen stand, lehnte er sich hinaus und blickte über einen wunderschönen See, wo die Sonne gerade hinter den Bäumen auftauchte. Es war ein faszinierender Anblick, der sich ihm bot. Die Luft war rein und frisch.

Er war im Land der Unsterblichkeit angekommen. Eine neue Welt. Nur seine Seele wusste noch nichts davon. Aber all jene, die unten am See wanderten und ihm freundlich lächelnd zuwinkten, würden es ihm bald mitteilen, dass er jetzt im Paradies ist.

Es waren Wesen des Lichts, die unendlich glücklich waren, so wie Michael von Heiden...

 

ENDE

 

©Heinz-Walter Hoetter

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