Helmut Wurm

Sokrates und der moderne-Sozialdienste-Kapitalismus

oder Sokrates und der Krankenhaus-, Altenheim- und Pflegedienst-Kapitalismus

(Eine Weichenstellung vor längerer Zeit)

Eine Regierungskabinett-Runde: Es wird vom Finanz- und Sozialminister darüber geklagt, dass die Sozialausgaben und staatlichen Nebenbelastungen ständig wachsen. Das beträfe die kommunalen Ebenen, die Landesebenen und die gesamtstaatliche Ebene. Es wird überlegt, wie man diesem Problem Herr werden könne. Es wird vom Wirtschafts-Minister der Vorschlag gemacht, so viele finanzielle Belastungen des Staates wie möglich an freie Trägerschaften und an freie Unternehmer zu delegieren – Man lebe ja in einer freien Marktwirtschaft. Wonach Bedarf und Interesse bestünde, dafür würden die Bürger Geld durch intensive Nachfrage zur Verfügung stellen. Was weniger wichtig für die Bürger wäre, dem würde künftig nur noch eine Rand- oder Nischenunternehmung zukommen. Infrage kämen für solche, den Staatshaushalt erleichternde Privatisierungen neben der Bahn und der Post z.B. auch der Krankenhaus-, Altenheim und Pflegedienst-Bereich. Die Regierungsrunde nickte zufrieden über diese künftigen fiskalischen Erleichterungen. Der Beschluss wurde anschließend in der Presse veröffentlicht.

Sokrates hatte von diesem Beschluss gelesen und hegte Zweifel, ob diese Privatisierungen von ursprünglich meist staatlichen oder halbstaatlichen sozialen Bereichen wirklich für den Bürger von Nutzen sind. Er dachte:

Sokrates: Ob die Kapitalisierung solch wichtiger sozialer Bereiche eindeutig richtig ist? Wird die organisatorische Gestaltung und gewissenhafte soziale Arbeit unter dem kapitalistischen Egoismus vieler Menschen leiden?

Es gab ja bereits das andere Extrem, den kommunistischen Sozialismus. War unter dieser Herrschaftsform wirklich alles nur falsch? Da wurde das meiste zwar durch Anordnungen geregelt. Aber es gab in jedem größeren Dorf und in jedem kleineren Städtchen einen kleinen Supermarkt, einen Schuster, Arzt, Kindergarten, Sozialdienst… Zugegeben, die Löhne waren wenig leistungsbezogen. Aber es gab kein überzogenes Orientieren nach erwarteten Gewinnen, keine Ausnutzung von Qualifikationen und Leistungsfähigkeiten für die Ansiedlungsorte von Sozialeinrichtungen und Gehaltsforderungen der Beschäftigten… Nicht die Kosten, sondern der gesellschaftliche Nutzen waren der Hauptorientierungsfaktor.

Und künftig unter der Kapitalisierung? Die meisten dieser Dienste in den kleineren Orten werden in größere Zentren oder in Unterzentren abwandern und die Dorfbewohner werden fahren müssen. Und die meisten modernen Kliniken und guten Ärzte werden sich dort ansiedeln, wo eine zahlungskräftige Kundschaft mehr zu zahlen bereit ist als auf dem Land. Wird das sozial sein?

Und früher im Sozialismus saß den Menschen nicht der Druck der Gewinnerwartung im Nacken, man erledigte alles gemütlicher, man hatte mehr Zeit für Gespräche… Das wird sich ändern. Denn die Geldgeber der neuen kapitalistisch orientierten Organisationen werden Gewinne sehen wollen, werden sparen wo sie können und den Arbeitenden mehr Leistungsdruck als früher aufbürden. Ist das sozial?

Die Realitäten nach einer längeren Zeit danach:

Sokrates besucht viele Jahre später zusammen mit einem ihm bekannten Vertreter der Sozialbehörde ein Krankenhaus, ein Altenheim und einen Pflegedienst und beide sind durch den Alltag in diesen Organisationen bedrückt. Ihnen fällt vieles negativ auf und der Sozial-Vertreter notiert:

Der Sozialvertreter: Im Krankenhaus muss sich die geringere Anzahl der Schwestern ständig hetzen, um alle ihre Aufgaben zu erfüllen. Sie haben kaum Zeit für regelmäßige Gespräche mit den Patienten.. Die oberen Arzt-Chargen verdienen viel Geld, die unteren Krankenhaus-Chargen für ihre gehetzte Arbeit zu wenig. Das Essen machen Großküchen nach modernen Küchen-Methoden und Hilfsmitteln der Nahrungsmittel-Chemie. Das Essen darf bestimmte Kostenhöhen nicht überschreiten, die Krankenzimmer sind für die Betten-Zahlen zu klein… Es soll am Personal, an der Zimmereinrichtung und am Essen gespart werden. Wenn sich ein kleineres Krankenhaus, z.B. in einem ländlichen Raum, nicht trägt bzw. dem Träger zu wenig einbringt, wird es geschlossen und mit einem anderen größeren und entfernteren Krankenhaus zusammengelegt. Die Patienten und ihre Angehörigen müssen eben weiter fahren.

In dem Altenheim gibt es zu wenige Pfleger, der Beruf ist unterbezahlt und deshalb wenig attraktiv,… Auch die therapeutisch-sozialen Hilfsdienste sind schlecht bezahlt und haben Nachwuchsmangel,… Das Essen kommt ebenfalls aus Großküchen und ist durch Fertigbrühen, Geschmacksverstärker, künstliche Geschmacksstoffe, geringe Vielfalt und genormte Zubereitungsmethoden gekennzeichnet,… Psychopharmaka zur Ruhigstellung der Altenheimbewohner in der Nacht werden häufig eingesetzt, man kann so das Nachtpersonal reduzieren,… In den Zimmern sieht man an optisch weniger auffälligen Stellen, dass an Renovierungen gespart wird,… Die Zimmer- und Pflegekosten sind hoch, sie verbrauchen teilweise die Sparguthaben einfacherer Sozialschichten,… Einen speziellen Altenheim-Arzt gibt es nicht, die freien Ärzte kommen zu Patienten ihres Clientels und das kann manchmal längern dauern...

Bei dem besuchten Pflegedienst werden die Leistungen im Minutentakt erledigt und abgerechnet. Für menschliche Zuwendung und Betreuung bleibt wenig Zeit,… Die Anzahl der Fachkräfte erscheint zwar relativ hoch, aber meistens handelt es sich um Halbtageskräfte oder Wochenendkräfte, die sich durch die steigende Anzahl der Besuche und Aufgaben hetzen,… Das Essen, das Pflegedienste anbieten (fahrbare Mittagstische), kommt meistens ebenfalls von Großküchen mit den bekannten kapitalistisch orientierten Methoden und Hilfsmitteln der Essenszubereitung,…

Sokrates und der Sozialvertreter setzen sich auf eine Bank vor dem Krankenhaus und gehen noch einmal ihre Beobachtungen durch. Der Sozialvertreter ist trotz aller Mängel mehr ein Befürworter der Privatisierung der Sozialdienste. Für ihn ist das eine Chance der Freiheit. Er möchte nur Missstände beseitigen.

Sokrates beginnt mehr darüber nachzudenken, dass der Mensch mit zu vielen Freiheiten überfordert sein kann und dass dann Egoismen, Vereinfachungen und Nachlässigkeiten zu viel Raum in seinem Tun gewinnen können. Und das gelte auch für die sozialen Dienste. Deshalb sollte auch darüber nachgedacht werden, ob neben der Beseitigung von offensichtlichen Missständen auch prinzipiell das politisch-wirtschaftliche System der sozialen Dienste geändert werden müsse.

Sokrates: Ein staatlich organisiertes Sozialsystem ist voller persönlicher Ungerechtigkeiten und auch Fehlentscheidungen, aber die soziale Versorgung kann intensiver, gleichmäßiger, gerechter, aber auch altmodischer sein.

In marktwirtschaftlich-kapitalistischen Gesellschaftsformen sich frei bildende Sozialsysteme können voller sozialer Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten und Mängel sein, aber sie können moderner sein und Spitzensysteme entstehen lassen. Lass uns darüber nachdenken, ob ein Mittelweg oder gemäß den Gegensätzen These und Antithese eine ganz neue Synthese möglich wären.

Am nächsten Tag hat Sokrates diese Frage auch seinem engeren Freundeskreis gestellt und einer hat das Erlebte und Überlegte notiert. Eingestellt im Dezember 2018.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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