Ingo R. Hesse

Moderne Drückerkolonnen

Letztens stand ich auf dem Balkon und blickte umher. Das mache ich gelegentlich. Es stört niemanden und mir tut es gut. Aber je kälter es wird, desto besser kann ich die frische Luft genießen, wenn ich es nicht zu sehr ausdehne.

 

Doch an diesem Montag-Vormittag konnte ich mich von dem Anblick nicht losreißen. Selbst den Gedanken, noch einmal kurz meinen Ausguck zu verlassen um kleidungstechnisch und temperaturgerecht aufzurüsten, verwarf ich sofort wieder.

 

Der Müllwagen fuhr nämlich wie an jedem Montag durch diese Parkstraße. Wie es sich für eine solche Straße gehört, parken dort am linken sowie am rechten Fahrbahnrand die PKW der Anwohner. Und so haben es diese starken Männer der Entsorgungsfahrzeug-Besatzung nicht immer leicht. Doch jetzt schien alles ein wenig anders zu sein. Fasziniert schaute ich zu, ohne zunächst zu begreifen, was denn nun eigentlich so anders als an anderen Tagen wäre.

 

Doch dann passierte es wieder. Der südländisch wirkende Vorläufer (der die Müllcontainer der Mietshäuser zwischen den parkenden Fahrzeugen so in die raren Lücken platziert, dass der Einhänger (der die Container in die automatische Hebe- und Auskippvorrichtung hängt) sie gut greifen kann, ..tat es wieder.

 

Ja, ich sah richtig! Er ging auf eine junge Mami zu, die samt Kinderwagen für ihn und den anthrazitfarbenen Container auf dem Bürgersteig stehen geblieben war, nahm sie kurz und diskret aber entschlossen in den Arm, und drückte zwei Luftküsse an ihren Wangen vorbei. Beide strahlten. Und er lief weiter um weitere Container an den Fahrbahnrand zu holen. Inzwischen drückte die junge Mutti den greisen Hausmeister, der dort mit seinem Laubbläser für einen Moment innegehalten hatte, auf dass das aufstiebende Laub den Müllmann und sie nicht am Herzen hindere.

 

Nicht weit dahinter, also näher zu mir und deshalb deutlicher sichtbar, ließ der Briefträger sein gelbes Fahrrad stehen, um den Müll-Einhänger kurz zu herzen. Für mich völlig verständlich und berechtigt. Denn immerhin hatte dieser nicht wie gewohnt den Container nach der Leerung in Sekundenschnelle, laut ratternd wieder auf den Bürgersteig geschoben. Nein, er hatte gewartet, bis der Postbote sein schwer beladenes Gefährt daran vorbei schieben konnte.

 

Doch dann hielt der Müllwagen, dieses so unentbehrliche Ungetüm an und der Motor verstummte. Der Fahrer stieg aus. Ein wahrer Hühne im mittleren Alter, mit strohblondem Haar, der eine goldene Panzerkette, die bis in seine Nabelgegend reichte, über der Signalweste trug. Mit weit geöffneten Armen, die mich eine Spannweite von um die drei Meter vermuten ließ, stellte er sich hinter den LKW und empfing gleichzeitig beide Kollegen und einen zufällig vorbei kommenden Gerichtsvollzieher zum begeisterten Gruppenkuscheln.

 

Mit geschätzten High-eightyfife klatschten sie sich ab um sofort wieder ihre Arbeit aufzunehmen. Dann klingelte es irgendwo in meiner Wohnung und ich bemerkte, dass ich völlig nackt war. Sofort wollte ich den Balkon verlassen. Doch das ging nicht. So fiel mir auf dass ich noch im Bett lag und all das geträumt hatte.

 

Verdammt nochmal! Ich sollte mir abgewöhnen, Samstags „Deutschland sucht das Supertalent“ UND Sonntags „The Voice of Germany“ anzuschauen.

 

Es tut mir offensichtlich nicht gut!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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