Claudia Savelsberg

Das Schweigen der Hämmer

Jana hasst Neubausiedlungen. Ein Lego-Haus reiht sich an das andere, alles klein-klein, überschaubar und ordentlich. Der Vorgarten nicht größer als ein Sauna-Tuch, hinter dem Haus die Wäsche auf der Wäschespinne, wobei die Leibwäsche diskret unter Hand- und Betttüchern hängt. Man wahrt ja seine Privatsphäre. Die Auffahrt ist sauber gefegt, das Auto im Carport poliert, die Schuhe stehen vor der Haustür.

Es ist alles so adrett. Jana hasst dieses Wort; ihre Großmutter fand es „adrett“, wenn ihre Tochter, also Janas Mutter, beim Servieren des sonntäglichen Essens eine weiße Halbschürze trug. In der Woche war es die einfache karierte.

In eben dieser Neubausiedlung, das haben Soziologen schon hinreichend erforscht, wohnt das bundesdeutsche Durchschnittsehepaar. Es hat 1,5 Kinder, baut im Leben ein Haus, kauft im Leben ungefähr sieben oder acht Autos, fährt zweimal im Jahr in Urlaub; einmal zum Wandern in den Schwarzwald, dann zum Sonnen nach Mallorca. Der Durchschnitts-Horizont: so überschaubar wie das Gemüsebeet (Salat und Möhren sind für die Kinder gesund) hinter dem Haus.

Jana hasst Neubausiedlungen, vor allem die samstäglich-sommerlichen Rituale. Mutti fährt am späten Vormittag zum Einkaufen, ihr verbeamteter Ehemann, passionierter Häuslebauer, widmet sich mit Hingabe seinem Hobby. Mit einem Werkzeugkasten in der Hand tritt er vor die Tür: kurze Hose, weiße Tennissocken, Adiletten und ein weißes Schiesser-Feinripp-Unterhemd, das seine natürliche Blässe vorteilhaft betont. Kleiner Klönschnack über die gepflegte Zypressen-Hecke mit dem Nachbarn, dann - Action! Es wird vertikutiert, geflext, gefeilt, verputzt, gemäht, gesägt und gehämmert, immer wieder gehämmert.

Und was macht Jana, die leider auch hier wohnen muss, weil ihr Mann eine Doppelhaushälfte gekauft hat? Jana, das Alien, die Neubausiedlungshasserin. Sie sitzt auf der Terrasse in ihrem Liegestuhl und liest. Einfach so zu ihrem Vergnügen.

Sie liest also mit Begeisterung, und es hämmert und hämmert. Nicht in Janas Kopf; denn sie versteht tatsächlich auch, was sie liest. Nein, es hämmert und hämmert aus Lego-Land rings herum.

Irgendwann besinnt sich Jana auf „Plan B“, in Agentenfilmen auch „Mission Impossible“ genannt. Sie geht ins Wohnzimmer, lässt die Terrassentüren offen und bedröhnt Vorgärten, Wäschespinnen, gärtnernde Muttis und die dazu gehörigen Ehemännern mit dem „Walkürenritt“ von Richard Wagner.

Und dann .... plötzlich ... Stille ... nur noch ein leiser Windhauch. Jana hat es geschafft: das Schweigen der Hämmer.

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