Monika Litschko

Weihnachten bei Zauberspruchs


Bei Familie Zauberspruch wird das ganze Jahr gezaubert. Immer. Jeden Tag. Manchmal sogar nachts. Nur zu Weihnachten da fiel jegliche Zauberei aus. Es wäre ja auch kein richtiges Weihnachtsfest, wenn die Weihnachtsgans, die Klöße, der Nachtisch, der Weihnachtsbaum, die leckeren Plätzchen und die Geschenke einfach so herbeigezaubert würden. Nein, an Weihnachten legten sie ihre Zauberstäbe beiseite und machten sich echt viele Gedanken. Das war schwer, oh, oh.

Mama Zauberspruch, die ihre langen blonden Haare gerade von Bürstchen kämmen lässt, überlegt. „Was wünscht sich wohl der Bernie?“, fragt sie ihr Spiegelbild. Dieses will ihr gerade eine Antwort geben, da zaubert Mama Zauberspruch es schnell weg. „Das wäre Betrug“, schimpft sie laut, „ich werde es schon herausbekommen.“
Sie schwirrt aus dem Badezimmer und ruft nach ihrem Staubsauger. „Schlürfer, bitte säubere die Teppiche! Ach, und sage doch Eiselchen, es möge heiß werden. Ich schicke Brettchen hoch, damit es sich ausklappt.“ Schlürfer brummt einmal laut und saugt sich zu Eiselchen, das kalt und frierend in der Bügelkammer steht.

Mama Zauberspruch schickte Brettchen samt Bügelwäsche nach oben und überlegte weiter. „Um Bernie mache ich mir gleich Gedanken“, murmelt sie, „aber was wäre ein passendes Geschenk für meine Lisa? Eine Puppe? Oh Gott nein, mit zwölf Jahren spielt ein Mädchen nicht mehr mit Puppen.“ Es war zum Haare toupieren. Aber vielleicht klappte es ja bei Papa Zauberspruch. „Pantoffeln!“, ruft sie glücklich. „Ja, so richtig tolle, am besten wären Autopantoffeln mit Rädern. Dann hätte er immer warme Füße und könnte obendrein bequem durchs ganze Haus fahren.“ Sie sucht nach Kulluli und lässt es ihn notieren.

Da ab morgen sämtliche Zaubersprüche tabu waren, organisierte Mama Zauberspruch noch schnell einen Hausputz. Das tat sie übrigens jedes Jahr, schließlich musste sie ab morgen alles selber erledigen. Heute durfte sie noch alles, außer Geschenke herbeizaubern.
„Gardinen rollt nun von der Stange, ab mit euch, schnell in die Wanne“, flüstert sie. „Eimer, Wasser, Leder, Schwamm, macht euch an die Fenster ran. Staubtuch wirble dich durchs Haus und schüttel dich dann draußen aus. Fünfzehn Leder schwebt herbei, putzt die Schränke streifenfrei.

Mama Zauberspruch lächelt zufrieden, als sie dem turbulenten Treiben zusieht. Entspannt legt sie sich auf die Couch und überlegt weiter.


Papa Zauberspruch trommelt in diesem Moment nervös auf seinem Schreibtisch herum. „Geschenke, Geschenke“, murmelt er verzweifelt, „mir fällt absolut nichts ein, wir haben doch alles.“ Verzweifelt greift er nach dem Telefonhörer und wählt. 
„Zauberspruch."

"Ja, ich bin es." stottert er in den Hörer. „Weißt du, mir fällt absolut nicht ein, was ich euch schenken könnte. Meinst du nicht, dass diese ganze Schenkerei Quatsch ist?“ Gespannt wartet er auf eine Antwort.
„Nein!“, keift seine Frau wütend und legt einfach auf.

Papa Zauberspruch seufzt und sieht aus dem Fenster. Das Wetter war regnerisch und kalt. Wolken zogen wie schwarze Ungeheuer über den Himmel und ließen weihnachtliche Gefühle erst gar nicht aufkommen. „Es ist wie jedes Jahr“, flüstert er, „graue, verregnete Weihnachten.“ So ganz nebenbei betrachtet er sich in der Fensterscheibe. „Nächstes Jahr mache ich eine Diät“, sagt er deprimiert.
Sein Spiegelbild nickt und klopft sich auf den Bauch, der in den Jahren beachtlich gewachsen war.
 „Ist ja schon gut“, schimpft Papa Zauberspruch. „Nächstes Jahr, versprochen. Compi verbinde mich mit der Schneekönigin.“

 
 
In seinem Computer rotierte es und kurz darauf erschien die Schneekönigin. „Was kann ich für dich tun, Zauberspruch?“, fragt sie müde und gähnt ausgiebig. „Sage ja nicht, du willst Schnee.“
Papa Zauberspruch nickt. „Doch, den will ich“, antwortet er. „Mir fehlen diese angenehmen weihnachtlichen Gefühle und dadurch bleiben meine Ideen aus. Ich weiß einfach nicht, was ich meiner Familie schenken soll.“
Die Schneekönigin schaut ihn gelangweilt an. „Dann zaubere dir Schnee“, antwortet sie, „ich persönlich habe keine Lust auf Schnee und Eis. Lasse es einfach über eurem Haus schneien, dann kannst du einen Schneemann bauen, rodeln und Schlittschuh fahren.“

Papa Zauberspruch geht zehnmal schneller als sonst durch sein Büro. „Eine Schneekönigin, die keine Lust auf Schnee hat“, schimpft er, „das gibt es doch nicht. Dafür ist eine Schneekönigin aber da, hast du das vergessen?“
Die Schneekönigin verzieht arrogant ihren rot geschminkten Mund. „Papperlapapp“, antwortet sie, „aber eigentlich ja. Da aber schon lange nichts mehr so ist, wie es sein sollte, streike ich und halte lieber einen langen Schönheitsschlaf.“

Papa Zauberspruch stürmt zu seinem Computer und starrt die Schneekönigin wütend an. „Ist dir eigentlich klar, dass du alle Menschen ihrer weihnachtlichen Gefühle beraubst?“, fragt er. „Und rühren dich nicht die Kinder, die täglich wartend hinter den Fensterscheiben sitzen? Sie starren in den Himmel und warten auf den ersten Schnee. Schnee, den du ihnen vorenthältst.“
Die Schneekönigin hält sich die Ohren zu. „Nananana, nananananana“, singt sie laut und schief. „Ich kann dich nicht hören, ich kann dich nicht hören.“

Papa Zauberspruch verschränkt die Arme vor seinem Bauch und wippt gemächlich auf und ab. „Also gut“, sagt er warnend. „Weißt du, heute darf ich noch jeden Zauber aussprechen, den ich will, und den werde ich zu dir schicken. Wenn die Strahlen eines überdimensionalen Heizstrahlers dein Eisschloss langsam zum Schmelzen bringen und du ebenfalls abtaust, werden wir ja sehen was passiert.“

Die Schneekönigin reißt ihre von Eiskristallen verhangenen Augen weit auf. „Das würdest du tun?“, fragt sie ihn argwöhnisch. „Du würdest mein Zuhause abtauen wie einen Kühlschrank? Aber das ist …, das ist……, das ist eine Frechheit. So etwas nennt man Erpressung. Also gut, ich werde die allgemeine Wetterlage umstellen, bist du nun zufrieden?“

Papa Zauberspruch nickt und antwortet, natürlich ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. „Einverstanden.“
Die Schneekönigin rümpft die Nase. „Sofort?“, fragt sie hochnäsig.
„Sofort“, antwortet Zauberspruch.
Wutentbrannt flüstert die Schneekönigin ihre Winterwettersprüche, dann steckt sie schnell einen Finger durch den Bildschirm und drückt Compi einfach aus.

Papa Zauberspruch lacht und stellt sich wieder ans Fenster. „Dann wollen wir mal aufpassen“, sagt er zu seinem Spiegelbild. „Was meinst du, erst Eis oder erst Schnee?“ Sein Spiegelbild überlegt und antwortet: „Sie wird zuerst die Kälte schicken, denn die wohnt nur ein paar Universen weiter. Anschließend wird sie Väterchen Frost wecken, damit er seinen eisigen Atem aushaucht und dann lässt sie es schneien.“ Papa Zauberspruch ist der gleichen Meinung. „So wird sie es machen“, antwortet er.

Und so geschah es wirklich. Menschen, die durch die Straßen liefen, zogen plötzlich ihre Mäntel enger um sich. Ihr weißer Atem stand wie eine Nebelwolke vor ihren Nasen und sie beschleunigten ihre Schritte, damit sie schnell wieder in ihre warmen Stuben kamen. Eiszapfen bildeten sich an Häuserdächern, Straßenschildern und Laternen. Ach ja, und dann fielen erste, dicke weiße Flocken aus den vollen Winterwolken. Sie bedeckten die Straßen, Häuser, Autodächer und Bäume in wenigen Minuten und zauberten ein wunderbares Winterambiente. Mit seinem Intensivblick stellte Papa Zauberspruch die Weihnachtsbeleuchtung an, die schon lange über den Straßen hing, und krönte so diesen wundervollen Augenblick. „Und nun wieder zu den Geschenken“, murmelt er verzweifelt und seufzt schwer.

 

Bernie und Lisa schlendern mit ihren Freunden über den Schulhof. „Was schenkt ihr euren Eltern?“, fragt Lisa neugierig. Pia, Lisas beste Freundin, zuckt nur mit den Schultern. „Ich bekomme wenig Taschengeld seit Papa keine Arbeit mehr hat“, antwortet sie, „aber ich dachte an einen Bilderrahmen für beide. Vor ein paar Tagen habe ich im Keller einen Karton gefunden, da waren Bilder drinnen. Von mir, von Meik und auch welche von Karlchen.“ Lisa schaut sie überrascht an. „Ehrlich, du hast von Karlchen Bilder gefunden? Das ist ja fett.“ Pia lacht und antwortet: „Ja, habe ich, und so werde ich das kugelrunde Karlchen hinter einen hübschen Rahmen schieben und Ihnen schenken. Mama hat schon oft gejammert, dass ihr so viele Fotos fehlen und dass sie gerne eines von Karlchen hätte, damit sie es ihren Freundinnen zeigen kann.“

Bernie beißt in seinen Apfel und sagt kauend: „Der war so schreiend orange, dass einem die Augen wehtaten, hat mir dein Vater mal erzählt. Aber dass sie Prielblumen auf ihn geklebt haben, ist der Hammer. Und warum haben sie ihn nicht weiter Käfer genannt? Ich meine, Karlchen ist doch ein alberner Name.“ Pia knufft ihn in die Seite. „He du, Karlchen hieß ihr Papagei, und den haben sich meine Eltern nach ihrer Hochzeit gekauft. Karlchen war ganz bunt, aber die orangen Federn waren in der Überzahl, und als er tot von der Stange fiel, nannten sie ihr erstes Auto nach ihm. Karlchen der Käfer.“ Lisa seufzt. „Meine Eltern hatten leider kein Karlchen und Bernie ich wissen nicht was wir ihnen zu Weihnachten schenken sollen“, murmelt sie.

Ralf Schumann fällt dazu nur eines ein. „Ich würde meiner Mutter eine Vase schenken“, sagt er unbekümmert. „Frauen bekommen oft Blumen geschenkt. Und meinem Vater würde ich ein Aftershave unter den Baum legen, denn Frauen mögen duftende Männer.“ Vor Lisas innerem Auge spielen sich dramatische Szenen ab. Mama bekommt Rosen geschenkt und zaubert sich eine schöne weiße Vase herbei. Papa rasiert sich und überlegt, welcher neuer Duft denn zuletzt in der Werbung zu sehen war und schwupps hielt er ihn in seinen Händen. Es war aber auch zum Würmer anspitzen und es war jedes Jahr das Gleiche. Alle taten am Heiligen Abend so, als hätten sie das Mega Geschenk bekommen. Aber das stimmte eben nicht, denn sie brauchten diese Geschenke nicht wirklich.

Lisa hätte Pia am liebsten erzählt, dass ihr Leben eine einzige Zauberei war. Dass ihre Eltern aus großen Zauberfamilien kamen, die in einer magischen Welt lebten. Und dass sie, Lisa, und auch Bernie, diese Fähigkeiten geerbt hatten. Sie würde ihr nur zu gerne die Tür zeigen, die zu dieser magischen Welt führte, denn sie war direkt im Schlafzimmer ihrer Eltern. Aber das war strengstens verboten. Mama und Papa wollten, dass ihre Kinder ein halbwegs normales Leben führten, und hatten sich ein Häuschen auf der anderen Seite erzaubert. Nach außen waren sie eine ganz normale Familie. Papa ging arbeiten und Mama einkaufen. Aber niemand ahnte, dass bei ihnen die Pfannen selber zum Ofen schwebten, ihr Staubsauger Schlürfer hieß, das Bügeleisen Eiselchen und dass Bürstchen ihnen die Haare kämmte. Auch nicht, dass sie ihre Urlaubsbilder vor und zurückspulen konnten.

Nach der Schule hat Bernie eine tolle Idee. „Lisa ich weiß, was wir Mama schenken können“, sagt er geheimnisvoll. „Wir schenken ihr den Geistertänzer. Mama tanzt doch so gerne und beschwert sich immer, dass Papa nicht tanzen kann. Der Geistertänzer ist im Angebot, hier sieh mal.“ Er zieht ein Prospekt aus seiner Hosentasche und hält es Lisa unter die Nase. „Super!“, ruft Lisa erleichtert. „Den nehmen wir. Und guck mal hier, da, ist was für Papa, er hört doch so gerne Witze. Das ist ein Superwitzgehirn. Es schwebt neben dir her und erzählt Witze. Man Bernie, es lacht sogar. Gebongt?“ Bernie nickt. „Gebongt! Findest du nicht auch, dass es ganz schön kalt geworden ist? Sieh mal, jetzt fängt es auch noch an zu schneien.“ Lisa jubelt vor Freude. „Man Bernie, das ist richtiges Weihnachtswetter. Klasse.“

Ach ja, so ein magisches Kaufhaus war schon super. Wenn man großes Glück hatte und viel Fantasie, erschufen die eigenen Gedanken die ausgefallensten Geschenke. Aber manchmal wurden sie nicht abgeholt und später als Sonderangebot verkauft. Wie im Fall des Geistertänzers und dem Superwitzgehirn. Kurz vor Weihnachten wurden in der magischen Welt keine Geschenke herbeigezaubert, auch ging niemand in normale Läden. Sie erdachten sich die Geschenke und erstanden sie später in einem der magischen Kaufhäuser.

 

Mittags hingen Mama Zauberspruchs Gardinen wieder an den blitzenden Fenstern. Jedes Staubkörnchen war verschwunden und die Bügelwäsche lag glatt in den Schränken. Und so ganz nebenbei hatte sie ihre weihnachtliche Geschenkliste vervollständigt. Mama Zauberspruch hatte einfach Kulluli an ihre Bluse gesteckt und ihm ihre Einfälle zugeflüstert. Als ihr nichts mehr einfiel, legte sie ihn auf ein Blatt Papier und Kulluli schrieb sich alles von seiner Mine.

1. Autopantoffeln mit Rädern, für Papa
2. Spring rein und Spiel mit, für Lisa (spring in den Fernseher und spiele mit Buster dem Schrecklichen)
3. Dreißig Arme und ein Schlagzeug, für Bernie (beim Berühren der Stöcke wachsen dir dreißig zusätzliche Arme und du spielst wie ein Profi)
4. Pfeipfelchen das schlaue Gebiss, für Oma (nur für Gebissträger, die ihre Zähne oft verlegen. Pfeifen und es sucht dich)
5. Es schneit, oh wie schön.

Erleichtert nippt Mama Zauberspruch an ihrem Weihnachtstee, der so lecker nach Zimt duftete. „Das wäre geschafft, auf zum magischen Kaufhaus.“ Sie tanzt die Stufen hoch, schwebt ins Schlafzimmer, öffnet die magische Tür und verschwindet.

 

Papa Zauberspruch sitzt an seinem Schreibtisch und blättert gedankenverloren Unterlagen durch, als ihm ein genialer Gedanke kommt. Er stellt sich wieder ans Fenster und schaut sein Spiegelbild bittend an. „Könntest du dich zum magischen Kaufhaus begeben und Weihnachtsgeschenke für meine Familie besorgen?“, fragt er. Sein Spiegelbild überlegt nicht lange und stimmt zu. „Gerne, so komme ich mal hier raus“, antwortet es. „Den ganzen Tag hier im Fenster zu verbringen nervt und ist langweilig. Da sind die Spiegel, in denen wir uns sonst begegnen, angenehmer. Außerdem habe ich einen unterbezahlten Job.“ Papa Zauberspruch versteht sein Spiegelbild nur zu gut. „Ja, das habe ich schon von einigen Spiegelbildern gehört. Aber die magischen Welten weigern sich, Spiegeljobbern mehr Lohn zu zahlen. Dann ist ein Besuch im Kaufhaus ja die richtige Abwechslung für dich. Weißt du was, kaufe deiner Familie auch etwas Schönes.“ Sein Spiegelbild springt aus dem Fenster und klopft sich hustend den Anzug ab. „Feinstaub“, sagt es entschuldigend, "der sitzt sogar in der Doppelverglasung.“

Papa Zauberspruch greift nach seinem Portemonnaie und zieht ein Foto heraus, auf dem die magische Tür zu sehen ist. „Guck nicht so“, sagt er tadelnd. „Darin verschwinde ich, wenn mal wieder ein Hochzeitstag oder Geburtstag ansteht und ich nach einer Überraschung suchen muss. Oder wenn ich mal eine Auszeit brauche. Aber das bleibt unter uns.“ Sein Spiegelbild grinst. „Klar doch“, antwortet es schelmisch. „Es gibt Dinge, die müssen Frauen nicht immer wissen. Hast du an besondere Geschenke gedacht?“ Papa Zauberspruch winkt ab. „Ach wo“, antwortet er, „wenn es nach mir ginge, schenkten wir uns gar nichts, denn das, was wir brauchen, erzaubern wir uns das ganze Jahr über. Brauchen wir das Erzauberte nicht mehr, geben wir es wie neu gezaubert zurück. Also sind Weihnachtsgeschenke überflüssig, aber meine Frau stellt auf stur. Schau was dir gefällt und nimm es einfach. Da ich keine Geschenke erdacht habe, bleiben nur die Sonderangebote, aber da sind immer gute Schnäppchen bei. Greife einfach zu.“ Sein Spiegelbild zwinkert ihm zu. „Dann sollte ich mal los“, sagt es und dreht sich um die eigene Achse. Es wird immer schneller und schneller, bis es nur noch ein eine dünne lange Spirale ist, und taucht in das Foto ein. Dort angekommen hebt es siegessicher den Daumen und verschwindet durch die magische Tür. Mit sich und der Welt zufrieden, setzt sich Papa Zauberspruch wieder an seinen Schreibtisch und lächelt siegessicher.

 

Die Zeit bis zum Heiligen Abend verging wie im Flug. Mama backte Plätzchen und schimpfte laut, als sie anschließend ihre Küche schrubben musste. „Wir hätten Plätzchen kaufen sollen“, wetterte sie. „Die schmecken genau so gut.“ Lisa zog ein langes Gesicht, weil sie Schlürfer über die Teppiche schieben musste, Papa kaufte einen Weihnachtsbaum und fluchte über die piksenden Nadeln. Nur Bernie hatte gute Laune und marschierte mit einem Staubtuch durchs Haus. „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, lalalalalala“, sang er dabei und steckte Schlürfer an, der bald laut mit brummte. Brumbrumbrumbrum….brumbrumbrumbrum…..brumbrumbrumbrum…brumbrumbrum. Aber am Nachmittag waren alle Arbeiten erledigt und die Zauberspruchs machten sich auf, um die letzten Besorgungen zu tätigen. Sie erstanden eine große Weihnachtsgans und allerlei leckere Sachen, die ihnen noch fehlten.

Am Morgen des Heiligen Abend lag so viel Schnee, dass Bernie und Papa Zauberspruch noch vor dem Frühstück zu den Schneeschiebern greifen mussten. „Das sind fette Weihnachten!“, ruft Bernie froh. „Wir hatten so lange keinen Schnee mehr!“ Papa Zauberspruch ärgerte sich gewaltig über sich selbst. Dass er der Schneekönigin aber auch nicht ein gewisses Limit an Schnee gesetzt hatte. „Wenn das so weiter geht, schneien wir ein“, antwortet er und schippt den Schnee zur Seite. „Ich glaube, ich muss mit unserer Schneekönigin ein ernstes Wörtchen reden, oder ihr einen gewaltigen Heizstrahler nach den Feiertagen zukommen lassen.“ Kaum hatte er es ausgesprochen, schneite es weniger und hörte bald ganz auf. Papa Zauberspruch lächelt zufrieden. „So ist es gut“, flüstert er, „aber lege dich nicht auf die faule Haut und lasse es weiterhin in Maßen schneien. So zwei bis dreimal am Tag.“ Bernie stellte seinen Schneeschieber beiseite. „Fertig, wollen wir Frühstücken?“ Papa Zauberspruch stellte seinen Schieber ebenfalls weg und antwortet: „Wenn ich jetzt kein ordentliches Frühstück bekomme, falle ich um, so einen Hunger habe ich.“

Nach dem Frühstück stielte er mit Bernie den riesigen Weihnachtsbaum ein und Mama Zauberspruch holte stolz ihre neuen Kugeln aus dem Schrank. „Lila und weiß, das sind dieses Mal unsere Farben“, sagt sie stolz und hält eine lila Kugel in die Höhe. Lisa verdreht die Augen und stöhnt: „Mama, das sind echt blöde Farben. Lila passt überhaupt nicht. Wie krass ist das denn?“ Mama Zauberspruch schluckt. „Du hast recht, ich hätte rot nehmen sollen, dieses Lila beißt sich mit unserer Einrichtung. Was mache ich denn jetzt?“, jammert sie. „Ich habe die Alten neu gezaubert und zurück gegeben.“

Papa Zauberspruch lacht und legt einen Arm um sie. „Das werden bunte, sich beißende Weihnachten“, sagt er scherzend. „Wir werden den Baum einfach vor das große Terrassenfenster schieben, denn lila Kugeln passen wahnsinnig gut zu weißen Schnee.“ Dankbar lächelt Mama Zauberspruch ihn an. „Ja, das ist richtig“, antwortet sie. „Prima Idee von dir.“ Lisa ist zwar immer noch skeptisch, aber sie hilft ihrer Mutter beim Schmücken. Gegen Mittag kommt Oma Zauberspruch. Sie lebte weiterhin in den magischen Welten, kam aber regelmäßig zu Besuch. „Hm, wie das hier duftet“, sagt sie lobend und umarmt ihre Schwiegertochter. „Bernie, Lisa, wie hübsch ihr euch gemacht habt. Man sollte meinen, dass heute ein besonderer Tag ist. Ist denn schon wieder Weihnachten?“

Bernie und Lisa nehmen Oma Zauberspruch in den Arm. „Ja, heute ist beißende Weihnacht“, sagt Lisa und zwinkert ihr zu. Da Oma Zauberspruch nicht gleich versteht, was Lisa meint, zeigt diese auf den Weihnachtsbaum. „Dieses Jahr passt er nur zum Schnee.“ Oma Zauberspruch betrachtet den Weihnachtsbaum ausgiebig und kommt zu dem Entschluss, dass es viel wichtiger ist, dass er von draußen toll aussieht. „Na ja, und mit dem wundervollen Schnee im Rücken sieht er gar nicht mal so schlecht aus. Und wenn es dunkel wird, fallen die lila Kugeln gar nicht mehr auf“, sagt sie tröstend. Papa Zauberspruch, der sich die Geschenke von seinem Spiegelbild hat geben lassen, kommt die Stufen herunter. „Der Baum sieht wundervoll aus!“, ruft er seiner Mutter zu. „Ich möchte jedes Jahr so einen Baum haben. Beim nächsten Fest bitte quietschegelb mit roten Tupfen.“ Dieser Satz beendete ein für alle Mal das Weihnachtsfiasko, denn schallendes Gelächter drang aus allen Kehlen.

Die Weihnachtsgans hatte allen vorzüglich geschmeckt und es war an der Zeit sich gegenseitig zu beschenken. Zusammen stellten sie sich vor den beißenden Weihnachtsbaum, unter dessen Zweigen die Geschenke lagen. „Also dann mal los“, sagt Mama Zauberspruch. „Wie ich sehe, stehen überall die Namen drauf. Frohe Weihnachten, meine Lieben.“ War das ein lustiges Durcheinander, als alle nach ihren Geschenken suchten. Aber am Ende saß jeder von ihnen, umgeben von Geschenken, auf dem Sofa. Neugierig entfernten sie das bunte Papier.

„Ich habe Pantoffeln“, ruft Papa Zauberspruch, „und sie sehen aus wie Autos! Das ist ja lustig. Wow, was ist denn das? Ein Superwitzgehirn.“ Lisa, Mama und Bernie freuen sich, dass Papa Zauberspruch sichtlich zufrieden ist. „Geistertänzer“, liest Mama Zauberspruch, „das ist ja genial. Nun habe ich jemanden, der mit mir tanzt. Oh, danke meine Lieben. Flüsternde Ohrringe, oh sind die schön. In der Gebrauchsanweisung steht, sie flüstern mir die Geheimnisse der Nachbarn zu. Super, die werde ich gleich ausprobieren.“

Lisa betrachtet ihr Spiel von allen Seiten. „Spring rein und spiele mit, ist ein total doofes Spiel“, flüstert sie sauer, „es war letztes Jahr schon im Angebot.“ Aber sie lächelte dankbar und versteckte es anschließend unter dem Sofa. Oma Zauberspruch bedankte sich für Pfeipfelchen und tat es Lisa gleich. Bernie saß vor seinem Schlagzeug, mit dreißig zusätzlichen Armen bestückt und prügelte auf das gute Stück ein. „Hör auf!“, schreit Lisa und hält sich die Ohren zu. „Das kann doch niemand aushalten!“ Der arme Bernie schaut sie verzweifelt an und ruft: „Wie!? Ich weiß nicht wie!“

Mama hatte ihre neuen Ohrringe angesteckt und amüsierte sich köstlich. So ganz nebenbei öffnete sie die Schachtel, in dem der Geistertänzer ruhte. Dieser sprang sofort aus seiner Verpackung und griff nach ihr. Rock and Roll tanzend und mit flüsternden Ohrringen an den Ohrläppchen wirbelte sie mit ihm durchs Wohnzimmer. Papa Zauberspruch schlüpfte in seine Pantoffeln und düste auch sofort los. Er ruderte wild mit seinen Armen, als er die Stufen hochjagte und auf dem Geländer zurück fuhr. „Wie stellt man die ab?!“, schrie er gegen Bernies Schlagzeug an, aber niemand verstand ihn. Zu allem Überfluss folgte ihm das Superwitzgehirn und erzählte die neusten Witze, über die es anschließend laut lachte. Es war ein lautes Durcheinander. Mama Zauberspruch schwitze, denn sie tanzte ununterbrochen mit dem Geistertänzer, der nicht vorhatte aufzuhören. Papa jagte, gefolgt von dem Superwitzgehirn, durch das ganze Haus und Bernies zweiunddreißig Arme waren ständig in Bewegung.

„Siltelternuss!“, ruft Oma Zauberspruch schließlich und schwingt dabei ihren Zauberstab. Endlich war der Spuk beendet. „Siltelternuss!“, ruft sie noch einmal. „Das war ja wie in einem irren Zauberhaus.“

Mama Zauberspruch fällt erschöpft aufs Sofa und japst nach Luft. Papa Zauberspruchs Fahrt endet knapp vor „beißende Weihnacht“ und Bernie taumelt erschöpft in seine Arme. „Du hast an Weihnachten gezaubert“, haucht Lisa ängstlich, „was passiert jetzt?“ Oma Zauberspruch schlägt die Hände über sich zusammen. „Nichts passiert, du Dummerchen“, antwortet sie. „Nicht zu zaubern über Weihnachten ist kein Gesetz, es hat sich einfach nur so eingebürgert. Mehr nicht. Aber man sollte ein Gesetz erschaffen, welches unnütze Weihnachtsgeschenke verbietet. Wie kann man so einen Schwachsinn verschenken? Ich habe nun alle Geschenke entzaubert.“

Mama Zauberspruch greift nach ihren Ohrringen. „Die auch?“, fragt sie verzweifelt. Oma nickt. „Die erst recht“, antwortet sie. Papa Zauberspruch ist erleichtert. „Ich sage es ja jedes Jahr, wir brauchen keine Geschenke, versteht ihr es jetzt endlich?“ Mama Zauberspruch versteht. „Ja, du hast vollkommen recht. Wir sind nun mal nicht wie die Menschen, die das ganze Jahr sparen, nur um sich an Weihnachten eine Freude zu machen. Aber ist es ohne Geschenke für uns auch Weihnachten?“ Oma Zauberspruch sieht sie stirnrunzelnd an. „Wir machen jetzt ein schönes Weihnachtsfest, das verspreche ich dir“, antwortet sie und wendet sich an Lisa. „Ihr wohnt in einer kleinen Stadt, mein Kind. Aber auch hier gibt es arme Familien, die auf Weihnachtsgeschenke verzichten müssen, da sie zu wenig Geld haben und die werden wir nun besuchen. Die Namen wird uns Lisas Computtel ausdrucken. Anschließend werden wir uns in Weihnachtsengel verwandeln und sie beschenken.

„Beschenken ist ja gut“, mault Bernie, „aber müssen wir dazu als Engel herumlaufen?“ Oma Zauberspruch lächelt. „Nicht nur das“, antwortet sie, „auch fliegen. Aber nur einer von uns, die Anderen schellen und singen. In dieser Zeit zaubert einer von uns, der bis hoch zu ihren Fenstern fliegt, die schönsten Geschenke.“ Papa Zauberspruch findet Omas Idee genial. „So machen wir es!“, ruft er zufrieden. „Und wenn ich als Engel getarnt durch den Schnee stapfe, kannst du das auch, Bernie.“

Kurze Zeit später stampften fünf Weihnachtsengel durch den Schnee. Ihre weißen Gewänder leuchteten in der Dunkelheit und in ihren blonden Locken bildeten sich funkelnde Eiskristalle. Sie schellten an Türen, deren Namen auf Lisas Liste standen, und sangen ihnen die schönsten Weihnachtslieder.

Papa Zauberspruch schwebte vor ihre Wohnzimmerfenster und zauberte die schönsten Weihnachtsgeschenke unter festlich geschmückte Bäume. Selbstverständlich fehlte auch die Weihnachtsgans nicht, und für die Kinder gab es natürlich jede Menge Süßigkeiten.

In dieser Nacht verschenkten die Zauberspruchs Glück, Glaube und Zuversicht. Eng aneinander gekuschelt standen sie in der weißen Winterlandschaft und betrachteten die festlich geschmückten Fenster. Oma Zauberspruch zauberte eine weihnachtliche Geisterkapelle herbei, und sie sangen gemeinsam …

…Kling, Glöckchen, klingelingeling,

kling, Glöckchen, kling!
Lasst mich ein, ihr Kinder,
ist so kalt der Winter,
öffnet mir die Türen, ...

 

 

©Monika Litschko

 

 

 

 

 

 

 

 

  

  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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