Angie Pfeiffer

Der Nikolaus als Einbrecher

„Schätzchen, wenn du so weiterputzt, hast du bald das Leder durchgeschrubbelt.“
Lia schaute prüfend auf ihre Stiefel und nicht weniger kritisch ihren Vater Sven an. „Der Nikolaus will saubere Stiefel sehen“, stellte sie fest, hörte aber auf zu wienern. „Die glänzen“, fügte sie nicht ohne Stolz hinzu und stellte ihre Stiefel im Korridor ab.
„Prima, dann kann der Nikolaus ja kommen.“ Sven war echt beeindruckt von der Putzleistung seiner kleinen Tochter. ‚Hoffentlich bleibt das so’, dachte er, wusste aber aus Erfahrung, dass sich mit zunehmendem Alter der Ordnungssinn bei den meisten Kindern verflüchtigte. Jedenfalls bei ihm war es so gewesen.
Lia stand noch immer nachdenklich vor ihren Stiefeln. „Der Nikolaus hat viele Geschenke in seinem Sack, nicht, Papa?“
„Klar, er muss ja allen Kindern etwas bringen. Jedenfalls denen, die brav sind“, fügte Sven sicherheitshalber hinzu.
„Dann muss er sich bestimmt beeilen, sonst schafft er das gar nicht!“
‚Was für ein kluges Kind’, sagte sich der stolze Vater. „Das wird wohl so sein, Schätzchen. Aber er kriegt das hin. Immerhin bekommt er in jedem Haus ein paar Kekse. Das hilft ihm weiter.“
Lia sah ihn entrüstet an. „Aber Papa, wenn er überall auch noch Kekse isst, dann braucht er ja noch länger! Und wenn er dann ganz satt ist, will er bestimmt schlafen, so, wie du das manchmal machst ...“
„Ach was, der Nikolaus schläft nach getaner Arbeit drei Tage lang. Das mache ich aber nicht“, erklärte Sven grinsen. „Du musst dir wirklich keine Gedanken machen. Wenn er deine blank geputzten Stiefel sieht, dann ist er bestimmt ganz zufrieden und schenkt dir das Plüschpferd, das du so gern haben möchtest.“
„Mit einem kleinen rosa Herz auf dem Popo“, fügte Lia ernsthaft hinzu.
Sven nickte. „Mit einem kleine rosa Herz auf dem Po. Ganz bestimmt.“
„Aber wenn er sich so beeilen muss ...“ Lia wandte sich entschlossen ab und ging in ihr Zimmer. Bald darauf kam sie mit einem kleinen Bild in der Hand zurück in den Korridor, das sie triumphierend schwenkte. „Das ist ein Bild von dem Pony und man kann ganz genau das Herz auf dem Po sehen. Das haben wir doch aus dem Geschäft mitgenommen, in dem wir das schöne Pony gefunden haben. Erinnerst du dich? Ich habe es verwahrt“, erklärte sie ihrem verblüfften Vater. „Das legen wir mit auf den Teller mit den Keksen, dann weiß der Nikolaus ganz genau, was er mir bringen wollte und kann sich nicht vertun!“ Gesagt, getan. Ein Teller mit Keksen und dem Ponybild wurde neben die Stiefel gestellt und obwohl Lia es sich vorgenommen hatte, so lange wach zu bleiben, bis der Nikolaus kam, war sie ganz schnell eingeschlafen. Schließlich war es ein aufregender Tag gewesen.

Am nächsten Morgen stürmte sie gleich nach dem Aufwachen in den Korridor. Dort schnappte sie entzückt nach Luft, denn neben dem leeren Keksteller stand das schönste Pony, das sie sich vorstellen konnte. Zudem hatte es tatsächlich das kleine rosa Herz an der richtigen Stelle. Das Bild hatte der Nikolaus wohl mitgenommen, denn es war nicht mehr da. Sven gesellte sich zu seiner Tochter. „Siehst du, der Nikolaus hat dir das Richtige gebracht. Du hättest dir gar keine Sorgen machen brauchen.“
„Er hat ja auch das Bild gehabt“, antwortete Lia im Brustton der Überzeugung. „Wer weiß, ob er sich nicht doch vertan hätte.
"
Später, beim Frühstück wurde Lia wieder nachdenklich. „Du, Papa!“
„Ja, Schätzchen. Iss auf, wir sind spät dran“, antwortete Sven zerstreut, während er seine und Lias Sachen zusammensuchte.
„Du, Papa, wie ist der Nikolaus überhaupt ins Haus gekommen?“ Dieser Gedanke ließ Lia keine Ruhe. „Du hast doch gestern die Haustür zweimal abgeschlossen, das habe ich genau gehört, obwohl ich schon im Bett war.“
„Stimmt, habe ich.“ Sven blieb verblüfft stehen, in einer Hand seine Kaffeetasse, in der anderen Lias Jacke.
„Ja, aber wie ist er dann reingekommen?“, Lia überlegte. Dann murmelte sie mit Grabesstimme: „Bestimmt ist er eingebrochen!“
„Nein, ganz bestimmt nicht!“
„Bestimmt! Er ist sicher eingebrochen. Macht er das überall, wenn die Tür zu ist? Dann braucht er wirklich lange. Ein Glück, dass ich das Bild hingelegt habe.“
Sven kratzte sich den Kopf, denn am frühen Morgen war er noch nicht für Erörterungen solcher Art ausgelegt. Doch währen Lia ihren Vater erwartungsvoll ansah, kam ihm die Erleuchtung. Er grinste seine Tochter erleichtert an. „Einbrechen, das muss er nicht, Schätzchen. Er hat ja einen Generalschlüssel!“ Und um weiteren morgendlichen Diskussionen über den Nikolaus, Generalschlüssel, Pferde mit Herzen auf dem Po und der Welt im Allgemeinen aus dem Weg zu gehen, half er Lia, die zu Ende gefrühstückt hatte, so schnell wie möglich in die Kita zu kommen.
© by Angie

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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