Heinz-Walter Hoetter

Die seltsame Galerie des unbekannten Malers

Der junge Jack Logan stand zusammen mit seiner ebenso jungen Freundin Penny Lee vor dem schummrigen Eingang einer Galerie und schaute sie ein wenig verwundert an. Der Grund dafür war der, dass Penny da unbedingt rein wollte.


 

Auf einer selbst angefertigten Holztafel stand nämlich mit krakeliger Schrift in schwarzer Farbe:


 

"Treten Sie ein! Hier befindet sich der Eingang zu einer anderen Welt. Sie werden sehen, dass meine Bilder schrecklich unheimlich sind. Wenn Sie keine Angst haben und wirklich einmal etwas ganz Außergewöhnliches erleben wollen, dann sind die werten Herrschaften hier genau richtig. Lassen Sie sich überraschen! Gehen Sie einfach immer geradeaus den Gang entlang, bis zur ersten Tür rechts, die offen steht. Da fängt meine Galerie an. Wenn Sie Glück haben, können Sie mich eventuell sogar persönlich antreffen, entweder hier oder später in einer neuen Welt, die noch im Werden ist. Vielleicht können Sie dazu Ihren Beitrag leisten. Wer weiß...! Dazu müssen Sie aber meine Galerie besuchen. Also gehen Sie rein! Wenn Sie es gewagt haben, dann wünsche ich Ihnen noch viel Vergnügen beim ausgiebigen Betrachten meiner 'schrecklich unheimlichen Bilder'. Na..., was ist? Habe ich Ihre Neugier geweckt? Wenn ja, dann sehen wir uns wieder.“


 

Der unbekannte Maler


 

***


 

"Das ist doch wohl ein Witz - oder? Und da willst du rein? Mir kommt das alles ein bisschen seltsam vor, wie sich der sog. 'unbekannte Maler' hier dem geneigten Publikum vorstellt. Der will doch nur, dass die Leute in seine komische Galerie kommen, die auf mich einen ziemlich armseligen Eindruck macht, wie doch schon allein die mickrige Holztafel mit der krakeligen Schrift am Eingang beweist."


Jack Logan regte sich etwas auf, sah seine Freundin mit nachdenklicher Miene an und zog dabei die Augenbrauen auffällig nach oben.


 

"Ach komm' schon Jack! Warum denn nicht? Von mir aus können wir da ruhig reingehen. Ich fürchte mich jedenfalls nicht vor den so genannten "schrecklich unheimlichen Bildern", wie sich der geheimnisvolle Maler wohl ein wenig übertrieben ausgedrückt hat. Er benutzt doch nur einen einfachen Trick, um Besucher anzulocken. Außerdem, wenn wir erst einmal drinnen sind, werden wir ganz schnell wissen, was da los ist. Wenn es uns nicht passt, können wir immer noch rausgehen", verkündete Penny Lee unternehmungslustig.


 

"Na ja, von mir aus, Penny. Wenn du unbedingt möchtest, dann mache ich eben mit. Am Ende kriegst du mich ja doch immer wieder herum. Ich kann dir eben einfach keinen Wunsch ablehnen. Das weist du genau. - Also gehen wir!" seufzte Jack stirnrunzelnd und trat als erster in den halbdunklen Gang, der nur von dem spärlichen Licht einer maroden Deckenbeleuchtung trübe erhellt wurde.


 

***


 

Die Galerie befand sich fast am Ende des Ganges. Die Tür stand tatsächlich weit offen und wurde nur von einem kleinen Holzkeil daran gehindert, dass sie wieder ins Schloss zurückfiel.


Die beiden jungen Leute schritten nacheinander in den dahinter liegenden Raum, der in etwa die Größe eines normalen Ladenlokals besaß. Hier hingen offenbar die meisten Bilder, die allerdings gar nicht so schrecklich unheimlich waren, wie sie da draußen auf der Holztafel angekündigt wurden. Es gab zwar ein paar ziemlich böse aussehende Teufelsfratzen darunter, die vielleicht einige Besucherinnen und Besucher auf den ersten Blick hin hätten erschrecken können, aber das auch nur dann, wenn sie möglicherweise eine zart besaitete Seele hatten.


 

An der rückwärtigen Wand des schwach beleuchteten Raumes befand sich auf der linken Seite, gleich hinter einer schwer einsehbaren Ecke, noch ein weiterer Durchgang, den man wegen des trüben Lichte leicht übersehen konnte.


Als Jack und Penny darauf zuschritten, bemerkten die beiden, dass die Wände des schmalen Ganges durchgehend schwarz gestrichen waren. Dadurch wirkte der Durchgang wie ein düsteres Loch, in den man besser nicht hinein gehen sollte.


 

Die beiden jungen Leute blieben kurz stehen.


 

"Na was ist Penny? Gehen wir da rein?" fragte Jack seine hübsche Freundin und deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand rüber zu dem düsteren Durchgang, der wirklich nicht einladend aussah. Aber die junge Frau winkte ab.


 

"Warum nicht?", antwortete Penny trotzig, ging schnurstracks an Jack vorbei und verschwand auch schon wenige Augenblicke später in der finsteren Dunkelheit des Ganges.


 

Der junge Mann hastete eilig hinterher, bis er bald neben seiner Freundin in einem weiteren Raum stand, der um die Hälfte kleiner war als der, den sie zuerst betreten hatten. Die Wände waren auch hier überall pechschwarz. Ganz hinten hing nur ein einziges Bild an der Wand, das von einem viel zu kleinen Deckenstrahler konzentriert angeleuchtet wurde. Für den Betrachter entstand dabei der seltsame Eindruck, als würde das Gemälde frei in der Luft schweben.


 

Das junge Pärchen schritt vorsichtig durch den kleinen Raum, bis sie endlich vor dem Bild ohne Rahmen standen.


 

Etwa einen Meter vor dem Gemälde befand sich eine primitive Absperrung aus dünnen Holzlatten, die man einfach an zwei niedrigen Eisenständer provisorisch mit Schnüren festgebunden hatte.


 

"Ich glaube, dass der ausstellende Maler hier wohl ein bisschen übertrieben hat mit der Behauptung, in seiner Galerie würden "schrecklich unheimliche Bilder" zu sehen sein. Bis jetzt habe ich hier jedenfalls keine dieser angeblichen Unheimlichkeiten entdecken können, die mir Angst machen könnten", sagte der junge Mann mit ironischer Stimme.


 

Seine Freundin nickte zustimmend mit dem Kopf.


 

"Ja..., die Motive der Bilder sind völlig harmlos, mal abgesehen von einigen Ausnahmen, wie den Teufelsfratzen im ersten Raum. Das Gemälde hier an der Wand scheint mir allerdings irgendwie anders zu sein. Wenn ich es betrachte, bekomme ich so ein komisches Gefühl. Na ja, ein bisschen gruselig sieht es schon aus, aber nur deshalb, weil die dort zu sehende Moorlandschaft im fahlen Mondlicht von Haus aus düster und unheimlich wirkt", erwiderte Penny mit leiser Stimme.


Noch während sie weiter redete, zuckte plötzlich ihr Freund Jack zusammen.


 

"Was ist denn mit dir los?" fragte sie ihn verwirrt.


 

"Ich..., ich habe keine Ahnung. Ich dachte, ich hätte gerade was gesehen", murmelte der junge Mann geistesabwesend vor sich hin und starrte das vor ihm hängende Bild wie gebannt an.


 

"Was wo gesehen? Wovon redest du eigentlich Jack?", hakte Penny neugierig nach.


 

"In dem Bild hat sich etwas bewegt. Ich habe einen Schatten vorbei huschen sehen. Ich konnte noch gerade die Umrisse eines menschlichen Gesichts erkennen, das offenbar irgendwie ängstlich und verzweifelt aussah."


 

"In dem Gemälde da? Das ist doch verrückt. So etwas kann es nicht geben, mein Liebster. Warte mal! Da fällt mir ein, dass es vielleicht gar kein echtes Gemälde ist sondern einfach nur ein stinknormaler Bildschirm, auf dem eine Videoinstallation in einer Endlosschleife abläuft. Ein Trick des unbekannten Malers, um die Leute beim Betrachten zu erschrecken. Ja genau..., das wird's sein! Er will damit die Leute verunsichern und sie unverhofft aus ihrer versunkenen Betrachterruhe reißen, wenn sie vor seinem Gemälde stehen. Jetzt verstehe ich auch, was er mit dem Begriff "schrecklich unheimliche Bilder" gemeint haben könnte", sagte Penny triumphierend.


 

Jack starrte noch immer das Bild an. Erst dann, als ihn Penny mehrmals hintereinander heftig an seinem rechten Ärmel zog, wandte er sich ihr wieder zu.


Offenbar wusste er genau, was sie vorher zu ihm gesagt hatte, denn seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten.


 

"Es könnte durchaus möglich sein, dass der Maler die Leute absichtlich täuschen möchte. Aber schau dir mal das Bild etwas genauer an. Es sieht so realistisch aus. Ein Fernsehbild sieht anders aus, Penny. - Nein, das ist kein Monitor oder etwas ähnliches. Es ist ganz klar ein Bild, und zwar ein sehr realistisches, fast so, als würde man durch ein Fenster hinaus nach draußen ins Freie schauen."


 

"Rede doch keinen Unsinn, Jack. Seit wann glaubst du an Geister, Gespenster oder lebende Bilder? So kenne ich dich ja gar nicht."


 

"Aber dieses schattenhafte Gesicht. Ich habe es ganz genau gesehen. Ich bin mir ganz sicher. Es huschte von links nach rechts durchs Bild und sah ziemlich verzweifelt aus, fast so, als suchte es schon lange nach einem Ausgang...", antwortete Jack jetzt mit leiser Stimme.


 

"Vielleicht war es nur ein zufälliger Schatten, hervorgerufen durch irgendwelche diffusen Lichtreflexe des Deckenstrahlers. Aber was weiß ich...", versuchte die junge Frau ihrem Freund das seltsame Ereignis so gut wie möglich zu erklären.


 

Doch dann geschah das Unmögliche.


 

Gerade wollte sich Penny umdrehen, um den Raum wieder zu verlassen, als auf dem unheimlichen Bild abermals ganz deutlich ein vorbeihuschendes Gesicht zu sehen war. Fast hätte sie vor Schreck laut geschrien, riss sich aber mit aller Gewalt zusammen, umging im nächsten Augenblick spontan die Absperrung und trat so nah wie möglich an das Gemälde heran. Neugierig hob sie die rechte Hand und fuhr mit ihr über die dort dargestellte, neblige Moorlandschaft. Im gleichen Augenblick stülpte sich der wulstige Rahmen plötzlich ein wenig vor, erfasste ihre Hand und zog sie schließlich ins Bild hinein, wo sie auf der anderen Seite von irgend etwas festgehalten wurde, das über sehr viel Kraft verfügen musste. Die junge Frau geriet durch diesen unverhofften Angriff schlagartig in Panik.


 

"Hilf mir Jack!", schrie Penny jetzt wie von Sinnen. "Das Bild versucht mich in sich hinein zu ziehen. Komm und halt mich fest! Hole mich zurück! Mach schnell!"


 

Jack Logan war zuerst wie versteinert. Er konnte einfach nicht glauben, was er da sah. Als er bemerkte, dass Penny immer weiter in das Bild hinein gezogen wurde und dabei fürchterlich schrie, löste er sich geistesgegenwärtig von seinem Schock und lief direkt zu ihr rüber, um ihr zu helfen. Dabei riss er die Absperrung um, die laut krachend zu Boden fiel.


 

Im nächsten Moment packte er die zappelnden Beine seiner Freundin und versuchte mit aller Kraft sie davor zu bewahren, von dem unheimlichen Gemälde noch weiter verschlungen zu werden.


 

"Ich kann nicht mehr lange durchhalten, Penny. Je mehr ich an dir ziehe, desto energischer wirst du von dem Bild reingezogen."


 

Jack ließ seine Freundin trotzdem nicht los, obwohl sie schon weit über die Hälfte mit ihrem Körper im Gemälde hing. Dann ging alles sehr schnell. Der Sog wurde plötzlich so gewaltig, dass beide gemeinschaftlich mit einem einzigen heftigen Ruck auf die andere Seite des Bildes gezogen wurden und in der nebligen Moorlandschaft verschwanden. Danach breitete sich eine unheimliche Stille in der seltsamen Galerie aus. Nichts deutete darauf hin, dass soeben zwei junge Menschen von einem harmlos aussehenden Gemälde unter dramatischen Umständen verschluckt worden sind.


 

***


 

Die Zeit dehnte sich in eine gefühlte Unendlichkeit aus. Doch dann wachte zuerst Penny Lee und dann Jack Logan aus ihrer gemeinsamen Bewusstlosigkeit auf. Ihre Körper lagen nebeneinander auf weichem Moorboden, der sonderbarer Weise trocken wie Staub war. Die Landschaft um sie herum zeigte sich ihnen nebelverhangen, aus der hier und da kahle Büsche und knorrige, alte Bäume herausragten. Manche Zweige sahen aus wie die knochigen Finger eines Toten.

Penny Lee stand langsam auf. Noch etwas benommen drehte sie sich um ihre eigene Achse. Sie musste dabei feststellen, dass sie nur ein Stück weit sehen konnte, höchstens etwa 20 Meter. Außer den krummen Bäumen und kahlen Büschen gab es keine anderen Anhaltspunkte in der Landschaft.


 

Obwohl es Tag war, konnte die junge Frau keine Sonne am Himmel ausmachen. Das lag wohl auch daran, dass der nebelige Dunst das Licht gleichmäßig verteilte, wie sie dachte. Außerdem konnte sie keinen Laut hören. Die gesamte Situation fühlte sich für Penny irgendwie seltsam und unnatürlich an. Eine diffuse Angst kroch langsam in ihr hoch.


Plötzlich stand Jack Logan neben ihr.


 

"Was ist mit uns geschehen? Hat uns das Gemälde wirklich geschluckt? Ich habe für das hier keine logische Erklärung, Penny. Du etwa?"


 

Die junge Frau drehte sich ein wenig weiter herum und blickte jetzt in die stahlblauen Augen ihres schlanken Freundes, der einen ziemlich verzweifelten Eindruck machte.


 

"Ich habe dafür selbst keine Erklärung, Liebster. Aber wir sollten uns überlegen, wie wir hier aus dem Bild wieder rauskommen. Wir müssen einen Weg zurück in die Galerie finden - egal wie. Wenn wir das erst mal geschafft haben, hauen wir schleunigst ab und vergessen das Ganze so schnell wie möglich, und dass wir überhaupt hier gewesen sind."


 

"Und wie sollen wir das anstellen, Penny? Vielleicht können wir ja gleich hinter dem Bilderrahmen auf der anderen Seite wieder aussteigen..., einfach so. Was meinst du, Schatz?", fragte Jack lakonisch. Seine Stimme klang nicht gerade hoffnungsvoll.


 

"Lass mich überlegen. Die ganze Sache ist nicht zum Scherzen, Jack. Nun, wir sind von dort gekommen und hier liegen geblieben, als wir beide in das Bild reingezogen worden sind. Selbst dann, wenn wir nicht logisch erklären können, wie so etwas geschehen kann, heißt das noch lange nicht automatisch, dass hier gar nichts logisch abläuft. Also gehen wir in die Richtung, aus der wir gekommen sind", sagte Penny und setzte sich langsam in Bewegung. Jack folgte ihr wortlos.


 

"Vielleicht ist das hier alles nur ein Traum, Penny. Es könnte doch möglich sein - oder? Außerdem wundert mich schon die ganze Zeit, dass die Temperatur eigentlich viel zu warm für einen Nebel dieser Art ist. Außerdem ist meine Uhr stehen geblieben. Hier scheint es keine Zeit zu geben."


 

"Ja, stimmt. Ich habe das auch schon bemerkt. Meine Uhr steht auch. Ich habe mich zudem schon ein paar Mal gekniffen, aber aufgewacht bin ich nicht. Trotzdem bin ich mir nicht sicher. Man kneift sich, empfindet Schmerzen und träumt doch. Aber wir sollten uns lieber mit wichtigeren Dingen beschäftigen, als über Traumzustände zu diskutieren."


 

"Okay, also zurück zum eigentlichen Thema. Wie kommen wir hier wieder raus?" fragte Jack seine Penny jetzt absichtlich etwas forscher.


 

"Mir ist da gerade etwas eingefallen", sagte die junge Frau auf einmal zu ihrem Freund und fuhr fort: "Wir beide sind doch Raucher. Jeder von uns hat ein Feuerzeug dabei. Wir werden von den Bäumen und Sträuchern Äste herunterreißen, sie aufschichten und dann anzünden. Das ganze Bild wird Feuer fangen. Nur so kommen wir beide hier wieder raus. Das ist meiner Meinung nach der einzige Weg. - Glaub' mir, Jack."


 

"Was? Du willst hier ein Feuer machen? Was ist, wenn wir dabei verbrennen und umkommen? Nein, da mache ich nicht mit", protestierte Jack aufgebracht.


 

"Uns bleibt letzten Endes eh keine andere Wahl, Jack. Wir müssen es wagen. Es ist die einzige Möglichkeit, die ich sehe. Also fangen wir damit an Holz zu sammeln, damit wir es anzünden können. Wir werden sehen, was passiert."


 

Der junge Mann zuckte resigniert mit den Schultern. Er wusste nur zu gut, dass Penny ein starkes Durchsetzungsvermögen hatte. Er würde auch diesmal keine Chance gegen sie haben und nachgeben müssen. Wie immer in ihrer langjährigen Beziehung. Also fing er mürrisch damit an, die nähere Umgebung nach kleinen Ästen bzw. trockenem Gras abzusuchen und einzusammeln. Schon bald türmte sich ein ansehnlicher Haufen Holz vor ihnen auf. Etwas später zündete Penny den trockenen Holzhaufen an, der schon nach kurzer Zeit lichterloh brannte und sich unaufhaltsam auf die nähere Umgebung ausbreitete.


 

"Es wird verdammt heiß hier, Penny", kommentierte Jack die brenzlige Situation und zog sich einige Meter vom tobenden Feuer zurück, das sich jetzt immer weiter in die Landschaft hineinfraß.


 

Die junge Frau setzte ein tapferes Grinsen auf. Sie ahnte irgendwie, dass ihr Plan möglicherweise nicht so funktionieren würde, wie sie gedacht hatte. Das Gegenteil würde wohl der Fall sein. Sie und Jack würden verbrennen. In Panik lief sie zu ihrem Freund hinüber und hielt sich an ihm ängstlich fest.


 

Die Flammen wanderten derweil links und rechts weiter und stiegen überall hinauf, dass es aussah, als würde der Himmel brennen. Es war ein eigenartiger Anblick, wie das Feuer immer weiter um sich griff, dabei aber keinen Rauch entwickelte. Die ganze Situation wirkte auf die beiden jungen Menschen irgendwie total unwirklich. Dann kamen plötzlich die züngelnden Flammen auf sie zu.


 

"Penny!", rief Jack in Todesangst. "Wir werden in wenigen Minuten aussehen wie knusprige Brathähnchen. Was sollen wir tun? Mach' doch etwas! Das war doch dein Plan!", schrie Jack mit laut er Stimme wie von Sinnen. Er konnte sich jetzt nicht mehr beherrschen.


 

"Gib mir deine Hand! Wir springen in die Flammen hinein, Jack. Dahinter darf es kein Bild mehr geben, weil ja alles verbrannt ist. Also komm' und spring mit mir durchs Feuer. Wenn es stimmt, was ich denke, landen wir gemeinsam wieder in der Galerie. Also los, springen wir!", rief Penny mit lauter Stimme und riss Jack einfach mit.


 

***


 

Vorsichtig öffneten Jack Logan und Penny Lee ihre Augen. Sie befanden sich tatsächlich wieder in der Galerie. An der Wand brannte das unheimliche Bild immer noch lichterloh. Das Feuer breitete sich allerdings immer schneller auf die gesamte Galerie aus.


 

"Es hat tatsächlich funktioniert!", rief Penny. "Lass' uns schnell von hier verschwinden, bevor der Besitzer der Galerie die Feuerwehr ruft! Komm Jack, mach' schon!"


 

Jack und Penny rappelten sich immer noch leicht benommen hoch und rannten so schnell sie konnten nach draußen auf die Straße. Das Feuer hatte sich mittlerweile bis in den ersten Raum vorgearbeitet. Als die ersten Flammen aus der Eingangstüre der Galerie schlugen, glaubten sich die beiden jungen Menschen schon mehr als in Sicherheit.


 

Ein böser Irrtum...


 

Das Feuer brannte einfach rasend schnell weiter und ließ sich nicht mehr aufhalten. Es zerstörte alles, was sich ihm in den Weg stellte, als wollte es die ganze Welt in Schutt und Asche legen.


Jack und Penny liefen in Panik bis zum Ende der Straße. Doch plötzlich stellte sich ihnen ein Mann in den Weg und hielt sie fest. Seine Stimme klang bedrohlich, als er zu sprechen begann.


 

"Ihr habt das Gemälde angezündet, nicht wahr? Ich werde euch jetzt die Wahrheit über das Bild sagen, das ich in der Galerie ausgestellt habe. Das Feuer wird sich nicht mehr aufhalten lassen und immer weiter in diese Welt vordringen. Es wird schließlich am Ende einen neuen protodimensionalen Raum erschaffen haben. Dabei wird es alles zerstören, was es in dieser Welt gibt oder noch darin existiert.


 

"Sie meinen, dass dieser Raum, in dem wir uns befinden, durch einen neuen ersetzt wird? Ist das richtig?" fragte Penny den unbekannten Fremden ungläubig.


 

"Ja, so ist es. Euer Raum wird durch meinen ersetzt, den ich gemalt habe. Die Moorlandschaft war nur der Anfang. Es folgen noch unzählige andere, bis meine Welt vollendet sein wird."


 

"Verdammt noch mal! Das geht doch nicht. Sie bringen dabei die gesamte Menschheit um. Das sind Milliarden. Ist ihnen das eigentlich klar, Mister unbekannt?" , platzte es aus Jack plötzlich hervor.


 

"Es ist nicht mehr aufzuhalten. Sie und ihre Freundin haben diesen unumkehrbaren Prozess in Gang gesetzt. Sie sollten das nicht vergessen. Sie tragen dafür die Verantwortung, nicht ich. Aber ich kann euch beide beruhigen. Niemand wird bei dem ablaufenden Wandlungsprozess getötet werden. Im Gegenteil! Alles wird ganz normal weitergehen. Es wird nur das Böse und Schlechte aus dieser Welt verbannt, das es in meiner nicht mehr geben wird. Und das ist doch eine gute Sache, wie ich meine. Denken Sie nicht auch so?"


 

"Woher kommen Sie, und wer sind Sie eigentlich?" , erkundigte sich Penny bei dem Unbekannten.


 

"Wer ich bin, das weiß ich selbst nicht. Woher ich komme, das kann ich auch nicht sagen. Ich war eigentlich schon immer da. Und was seinerzeit passiert ist, das ist schnell erklärt. - Als ich mit dem Gemälde fertig war, zog es mich plötzlich in sich hinein. Ich war lange in meinem eigenen Bild gefangen. Ja, ich bin der Schemen, den ihr Freund gesehen hat. Ich musste mich ja irgendwie bemerkbar machen. Ich konnte allerdings kein Feuer machen, weil ich nichts hatte, womit ich die vorhandenen Zweige und Äste der Büsche und Bäume anzünden konnte. Zum Glück hattet ihr beide ein Feuerzeug dabei und konntet damit ein Feuer machen. Das war meine Gelegenheit. Als ihr aus dem Gemälde gesprungen seid, bin ich gleich hinterher und habe euch bis hier hin ans Straßenende verfolgt."


 

Penny atmete tief durch und schnaufte leise.


 

"Wie lange wird das Feuer brauchen, bis es unsere Welt in die andere verwandelt hat?", fragte sie den Mann vor ihr.


 

"Keine Ahnung, wie lange das dauern wird. Ich kann darauf wirklich keine eindeutige Antwort geben, ehrlich gesagt. Es kann schnell gehen oder noch sehr, sehr lange dauern. Aber das spielt doch keine Rolle - oder? Was einmal angefangen hat, um das Böse zu vernichten, das kann jetzt nicht mehr aufgehalten werden. Das ist entscheidend. Ich werde außerdem jetzt wieder gehen. Ich habe gesagt, was ich euch zu sagen hatte. Erzählt es von mir aus weiter. An alle Menschen von mir aus, die ihr erreichen könnt. Erwartet aber nicht, dass man euch glaubt. Aber was soll's. Die Menschen werden es früher oder später ja doch am eigenen Leib erfahren. Also dann..., lebt wohl!"


 

Nach diesen Worten verschwand der Unbekannte plötzlich wieder und ließ die beiden jungen Menschen einfach allein zurück.


 

Eine Weile schauten sich Jack Logan und Penny Lee ungläubig an. Sie zwickten sich gegenseitig, weil sie dachten, alles nur zu träumen. Aber dem war nicht so. Sie lebten ganz klar in der Realität und nicht in irgendeinem Traum.


 

Dann schauten sie gemeinsam hinüber zum Horizont, wo ein gewaltiges Feuer loderte und den nächtlichen Himmel hell erleuchtete. Seltsamerweise strahlte es aber keine Hitze ab.


 

"Was machen wir jetzt?", fragte Jack Logan seine Freundin Penny Lee etwas unschlüssig.


 

"Was wir schon immer machen wollten, Jack. Wir heiraten und gründen eine Familie. Du weist doch, was der unbekannte Mann zu uns gesagt hat. In der neuen Welt wird es weder das Böse noch das Schlechte geben. Ich finde, das ist auch für unsere Kinder eine schöne Zukunft. Was sagst du da zu?"


 

„Ein wirklich gute Idee, Penny. Fangen wir gleich damit an!“


 

 

 

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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