Hans Raasch

Der ramponierte Krampus

Der ramponierte Krampus.

Heute ist es einmal wieder richtig spannend in der Lenggrieser Kindergruppe der katholischen Landjugend. Der Florian, ein schneidiger junger Kerl, der in Freising Theologie studiert, kümmert sich jeden Freitagnachmittag um die acht - bis zwölfjährigen Kinder. Weil er gut Gitarre spielen kann, sind an diesem grauen Dezembertag im Kolpinghaus musikalische Übungen angesagt. Einige der Kinder besitzen sogar eigene Instrumente, meist Zithern, Gitarren, auch einige Geigen. Die stade Zeit ist schon angebrochen und heute Abend wird in den Familien der heilige Nikolaus und Knecht Ruprecht erwartet. Was liegt näher, als Advent- und Weihnachtslieder zu spielen.

Anderl, ein aufgeweckter Bub in der Gruppe, will gar nicht erst an den nächsten Morgen denken - geschweige denn an den heutigen Abend. Natürlich würde er wieder alles vom Krampus abkriegen. Ist er doch der einzige Junge von den drei Kindern in der Familie. Sephi, die Mittlere, liegt sicher schon mit Fieber im Bett. So entzieht sie sich diplomatisch dem goldenen Jahrbuch der Abrechnung. Und die Älteste, die Maria hat zwar auch einiges auf dem Kerbholz, scheint aber wenig beeindruckt von den Strafen des schwarzen Mannes zu sein. Nur ein fehlerfreies Spiel auf der Gitarre würde ihn deshalb vielleicht von Sack und Rute retten können.

Während draußen leise die Schneeflocken die Erde bedecken, erzählt der angehende Theologe von einem seltsamen Geist, welcher nur an heiligen Zeiten in Lenggries von sich hören lässt, in den grauen Tagen des Novembers, in der staden Zeit - aber auch in den Raunächten. Bald vernimmt man es näher, bald weiter weg, aber immer in der Nähe des Friedhofs, wenn es dunkel ist.

„Bst, bst, bst-bst“.

„Wenns ihr des Wischperl hörts“, warnt Florian die Kinder, „dann müsst Ihr ein „Vater unser“ beten und drehts Euch bloß net um!“

„Warum denn des?“

„Des san die armen Seelen, die sich vernehmen lassen und so ein „Vater unser“ beruhigt sie enorm.
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Draußen im Forst verrichtet Kaspar, der Knecht, seine vom Bauern aufgetragenen Arbeiten. Die Holzstämme müssen mit dem Ross auf den Anhänger gezogen und aufgeladen werden. Später wird sie der Bauer zu Tal fahren. Kalt ist es heute und der neugefallene Schnee macht die Arbeit auch nicht einfacher. Es ist ein Gerutsche ohnegleichen. Heute hat es der Kaspar besonders eilig - für den Abend steht noch ein Programm an. Er sputet sich, dabei wird er unachtsam. Und da passiert es. Ein Keil löst sich und trifft ihn an der Schläfe - es wird dunkel um ihn.
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Die Gruppenstunde ist beendet und die Kinder machen sich auf den Heimweg. Anderl ist der Einzige aus der Schmalzgrube. Er nimmt seine Gitarre auf den Rücken und begibt sich in die dunkle Abendnacht hinein, am Friedhof vorbei nach Hause.

„Bst, bst, bst-bst“.

„Des wird doch net as Wischperl sei?“, denkt der Bub und erstarrt vor Schreck. Dann werden seine Schritte schneller.

„Nur net umdrahn! Und ´s Vatta unsa betn, ´s Vatta unsa! Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.“

Vor lauter Schreck vergisst der Junge den restlichen Text. Da ist auch schon die Dorfbachbrücke. Schnell hinüber - da hinten ist das Haus. Gerettet. Erleichtert betritt er die Diele.

„Du Anderl, san Deine Hausaufgaben scho fertig?“

„Ja Mama, olles fertig. Am Wochenend hamma koane Aufgabn net.“

„Dann sing a mal vor, was´d am heilign Nikolaus vorspuist.“

„I glaub, i spinn, Mamma. Was is denn mit da Maria und mit da Sephi?“

„D´Josepha is im Bett, de is krank. Und Maria muaß zur Singprobe für´s Hochamt z´Weihnachten.“

„Do dank I recht scheh, muaß i wieda an Kopf beim Krampus hinhaltn.“

„Wärst des ganze Jahr über brav gwesn, nacha müassast jetzt koa schlechts Gwissn ham. Jetzt kimm und dua dei Gitarrn aussa, du kannst doch so schee spuin und i mach da dawei an Kakao“

Wiederwillig holt Anderl sein Instrument und sein Notenbuch hervor und trägt der Mutter sein erstes Lied vor:

LASST UNS FROH UND MUNTER SEIN UND UNS IN DEM HERRN ERFREUN!

LUSTIG, LUSTIG, TRALLA-LALLA-LA,

BALD IST NIKLAUSABEND DA, BALD IST NIKLAUSABEND DA.

„Da dat´s noch sechs Strophen gebn und de letzte hoaßt:

NIKLAUS IST EIN BRAVER MANN, DEN MAN NICHT GENUG LOBEN KANN.“

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Wie der Bauer abends die Fuhre mit dem Traktor abholen will, sitzt sein Knecht auf einem Baumstamm und kühlt seine langsam wachsende Beule am Kopf mit Schnee. Der Anhänger ist halb leer und das veranlasst den Bauern zu einer Rüge.

„Dei Tagwerk hast aber heit net zsammenbracht, Knecht. Is was passiert?“

Kaspar erzählt von seinem Unfall, auch dass er kurzfristig ohne Bewusstsein war.

„Und mei Schädl brummt wia wenn a Stock Ameisn drinna warn.“

„Da lassn mia jetzt alles flackn und fahrn schnell zum Doktor owi.“

Das Wartezimmer ist voll mit Patienten. Erst nach eineinhalb Stunden kommt Kaspar an die Reihe. Der Doktor diagnostiziert eine leichte Gehirnerschütterung. Er rät seinem Patienten, es in nächster Zeit etwas ruhiger angehen zu lassen, dann darf er wieder gehen.

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Unterdessen wartet der heilige Nikolaus im Pfarrheim auf seinen Knecht Ruprecht. Wie es im Isarwinkel der Brauch ist, kleidet ihn ein Bischofsmantel in Purpurrot und eine Mitra. Sein wallender weißer Bart und ein Bischofsstab ergänzen seine Erscheinung. Das goldene Buch mit den guten und schlechten Taten der Kinder liegt auf dem Tisch daneben. Er wartet auf Knecht Ruprecht, aber der Schwarze kommt und kommt nicht. Es ist schon sieben vorbei, als er endlich mit Kettengeklirr und in einem Jutesack eingewickelt ankommt. Auf seiner Stirn prangen die Gamskrücken und am Hinterteil ist ein langer Schwanz ersichtlich. Aber nicht einmal das rußgeschwärzte Gesicht kann die mittelprächtige Beule auf seinem Kopf verbergen.

„Wo bleibst denn nur so lang, Krampus? I hab scho gmoant, I muaß heia alloa ausruckn. Jetzt nimm Dein Sack und d´Ruatn und dann fang ma in Gottsnam o.“

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Anderl sitzt mit seinen Eltern am Küchentisch und wartet auf den Nikolaus und Knecht Ruprecht. Spät ist es schon geworden und Anderl glaubt nicht mehr, dass die Beiden überhaupt noch kommen. Bald ist es Zeit, sich zur Nachtruhe zu begeben. Plötzlich klopft es an der Tür. Klirrende Ketten lassen Anderls Blut in den Adern erstarren. Sie sind doch noch gekommen, die Zwei.

„Bin i do richtig bei de Obermeier Kinda?“

„Ja, liawa heiliga Nikolaus, awa nur da Bua is do, d´Sephi is heit krank und de Große muaß füa d´Kiach probesinga.“

„Des macht nix. Vom Anderl steht sowieso am meistn in meim Buach drin. Jetzt kimmst glei fira und dann wead erst amoi bett!“

Brav verrichtet der Junge sein Abendgebet und dann öffnet der Heilige sein Buch. Anderls Übeltatenliste ist lang und der Krampus kommt dem Buben mit erhobener Rute immer näher. Als er schließlich den Sack öffnet, um den bösen Buben mitzunehmen, schreitet der Vater ein.

„Mitnehma deafst`n net, unsan Anderl, sunst schmeiß i di naus.“

Ein Gerangel zwischen dem Krampus und Vater endet mit dem Hinauswurf des Schwarzen, dessen Geraune nur vom Gegner verstanden wird.

„Glang net so fest hie, Obermeier. Mia duat da ganze Schädel weh.“

„Awa dann spuit a uns no was vor, sunst muaß er doch no eine in Sack, da Anderl“, meint der Weißbärtige und klopft wie zur Bestätigung mit seinem Stab auf den Fußboden. Knecht Ruprecht ist wieder in die Stube zurückgekehrt.

Während der Bub seine Gitarre hervorholt, fragt er:

„Dat „es wead scho glei dumpa“ passn, heiliger Nikolaus?“

„Ja, des hea i gern.“

Nach seiner Vorführung muss Anderl dem heiligen Nikolaus hoch und heilig für das kommende Jahr Besserung geloben, dann bekommt er doch noch eine Tüte mit Schleckereien.

„Jetzt miass ma awa weida, es wartn no vui Kinda auf uns.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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