Angie Pfeiffer

Spontanfete zu Weihnachten

Ich bin sauer, echt! Nur wegen meiner zwei Nichten muss ich mich heute, am Heiligen Abend durch die Innenstadt quälen. Bisher habe ich den Mädchen zu Weihnachten immer einen Schein in die Hand gedrückt, das war auch immer in Ordnung so. Plötzlich meint meine Schwester, das wäre nicht gut. Die Kinder würden so den Sinn des Weihnachtsfestes nicht verstehen. Was für ein Quatsch! Hat das Weihnachtsfest denn überhaupt einen Sinn? Außer, dass man ein paar freie Tage hat, sich diese aber dadurch versaut, dass man sich vorher auf die Geschenkejagd begibt und anschließend alle Verwandte sieht, die man nicht ausstehen kann? Aber was kann man von einer Schwester erwarten, die ihre Hausfrau- und Mutterrolle perfekt ausfüllt. Die alle Erwartungen der Eltern erfüllt hat, weil sie ihrem Brutinstinkt folgte.
Egal – jetzt jedenfalls bin ich dabei, für jedes Kind eine schwangere Barbie zu kaufen, die haben sie sich gewünscht. Überhaupt: Sind Barbiepuppen sinnvoll? Ich habe nie mit den Dingern gespielt, sonst würde ich wohl immer noch auf meinen Ken warten.
Statt zu warten habe ich lieber Karriere gemacht. Sicherlich habe ich einige Kens gehabt und fast alle wollten sie irgendwann Kinder. Aber nur auf meine Kosten:

Mein Haus,
mein Auto,
meine (Haus)Frau,
meine (Ken)Kinder,
mein Garten (den meine Frau beackert).

Nee, wirklich nicht, auch nicht mit Erziehungsurlaub für den Vater. Der hätte sich in der Zeit sowieso scheiden lassen, denn Windeln mit Kinderkacke macht depressiv, jedenfalls die Männer, die ich kennengelernt habe.
Wenigstens finde ich die Barbies problemlos, was mich misstrauisch macht. Ich kaufe für jede noch einen Ken, sicher ist sicher. Dann gibt es auch keine Fragen wegen der Vaterschaft.
Das lässt mich an meinen derzeitigen Ken denken. Er ist eigentlich ein süßer Kerl, sogar ziemlich unkompliziert. Er kann mit meiner gelegentlichen schlechten Laune umgehen. Seltsam, der Gedanke an ihn holt mich aus meinem Tief heraus und ich fahre einigermaßen ausgeglichen nach Hause.
Ein Glück, die Hektik habe ich hinter mir gelassen. Ich lege die eingepackten Nichten Geschenke beiseite, nippe an meinem Matetee und genieße die Ruhe. Es klingelt an meiner Eingangstür.

Oh nein!

Ich fluche, bemühe mich jedoch um ein freundliches Gesicht und öffne. Mein Nachbar mit Migrationshintergrund steht vor der Tür: „Du allein, du kommen zu uns. Wir machen alle zusammen Bescherung“, stammelt er.  Ich nehme seine Hand von meinem Arm und kläre auf: „Nix Bescherung, du Moslem, ist Beschneidung. Das ich nicht sehen wollen.“  Er schüttelt verwirrt den Kopf. „Nix Beschneidung, heute Bescherung. Ich nix Moslem, ich Kopte, Christ ist geboren.“ Er schielt an mir vorbei. „Du nix Weihnachtsbaum?“
„Nein, ich nix Weihnachtsbaum. Ich heute Ruhe brauchen. Viel Ruhe. Danke für Angebot, aber ich jetzt schlafen.“ Mit diesen Worten ziehe ich meine Tür zu. Durch den Spion sehe ich, dass der Nachbar zurück in seine Wohnung geht. Wirklich, was soll das denn. Ich feiere prinzipiell nicht, weil der Kalender mir das vorschreibt. Ich kann auch ohne Vorgabe feiern.
Meinen aktuellen Ken habe ich auch auf einer spontanen Fete kennengelernt. Er hat den ganzen Abend zu Schmusemusik mit mir getanzt, ganz eng, gleich von Anfang an. Und ich wusste sofort, dass er der Richtige ist. Hey, ich kriege ganz feuchte Augen. Ich habe wohl was ins Auge bekommen.
Es klingelt schon wieder. Nicht schon wieder der pseudo christliche Nachbar, echt!  Ich reiße entrüstet die Wohnungstür auf und werde von meinen Nichten überrannt.

„Überraschung!!!“

Schwester und Schwager folgen etwas langsamer. Hinter ihnen schlendert mein Ken in die Wohnung. Er haucht mir einen Kuss auf die Lippen, wortlos aber mit Gefühl.  Meine schwer bepackte Schwester verschwindet gleich in der Küche. „Wir haben alles dabei“, ruft sie, „du brauchst dir keine Gedanken machen.“
Die Nichten streiten, wie immer. “Meine Barbie hat längere Haare!”
“Nö, meine!”
“Aber mein hat viel Geld, wie unsere Tante!”
“Jetzt hört mal auf!” Mein Schwager lacht und drückt uns Champagnergläser in die Hände. „Wir machen jetzt einfach eine spontane Fete und keine traditionelle Weihnachtsfeier“, sagt er.
“Ohne ‚Oh du Fröhliche’ “, wispere ich.
Ken knuddelt mich. “Ohne, versprochen.”
Ich bin plötzlich unglaublich glücklich. Mir kommt ein Gedanke. „Ich klingele mal eben bei den Nachbarn. Vielleicht wollen sie mit uns feiern.“

Nachtrag: Die Nachbarn haben sich uns angeschlossen und es ist eine tolle Spontanfete geworden. Irgendwie weihnachtlich und dann wieder auch nicht. Wir haben uns richtig gut amüsiert.
Übrigens: mein Ken heißt Tim und ich Jana. Wir haben uns an diesem denkwürdigen Tag verlobt und in drei Monaten sind wir zu dritt. Aber Weihnachten feiern wir nicht. Wir machen am Heiligen Abend lieber eine Spontanfete!
© by Angie

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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