Georges Ettlin

Herberts letzte Silvesterfeier


Als der alte Herbert neunzig Jahre alt wurde, da hatte er noch viele junge Freunde und Verwandte, die ihn alle
noch schnell, vielleicht zum letzten Mal, zur Silvesterfeier angeladen hatten.
Herbert wollte nicht. Er fühlte sich schon seit mindestens zehn Jahren müde und wie zerschlagen und bemühte sich,
einen diskreten Rückzug hinzukriegen, ohne seine Mitmenschen zu brüskieren. Alle Einladungen zum Skifahren,
Einladungen  zum Kursbesuch mit dem Titel "Wie bewältig ich die Einsamkeit im Alter", Joga,Kamazutra; Arjuweda,Boxen
und Tanzen hatte Herbert abgelehnt ...Das Buch: "Wie sozialisiere ich mich innert zwei Tagen mit den senilen Insassen
eines Alterheims" hatte Herbert in den Müll geworfen...
Im Briefkasten fand Herbert einen Brief einer religiösen Sektengemeinschaft, die ihn gleich duzte mit der
Aufforderung: "Komm zu uns für ein Gespräch über die heilige Maria , wir haben festgestellt, deine Nachbarn
denken über den Tod nach". Das war aber für Herbert kein Grund, die Einladung anzunehmen:

Anders verhielt es sich beim Herrn Direktor Müller-Karrenbauer, Herbert hatte ihm beim Aufbau der Firma geholfen,
früher auch beim Studium finanzielle Unterstützung geleistet und nun war der ehrgeizige Freund Herberts
auch schon im hohen Alter und Herbert wollte seine Einladung deshalb nicht ausschlagen.
Doch auf dem langen Fussweg zur Villa des Direktors meldeten sich mit schmerzhaften und sichtbaren
Erscheinungen die vielen Alterskrankheiten von Herbert: Die Namen der Krankheiten will ich hier gar nicht
erwähnen, doch beschreiben kann ich gerne die Gefühle und Beobachtungen,die Herbert
auf dem nächtlichen Wege erfuhr : Ein Ziehen und Reissen im Dünndarm,. ein Klemmen im Bauch, Herzrasen, Brustschmerzen
und ein lahmes Bein quählte ihn. Dann meldeten sich stechend die Fussknöchelchen, das Hüftgelenk
und im Kopf entstand ein Drehschwindel, welches Herbert veranlasste sich hinzusetzen. Dabei
wurde sein Anzug schmutzig. Beim Aufstehen ist Herbert dann hingefallen, sein Gesicht wurde verdreckt
und beim Weiterschlurfen sah er plötzlich eine fremdartige Wölbung am Oberbauch und ein Bein schien gebrochen zu sein.
Auch seine verletzte Wirbelsäule zwang ihn, nun leicht vornübergeugt zu gehen.

Im Lärm der Silvesterfeier, die schon lange begonnen hatte, kletterte Herbert die weite Treppe hinauf zum  noblen Haus.
Ein Wächter konnte den Herbert nicht am Ziehen an der Klingelstange hindern, neugierig versammelten sich die Feiernden
hinter dem grossen eichernen und schön geschnitzten Eingangstor. Alle starrten entsetzt
zum Herbert hinunter, der erschöpft vor dem Eingangsschwelle lag. Ein fröhliche Dame wollte ihn schon vorsichtig hineintragen,
aber sein Freund, Herr Müller- Karrenbauer,  wollte den Herbert nicht erkennen. Aber ein Aufblitzen in den Augen des alten Freundes
verriet dem Werner, dass er erkannt wurde. Trotzdem: Das Tor wurde geschlossen und Werner blieb draussen.
Beim traurigen Zurückschlurfen durch den Wald zu seinem eigenen Haus entdeckte Werner im Eis und Frost seine Schuhe,
dann seine Strümpfe,ein Bein und Blutspuren: In der Ferne heulte ein einsamer Wolf.

Werner hielt sich nun seltsamerweise nicht für Tot, blieb nicht liegen und suchte seine Freunde zwischen Mond und Sternen.
Seine Leiche aber fand seine Freund erst am esten Tag des neuen Jahres bei einer kleinen, erfrischenden Waldwanderung.


****
c/G.E.

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