Hans Raasch

Nikolausgeschichte

Warum die kleine Vroni nicht mehr so recht an den Nikolaus glauben will

Die Stimmung ist ganz schön angespannt an diesem 5. Dezembernachmittag. Die sechsjährige Veronika zerrt ständig an ihren Zöpfen herum, während sie an ihrem Gedicht für den Nikolaus probt. Eigentlich hat sie keine Angst vor dem heiligen Mann, aber der Schwarze, der Krampus, der mit Sack und Rute, der ist schon sehr grauselig. Gott sei Dank, dass dann ihr Papa zu Hause ist. Der fast elf Jahre alte Sebastian, kurz Wastl genannt, ermahnt seine Schwester das Nikolauslied mitzusingen, während er ein paar Akkorde auf seiner Gitarre herumzupft. Eigentlich ist er schon ein Eingeweihter, er weiß einiges mehr über den Nikolaus und auch das Theater mit dem Knecht Ruprecht macht er nur mit, weil die Eltern ihn gebeten hatten, Vroni nichts zu verraten. Plötzlich klopft jemand an die Stubentür. Mama Christine hört mit dem Häkeln auf und meint:

„Des is awa no vui z´fria füan Nikolaus und da Babba is no gar net dahoam. Herein!“
Der Dorfpolizist Weber tritt herein und erhebt warnend seinen Zeigefinger:

„I muaß a Begehung macha, weil Spitzbuam unterwegs san. De dean sie ois Nikolaus und Krampus verkleidn und nacha krampfen´s, was eana nua so in´d Finga foit. Lasst´s bloß koan Nikolaus net eina, den wo´s Ihr net höchst persönlich kennts.“
Noch einmal geht der Zeiger seiner übergroßen Pratze in die Decke:
„Aufpassn!“
Als kurze Zeit später Vater Ernst nach Hause kommt und vom Besuch des Gendarms erfährt, reift auch schon ein Plan in seinem Hirn.

„I muaß nua schaugn, dass i´s trenn, de zwoa Lumpn“, meint er zu Christine, „da Rest is a Kindagspui.“
„Dua aufpassn, Ernstl! I hab fei Angst.“
„Brauchst koa Angst ham Tina, de hoi i ma, de zwoa Bazin. Und was an Rohrmoser ogeht - de lange Lattn dakenn i scho mid´m Nikogwand a no.“

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Franz Rohrmoser hat sich heuer etwas ganz Besonderes ausgedacht. Dieses Jahr soll der Krampus authentisch und stilecht in Erscheinung treten. Außerdem sollen sich unsere Neubürger mit unseren Bräuchen bekanntmachen. Deshalb hat er Teflon, einen Flüchtling aus Eritrea, der oben in der Kaserne einquartiert ist, als Knecht Ruprecht engagiert. Viel Ausstattung braucht dieser nicht: eine Gamskrücke auf die Stirn, einige rote Streifen mit dem Lippenstift und ein Lumpengewand – fertig ist der Schwarze. Eine ordentliche Rute und ein Sack zum „Kinderreinstecken“ ergänzen Teflon´s Erscheinungsbild.

„Geh Teflon, so geht des net, du muaßt grantig schaun, da Krampus is a Bäsa. Da konnst doch net üwa´s ganze Gsicht grinsn.“

Seit Tagen üben die Beiden ihre Rolle als Nikolauspaar und auch Teflon wird langsam seinem Part gerecht. Franz macht es ihm vor:

„Schaug her – mit de Augn muaßt rolln und a Gfries muaßt macha – und net vagessn, mit da Ruatn rumwuchtln. Dei Kettn steck ma in den Sack eini.“

Langsam gelingt es dem gutmütigen Afrikaner, den Krampus glaubwürdig zu verkörpern. Der Nikolausabend kann kommen.

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Lautes Kettengerassel und ein angsteinflößendes Pochen an der Tür bei der Familie Bartl kündigen den Besuch des ungleichen Paares an. Der Nikolaus im vergoldeten Bischofsgewand, mit Rauschebart, Mitra und seinem goldenen, geringelten Stab und sein Knecht Ruprecht treten ein in die gute Stube. Dies veranlasst die kleine Veronika sich schnellstens hinter ihrem Vater zu verstecken und ihm zuzuraunen:

„Dea schaugt awa greislig aus!“

Und auch Sebastian fühlt sich nicht sonderlich wohl bei diesem Besuch – er erkennt weder den Nikolo noch den Krampus. Erstaunlich ist nur, dass der heilige Mann die Schandtaten des Buben aber auch die positiven Tugenden der beiden Kinder so genau aus dem goldenen Buch ablesen kann. Papa Ernst schaut sich besonders den Nikolaus an und denkt:

„Dea is ja vui z´kloa füan Rohrmoser und den Andern kenn i a net. Des goldene Buach werdn´s scho a irgendwo klaut ham.“

Jetzt ist der Krampus an der Reihe, denn der Heilige befiehlt:

„Den Sebastian, den nehman mir mit. Der kimmt in Sack eini, weil er gar so vui angstellt hat. Krampus, pack dia den Buam!“

Doch bevor dieser zur Tat schreiten kann, erhebt Vater Ernst Einspruch:

Geh, heiliger Nikolaus, dem sei Sack is ja vui z´kloa, da basst der Bua nia net eine. Kimm ausse in´d Besnkammer, dann kriagst an gscheidn.“

„Den möcht i scho seiwa sehn“, sagt Niko und schreitet hinter Ernst in Richtung Besenkammer. Er vermutet, dass jetzt das Honorar für getane Leistung ausbezahlt werden soll.

„Schau, da hintn im Regal, da san jede Menge, suach da oan aus.“

Doch kaum hat der verkleidete Bischof die Kammer betreten, rummst auch schon die Tür hinter ihm zu und sofort hat Ernst den Riegel hinter ihm verschlossen.

„Und jetzt kimmst du dro, du Büaschal. Da setz´t di hi und duaßt koan Mucksa net. Und du, Tina – du ruafst jetzt an Gendarm o!“

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„Griaß Gott Herr Polizist Weber, jetzt miaßn´s schnei kemma. Mia ham´s, de Spitzbuam.”

„Des kon net sei, de hab i doch scho vor zwoa Stundn festgnomma, des san wahrscheinlich zwoa andere Halunkn. I kumm glei zu eich.“

Der in der Besenkammer Eingeschlossene macht seinem Unmut laut Luft. Er beklagt sich, dass hier wohl ein Irrtum vorliegen müsse.

„Laß mi nur ausse, nacha dean mia des klärn.“

„Des konnst nacha mit´m Gendarm klärn, dass´t mi hast.“

Gerade als der Polizist die Stubentür aufmacht, erkennt Teflon seine Chance und nimmt Reißaus. Er hat offenbar genug vom Krampus spielen. Für diesen Part des Isarwinkler Brauchtums steht er künftig nicht mehr zur Verfügung.

Weber ist ein besonnener, aber auch vorsichtiger Mann. Er sichert seine Dienstpistole

„So Bartl, jetzt laß´n raus! Den Andan dawischn ma a no.“

Der vermeintliche Nikolaus Rohrmoser kommt ziemlich zerknirscht aus der Besenkammer. Jetzt muss er erst einmal tief Luft holen.

„Des is ja da Maier Toni von Töiz, was machst denn du da“, entfährt es dem Amtlichen.

„Da Rohrmoser, mei Schwager hat an Hexnschuss griagt und kon si kaum mehr rührn. Jetz soi i an Nikolaus mit dem Flüchtling oben von da Kasern spuin. Des wenn i gwusst hätt.“

„Des hätt er awa sagn müassn, da Rohrmoser“ meint Ernst und holt zum Trost die Obstlerflasche aus dem Eckschrank. Er füllt die Stamperl randvoll und meint entschuldigend:

„Da is awa heit einiges schiafglaffn mit unserm Nikolaus.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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