Freya Herzog

Winter im Dartmoor

Martha zog die Tür hinter sich zu und schloss sie zur Sicherheit zweimal ab. Das machte sie immer so, man weiß ja nie. Sie zog den dicken Wintermantel noch ein bisschen höher und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Jeden Tag wurde es kälter, denn der Winter war auch im sonst so milden Südengland angekommen. Es war der letzte Tag im November und die kleine Stadt mitten im Dartmoor war zu dieser Zeit ganz besonders schön und schaurig. Ohnehin hatte sie sich, als sie vor etwas mehr als drei Jahren in diese gottverlassene Gegend Großbritanniens kam, sofort in dieses geheimnisvolle Fleckchen Erde verliebt.

Sie ging die Allee mit den alten, knorrigen Bäumen hinunter, vorbei an den typischen Steinhäusern und den uralten, mit dunkelgrünem Moos überzogenen Granitmauern. Sie konnte kaum die Hand vor Augen sehen, so nebelig war es an diesem Novembermorgen. Den Nebel mochte sie besonders gern, er verwandelte das ganze Moor in einen völlig neuen Ort. Sie ging gradewegs zu dem kleinen Café, in dem sie seit drei Jahren angestellt war und hielt nur kurz inne als die an Sams Haus vorbeikam.

Im ersten Stock brannte Licht und sie musste sich unweigerlich kurz vorstellen, wie es wäre jetzt dort oben mit Sam an einem Tisch zu sitzen und Kaffee zu trinken, während er sie so ansah, wie er sie immer ansah, wenn er bei ihr im Laden pünktlich um halb 10 vor seiner Schicht im Moor sein Frühstück bestellte. Sam war Park Officer und sah so unverschämt gut aus in seiner Uniform, dass sich Martha jeden Morgen ordentlich zusammenreißen musste um den Kaffee beim Servieren nicht direkt über ihre oder seine Hose zu kippen. Sam war groß gewachsen, hatte dunkelbraune, kurze, etwas lockige Haare und grüne Augen. Diese Augen konnte Martha nicht vergessen, seit sie sie zum ersten Mal vor drei Jahren gesehen hatte. Sie schüttelte kurz den Kopf, beförderte sich selbst wieder in die Realität und ging ohne Umwege zur Arbeit. Ihre Chefin war schon da und begrüßte sie mit einem mürrischen: “Silvie ist krank“ und zischte entnervt in die kleine Teeküche im hinteren Teil des Cafés. Martha war schon aufgefallen, das der schwarze Ford nicht wie immer in der engen Einfahrt stand. Silvie war von Anfang an Marthas Kollegin. Die beiden waren etwa gleich alt und verstanden sich im Großen und Ganzen ganz gut. Martha bewunderte Silvie insgeheim für ihre offene Art und um ihre langen braunen Haare und die dunkelbraunen Augen. Sie erinnerte Martha immer ein bisschen an die wilden Dartmoor Ponies, die anmutig und ungezähmt durchs Moor streiften. Eigentlich gab es keine Person, außer vielleicht Sam, die besser hier her passte. Sie war hier geboren, aus irgendeinem Grund geblieben und lebte nun in einem kleinen Cottage am anderen Ende der Stadt.

Es war mittlerweile viertel nach 10 und Martha wurde langsam unruhig. Jeden Moment müsste Sam durch die Tür kommen um sich seinen Kaffee abzuholen. In der ganzen Zeit, in der Martha hier arbeitet, hatte er sein Frühstück nicht ein einziges Mal ausgelassen. Selbst als er sich eine dicke Erkältung eingefangen hatte, kam er pünktlich um halb zehn durch die Tür des kleinen Cafés - selbst an seinen freien Tagen. Ohne es zu wollen, hoffte Martha natürlich insgeheim, sie wäre der Grund für Sams außerordentliche Zuverlässigkeit in Sachen Frühstück. Sie hatte ihn zwar noch nie mit einer Frau gesehen, ohnehin schien er eher ein Einzelgänger zu sein, aber trotzdem hatte sie es nie gewagt, ihn nach einem Date zu fragen; auch wenn es ihr jeden einzelnen Tag auf der Zunge lag. In ihrer Träumerei hatte Martha nicht bemerkt wie es immer später wurde und als sie auf die Uhr sah, musste sie erschrocken feststellen, dass es schon viertel vor 10 war. Von Sam keine Spur. Vielleicht hat er verschlafen, dachte Martha mitfühlend und lenkte sich mit einem großen Berg Besteck ab, welches noch poliert werden musste. Die Stunden vergingen und Martha konnte nicht aufhören an Sam zu denken. Insgeheim fragte sie sich schon seit Monaten was sie an diesem langweiligen Ort eigentlich wollte und ob er eventuell der Grund sein könnte, warum sie nicht schon längst wieder in ihre Heimat Manchester zurück gezogen ist.

Kurz vor Feierabend machte sich Martha ernsthaft Sorgen um Sam, vielleicht hatte er einen Unfall oder ist wirklich krank. Kurz entschlossen, entschied sie nach der Arbeit bei ihm zu klingeln um sich nach ihm zu erkundigen. Die Adresse hatte sie zufällig herausgefunden, als sie ihn eines Tages voller Freude auf dem Heimweg am Fenster erblickt hatte. Sie hatte schon viel zu lange damit gewartet ihn anzusprechen und in der Zeit lieber stundenlang in jede noch so kleine Geste viel zu viel reininterpretiert. Es wurde Zeit zu handeln - was wenn er wirklich der Grund ist, warum sie es all die vernebelten und regnerischen Winter in Dartmoor ausgehalten hat.

Zu dieser Jahreszeit verirrten sich nur wenige Touristen in die Region und es war so gut wie nichts los. Sogar der größte Pub der Ortschaft schloss um 20 Uhr und in dem kleinen Café gab es bis auf die drei älteren Stammkunden und natürlich Sam auch kaum noch Gäste. War er vielleicht insgeheim auch nur noch wegen ihr hier? Martha schüttelte wieder den Kopf. Diese Spinnerei muss aufhören. Nach Feierabend machte sie sich nach einem schnellen Blick in den Spiegel auf den Weg in Richtung Sams Wohnung. Ihre Schritte wurden schneller, ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Jetzt oder nie. Als sie in der ihr so bekannten Straße an dem ihr so bekannten Gartentor stand und zu seiner Wohnung hochblickte, sah sie das Licht brannte. Er ist also zu Hause, dachte sie und wurde unsicher. Warum ist er heute morgen nicht im Café gewesen? Sie machte einen letzten Schritt auf das Gartentor zu. Sie hob den Arm, streckte zitternd den Finger nach der Klingel aus, kniff die Augen zusammen und ..

hielt inne. Sie zog den Finger so schnell zurück wie es nur ging, schaute langsam zur Seite und sah des schwarze Auto, welches ihr aus dem Augenwinkel schon so bekannt vorkam. Ihr stockte der Atem und ihr Herz blieb für eine Sekunde lang stehen. Martha holte tief Luft und noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, drehte sie sich um und ging.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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