Hans Raasch

Der neue Nikolaus

Die Nachfolge in dem kleinen Dorf an der Isar gestaltete sich schwierig. Der alte diensthabende Nikolaus war vor knapp eineinhalb Jahren verstorben. Ein stattlicher Mann in den Siebzigern, der mit seinem Schwager Sepp als Krampus seit Jahrzehnten die Kinder des Ortes als Heiliger an vielen Nikolausabenden erfreute aber auch ängstigte.

Zum darauffolgenden Nikolausfest bemühte man sich um einen würdigen Nachfolger. Der Erfolg war niederschmetternd. Nicht nur die Erscheinungsform des Kleinwüchsigen mit seinem Schmierbauch ließ zu wünschen übrig, nein auch seine nuschelnde Aussprache, die kaum jemand zu verstehen vermochte, machte ihn unmöglich als Neuen. Trotz Mitra war er ein gutes Stück kürzer als sein Krampus und der rote Bischofsmantel verhöhnte regelrecht die Figur des Heiligen. Hinzu kam, dass er sich vor lauter Schnapsrausch an dem Bischofsstab festhalten musste, um nicht umzukippen. Ausgeschlossen ihm ein weiteres Mal diesen für die Kinder so wichtigen Posten anzuvertrauen.

Die Mitglieder des Kirchenchors berieten sich, wer denn für dieses Jahr in Frage käme. Alle verfügbaren Männer aber auch die Ehemänner der Sängerinnen wurden unter die Lupe genommen. Auch eine Sängerin stand in der engeren Auswahl. Die Kathi, eine vollschlanke über 1 Meter 80 lange Junggesellin könnte es wohl machen. Letztlich scheiterte es an ihrer viel zu hohen Stimme. Die Suche ging weiter.

„Do bleibt jetzt eigentlich nur no da Oide von da Resi über“, meinte der auch schon wegen mangelnder Körpergröße ausgeschiedene Chorleiter Oberlechner.

„Mei Mo, da Friedl: erstens is der Evangelisch und zweitens a Preiss, der kann koa boarisch net.“

„Woasst as scho Resi, da Nikolo muaß ja sowieso deitsch redn, so des passt scho und des mit´m Glauben is doch heitzudag üwahaupt nimma so wichtig. Mia dadn a an Mohammedana nehma, wenn a gscheit daher kema dad.“

„Und guat ausschaun duad er ja, dei Mo.“

Die Argumente der übrigen waren halbwegs überzeugend und deshalb versprach die geschmeichelte Resi, mit ihrem Mann über diese Sache zu reden.

Friedrich Kurz war ein am Ende der sechziger Jahre von Brandenburg geflüchteter Bautechniker, der sich ausgesprochen wohl fühlte in dem kleinen Isartaler Ort. Dazu kam, dass er sein Herz an Resi verloren hatte. Der Langwüchsige sah in dem Ort und Resi seine Zukunft. Früher konnte er recht passabel auf der Gitarre seine Favoriten wie „We shall overcome“, „There is a House in New Orleans“ oder auch „Griechischer Wein“ herunterklampfen, die Stimme passte auch und dies machte ihn beliebt im Dorf.

Im Lauf der Jahre waren Friedrichs ergraute Haare bis auf einen Kranz ausgegangen, doch der modebewusste Mann ließ aus dem Rest eine lange Mähne wachsen, die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen trug. Wenn Resi ihren Mann necken wollte, nannte sie ihn deshalb „Zotznfriedl“. Der nahm´s mit Humor und freute sich, weil sich seine Frau immer noch nach all den Jahren um sein Äußeres kümmerte. Und die Ortsbewohner, die um einen geeigneten Spitznamen selten verlegen waren, übernahmen diesen in abgewandelter Form.

„Da Zotzä“. So und nicht anders wurde er allgemein im Dorf genannt.

Friedrich versprach nach einigem „hin und her“ die Rolle des Nikolaus zu übernehmen, falls der alte „Krampus“ Sepp auch wieder mitmachen würde. Er hatte öffentliche Auftritte schon während seiner Zeit als singender Gitarrenspieler genossen. Die Überlegung, sich einen wallenden Rauschebart wachsen zu lassen, ließ er wegen der kurzen Anlaufzeit wieder fallen. Ansonsten wurde im Hause Kurz fleißig die Rolle des Heiligen eingeübt und somit war die Nikolausfrage im Ort anscheinend gelöst.

Groß war der Schreck im Dorf. Anfang Dezember war wie immer überraschend zu dieser Jahreszeit der erste Schnee gefallen. Dem Friedl rutschte beim Schneeräumen vor dem Haus der linke Fuß weg. Das Resultat für den Nikolaus in spe war katastrophal. Im naheliegenden Krankenhaus wurde ihm ein Gipsverband verpasst und äußerste Schonung angeraten. Mit so einer Fußfraktur war nicht zu spaßen.

An einen Ersatz für Friedrich war überhaupt nicht zu denken. Wer sollte diese Rolle denn sonst übernehmen? Nach langer Beratung wurde ein Rollstuhl angeschafft. Der Schwarze sollte seinen Nikolaus in Gottes Namen halt zu den Kindern schieben und seine Rolle weiterspielen.

Friedls Pferdeschwanz wurde von seiner Resi zu einem Dutt aufgesteckt und unter der weißen Perücke versteckt, dann der Rauschebart angelegt. Die Bischofshaube und der rote Mantel vervollständigten sein Erscheinungsbild. Etwas Rouge auf die Backen und fertig war der Nikolaus. Nur der Rollstuhl und sein Riesengipsverband wollten nicht so recht zu ihm passen. Obwohl die größeren Kinder sowieso seit langem nicht mehr an den Nikolo und seinen Krampus glaubten, wussten seit der Zeit auch die Kleinsten im Ort, wer der Nikolaus mit Rollstuhl war:

„Da Zotzä iss, da brauchn mia koa Angst net ham.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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