Monika Litschko

Max im Lesebuch

„Beeilung, du lästiges kleines Anhängsel! Trödel doch nicht so herum, ich muss schließlich auch zur Schule!" Max schlüpfte in seine blaue Winterjacke und sah Hanna wütend an. „Sind alle großen Schwestern so, der nur du?" Hanna drückte ihm zehn Euro in die Hand und antwortete: „Alle sind so, glaube mir. Aber ich bin die Schlimmste. Immerhin habe ich dich jeden Morgen an meinem Hosenbein kleben wie ein widerspenstiges Katzenhaar. Nimm endlich das Geld, damit du in der Schule nicht verhungerst und dann los." Max steckte den Schein in die Tasche und folgte Hanna nach draußen. „Wenn ich achtzehn bin, dann räche ich mich", murmelte er sauer. Hanna seufzte und ging vor ihm in die Hocke. „He, Kleiner, ich meine das nicht immer so. Tut mir leid. Das ist einfach nur Stress. Morgen fängt eine neue Haushälterin bei uns an. Weißt du das schon? Sie wird morgens um sechs anfangen und abends um neunzehn Uhr gehen. Was sagst du nun? Die Gute wird dir Frühstück machen, für Mittagessen sorgen, Wäsche waschen, dir bei den Hausaufgaben helfen und wenn du willst, auch mit dir spielen."

Max sah Hanna neugierig an. „Und Anna? Geht sie weg? Warum hat mir keiner etwas gesagt?“ Hanna rückte Max Mütze zurecht. „Anna wird nicht mehr für uns arbeiten. Schau mal, sie ist schon älter und die Hausarbeit fällt ihr schwer. Darum ist sie in den letzten Monaten auch nur noch mittags zu uns gekommen. Wir wollten es dir nicht sofort sagen, damit du nicht tagelang traurig bist.“ Max zog wütend seine Handschuhe über. „Warum ist Mama nicht da und macht uns Frühstück? Olli sagt, dass seine Mutter immer da ist. Sie macht ihm Frühstück, und wenn er mittags aus der Schule kommt, hat sie ihm Essen gekocht. Und manchmal geht sie mit ihm schwimmen oder in einen Freizeitpark. „Hanna zuckte mit den Schultern. „Ich kenne es nicht anders. Mama und Papa arbeiten eben den ganzen Tag. Dafür haben wir ein Haus und einen Pool. Tragen teure Klamotten und ich fahre ein eigenes Auto, in das du dich jetzt setzen wirst, damit du pünktlich in die Schule kommst. Pass mal auf Max, sieh es doch einfach so. Anna wohnt gleich um die Ecke und du kannst sie jeden Tag besuchen. Obendrein hätte Anna dann auch Zeit für dich, da sie nicht mehr mit einem Staubtuch durch die Wohnung hetzen müsste. Oder in den Keller, um Wäsche zu waschen.“

Max kletterte auf den Rücksitz und legte den Sicherheitsgurt um. „Ok“, sagte er nur und wischte sich heimlich eine Träne fort. Während der Fahrt beobachtete er Hanna, die die Hits aus dem Radio mitsang. Seine große Schwester hatte ganz kurze schwarze Haare und ein Nasenpircing. Max Vater hatte sich furchtbar aufgeregt, aber nur ganz kurz. Er regte sich immer nur kurz auf, weil er keine Zeit hatte, sich lange aufzuregen, denn er arbeitete auch Zuhause weiter. Max Mutter arbeitete mit ihm zusammen, denn sie waren Makler für sehr anspruchsvolle Kunden und hatten ihr eigenes Unternehmen. Seine Mutter nannte ihn immer den kleinen Nachzügler oder ihren süßen Hasen. Dann verdrehte Hanna jedes Mal die Augen und verschwand in ihrem Zimmer.

Da Max erst acht Jahre alt war, verstand er nicht so recht, wie seine Mutter das meinte, wenn sie ihn einen kleinen Nachzügler nannte. Seine Oma sagte immer, dass er ein Wunderkind sei, weil er schon perfekt lesen konnte. Sie wohnte leider sehr weit weg und er sah sie nicht so oft. Aber sie schickte ihm oft ein Buch mit der Post zu, da sie wusste, dass er ein begeisterter Leser war. Alle Geschichten, die er las, erlebte er auch. Manchmal kam es ihm so vor, als säße er in einem großen Kino. Er kämpfte gegen Drachen, zauberte wunderbare Dinge, lebte in Zwergenwalden und schwebte mit Feen, auf und davon. Max lächelte, denn er hatte sich von seinen täglichen zehn Euro gestern kein Frühstück am Schulkiosk gekauft, sondern ein altes, abgegriffenes Lesebuch. Herr Meier, der Hausmeister, hatte es ihm für fünf Euro überlassen, weil es schon sehr alt und auch ein bisschen wertvoll war. Es wurden noch viele andere Sachen angeboten, denn von dem eingenommenen Geld sollten Geschenke für ärmere Kinder gekauft und in andere Länder verschickt werden. In Länder, die sehr arm waren. Wo Kinder lebten, deren Eltern kein Geld für teure Geschenke übrig hatten. Max hatte einfach gesagt, dass seine Eltern keine Zeit hätten und dass er das Buch für sie kaufen sollte. Herr Meier hatte ihm geglaubt, da er wusste, dass Max Eltern den ganzen Tag arbeiteten. Die restlichen fünf Euro wollte er sparen. Zuhause hatte er das Lesebuch gut versteckt, damit Hanna es nicht fand und sich über ihn lustig machte. Aber heute würde er darin lesen, vielleicht bis spät in die Nacht hinein, denn morgen begannen die Weihnachtsferien.

„Wir sind da, aussteigen bitte!“, sagte Hanna und drehte sich zu ihm. „Anna wird dich heute nicht abholen, das übernehme ausnahmsweise ich, denn die Neue stellt sich nachmittags vor. Außerdem müssen wir Anna verabschieden.“ Max schnappte nach seiner Tasche und stieg aus dem Auto. Da Hanna die Seitenscheibe nicht öffnete, klopfte er. Genervt fuhr Hanna die Scheibe herunter und Max steckte seinen Kopf in den Wagen. „Wir verabschieden sie?“ Hanna nickte. „Mama und Papa schaffen es nicht, da sie einen wichtigen Kunden haben. Außerdem soll Anna der Neuen noch alles zeigen, bevor sie geht. Und nun geh endlich, die Stunde fängt gleich an.“ Max blieb, wo er war, denn er hatte noch ein paar wichtige Fragen. „Stellt die Neue sich bei uns vor? Nicht bei Mama und Papa? Und warum verabschieden sich die Beiden nicht von Anna? Das ist voll gemein.“ Hanna holte tief Luft. „Erstens hat sich die Neue schon bei unseren Eltern, das heißt, bei Papa vorgestellt. Mama vertraut ihm in diesen Dingen und zweitens, sie haben sich gestern persönlich von Anna verabschiedet, mit einem dicken Geschenk. Es geht darum, dass wir die Neue kennenlernen, du Dummerchen. Jetzt mach die Biege und nerv mich nicht weiter mit deinen Fragen. Bliblablub, und tschüss.“

Max schaute Hannas kleinem Auto nach und ärgerte sich schon wieder über seine große Schwester.
Eigentlich ärgerte er sich jeden Tag über sie. Einmal, weil sie älter war als er und dann, weil sie immer alles besser wusste. „Schwarze Kröte!“, rief er ihr hinterher. Jetzt war ihm ein bisschen besser und er rannte schnell zur Schule.

Die Schulstunden vergingen wie im Fluge, da Frau Sauer, seine Lehrerin, ihnen Geschichten vorlas. Anschließend griff sie nach ihrer Gitarre und spielte Weihnachtslieder, bei denen alle mitsangen. Kurz bevor die Schulglocke schellte, verteilte sie Weihnachtsmänner und wünschte ihnen ein schönes Weihnachtsfest.

Olli, Max bester Freund, wartete auf dem Flur. „Ich freue mich so auf Weihnachten!“, rief er überschwänglich. „Wir bekommen Besuch. Oma und Opa kommen, meine Tante Gerrit und meine Cousinen. Das wird ein Spaß werden. Und wer kommt zu euch?“ Max überlegte und antwortete schließlich: „Ich kenne die meisten Namen nicht. Aber meine Oma kommt, das weiß ich.“ Olli sah ihn verwundert an. „Du kennst die meisten Namen nicht?“ Max nickte. „Meine Eltern laden jedes Jahr Freunde und wichtige Kunden ein, die mit uns essen und feiern. Die Kinder von denen auch. Manche sind ganz nett, aber nicht alle. Voriges Jahr hat Iris, die Tochter von Mamas Freundin, mein Fahrrad zu Schrott gefahren und sich nicht mal entschuldigt.“ Olli holte tief Luft. „So eine blöde Kuh und was war dann?“ Max zog die Mütze über die Ohren und schlüpfte in seine Handschuhe. „Nichts war dann. Mama hat gelacht und gesagt, dass sie mir ein Neues kaufen wird. Aber es war nicht dasselbe, weißt du. Weihnachtsgeschenke bekommt man Weihnachten und nicht später.“ Olli griff in seine Jackentasche und holte eine kleine Schleuder heraus. „Hier, wenn du geärgert wirst. Dreh dir einfach kleine Papiergeschosse und fletsche ihnen auf den Hintern. Das tut ganz schön weh.“ Max nahm die selbst gebastelte Schleuder und steckte sie in seine Schultasche. „Danke, jetzt muss ich aber los. Hanna wartet draußen auf mich. Anna sagt, dass es bald schneien wird, dann könnten wir zusammen rodeln gehen.“ Olli war einverstanden und sie liefen zum Ausgang. „Bis später“, sagte Olli und rannte die Stufen herunter. „Bis später!“, rief Max und folgte ihm.


„Sieh mal an, Max kommt auch endlich“, sagte Hanna zur Begrüßung. „He ist der Weihnachtsmann für mich?“ Max hielt ihn ihr vor die Nase. „Wenn du ihn unbedingt möchtest, dann nimm ihn.“ Hanna lachte und schlug Max einen Tausch vor. „Du magst doch so gerne Brotschnittchen. Ich habe zwei gekauft, also könnten wir tauschen. Zwei Brotschnittchen gegen einen Schokomann ist das nicht ein Angebot?“ Max Augen leuchteten. „Das ist ein super Angebot. Her damit!“ Die Leckereien wechselten die Besitzer und Hanna packte ihren Weihnachtsmann gleich aus. „Jetzt beiße ich dir den Kopf ab“, sagte sie mit verstellter Stimme. Es knackte, als sie in die kühle Schokolade biss. „Hm, ist das lecker. Willst du nicht dein Brotschnittchen essen?“ Max packte den Kuchen aus und biss genüsslich hinein. „Lecker, lecker, lecker!“, sagte er kauend. „Ich könnte den ganzen Tag Brotschnittchen essen.“ Hanna zeigte nach draußen. „Sieh mal, es fängt an zu schneien. Toll, so könnten es weiße Weihnachten werden. Anschnallen, wir fahren jetzt los.“ Max legte seinen Gurt um und schaute sich während der Fahrt den Himmel an, aus dem die ersten Flocken fielen. Hoffentlich schneite es weiter, dann könnte er mit Olli zum Rodeln auf die Waldwiese gehen.

 

 

Anna, ihre Haushälterin, hatte ihnen heute ihr Lieblingsessen gekocht. Spaghetti Bolognese. „Das ist mein Abschiedsessen“, sagte sie mit Tränen in den Augen. Hanna nahm Anna in den Arm und drückte sie. „Du wohnst doch gleich um die Ecke, und wir werden dich oft besuchen. Oder du uns.“ Anna nickte und wischte sich mit einem Papiertuch die Tränen fort. „Na, Mäxchen, geht es dir gut?“, fragte sie und streichelte sein Haar. „Ich werde euch beide vermissen, schließlich kenne ich euch, seit dem ihr auf der Welt seid.“ Anna fischte erneut nach einem Taschentuch und schnäuzte sich. „Ich werde dich auch vermissen“, sagte Max und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an. Anna füllte ihre Teller und setzte sich zu ihnen. „So ist das Leben, Max. Abschied nehmen gehört dazu.“ Max hatte irgendwie keinen Hunger. Er sah Anna an und wünschte sich sie würde bleiben. Seine Anna, die immer gute Laune hatte. Die ihr Haar hochgesteckt trug und sich über ihren viel zu runden Bauch ärgerte, den sie unter einer bunten Schürze versteckte. Aber weil es Annas Abschiedsessen war, aß er seinen Teller leer. Er war gerade fertig, als es schellte. „Das ist die Neue“, sagte Hanna und schob ihren Stuhl zurück. „Ich mache auf.“ Auch Anna erhob sich schwerfällig. „Komm Max, wir begrüßen sie ebenfalls.“

„Da kommen ja schon Anna und Max“, sagte Hanna erleichtert, als die Beiden auftauchten. „Das ist Frau … hm ... Frau.“ Die Neue lachte. „Klaribrina Genoveva Negel“, stellte sie sich vor. Max schaute sie mit großen Augen an. Klaribrina Genoveva Negel hatte ebenso schwarzes Haar wie Hanna, aber in ihren waren noch lila Strähnen und es reichte ihr fast bis zum Po. Sie trug eine moderne Jeans und einen dicken, schlabbrigen Pullover. „Und Sie sind Anna, stimmt’s?“ Anna nickte. „Ja, die bin ich.“ Hanna kicherte leise, aber Klaribrina tat so, als würde sie es nicht hören. „Und du musst Max sein! Ach, ist das schön bei euch. Modern und sehr farbig. Da wo ich gerade herkomme, hat man weiß den Vorzug gegeben.“ Anna räusperte sich und fragte höflich: „Möchten Sie einen Kaffee? Ich habe ihn frisch gekocht.“ Klaribrina nickte. „Sehr gerne sogar, denn ich bin richtig durchgefroren.“

Sie gingen in die Küche und setzten sich an den Tisch, auf dem noch das Geschirr vom Mittagessen stand. Anna stellte eine Tasse vor Klaribrina und schenkte ihr frischen Kaffee ein. „Klaribrina Genoveva, das ist ein ungewöhnlicher Name. Ich habe ihn noch nie gehört“, sagte sie beiläufig. Klaribrina goss Milch in ihren Kaffee und griff nach der Zuckerdose. „Das sagen viele. Aber später mögen die meisten ihn. Ich meine den Namen. Ihren Kaffee mag ich aber auch.“ Anna lächelte stolz und bot Klaribrina an, sie bei ihrem Vornamen zu nennen. „Dann müssen Sie mich aber auch Klaribrina nennen. Die Genoveva lassen wir mal weg. Außerdem wäre es schön, wenn ich mir ab und zu einen Rat bei Ihnen holen könnte. Wenn man in eine neue Familie kommt, ist es gut einen Ansprechpartner zu haben, der sich auskennt. Sie wissen ja, Nobody is perfekt.“ Annas Augen leuchteten, als sie antwortete: „Jeder Zeit. Ich würde ja nicht aufhören, aber ich muss. Diese Familie ist mir ans Herz gewachsen und das tut jetzt ganz schön weh. Aber mein Mann und ich, wir möchten noch etwas von unserer Rente haben. Noch ein bisschen Reisen und ganz viel Zeit miteinander verbringen. Außerdem schaffen meine Knochen die viele Arbeit nicht mehr. Schade schade.“ Klaribrina streichelte Annas runzelige Hand. „Ich verstehe, dass ihnen der Abschied sehr nahe geht, Anna. Aber sie sollten ihr neues Leben, welches ab morgen beginnt, genießen. Wenn ich Hilfe brauche, melde ich mich bei Ihnen.“ Max sah, dass Anna sich über Klaribrinas Worte sehr freute und er freute sich, dass Anna nicht mehr so traurig war. Nur Hanna guckte missmutig vor sich hin und das ärgerte ihn. „Ich habe auch noch nie gehört, dass ein Mensch so einen Namen hat“, sagte sie plötzlich. Max holte tief Luft und schaute Hanna böse an. Warum sagte sie nur immer so blöde Sachen? Gerade wo er anfing, Klaribrina zu mögen. Klaribrina zuckte gelassen mit den Schultern. „Ich sagte ja schon, später mögen ihn die meisten. Er ist nur ein bisschen verdreht, mein Name. Mein Vater hat ihn mir gegeben und ich bin zufrieden, nein, ich bin stolz. Stolz, dass ich diesen Namen tragen darf. Trägst du deinen nicht mit Stolz, Hanna? Oder dein Piercing? Deine kurzen schwarzen Haare stehen dir übrigens sehr gut.“ Hanna hatte ihr mit offenem Mund zugehört und eine leichte Röte stieg in ihre Wangen. „Alles klar, ich gehe dann mal auf mein Zimmer und freue mich“, antwortete sie und rauschte aus der Küche.

Anna goss Klaribrina Kaffee nach und schüttelte den Kopf. „Dieses Mädchen, was ist nur in sie gefahren? Manchmal ist Hanna wirklich anstrengend. Entschuldigen Sie.“ Klaribrina winkte ab. „Ist schon gut. Ich nehme es ihr nicht übel. Das wird schon werden, glauben Sie mir. Max, was machst du am liebsten in deiner Freizeit?“ Klaribrina sah ihn abwartend an und trommelte mit zwei Fingern auf der bunten Tischdecke herum. „Lesen“, antwortete er stolz. Oder mit meinem besten Freund Olli spielen. Wenn es weiter schneit, werde ich mit ihm rodeln gehen.“ Klaribrina nickte. „Lesen finde ich gut. Rodeln auch. Weißt du, ich lese auch sehr viel. Lesen bildet nicht nur, es lässt mich auch die schönsten und aufregendsten Abenteuer erleben.“ Max bekam glänzende Augen. „Ja, das stimmt. Gestern war ich ein Drachenreiter, das war klasse. Der Drache Luitpold ist mit mir zu den orangenen Feuerbergen geflogen, wo die Hexe Dangira lebt. Sie hat ihn mit Zauberkräutern gefüttert und für drei Stunden wurde sein Atem zu Eishauch.“ Klaribrina klatschte begeistert in die Hände. „Das stimmt. Mit seinem Atem hat er das Schloss des Zauberers Rullemulle eingefroren, damit er Prinzessin Flora befreien konnte, die in Rullemulles Kristallturm gefangen war. Ach herrje, war das spannend.“ Obwohl Max der Gedanke, dass Anna ab morgen nicht mehr zu ihnen kam, sehr weh tat, freute er sich schon auf Klaribrina. Ihr würde er seine Abenteuer erzählen können, ohne Angst haben zu müssen, dass sie ihn auslachte, da war er sich sicher.

Als Anna vorschlug, Klaribrina mit ihren Pflichten vertraut zu machen, ging er hoch in sein Zimmer und holte das Lesebuch hervor. Er hatte es in seinem Kleiderschrank unter den Winterpullovern versteckt. Hanna lieh sich oft bei ihrer Mutter etwas aus, natürlich heimlich, aber seine Sachen passten ihr Gott sei Dank nicht. Neugierig geworden, setzte er sich aufs Bett und betrachtete es von allen Seiten. Das Buch war schon ganz abgegriffen und etwas schmutzig, doch Max störte das nicht, es waren die Bilder, die ihn faszinierten. Bilder, auf denen die Kinder noch wadenlange Röcke und Mäntel, die Mädchen Zöpfe und die Jungen einen Scheitel trugen. Ihre Väter, einfache Hosen und Hemden. Die Frauen trugen Kleider und darüber eine bunte Schürze. Ihre Haare waren hochgesteckt, wie bei Anna. Max blätterte das Buch durch, und als er fast am Ende war, fand er eine Weihnachtsgeschichte, die schlicht und einfach, „Fröhliche Weihnachten“ hieß.

In seinem Lesebuch war immer eine Seite beschrieben und eine bemalt. Das erste Bild zeigte eine Familie, die an einem festlich gedeckten Tisch saß. Ein Mann, eine Frau, Oma, Opa und drei Kinder. Die beiden Mädchen trugen festliche Kleider und hatten rosa Schleifen an die Enden ihrer Zöpfe gebunden. Der Junge trug einen feinen Anzug und ein weißes Hemd. Auch die Erwachsenen hatten sich herausgeputzt und schauten ihre Kinder glücklich an. Max blätterte weiter, denn er wollte sich erst die Bilder anschauen und dann die Geschichte lesen. Auf der nächsten Seite war ein festlich geschmücktes Wohnzimmer, mit einem riesigen Tannenbaum zu sehen, an dem bunte Kugeln und Glocken hingen. Bunte Papierketten wanden sich wie Schlangen um die Äste des großen Baumes unter denen jede Menge bunte Päckchen lagen. Max blätterte weiter, gespannt, was er nun zu sehen bekommen würde. Er sah zerknülltes Geschenkpapier, Kinder, die ihren Eltern um die Hälse fielen, weil sie so glücklich waren und ein Klavier, an dem auf der nächsten Seite der Vater saß und spielte. Die ganze Familie stand um ihn herum und es sah so aus, als würden sie singen. Max seufzte wehmütig und strich über die Seite. Als er dieses tat, sah es so aus, als würden sie ihre kleinen, gemalten Köpfe zu ihm drehen und aufmunternd nicken. Erschrocken klappte er das Buch zu und legte sich auf den Rücken. Sein Herz schlug etwas schneller, als er noch einmal nach dem Lesebuch griff, um nachzusehen, ob es wirklich so war. Aber dem war nicht so. Niemand schaute ihn an oder nickte ihm zu. Etwas enttäuscht schob er das Buch unter sein Kopfkissen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

„Warum haben wir Weihnachten immer so viele Gäste“, flüsterte er und starrte an die Decke. Max dachte an das vergangene Weihnachtsfest. Er sah noch einmal den übergroßen Weihnachtsbaum, der von einem Unternehmen angeliefert worden war und in ihrem großen Wohnzimmer aufgestellt wurde. Frauen, die er nicht kannte, schmückten ihn und stellten sogar die Geschenke darunter. Ein anderes Unternehmen lieferte Essen an, das auf langen Tischen, die an den Wänden standen verteilt wurde. Und er sah seine Mutter, die ab und zu die Hände über den Kopf zusammenschlug, weil es ihr nicht schnell genug ging. Wenn endlich alles fertig war, erschienen nach und nach die Gäste, bis das riesige Wohnzimmer voll war. Fremde Menschen wuselten ihm durchs Haar oder zogen ihn neckisch an den Ohren. Wie er das hasste. Wenn alle Geschenke verteilt waren, hielt sein Vater eine Ansprache und eröffnete das Buffet. Max dachte an die Familie im Lesebuch und schlief ein.

„Max, wach auf! Max, aufwachen, du kannst heute Nacht schlafen!“ Hanna schüttelte Max, bis er verschlafen die Augen öffnete. „Na endlich. Wir müssen Anna verabschieden, hast du das vergessen?“ Max gähnte. „Nein. Ist es schon soweit?“ Hanna nickte. „Ich habe ein Geschenk für Anna besorgt.“ Sie beugte sich zu Boden und zauberte einen Bilderrahmen hervor. „Guck mal, das, sind wir.“ Max betrachtete das große Foto. „Da sind wir alle drauf. Mama, Papa, du und ich.“ Hanna nickte abermals. „Ich habe es vergrößern lassen und einen Rahmen besorgt. Anna wird sich freuen, das weiß ich. Jetzt mach schnell. Ach so, diese Klaribrina Genoveva ist auch noch da. Sie will unbedingt warten, bis unsere Eltern zurück sind, denn sie hat Mama noch nicht kennengelernt.“ Max hüpfte aus dem Bett und strich sich die Haare glatt. „Warum warst du so ekelig zu ihr? Ich fand das total blöd.“ Hanna zeigte ihm einen Vogel. „Nur weil ich ihren Namen noch nie gehört habe? Außerdem bin ich achtzehn und muss mir nicht anhören, dass sie ihren Namen mit Stolz trägt.“ Max schlüpfte in seine Hausschuhe und antwortete: „Du bist erst seit acht Wochen achtzehn. Papa sagt, dass du ein Frischling mit Führerschein bist. Und Klaribrina heißt nun mal Klaribrina Genoveva Negel, was ist daran so schlimm? Es ist doch auch nicht schlimm, dass du schwarze Haare hast und ich braune. Ich trage eine Brille und du nicht.“ Hanna schnaufte wütend. „Meine Haare, Kleiner, sind gefärbt. Und auf so ein Opernglas kann ich gut verzichten. Jetzt mach nicht so große Augen, sondern komm.“ Max verstand nicht, warum Hanna manchmal so sauer reagierte. Mal war sie total nett und an manchen Tagen absolut gemein. „Ich komme ja schon“, sagte er und folgte Hanna nach unten.


Anna hatte schon ihren Mantel an und wartete im Flur. „Da seid ihr ja endlich. Ich bin schon spät dran, eigentlich müsste ich schon weg sein, denn mein Karl möchte mich heute zum Essen ausführen. Aber als Klaribrina sagte, dass ihr noch eine Überraschung für mich habt, bin ich geblieben.“ Hanna warf Klaribrina einen ungläubigen Blick zu und auch Max konnte nicht anders. Diese zuckte nur zerknirscht mit den Schultern und lächelte ihn hilflos an. „Also gut“, stotterte Hanna und nahm Anna in den Arm. „Wir haben wirklich etwas für dich.“ Sie überreichte Anna den Bilderrahmen und wartete gespannt auf ihre Reaktion. „Damit du uns nie vergisst.“ Anna weinte vor Rührung, als sie das Bild betrachtete. „Euch vergessen? Niemals! Ihr seid meine zweite Familie und werdet es immer bleiben.“ Anna schloss erst Hanna und dann Max in ihre Arme. „Wie du schon sagtest Hanna, ihr könnt mich jederzeit besuchen. Oder ich schaue vorbei.“ Max vergoss ein paar Tränen und schmiegte sich an Anna. „Ich komme jeden Tag zu dir.“Anna wuselte durch sein braunes Haar und drückte ihn an sich. „Darauf freue ich mich. Aber morgen fahre ich mit Onkel Karl in die Berge. Wir werden das Weihnachtsfest dort verbringen. Max, aber wenn wir wieder zurück sind, erinnere ich dich an dein Versprechen. Kommt her und lasst euch noch einmal drücken.“ Sie standen ein paar Sekunden eng aneinander gekuschelt, als Anna plötzlich ihre Handtasche öffnete, zwei kleine Päckchen hervor holte und ihnen feierlich überreichte. „Es ist zwar noch ein bisschen früh, aber macht sie ruhig auf.“ Hanna und Max entfernten das bunte Papier und jeder öffnete sein Päckchen. „Ein Talisman“, sagte Hanna. Max Augen leuchteten. „Ich habe auch einen!“, rief er und schaute sich die Rückseite an. „Alles wird gut, steht da.“ Anna runzelte die Stirn. „Das steht da?“ Max gab ihr den Talisman, damit Anna es auch lesen konnte. „Stimmt, aber ich wollte, dass er eure Namen hinein graviert. Ich werde sie wohl umtauschen müssen. Das tut mir jetzt so leid.“ Hanna schüttelte den Kopf. „Das ist cool. Alles wird gut, ist ein toller Spruch. Er ist so voller Hoffnung. Also, mir gefällt er.“ Anna war unsicher. „Max, was meinst du? Gefällt er dir auch?“ Max nickte. „Ich finde den Spruch auch schön. Ich weiß ja, wie ich heiße.“ Anna lachte erleichtert. „Dann bin ich ja zufrieden. Aber wer bekommt nun eure Namen aufs Auge gedrückt am Heiligen Abend? Wenn ich den Juwelier noch einmal aufsuche, wird er eure zurückhaben wollen. Ach, das lassen wir mal, in der Hoffnung, dass es ihm erst nach Weihnachten auffallen wird. Dann kann ich es immer noch richtigstellen. So, nun muss ich gehen. Es war schön bei euch. Und es war schön, euch aufwachsen zu sehen. Seid nett zu Klaribrina. Denkt daran, aller Anfang ist schwer. Ich werde mich bei ihr erkundigen und wehe …“ Hanna nahm Anna noch einmal in den Arm. „Das werden wir, versprochen. Ich meinte das vorhin auch nicht so. Sorry.“ Auch Max kuschelte sich noch einmal an Anna. „Tschüss, Anna. Ich werde dich ganz doll vermissen. Aber wir sehen uns ja wieder.“ Klaribrina, die sich im Hintergrund gehalten hatte, nahm Anna nun auch in den Arm. „Wir schaffen das schon. Auf unseren ersten gemeinsamen Kaffee freue ich mich besonders. Anna, ich wünsche ihnen einen schönen Urlaub und ein besinnliches Weihnachtsfest.“ Anna lächelte tapfer, obwohl sie Tränen in den Augen hatte. „Danke Klaribrina Genoveva Negel, darauf freue ich mich auch.“

Als Anna den leicht verschneiten Weg, der vom Haus auf die Straße führte, entlang ging, zog eine Sternschnuppe über den Himmel, doch niemand außer Klaribrina, wurde auf sie aufmerksam. Sie winkten Anna lange hinterher und auch Anna drehte sich immer wieder um und winkte zurück. „Nun ist sie nicht mehr zu sehen, kommt rein, es ist bitterkalt“, sagte Klaribrina und klapperte mit den Zähnen. „Hat jemand eine Idee, was wir machen könnten, bis eure Eltern eintreffen?“ Max überlegte nicht lange. „Erzähle uns, wo du vorher warst.“ Klaribrina zögerte kurz. „Ich war vorher noch nie irgendwo“, antwortet sie. „Aber keine Angst, ich kann alles.“ Hanna grinste sie an. „Sie waren noch nie als Haushälterin tätig? Das ist ja ein Ding. Weiß mein Vater das?“ Klaribrina nickte. „Klar, ich habe es ihm gesagt. Warum sollte ich ihn anlügen? Ich habe deinem Vater gesagt, dass ich jeder Aufgabe gewachsen bin und er hat mir geglaubt.“ Hanna sah sie ausdruckslos an. „Wenn meine Mutter davon Wind bekommt, sind Sie ihren Job schnell wieder los. Sie sagten doch, wo Sie vorher waren, hätte man weiß den Vorzug gegeben.“
„Stimmt“, antwortete Klaribrina. „Aber ich war dort keine Haushälterin. Wisst ihr, davon zu erzählen, wäre langweilig. Es war so etwas wie Betreutes wohnen und davon wollt ihr doch nichts hören, oder?“ Hanna schüttelte den Kopf. „Nein, das muss nicht sein. Es reicht, wenn Oma von ihren Krankheiten erzählt.“ Max kicherte. „Ja, sie erzählt am liebsten von ihren Knochen. Weißt du, die knacken ständig. Hanna, wenn du nicht petzt, wird Mama nicht erfahren, dass Klaribrina noch nie als Haushälterin gearbeitet hat. Wenn sie alles kann, ist es doch auch egal. Ich würde mich freuen, wenn sie bei uns bleibt.“ Hanna verdrehte die Augen. „Du freust dich über alles, Max. Aber ich denke, putzen, kochen, waschen und bügeln, kann jeder. Ok, ich werde nichts sagen, und das vorhin in der Küche, habe ich nicht so gemeint.“
„Ich weiß“, antwortete Klaribrina. „Aber ich muss gestehen, dass mein Name oft für Wirbel sorgt. Warum hat man mich nicht Sabine Charlotte Negel genannt? Dann hätte ich bestimmt weniger Probleme.“ Hanna musste laut lachen. „Das war gut, ehrlich. Aber dieser Name ist auch nicht so berauschend. An Klaribrina Genoveva Negel haben wir uns mittlerweile gewöhnt.“ Klaribrina nickte erleichtert. „Ich sagte ja schon, später mag man ihn. Soll ich euch mal verraten, wie meine engste Schwester heißt?“ Klaribrina seufzte leise. „Cherubinizia Magdalena Negel.“
„Engste Schwestern gibt es auch?“, fragte Max. „Ich dachte, es gibt nur große und kleine Schwestern.“
Klaribrina spielte mit ihren Haarspitzen und antwortete: „Ja, da hast du recht. Meine Schwester ist von vielen Schwestern, eben meine engste Schwester. So meinte ich das? Und außerdem höre ich ein Auto die Auffahrt hochfahren. Ich glaube, eure Eltern treffen gerade ein.“ Max sprang sofort auf und rannte zur Tür.
„Stimmt, da sind sie!“, rief er aufgeregt. „Komm Klaribrina, damit dich Mama sofort kennenlernen kann.“
Klaribrina und Hanna gingen zu Max und warteten mit ihm.

 

„Ihr habt Besuch?“, fragte Frau Schölte auch sofort, als sie zur Tür herein kam. „Das ist unsere neue Hilfe“, sagte Herr Schölte schnell. „Darf ich dir Frau Klaribrina Negel vorstellen? Sie wird ab morgen Annas Stelle einnehmen.“ Frau Schölte reichte Klaribrina die Hand. „Ungewöhnlicher Name“, sagte sie lächelnd. „Woher kommen Sie?“
„ Eigentlich heiße ich Klaribrina Genoveva Negel und komme aus dem himmlischen Nede. Kennen Sie Nede?“ Max Mutter überlegte. „Der Name kommt mir sehr bekannt vor.“ Herr Schölte schob seine Frau vor sich her, bis ins Wohnzimmer. „Kommen Sie nur. Setzen wir uns doch.“ Klaribrina setzte sich auf den ihr angebotenen Platz und wartete geduldig auf weitere Fragen. „Und was haben Sie vorher gemacht?“, fragte Frau Schölte neugierig. „Sie hat Betreutes wohnen gemacht!“, rief Max, bevor Klaribrina antworten konnte. „Aber sie kann alles!“ Frau Schölte lächelte. „So, so. Hat Ihnen die Arbeit keinen Spaß mehr gemacht?“ Klaribrina hob abwehrend die Hände. „Um Gottes willen, nein. Ich wollte einfach etwas anderes machen, und als ich ihre Anzeige gelesen habe, wusste ich, da will ich hin. Ich mache jede Arbeit, die in einem Haushalt anfällt. Kontrolliere obendrein Hausaufgaben, spiele mit den Kindern und passe gut auf sie auf. Wissen Sie, man kann alles im Leben und wenn nicht, dann liest man sich eben rein in die Dinge. Bums, so leicht ist das.“ Frau Schölte hatte ihr interessiert zugehört. „Reinlesen also. Wie kamen sie eigentlich auf lila Strähnen, wenn ich fragen darf? Das sieht interessant aus.“ Klaribrina griff nach ihren Haarspitzen und betrachtete sie. „Ach die, das war Zeitmangel. Keine Angst, die wachsen wieder raus. Und ich verspreche, beim Kochen werde ich es wie Anna halten und sie hochgesteckt tragen.“ Herr Schölte lachte herzhaft. „Sie sind goldrichtig hier. Sagen Sie, lesen Sie sich in vieles rein?“ Klaribrina nickte. „Ich lese mich oft irgendwo rein. Zu Ihnen habe ich mich ja auch gelesen.“ Nun musste auch Frau Schölte lachen. „Sie haben Humor, Klaribrina. Ich freue mich, dass Sie Annas Stelle übernehmen. Die Gute, ich werde sie vermissen. Aber sicherlich wissen sie schon alles.“ Hanna setzte sich neben Klaribrina. „Wir haben ihr schon alles erzählt. Außerdem hat Anna ihr alles gezeigt, was den Haushalt angeht. Die Beiden haben sich gut verstanden.“
„Sie scheinen eine sehr nette Person zu sein“, sagte Frau Schölte. „Wir müssen uns auf Sie verlassen können, da wir den ganzen Tag außer Haus sind. Unser Tag beginnt um sechs Uhr und endet um neunzehn Uhr. Manchmal auch später, aber dann ist ja Hanna da. Sie können getrost um neunzehn Uhr Feierabend machen, falls wir länger arbeiten.“ Hanna schnaufte laut. „Meine Eltern müssen komischerweise immer länger im Büro bleiben, wenn ich etwas vorhabe.“

„Dann sagst du bescheid und ich bleibe solange bei Max, das ist kein Problem“, schlug Klaribrina vor. Frau Schölte seufzte hörbar. „Mein liebes Kind, von nichts kommt nichts. Du kannst gerne wieder mit dem Bus zur Schule fahren. Es wird doch nicht zu viel verlangt sein, wenn wir dich bitten, ab und zu auf Max aufzupassen.“
Hannas Vater erhob sich aus seinem Sessel. „Klaribrina, wenn es Ihnen nichts ausmacht, ab und zu etwas länger zu bleiben, würde ich Ihren Vorschlag gerne annehmen. Ich bezahle Ihnen die zusätzlich Stunden natürlich.“ Klaribrina stand ebenfalls auf. „Ok, abgemacht. Aber nun muss ich los.“
Die Schöltes begleiteten sie noch bis zur Tür. „Bis morgen!“, rief Max ihr nach. „Bis morgen!“, rief Klaribrina und winkte ihm noch einmal zu.

„Sie scheint ziemlich nett zu sein“, sagte Frau Schölte, als sie die Haustür schloss. „Aber ihre Haare und ihr Name sind sehr gewöhnungsbedürftig.“ Für diese Feststellung warf Max ihr einen bitterbösen Blick zu. „Was ist denn ein normaler Name? Schölte? So heißt doch fast jeder. Außerdem hat Klaribrina gesagt, dass man ihren Namen später mag.“ Max Mutter nickte und zog an seiner Nase. „Klar doch. Ich mag ihn ja schon. Wie wäre es, wenn wir zu Abend essen? Anna hat uns doch bestimmt eine leckere Überraschung hinterlassen?“

Und so war es auch. Im Kühlschrank stand ein Teller mit gefüllten Eiern und eine Schüssel Spargelsalat. „Anna Anna, wie werde ich dich vermissen“, sagte Herr Schölte seufzend. „Du bist die beste Köchin hier im Lande. Hoffentlich kann Klaribrina auch so gut kochen.“ Hanna lachte und antwortete: „Wenn nicht, liest sie sich eben rein. Wo ist das Problem? Aber wenn es dich tröstet, gefüllte Eier kann ich auch machen, das ist eine meiner leichtesten Übungen.“
„Aber wenn du auf Max aufpassen sollst, ist es vorbei mit deinen leichten Übungen“, sagte Frau Schölte und stellte Teller auf den Tisch. Hanna drehte sich zu ihr und starrte sie wütend an. „Es vergeht kein Tag, an dem du nicht an mir herumnörgelst. Es ist doch deine Aufgabe auf Max zu achten. Ich habe euch doch auch nur abends gesehen. Den ganzen Tag lang war nur Anna für mich da. Deine leichteste Übung wäre gewesen, wenn du von Zuhause aus gearbeitet hättest. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, bis jetzt habe ich jede Verabredung abgesagt, wenn ihr länger gearbeitet habt.“ Hannas Mutter stellte mit einem lauten Rums die Schüssel Spargelsalat auf den Tisch. „Wie redest du denn mit mir? Dein Vater und ich, wir haben uns krummgelegt, damit ihr zwei alles habt. Du warst doch kein Schlüsselkind.“ Herr Schölte hob beschwichtigend die Hand. „Ruhe jetzt! Wir sollten vielleicht mal drüber nachdenken, ob es nicht besser ist, wenn du nur noch halbe Tage im Büro arbeitest, denn du scheinst hier zu fehlen. Ich denke, nach Weihnachten wäre das machbar.“
„Du fällst mir vor unseren Kindern in den Rücken, klasse“, sagte Frau Schölte sauer und schaufelte ununterbrochen Spargelsalat auf ihren Teller. Max beobachtete sie dabei und war sicher, dass die Schüssel gleich leer sein würde, wenn er nichts unternahm. „Jetzt haben wir doch Klaribrina, die bei mir bleiben wird“, sagte er zuversichtlich. „Dann kannst du weiter arbeiten und Hanna kann ausgehen. Ich möchte doch auch noch Spargelsalat.“ Max Mutter starrte auf ihren Teller und dann in die Schüssel. „Oh je, ein bisschen ist noch drinnen. Nimm es dir, schnell. Die Abtrünnigen können sich mit gefüllten Eiern begnügen.“ Herr Schölte lachte herzlich. „Hanna, nimm deiner Mutter den Teller weg und teile durch drei. Max schnappe dir die Schüssel, bevor sie wieder zuschlägt. Falls sie schneller ist, schmeiße mit Eiern.“ Nun musste auch Frau Schölte lachen und auch Hanna konnte nichts gegen ihren Lachanfall tun. Er kam und blieb einfach.

Hanna entschuldigte sich später bei ihrer Mutter, die sie dafür in den Arm nahm und nachfragte, ob sie wirklich so zu ihr war. Als Hanna ihre Frage bejahte, versprach Frau Schölte sich zu bessern. Max war froh, dass der Abend gerettet war und ging nach oben. Hanna traf sich noch mit einer Freundin und seine Eltern machten es sich vor dem Fernseher bequem. Alles war wieder gut und jeder war zufrieden.

 

Max holte gleich sein Lesebuch hervor und griff nach Ebelinus Schnatterkuss, einem Weltraumtroll, den er von Anna zum Geburtstag bekommen hatte. Er setzte sich aufs Bett und nahm Ebelinus auf den Schoss. „Jetzt pass gut auf. Wenn sie mich angucken, hast du es auch gesehen.“ Aufgeregt suchte er nach der Geschichte. „Da ist sie ja, Ebelinus. Du kannst ruhig mitlesen.“ Max las die Geschichte und die Bilder gewannen an Bedeutung. Sie handelte von einer Familie mit drei Kindern, in deren Haus auch die Großeltern wohnten. Die Lesebucheltern taten sehr geheimnisvoll am Heiligen Abend und ihre Kinder wurden immer aufgeregter. Beim gemeinsamen Gänsebratenessen erzählte die Oma ihnen eine schöne Weihnachtsgeschichte. Anschließend öffnete der Vater die Wohnzimmertür und die Kinder bestaunten den bunten Baum, unter dem ihre Geschenke lagen. Nachdem sie ihre Geschenke ausgepackt hatten, fielen sie ihren Eltern um den Hals, so sehr freuten sie sich. Im Kamin knisterten ein paar Holzscheite und vor den Fenstern tanzten weiße Flocken, als ihr Vater sich ans Klavier setzte und Weihnachtslieder spielte, bei denen alle mitsangen.

Max las und las. Als die Geschichte zu Ende war, träumte er vor sich hin. Er träumte, dass er mit seinem Vater einen Baum aussuchte, den seine Mutter anschließend schmückte, und dass er mit Hanna Plätzchen backte, die sie anschließend verzierten. Er beobachtete seine Mutter, die in der Küche stand und das Weihnachtsessen zubereitete. Roch den köstlichen Duft der Weihnachtsgans und stürmte zur Tür, als es schellte. Er freute sich, dass seine Oma gekommen war, und betrachtete neugierig die vielen Päckchen, die sie in einer großen Tasche verstaut hatte. „So möchte ich auch feiern“, flüsterte er Ebelinus zu. „Und nicht mit diesen fremden Menschen. Oder mit der dicken Frau Möller, die immer wieder zum Buffet geht und über andere meckert, wenn sie zweimal gehen. Außerdem kann sie nicht richtig essen, denn sie bekleckert sich ständig. Und schmatzen tut sie auch noch. Bäh.“ Max betrachtete wieder die bunten Bilder und seufzte. Als er das Lesebuch zuklappen wollte, um zu schlafen, winkten ihm die Kinder zu. Es war kein richtiges Winken, eher ein heranwinken. Max hielt die Luft an, als die Lesebuchmutter ihm zunickte. „Soll ich zu euch kommen?“, flüsterte er. Dabei hielt er das Buch ganz nah vor seinen Mund. Als er es wieder weiter zurückhielt, nickten sie ihm mit zerzausten und abstehenden Haaren zu. „War ich das?“, fragte er. Die Lesebuchfamilie nickte abermals. „Das tut mir leid. Aber ich dachte, ihr versteht mich sonst nicht. Wie kann ich denn zu euch kommen?“ Auf eine Antwort wartete er leider vergebens, denn sie standen wieder bewegungslos neben dem Klavier. „Du hast es auch gesehen“, sagte er zu Ebelinus. „Jetzt sind wir schon zwei. Aber Mama, Papa und Hanna, würden mir das nie glauben.“ Max stand auf und versteckte das Buch wieder in seinem Schrank. Dann ging er ins Badezimmer und putzte sich die Zähne. Anschließend wünschte er seinen Eltern eine gute Nacht und schlüpfte unter die Bettdecke. „Gute Nacht, Ebelinus“, murmelte müde er und rollte sich auf die Seite.

Als Max am nächsten Morgen die Augen aufschlug, schlüpfte er gleich aus dem Bett, lief zum Fenster und freute sich, dass es die ganze Nacht geschneit hatte. „Anna hat recht gehabt!“, rief er fröhlich. „Schnee, Schnee, Schnee, juche!“ Er zog sich an und stürmte die Treppe herunter. „Klaribrina, Klaribrina, es hat geschneit!“ In der Küche hörte er etwas klappern. Da war sie also. Max schlich auf Zehenspitzen in die Küche, um Klaribrina zu erschrecken. Aber was war das? Max starrte Klaribrina, die vor dem Herd stand und Kakao kochte, entgeistert an. Auf ihrem Kopf, wackelte ein dicker Haarball hin und her, und eine bunte lange Schürze, die fast über den Boden schleifte, baumelte über ihrer blauen Jeans. „Guten Morgen, Max. Gut geschlafen?“ Max nickte und zeigte auf ihre Haare. „Das war eine Arbeit, puh“, sagte Klaribrina. „Aber ich habe deiner Mutter versprochen, dass ich sie in der Küche hochgesteckt tragen werde. Ihr wollt doch keine Haare im Essen haben, oder? Diese schicke Schürze habe ich mir extra gekauft. Sehe ich jetzt so aus, wie ich aussehen müsste?“ Max schüttelte den Kopf. „Du siehst komisch aus. Die Schürze ist viel zu lang und auf deinem Kopf sitzt ein Haarmonster.“ Klaribrina lächelte nun nicht mehr, sondern murmelte: „Wie?“ Max zuckte mit den Schultern. „Haarmonster!“, sagte er noch einmal. Klaribrina stürmte auf den Flur und betrachtete sich in dem großen Spiegel, der an der Wand hing. „Was ist hier nicht in Ordnung? Meine Haare sind oben und ich trage eine Schürze.“
„Nichts ist in Ordnung“, sagte Hanna, die gerade die Treppe herunter kam. „Aber du siehst lustig aus.“
Klaribrina ließ die Schultern hängen. „Und nun?“ Hanna überlegte nicht lange. „Komm hoch ins Bad, ich frisiere dich. Und du musst keine Schürze tragen, nur weil Anna eine getragen hat. Schürzen sind out und uncool. Wir kriegen das schon hin.“ Klaribrina ging mit Hanna nach oben und Max zog schnell den Kakao vom Herd. „Das wird bestimmt lustig mit ihr“, murmelte er. „Gut, dass Mama nicht dabei war.“

Eine viertel Stunde später kamen Hanna und Klaribrina zurück. „Bin ich jetzt perfekt?“, fragte Klaribrina und drehte sich. Max nickte und antwortete: „Perfekt.“ Klaribrinas Haar war zu einem Zopf geflochten, den Hanna anschließend kunstvoll nach oben gesteckt hatte. „Da Schürzen uncool sind, trage ich ab sofort keine mehr“, verkündete Klaribrina und stellte Tassen auf den Tisch. „Ich koche noch schnell Eier, dann könnt ihr Frühstücken.“ Max verbeuget sich kurz. „Sehr wohl, Madame. Hanna sollen wir hinausgehen und den Schnee bewundern?“ Hanna seufzte, aber sie war einverstanden. „Schnee bewundert man nicht“, sagte sie scherzhaft, denn man bewundert nur, was man nicht kennt. Außerdem ist er schon geschnitten, er fällt nur noch runter. Dann komm, schauen wir mal nach.“

„Als Hanna und Max außer Sichtweite waren, zog Klaribrina ein Buch, das sie hinter der Brotmaschine versteckt, hatte hervor und blätterte auf Seite fünfunddreißig. „Oh man, da habe ich wohl zu schnell gelesen. Haare hochstecken, geht wirklich anders. Klaribrina, du musst dich besser konzentrieren“, schimpfte sie. „Heute Abend werde ich mich zu einem Friseur lesen. Welchen nehme ich denn? Ah, ich weiß. Ich nehme den aus „Der Haarmagier“, das Buch war gut. Sehr gut sogar.“ Sie trällerte ein Weihnachtslied und steckte zwei Eier in den Eierkocher. Nachdem sie einen Blick aus dem Fenster geworfen hatte, zeigte sie auf den Brotkorb, der sofort abhob, auf den Tisch zusteuerte und sicher landete. Als nächste waren die Brötchen dran. Sie krabbelten aus ihrer Tüte und hüpften in den Korb. Der Kühlschrank öffnete gähnend seine Tür, damit Wurst, Käse und Marmelade einen Ausflug machen konnten. „Frühstück!“, rief Klaribrina und schüttete lauwarmen Kakao in die Tassen. „Das haben wir gleich.“ Sie hielt jeweils einen Zeigefinger über jede Tasse und blickte sich noch einmal um. „Der Schnee ist weiß, Kakao ist heiß“, flüsterte sie und nickte zufrieden, als der Kakao in den Tassen wieder dampfte. „Frühstück!“ Als der Eierkocher einen schrillen Ton von sich gab, tauchten Max und Anna auf. „Ich habe einen Bärenhunger“, sagte Max und setzte sich an den Tisch. „Kann ich gleich Olli anrufen und ihn fragen, ob er mit mir rodeln geht?“
„Klar, aber ich komme mit“, antwortete Klaribrina. „Schließlich muss ich auf dich aufpassen. Rufe ihn an und wenn ich alles fertig habe, gehen wir.“ Max zog einen Schmollmund. „Das dauert ja einen ganzen Tag. Anna hat immer nur geputzt.“
„Bei mir dauert es nur eine Stunde oder weniger“, antwortete Klaribrina. „Hanna kommst du auch mit?“
„Ich? Bestimmt nicht“, antwortete diese. „Aber in einer Stunde bist du nie im Leben hier fertig. Das ist ein großes Haus. Ach ja, ich fahre gleich zu einer Freundin, wir wollen shoppen gehen.“
„Also gut, dann gehen Max und ich eben alleine. Olli nehmen wir natürlich auch mit. Hast du auch einen Schlitten für mich? Einen Alten vielleicht? Er kann ruhig ganz alt sein, das macht nichts. Auch uralt.“
„Du kannst meinen nehmen“, sagte Hanna. „Ich brauche ihn nicht mehr. Kannst du denn rodeln?“ Klaribrina wiegte den Kopf hin und her. „Draufsetzen und ab geht die Post, denke ich. Aber schwer kann es nicht sein. Ich finde rodeln gut. Manchmal habe ich den Kindern zugeschaut, wie sie die Hänge herunter flitzten und mir gewünscht, ich besäße auch einen Schlitten. Aber leider hatte ich keinen und obendrein keine Zeit. Ach Max, ich freu mich. Und ich verspreche dir, dass ich mich mit der Hausarbeit beeilen werde. Versprochen ist versprochen und es wird nicht gebrochen.“ Max und Hanna lachten. „Das heißt, versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen“, sagte Hanna. „Das andere ist eine ekelige Angelegenheit. So, ich verlasse euch nun und fahre zu Jenny. Bis gleich mal.“ Klaribrina schaute ihr nach und fragte: „Willst du ein Pausenbrot mitnehmen? Du wirst Hunger bekommen.“ Hanna zeigte ihr Wischi Waschi und verließ lachend die Küche. „Was hat sie denn?“, fragte Klaribrina. „Ein Pausenbrot nimmt man mit in die Schule, aber nicht zum Shoppen“, antwortete Max, aber ich bekomme immer zehn Euro, dann kaufe ich mir am Schulkiosk, etwas zu essen. „Klaribrina können sich Figuren, die in ein Buch gemalt sind, bewegen?“ Klaribrina setzte sich zu ihm. „Natürlich können sie das. Wenn du eine Geschichte liest, die dir besonders gut gefällt, leben die Figuren in deinem Kopf. Aber wenn du anfängst, dich reinzulesen, werden sie vor deinen Augen lebendig. Mir ergeht das immer so. Sie winken und lächeln mir zu, bis ich gar nicht mehr anders kann. Dann lese ich mich einfach zu ihnen.“ Max hielt seine Tasse krampfhaft fest und schluckte. „Zu ihnen lesen? Wie geht das?“ Klaribrina zog die Augenbrauen hoch. „Wie das geht? Einfach lesen und spüren. Wenn man es will, dann klappt es auch. So, nun werde ich mich beeilen müssen, sonst kommen wir nie weg. Warum rufst du nicht Olli an? Oder hast du noch Fragen?“ Max nahm allen Mut zusammen und erzählte Klaribrina von seinem Lesebuch. „Zweimal haben sie mir zugewinkt, ganz ehrlich“, sagte er aufgeregt. „Ebelinus hat es auch gesehen.“ Klaribrina setzte sich wieder zu ihm. „Ebelinus?“ Max erklärte ihr, wer Ebelinus war und Klaribrina schmunzelte vergnügt. „Ebelinus Schnatterkuss, ein schöner Name. So fantasievoll. Wenn er es auch gesehen hat, hast du einen untauglichen Zeugen. Ich kann dir nur raten, lese dich zu ihnen. Natürlich nur, wenn du es willst. Wenn nicht, lasse sie in deiner Fantasie lebendig werden.“ Max stützte den Kopf in beide Hände. „Aber wie? Ich würde sie gerne besuchen, denn es sieht so gemütlich bei ihnen aus und sie haben nicht so viele Gäste. Bei uns ist immer das ganze Haus voll.“ Klaribrina tätschelte seine Wange. „Ich weiß“, sagte sie nur. „Wenn du zu deiner Lesebuchfamilie willst, dann rede mit ihnen. Sage ihnen, dass du sie gerne besuchen möchtest. Aber vergesse das Zuhören nicht, wenn sie dir eine Antwort geben. Bekommst du das hin?“ Max ließ endlich seine Tasse los und antwortete: „Ich versuche es, aber jetzt rufe ich Olli an. Soll ich mein Zimmer selber aufräume?“ Klaribrinas Augen glänzten. „Ja, wenn du willst. Um so schneller sind wir fertig und können endlich rodeln gehen.“

Klaribrina wartete sein Telefonat ab. „Ok, er kommt mit!“, rief Max, ich räume jetzt mein Zimmer auf!“
Als sie hörte, wie die Tür seines Zimmers zuschlug, faltete sie die Hände. „Hallo, lieber Vater mein, mache dieses Häuschen, bitte wieder rein und fein. Amen. Ich meine sauber. Ach ja, und vergiss bitte das Mittagessen nicht.“ Klaribrina wartete ab. „Nun mach schon“, murmelte sie ungeduldig. Ein helles Licht, ähnlich wie ein Blitz, flammte auf. Als es verblasste, strahlten alle Räume des Hauses, bis auf Max Zimmer, und ein angenehmer Weihnachtsduft lag in der Luft. „Und nun werde ich Max behilflich sein.“ Bevor sie nach oben ging, öffnete sie den Kühlschrank. „Nur Hühnersuppe? Auch gut.“ Sie tanzte die Treppe empor und klopfte an Max Tür. „Ich bin fertig und kann dir helfen“, sagte sie munter. „Du hast ja schon dein Bett gemacht, prima!“ Max, der gerade Ebelinus Schnatterkuss auf sein Kopfkissen setzte, fragte: „Du bist wirklich schon fertig? Wie hast du das gemacht?“ Klaribrina lächelte geheimnisvoll.
„Ich habe mir gewünscht, dass es schnell gehen soll. Ist das Ebelinus? Der ist ja allerliebst. Ziehe dich warm an, ich warte unten.“

Max beeilte sich. Er schlüpfte in eine dicke Schneehose und zog eine noch dickere Jacke über. Mütze und Handschuhe nahm er in die Hand und ging anschließend nach unten, wo Klaribrina ihn schon erwartete.
„Hahahahaha, wo hast du denn die Mütze her?“ Klaribrina stemmte beide Hände in ihre Hüften. „Was um alles in Welt, ist so falsch an meiner Mütze?“, fragte sie. „Es ist eine Mütze, die aussieht wie ein Frosch“, antwortete Max, quak, quak.“
„Falsch“, sagte Klaribrina. „Es ist eine Mütze, die ich selber gestrickt habe, nach einem Froschmotiv. Und ob du es glaubst oder nicht, ich liebe dieses Stück und werde es auflassen.“ Klaribrina griff in ihre Jackentasche. „Schlimmsalabimm, da sind auch die passenden Handschuhe.“ Max unternahm einen letzten Versuch. „Aber deine Mütze und deine Handschuhe passen nicht zu deinem langen roten Mantel.“
„Ehrlich?“, fragte Klaribrina. „Warte, das haben wir gleich.“ Sie verschwand im Hauswirtschaftsraum und kam mit einer roten Fliegenpilzmütze und passenden Handschuhen zurück. „Und nun?“ Da Max endlich Olli abholen wollte, sagte er ihr, dass sie jetzt schon viel besser aussehen würde. Was würde Olli wohl sagen, wenn er Klaribrina so sah? „Die Schlitten stehen in der Garage, Klaribrina. Wir holen sie und dann können wir Olli abholen. Er wohnt nur ein paar Häuser weiter.“

Olli saß schon draußen vor dem Haus auf seinem Schlitten und wartete. „Hallo Max, da bist du ja endlich? Ist das eure neue Haushälterin?“
„Ja, das ist Klaribrina Genoveva Negel“, antwortete Max, sie möchte auch rodeln.“ Olli kicherte. „Sie hat eine Pilzmütze auf. Alles, was sie trägt, ist rot und ihr Name hört sich ein bisschen komisch an.“
„Mein Name ist nicht komisch, nur ein bisschen verdreht“, kam Klaribrina Max zur Hilfe. „Ich trage rot, weil sie meine Lieblingsfarbe ist, und diese Mütze habe ich selber gestrickt. Pilze sind irgendwie süß. Ich finde, wenn man sie essen kann, darf man sie auch auf dem Kopf tragen. Hallo Olli, schön, dich kennenzulernen.“ Klaribrina griff nach seiner Hand und schüttelte sie. „Sehe ich denn so schlimm aus?“ Olli lachte und antwortete: „Nein, aber du bist lustig. Kannst du rodeln? Wenn nicht, zeigen wir es dir?“
„Ich habe es noch nie getan, das muss ich zugeben“, antwortete Klaribrina. „Aber so schwer kann es ja nicht sein. Ich denke, was Kinder können, kann ich auch. Kommt, wir gehen los. Irgendwie kann ich es kaum erwarten.“

Als sie die große Waldwiese, die an einem steilen Hang lag, endlich erreichten, tummelten sich schon jede Menge Kinder auf ihr. Sie fuhren die schneebedeckte Wiese herunter und zogen ihre Schlitten immer wieder nach oben.
„Ist das herrlich!“, rief Klaribrina verzückt. „Was meint ihr, sollen wir auch?“ Und ob Max und Olli wollten. „Wer ist zuerst oben!?“, rief Olli und jagte auch schon los. Max und Klaribrina folgten ihm lachend. Nach einer Weile wurde Max immer schneller und Klaribrina immer langsamer. Sie schnaufte und prustete wie ein Walross. „Ich kann nicht so schnell!“, rief sie Max hinterher. „Warte auf mich! Maaaaax!“ Aber Max sah und hörte nichts mehr. Er jagte Olli und hörte Klaribrinas verzweifeltes Rufen nicht. „Max!“, piepste sie noch einmal, dann fiel sie auf die Nase. Zwei kleine Mädchen, die eine Schneeballschlacht machten, rannten zu ihr. „Ich glaube, da liegt der Nikolaus“, sagte die Kleinere. „Ihre Freundin antwortete: „Der Nikolaus war doch schon da. Meinst du, er ist noch einmal auf die Erde gekommen, um auf unserer Waldwiese zu rodeln?“ Klaribrina zog ihre Nase, die mittlerweile rot gefroren war, aus dem Schnee und lächelte den Mädchen zu. „Nein, der kommt dieses Jahr nicht mehr. Hallo, ich bin Klaribrina Genoveva Negel.“ Die beiden Mädchen fassten sich bei den Händen und liefen laut schreiend davon. „Oh Gott“, stöhnte Klaribrina. „Was war das denn? Ich gehe jetzt ganz langsam diesen Berg hoch. Und wenn ich oben bin, schaue ich den Kindern nur zu. Wenn wir zurückgehen, fahre ich diesen Berg wieder herunter, aber nicht eher.“ Missmutig stand sie auf und stampfte durch den Schnee.

„Da bist du ja endlich!“, rief Max, wo warst du denn solange?“ Klaribrina setzte sich auf ihren Schlitten und starrte den schneebedeckten Hang herunter. „Ich bin mit meinem Auto liegen geblieben“, antwortet sie. „Mehr nicht. Rodelt ruhig, ich schaue zu.“ Olli schubste Max an. „Klaribrina kann nicht mehr, sie bekommt ja kaum noch Luft. Sie ist ja auch schon alt.“
„Willst du wirklich hier sitzen bleiben?“, fragte Max unsicher. „Du hast dich doch so aufs Rodeln gefreut.“
„Zuschauen kann auch schön sein“, antworte Klaribrina. „Keine Angst, ich fahre noch. Wenn wir wieder gehen, dann tue ich es. Versprochen.“
„Ok, dann fahren wir jetzt los“, sagt Max., „Wir sind ja gleich wieder da. Komm Olli.“

Klaribrina beobachtete ihre Fahrt und wurde ein bisschen neidisch. Aber als Olli und Max ihre Schlitten zum zehnten Mal die Wiese wieder hinaufzogen, war sie froh, dass sie den Beiden nur zuschaute. Und so saß sie zwei Stunden auf ihrem Schlitten und erfreute sich an den lachenden und ausgelassenen Kindern. Winkte ihnen fröhlich zu oder schmiss mit Schneebällen nach ihnen.

„Ich muss jetzt wieder nach Hause“, verkündete Olli endlich nach der dreizehnten Runde. „Wir wollen ein paar Tage zu meinem Onkel fahren, weil er Weihnachten nicht zu uns kommen kann.“
Klaribrina war sichtlich erleichtert. „Ok, dann könnt ihr mir mal zugucken und staunen, wie ich diesen Berg hinunter sause. Sie stellte ihren Schlitten in Fahrtrichtung und setzte sich auf ihn. „Du solltest da fahren, wo alle anderen fahren“, sagte Max, „da wo du stehst, geht es ganz tief runter. Dort drüben ist es etwas flacher. Alle Kinder fahren dort.“ Klaribrina winkte ab. „Iwo, ich bin doch schon groß, keine Angst. Bitte bewundernde Blicke liebe Kinder. Klaribrina Genoveva startet nun.“ Max und Olli schauten sie ängstlich an. „Ok, wenn du meinst“, sagte Olli. „Wenn du unten angekommen bist, starten wir.“

Klaribrina winkte ihnen noch einmal zu, stieß sich mit den Füßen ab und erkannte schnell, dass sie auf Max hätte hören sollen. Die Nase ihres Schlitten senkte sich immer tiefer und sie schoss den Hang hinab, wie eine Rakete. Die Knöpfe ihres Mantels, die leider schon ziemlich locker waren, verabschiedeten sich und flogen ihr um die Ohren. Wie ein Schlitten fahrender Vampir, mit wehendem Mantel und roter Pilzmütze, jagte sie über den Schnee. Klaribrina krallte sich an ihrem Schlitten fest und schrie laut auf, als plötzlich ein Hügel vor ihr auftauchte. „Hilfe, Hügel! Neeeeiiiin!“ Klaribrina raste mit einer rasanten Geschwindigkeit auf den Hügel zu, schoss über ihn hinweg, flog ein Stück durch die Luft, landete wieder unsanft auf den Schneemassen und düste kreischend weiter. „Bremsen, bremsen!“, schrie sie immer wieder. „Ich kann nicht bremsen! Hilfe! Kann mal jemand meinen Schlitten anhalten? Hohe Schneewehe! Hilfe! Zu spääät!“ Mit geschlossenen Augen raste sie in die hohe Schneewehe. Es gab einen Ruck und Klaribrina segelte über ihren Schlitten, landete auf der Spitze der Wehe, rutschte noch ein ganzes Stück auf ihrem Bauch weiter und sauste in die nächste Wehe hinein. Was man anschließend noch von ihr sah, waren ihre Stiefel.

„Ich glaube, Klaribrina ist tot“, sagte Olli ängstlich. „Das überlebt niemand.“ Max warf ihm einen verzweifelten Blick zu. „Meinst du?“, fragte er mit bebender Stimme. „Wir müssen Hilfe holen. Komm wir fahren runter und sehen nach. Vielleicht atmet sie noch.“ Olli setzte sich auf seinen Schlitten. „Bestimmt nicht“, antwortete er. „Sie ist wie eine Rakete angeflitzt und jetzt steckt sie in einem Schneehaufen. Ihr Kopf wird schon gefroren sein. Der Rest dauert meistens länger.“ Max schmiss sich auf seinen Schlitten und jagte mit klopfenden Herzen den Hang herunter. Er hatte schreckliche Angst, dass Olli recht hatte. „Weg da, geht mir aus dem Weg!“, rief er immer wieder. „Max, ich komme!“, hörte er Olli rufen. „Gleich sind wir unten. Lenke nach rechts, sonst müssen wir zu weit laufen.“ Er lenkte seinen Schlitten nach rechts, fuhr einen kleinen Schneemann um und bremste mit beiden Beinen kräftig ab. „Olli schnell, ich glaube sie zappelt noch. Hilfe, wir brauchen Hilfe.“
Ein älterer Mann mit weißem Rauschebart, der gerade dabei war ein paar Fotos zu schießen, ließ seine Kamera sinken. „Wartet, ich helfe euch!“, rief er und rannte Max und Olli hinterher.

„Na, was haben wir denn da?“, fragte er und lächelte amüsiert. „Zwei neue Stiefel?“
„Da hängt noch Max Haushälterin dran“, sagte Olli. „Wir müssen ihr helfen, denn sie ist wie eine Rakete den Hang herunter geflitzt und nun steckt sie fest.“
„So, so, das haben wir gleich“, antwortete der nette Herr und packte sich Klaribrinas Füße. „Hau ruck!“, rief er und zog Klaribrina aus dem Schneeberg. „Na, junge Frau, wie geht es ihnen.“ Klaribrina hustete und drehte sich auf den Rücken. An ihren Haaren und Wimpern hingen kleine Eisbrocken. Sogar in ihrer Nase steckte Schnee, der schnell taute und auf ihren Mantelkragen tropfte. „Das war ja ein Ding“, murmelte Klaribrina. „Danke, mir geht es gut. Aber ohne ihre Hilfe wäre ich wohl nie hier raus gekommen.“ Der fremde Mann reichte ihr die Hand und zog sie auf die Beine. „Geht es Ihnen auch wirklich gut?“, fragte er noch einmal. Klaribrina nickte. „Wenn ich auf Max gehört hätte, ginge es mir zwar besser, aber so ist es auch ok. Danke.“ Max und Olli bedankten sich auch bei dem netten Mann und holten Klaribrinas Schlitten. „Du hättest vorher üben sollen“, sagte Olli. „Aber du lernst es schon noch.“

„Es gibt wirklich noch nette Menschen“, sagte Klaribrina, als sie ihre Schlitten in die Garage stellten. „Ihr zwei hättet mich nicht daraus bekommen. Stell dir das einmal vor, dann hätte ich bis zum Frühjahr liegen bleiben müssen.“ Obwohl ihm der Schreck noch in den Gliedern saß, musste Max lachen. „Du bist echt lustig.“ Klaribrina zog das Garagendach herunter und lächelte. „Ja, manchmal. Hast du Hunger, es gibt Hühnersuppe?“ Max rieb sich den Bauch. „Und wie“, antwortete er. „Hast du sie schon fertig?“
„Klar doch“, sagte Klaribrina und öffnete die Haustür. „Aber wir sollten uns erst umziehen. Weißt du was? Ich rufe dich, wenn die Suppe heiß ist. Und jetzt ab mit dir, nach oben.“

Eine halbe Stunde später saßen die Beiden am Küchentisch und ließen sich die Hühnersuppe schmecken. „Wir sollten deinen Eltern meinen kleinen Unfall verschweigen“, sagte Klaribrina. Max tunkte eine Brötchenhälfte in die Suppe und antwortete: „Das ist bestimmt auch besser, sonst rastet Mama wieder aus.“ Klaribrina ließ ihren Löffel sinken. „Ausrasten? Warum?“ Max seufzte und panschte in seiner Suppe herum. „Wenn der Weihnachtsbaum nicht so geschmückt wird, wie sie sich das vorgestellt hat, dann rastet sie aus und bekommt Migräne. Oder wenn Hanna sich mit Bill trifft, dann rastet sie auch aus, denn sie kann Bill nicht leiden, weil er Hanna zu dem Nasenpircing überredet hat. Am schlimmsten ist es, wenn ein Kunde in letzter Minute absagt, weil er das Haus doch nicht kaufen will. Oh man, dann schimpft sie fast den ganzen Abend. Darum sollten wir lieber den Mund halten, sonst meckert sie mit dir, weil du nicht rodeln kannst oder so.“
„Stimmt, oder deine Mutter denkt, dass ich nicht gut genug auf dich aufpassen kann“, sagte Klaribrina nachdenklich. „Streitet sich Hanna oft mit eurer Mutter?“ Max nickte heftig. „Ganz oft, aber Mama hat Hanna versprochen, dass sie jetzt damit aufhört. Aber da sie eine Vergesslichkeitskönigin ist, wird es zwischen den beiden bald wieder scheppern.“ Klaribrina füllte sich noch etwas Suppe auf und griff nach den Brötchen. „Vergesslichkeitskönigin? Das ist ja stark. Ist dir das eingefallen?“ Max schüttelte den Kopf. „Nein, mein Vater sagt das immer, wenn er sie ärgern will. Aber es stimmt, sie ist eine Verlikeikö.“
Klaribrina, die gerade von ihrem Brötchen abgebissen hatte, verschluckte sich fast daran. „Eine was?“, fragte sie keuchend. Max lachte und klopfte Klaribrina den Rücken. „Eine Verlikeikö. Hanna hat sich das ausgedacht, weil ihr Vergesslichkeitskönigin zu lang war. Papa sagt auch oft Verlikeikö, aber nur, wenn Mama nicht in der Nähe ist.“ Klaribrina hatte sich mittlerweile wieder gefangen und schob ihren Teller zurück. Verlikeikö, klasse. Warte, ich gebe mir auch einen anderen Namen. Wie wäre es mit, Klarigene? Oh warte, Klagenoneg ist besser. Hahaha, oder Klagene.“ Nun musste auch Max lachen. „Ich heiße ab heute Maschö und Hanna, Hanschö.“ Die Beiden lachten so laut, dass sie nicht bemerkten, dass Hanna in der Tür stand.

„Was ist mit euch denn los?“, fragte sie, einen Blick in den Suppentopf werfend. „Hühnersuppe, lecker. Nun sagt schon.“ Klaribrina zwinkerte Max kurz zu. „Verlikeikö? Klagene Maschö Hanschö?“ Hanna starrte Klaribrina an und schluckte. „Geht’s noch?“, fragte sie irritiert. „Hast du die Suppe über Lachgas gekocht?“ Max, dem der Bauch schon wehtat vom Lachen, zeigte mit dem Finger auf Hanna. „Verlikeikö hast du doch selber erfunden. Weißt du das nicht mehr?“ Nun musste auch Hanna lachen. „Aber was bedeutet Maschö, Hanschö und Klagene? Stopp, ich weiß es schon. Max Schölte, Hanna Schölte und Klaribrina Genoveva Negel. Wir sollten nur noch Abkürzungen benutzen. Kanisupha?“ Max und Klaribrinas Lachnerven wurden erneut gekitzelt. „Hört sich an wie Chinesisch“, sagte Max und prustete erneut los. „Ja, wie Chinesisch“, sagte nun auch Klaribrina. „Ihr versteht aber auch gar nichts“, klagte Hanna und hielt Klaribrina ihren Teller unter die Nase. „Kann ich Suppe haben?“ Klaribrina nahm ihr den Teller ab und antwortete: „Selbstverränzlich, Hanschö.“ Sie alberten noch eine Weile herum und Max freute sich, dass Mittagessen so lustig sein konnte. Obendrein fand er es schön, dass Hanna heute mal nicht nörgelte.

„Hanna hast du deinen Eltern schon einmal gesagt, was dich stört?“, fragte Klaribrina nach einiger Zeit. „Ich meine, weil du oft mit deiner Mutter streitest.“ Hanna wurde plötzlich sehr nachdenklich. „Nicht wirklich“, antwortete sie. „Weißt du, ich habe das Gefühl, niemand von beiden bemerkt, dass ich so langsam mein eigenes Leben führen möchte. Hanna hier, Hanna dort. Du kannst auch wieder Bus fahren, deine Klamotten zusammensparen, den Haushalt selber übernehmen, blablabla. Manchmal würde ich lieber wieder mit dem Bus fahren oder einen Nebenjob machen, damit ich mir schicke Klamotten kaufen kann. Seitdem ich denken kann, sehe ich meine Eltern nur abends.“ Klaribrina griff nach Hannas Hand und drückte sie. „Das wird schon werden, glaube mir.“ Hanna sah sie zweifelnd an und stand auf. „Ich gehe jetzt hoch und chatte mit Mara. Bis gleich mal.“ Klaribrina nickte verständnisvoll. „Bis gleich mal.“ Max schaute Hanna traurig nach. „Ich finde auch, dass Mama und Papa mehr Zeit mit uns verbringen sollten. Und ich hasse es, dass wir Weihnachten immer so viel Besuch haben. Olli sagt, dass seine Großeltern zu Besuch kommen, seine Tante Gerrit und seine Cousinen. Wir haben auch Tanten und Onkel, aber die sehen wir nur in den Sommerferien. Ich gehe jetzt auch auf mein Zimmer und lese ein bisschen. Oder soll ich bei dir bleiben?“ Klaribrina glättete seine widerspenstigen Haarsträhnen. „Ich habe noch viel zu tun, du solltest lesen, wirklich. Hier störst du jetzt nur.“ Max griff nach seiner Brille, die er während des Essens abgesetzt hatte, weil sie von der heißen Suppe immer wieder beschlug, und setze sie auf. „Ok, dann gehe ich mal.“ Als er fast an der Tür war, rief Klaribrina ihm zu. „Heute wäre übrigens ein guter Tag, um sich zu ihnen zu lesen! Natürlich nur, wenn du es möchtest.“ Max rannte förmlich die Treppe hoch, so eilig hatte er es auf einmal.

Hastig öffnete er seinen Kleiderschrank, holte das Buch hervor und ließ sich in einen roten Kuschelsack fallen, der direkt unter seinem Fenster stand. Er liebte dieses Möbelstück, denn es war so herrlich bequem, da es mit kleinen Kügelchen gefüllt war. Ebelinus Schnatterkuss saß vor ihm auf dem Boden und hielt eine Tüte Weingummi in seinen Plastikhänden. „Klaribrina hat gesagt, dass heute ein guter Tag wäre, um sich zu ihnen zu lesen. Was meinst du, schaffe ich das? Ok, dann versuche ich es. Aber du darfst mich nicht stören, nur weil gerade ein UFO vorbei fliegt.“

Max legte sich zurück, suchte nach Seite dreiundzwanzig und betrachtete sehnsüchtig die vertrauten Bilder. „Ebelinus, die haben etwas verändert“, sagte er aufgeregt. „Der leere Stuhl war gestern noch nicht da. Es waren immer sieben Stühle und heute sind es acht. Sie wollen bestimmt, dass ich zu ihnen komme. Aber wie liest man sich nur rein?“ Ein warmer zarter Windhauch streifte sein Gesicht und er hörte eine Stimme, die leise flüsterte: „Lies Max, lies.“

 

Fröhliche Weihnachten

….Während es draußen bitterkalt war und Schneeflocken aus den Wolken zur Erde schwebten, damit Häuser, Wiesen und Wälder ein winterliches Gewand erhielten, saß Familie Meier gut gelaunt an ihrem großen Esstisch. Maximiliane, Ida und Herbert, Oma Greta, Opa Friedrich, Papa Egon und Mama Edeltraut. Eine herrlich duftende Gans, die Mama Edeltraut gerade auf den Tisch gestellt hatte, ließ ihnen das Wasser im Munde zusammenlaufen. Opa Friedrich sprach das Tischgebet und reichte Oma Greta eine Schüssel mit dampfenden Klößen. Papa Egon tranchierte die Gans und verteilte sie auf den Tellern. „Eigentlich erwarten wir noch einen Gast“, sagte Mama Edeltraut. „Ist es nicht unhöflich, wenn wir ohne ihn anfangen?“ Oma Greta schüttelte den Kopf und antwortete: „Der wird schon kommen, keine Angst.“ Maximiliane, Ida und Herbert drehten ihre Köpfe zur Seite und kicherten. „Er weiß nicht wie“, sagte Ida. „Er muss nur lesen, lesen, lesen“, antwortete Herbert. „Lies Max, lies“, flüsterte Maximiliane. „Das sagte ich doch schon.“

Erschrocken ließ Max das Lesebuch fallen und setzte sich auf. „Ebelinus, sie reden mit mir. Was soll ich jetzt nur tun?“ Der kleine Weltraumtroll, mit runden Kulleraugen und spitzen Ohren, blickte ihn wortlos an. „Du weißt es also auch nicht“, sagte Max, "du meinst, ich soll weiterlesen? Ok, ich lese weiter. Aber pass gut auf mich auf.“

……“Du musst es nur wollen“, flüsterte Maximiliane. „Schau, wir haben extra einen Stuhl für dich bereitgestellt.“

„Ich möchte zu euch kommen“, flüsterte Max mit geschlossenen Augen. „Ich möchte zu euch kommen, ich möchte zu euch kommen, ich möchte zu euch kommen, ich möchte zu euch kommen.“

„Hallo Max, du kannst nun aufhören mit dem, ich möchte zu euch kommen“, sagte Opa Friedrich und schüttelte ihn. Max öffnete vorsichtig die Augen und drückte sie gleich wieder zu. „Ich bin wirklich hier?“, fragte er zaghaft. „Oder träume ich nur?“ Mama Edeltraut lachte. „Max, du hast es geschafft. Du bist hier. Nun öffne doch endlich die Augen.“ Max schlug die Augen auf und gab einen spitzen Schrei von sich. „Ihr seid ja immer noch gezeichnet. Ich meine gemalt.“ Maximiliane, Ida und Herbert, starrten ihn fragend an. „Wir sind so wie immer“, antwortete Ida. „Eigentlich sehen wir aus, wie du auch.“ Max blickte auf seine Hände und dann auf seine Füße. „Ich bin ein Bild“, hauchte er. „Ich bin eine Figur, aus einem Lesebuch.“ Papa Egon stand auf und legte einen Arm um seine Schulter. „Jetzt setze dich bitte auf deinen Stuhl, die Gans wird sonst noch kalt. Du bist gut, so wie du bist.“ Max setzte sich zögernd neben Herbert und bestaunte die Gans. „Sie ist mit Buntstiften gezeichnet und trotzdem duftet sie so gut“, sagte er unsicher. „Wie geht das?“ Herbert zuckte nur mit den Schultern. „Ich weiß nicht, was du siehst“, antwortete er. „Alles ist so wie immer. Weißt du, es ist immer so.“ Max verstand so langsam, dass Familie Meier eine Lesebuchfamilie bleiben würde. Eine Lesebuchfamilie, die in einem Buch lebte und immer wieder die gleichen Weihnachtsfeste feierte. Jeden Tag. Es sei denn, jemand würde eine neue Geschichte für sie schreiben. „Darf ich dir von der Gans geben?“, fragte Mama Edeltraut mütterlich. Max nickte und hielt seinen Teller hoch. „Bitte auch Klöße und Rotkraut“, antwortete er, denn plötzlich war er sehr hungrig. „Sollst du alles haben“, sagte Mama Edeltraut und packte seinen Teller so richtig voll. „Guten Appetit, Max.“

Das Essen schmeckte Max vorzüglich. „Es schmeckt wie ein richtiges Weihnachtsessen“, sagte er zufrieden. „Nicht wie Essen vom Buffet.“ Mama Edeltraud war sichtlich stolz und nickte ihm dankbar zu. „Danke, Max. Schön, dass es dir schmeckt.“ Als alle gegessen hatten, stellte Mama Edeltraud eine dicke rote Kerze auf den Tisch und Opa Friedrich erzählte ihnen eine Weihnachtsgeschichte. Max blickte glücklich von einem zum anderen, denn er fühlte sich geborgen und verstanden. Am liebsten hätte er gerufen: „Klaribrina, ich habe es geschafft!“, aber das traute er sich nicht. Wenn er wieder zurück war, dann würde er ihr alles erzählen. „Papa war das Christkind schon da?“, fragte Ida mit roten Wangen. „Ich kann es kaum noch erwarten.“ Papa Egon schob seinen Stuhl zurück. „Ich werde einmal horchen, ob das Christkind weg ist“, antwortete er. Auf Zehenspitzen schlich er zur Wohnzimmertür und lauschte. „Ich höre nichts mehr. Was meint ihr, soll ich einmal nachschauen?“ Ida, Maximiliane und Herbert nickten aufgeregt. „Also gut“, sagte Papa Egon und öffnete einen Spaltbreit die Tür. „Hm, ich glaube, es ist weg. Klar ist es weg, denn das Fenster ist auf. Er öffnete die Tür und winkte ihnen zu. „Nun kommt und seht nach, ob es auch Geschenke für euch gebracht hat.“

Herbert, Maximiliane und Ida stürmten in die gute Stube. „Ist der Weihnachtsbaum schön“, flüsterte Ida andächtig. „Seht mal, es liegen ganz viele Päckchen unter ihm.“ Oma Greta setzte sich in einen Ohrensessel und winkte Max zu sich. „Willst du nicht wissen, was das Christkind dir gebracht hat?“, fragte sie. Max, der die ganze Zeit in der Tür gestanden hatte, folgte Oma Gretas Aufforderung und bewunderte zuerst den bunten Baum, der mit Tannenzapfen, Walnüssen, Plätzchen, Strohsternen und bunten Kugeln geschmückt war. „Wow“, flüsterte er. „Ist der schön und mit echten Kerzen.“ Max war begeistert, denn er kannte nur elektrische Lichter und bunte, moderne Kugeln. Letztes Jahr hatte seine Mutter ihn mit lila Kugeln schmücken lassen. Hanna und er fanden, dass er ätzend aussah. Ein lila Monster, mit weißen Schleifen. Aber Mama wollte ihn lila und er blieb lila. Opa Friedrich nahm Max an die Hand und zog ihn mit sich. „Da liegt auch ein Päckchen für dich. Ich bin gespannt, was drinnen ist.“ Max bückte sich und griff nach einem bunten Päckchen, mit roter Schleife. Mit hochroten Ohren entfernte er Schleife und Papier. „Nun mach schon Max“, quengelte Ida, wir möchten doch auch wissen was du bekommen hast. Max öffnete die Schachtel und war enttäuscht, denn er hatte einen dicken, selbst gestrickten, grünen Pullover bekommen. „Danke“, murmelte er und versuchte glücklich auszusehen. „Probiere ihn doch mal an“, sagte Mama Edeltraud. Max wollte ihr nicht wehtun und streifte ihn über. „Wundervoll“, murmelte Oma Greta. „Grün steht dir sehr gut. Aber ich glaube, da ist noch etwas in deinem Päckchen.“ Max schaute noch einmal nach und hielt schon bald etwas sehr Vertrautes in seiner Hand. „Eine Brille?“, fragte er unsicher. „Ich habe doch schon eine Brille.“ Papa Egon lächelte und antwortete: „Aber so eine Brille, hast du bestimmt nicht. Ich würde sie einfach mal aufsetzen.“ Max betrachtete das dicke schwarze Gestell von allen Seiten, dann nahm er seine alte Brille ab und setzte die Neue auf. „Hilfe, was ist das für eine Brille!“ Max wurde schwindlig. „Ich kann durch die Wände sehen!“, rief er aufgeregt. „Oder durch Buchseiten. Aber ich sehe nur ein Stück von der Wand meines Zimmer und ein Stück vom Fenster.“ Maximiliane und Ida kicherten. „Na ja, dann wirst du warten müssen, bis jemand dein Buch findet“, sagte Ida und drückte die neue Puppe an sich. „Bis jemand mein Buch findet?“, fragte Max. Ida stöhnte gelangweilt. „Wenn du die Brille auf deiner Nase hast, kannst du sehen, ob jemand in deinem Zimmer ist und dann kannst du dich bemerkbar machen, schließlich müssen sie dich wieder hier raus holen. Eigentlich zeigt diese Brille dir den Weg. Aber nur, wenn dich deine Eltern abholen, sonst verirrst du dich noch. Und wenn nicht, hier ist es auch schön. Du hast sogar ein eigenes Zimmer.“ Max schaute immer wieder aus dem Buch, in sein Zimmer hinein, aber Hanna und Klaribrina waren nicht zu sehen. „Das wird schon“, sagte Opa Friedrich tröstend. „Jetzt haben wir erst mal jede Menge Spaß zusammen. Wie wäre es, wenn wir einen Schneemann und eine Schneefrau bauen?“ Maximiliane, Ida und Herbert jubelten. „Hurra, das wird lustig werden!“, rief Herbert.“ Max kommst du auch mit? Wir haben so viel Schnee, da können wir ganz viele Schneemänner bauen. Die Mädchen bauen Schneefrauen, das machen sie immer.“ Nun war auch Max begeistert von Opa Friedrichs Idee und er fand, dass er ruhig ein paar Tage bei ihnen bleiben konnte.

Klaribrina saß am Küchentisch und kaute an einem Bleistift. „Ach Max, du wirst eine schöne Zeit bei den Meiers verbringen“, murmelte Klaribrina und lächelte zufrieden. „Nur was sage ich deinen Eltern? Hm, mal überlegen, schließlich muss deine Familie dich finden, denn ich weiß ja, wo du steckst. Da wird mir schon etwas einfallen, jetzt schreibe ich erst einmal weiter.“ Gut gelaunt widmete sie sich wieder dem Buch, das vor ihr auf dem Tisch lag. Und wie sollte es auch anders sein, es sah aus, wie Max Lesebuch. Klaribrina setzte den Stift an und fing an zu schreiben …

……Während Opa Friedrich mit den Kindern Schneemänner und Schneefrauen baute, richtete Mama Edeltraud, Max Zimmer her. Es war ein kleines Zimmer, in dem ein robustes Holzbett stand, auf dem ein dickes Oberbett lag. Unter dem Fenster stand ein Schreibtisch und neben der Tür ein handbemalter Schrank. Mama Edeltraut überzog Max Bett mit blaukarierter Bettwäsche und legte noch eine dicke Wolldecke hinein. „Damit er es schön kuschelig hat“, murmelte sie. „Und nun gibt es einen leckeren Nachtisch für alle…….

Max steckte gerade Kohle in die Augen des Schneemanns, den er mit Herbert gebaut hatte, als Mama Edeltraut auftauchte und verkündete, dass sie noch einen leckeren Nachtisch für alle hätte. „Bestimmt Vanillepudding mit Schokostückchen“, sagte Herbert. „Der schmeckt lecker. Und wenn du ganz viel Sahne drüber tust, schmeckt er noch besser. Komm, wir gehen wieder rein. Ida und Maximiliane sind schon verschwunden.“

Mama Edeltrauts Vanillepudding schmeckte so lecker, dass Max um einen kleinen Nachschlag bat. „Die Schokostückchen zerschmelzen auf der Zunge“, sagte er und leckte andächtig seinen Löffel ab. „Bei uns gab es letzte Weihnachten eine Eisbombe.“ Oma Greta holte tief Luft und auch die anderen Familienmitglieder blickten ihn fassungslos an. „Armer Max, gab es viele Verletzte?“, fragte Papa Egon erschüttert. „Von Eisspilttern getroffen zu werden, muss sehr schmerzhaft sein.“ Max kicherte und erklärte ihnen, was eine Eisbombe war. Opa Friedrich schlug sich auf die Schenkel und lachte. „Was man nicht alles verpasst im Leben. Auf so eine köstliche Eisbombe hätte ich jetzt auch noch Appetit.“ Mama Edeltraut räusperte sich und gab zu, dass ihr ein Buffet auch gefallen würde. „Dann hätten Oma und ich nicht so viel Geschirr zu spülen.“ Max glaubte, sich verhört zu haben. „Aber was würdet ihr sagen, wenn eure Wohnung vollgestopft wäre mit fremdem Menschen, die immerzu an euren Haaren rupfen oder eure Wangen tätscheln?“ Herbert stützte seinen Kopf und dachte nach. „Ih würde ich sagen und den ganzen Abend eine Mütze tragen.“ Maximiliane schüttelte sich. „Ich würde Läuse züchten und auf meinen Kopf setzen.“ Papa Egon lachte schmunzelte und beendete die Unterhaltung, in dem er alle einlud, mit ihm zu musizieren.“


Klaribrina schaute auf die Uhr und gähnte. „So liebe Lesebuchfamilie, ab ins Bett. Schlaf schön, Max, gleichkommen deine Eltern und ich muss mir jetzt jede Menge einfallen lassen.“ Klaribrina schlich auf den Flur und versteckte das Buch in ihrer Manteltasche, dann erhitzte sie seelenruhig die Hühnersuppe.

„Ich könnte ja sagen, dass er einfach seine Koffer gepackt hat und wortlos zur Tür hinaus gegangen ist. Tränenüberströmt habe ich mich an ihn gehangen, aber es hat nichts genutzt, denn Max war stärker.“ Der Deckel des Suppentopfes, der noch auf dem Herd stand, klapperte plötzlich. Klaribrina schüttelte den Kopf. „Das war eine dumme Idee, ich weiß, schließlich bin ich größer und schwerer. Außerdem war es nur Spaß. Amen. Oh oh, ich glaube, sie kommen.“


„Klaribrina, Sie sind noch hier?“, fragte Frau Schölte überrascht. „Ist Hanna zu ihrer Freundin gefahren?“ Klaribrina wippte mit ihrem rechten Fuß, so nervös war sie plötzlich. „Ich habe gelesen und glatt die Zeit vergessen“, antwortete sie, so ruhig wie möglich. „Hanna und Max sind auf ihren Zimmern. Na ja, da ich noch da war, habe ich schnell die Suppe erhitzt und Kaffee gekocht.“ Herr Schölte schnupperte. „Riecht dass hier nach Hühnersuppe?“ Klaribrina, die um jede Ablenkung dankbar war, lächelte. „Ja, bei diesem Wetter schmeckt Suppe am besten. Sie wärmt und außerdem hat Hühnersuppe etwas Antibiotisches, wissen Sie. Falls eine Erkältung im Anmarsch ist, meine ich.“ Herr Schölte nickte anerkennend. „Stimmt, das habe ich auch schon gehört“, antwortete er und schüttete sich einen Kaffee ein. „Hanna und Max haben schon gegessen“, sagte Klaribrina und griff nach ihrem Mantel. „Ich gehe jetzt. Ach ja, hier, das ist meine Handynummer, falls Sie mich mal dringend brauchen.“ Sie drückte Frau Schölte einen Zettel in die Hand und marschierte zur Haustür. „Nacht, allerseits!“, rief sie ihnen zu. „Wir sehen uns ja morgen wieder. Ich gehe dann mal.“ Herr und Frau Schölte, die ihr gefolgt waren, schauten sie fragend an. „Ist noch etwas?“, krächzte Klaribrina. Die Schöltes zuckten mit den Schultern und schüttelten die Köpfe. „Nein, alles bestens“, antwortete Frau Schölte. Gute Nacht Klaribrina, und danke.“ Als auch Herr Schölte ihr eine gute Nacht gewünscht hatte, öffnete Klaribrina die Haustür und ging. Erst langsam und dann immer schneller.

„Was war denn mit ihr los?“, fragte Frau Schölte. „Haben wir etwas Falsches gesagt?“ Herr Schölte beruhigte seine Frau. „Das war Klaribrinas erster Tag, Susanne. Wir hätten ihr ein dickes Lob aussprechen sollen, denn es blitzt und blinkt hier.“ Frau Schölte schaute sich um. „Stimmt! Wir sind Hornochsen, Frank! Ich werde das morgen sofort nachholen und jetzt möchte ich Hühnersuppe essen, denn sie duftet einfach köstlich. Es wundert mich, dass Hanna und Max noch nicht aufgetaucht sind.“

„Ich bin schon unterwegs!“, rief Hanna, die gerade ihr Zimmer verlassen hatte, um nach unten zu gehen. „Was gibt es denn?“ Herr Schölte blieb am Treppenabsatz stehen und wartete auf seine Tochter. „Hier gibt es Hühnersuppe. Willst du auch noch etwas?“ Hanna verdrehte die Augen. „Ich esse abends nichts Warmes und außerdem meinte ich das anders. Ist etwas passiert?“ Frau Schölte, die gerade zwei Teller mit Suppe füllte, lachte. „Nein, es ist alles in Ordnung. Frank, die Suppe wird kalt.“ Herr Schölte legte einen Arm um Hanna und flüsterte ihr zu. „Bist du sicher, dass du keinen Hunger hast? Schnupper mal. Ok ok, nicht wieder sauer werden. Aber du kannst dich ja zu uns setzen und erzählen, wie der erste Tag mit Klaribrina verlaufen ist.“ Hanna gab sich geschlagen und leistete ihnen Gesellschaft.

„Wie hat sich Klaribrina angestellt?“, fragte Frau Schölte neugierig. „Ist alles gut gelaufen? Hat sie euch gut behandelt?“ Hanna zog ein angewidertes Gesicht und rollte mit den Augen. „Nein, sie hat uns alle Arbeiten machen lassen“, antwortete sie weinerlich. „Und der arme Max musste ein Suppenhuhn erlegen. Später, als wir alles fertig hatten, sind wir mit ihr zum Rodeln auf die Waldwiese. Ach Mama, es war schrecklich. Max musste sie den Hang hochziehen, weil Klaribrina nicht laufen wollte.“ Frau Schölte ließ ihren Löffel sinken und starrte Hanna an. „Und du hast einfach zugesehen?“, fragte sie verzweifelt. „Wo ist Max?“ Hanna zeigte nach oben. „Er schläft tief und fest.“ Herr Schölte griff sich ans Herz. „Dieses Huhn hat Max erledigt? Tapfer, der Kleine. Aber warum hast du Klaribrina nicht gezogen?“ Hanna warf ihm einen entrüsteten Blick zu. „Ich hatte meine Nägel frisch lackiert.“ Jetzt begriff auch Frau Schölte, dass Hanna sie auf den Arm genommen hatte und lachte. „Hanna Hanna, was machst du nur mit deiner alten Mutter? Aber jetzt mal ernsthaft, wie hat sie alles bewältigt?“
„Ich war nicht so lange hier“, antwortete Hanna, aber du siehst es ja selber, es ist sauber und das Essen war auch fertig. Klaribrina ist total gut drauf. Ich finde, sie ist einfach Klasse.“ Hannas Eltern waren erleichtert. „Dann war sie wohl ein Glücksgriff“, sagte Frau Schölte. „Gut kochen, kann sie übrigens auch. Es stimmt, man mag Klaribrina sofort. Wir werden sie genau so gerne haben wie Anna, das spüre ich. Schläft Max wirklich?“ Hanna, die an ihrem Nasenpircing drehte, antwortete: „Keine Ahnung. Er wird schlafen oder lesen, denn ich habe gehört, wie er in sein Zimmer gegangen ist und mit Ebelinus geplappert hat.“
„Lasst ihn noch schlafen“, sagte Herr Schölte und bröselte ein zweites Brötchen in seine Suppe. Hanna holte tief Luft. „Warum bröselst du die Brötchen in die Suppe? Das ist ekelig und sieht aus wie Matschpampe.“ Hannas Vater betrachtete sein Werk und antwortete: „Für mich sieht es aus, wie Brötchen in Suppe. Ich mag es eben, wenn sie vollgesogen sind mit aromatischer Brühe und auf meinem Löffel glibbern. Es ist ein matschiges Kauerlebniss, ich weiß. Aber lecker.“
„Dann lasse es dir schmecken“, sagte Hanna, während sie ihren Stuhl zurückschob. „Ich gehe wieder nach oben, und so ganz nebenbei werde ich nach Max sehen.“ Frau Schölte nickte zufrieden. „Mach das, ich werde gleich zu ihm gehen.“

 

Hanna nahm zwei Stufen auf einmal und klopfte, als sie oben war, an Max Tür. „Max bist du wach?“ Als sie zum dritten Mal geklopft hatte, öffnete Hanna vorsichtig die Tür. Max! Max, wo steckst du?“ Hanna kniete sich auf den roten Läufer, der aussah wie ein Auto und warf einen Blick unter sein Bett. „Komm raus, egal wo du dich versteckt hast. Auf solche Spielchen habe ich keine Lust. Ok, jetzt kannst du nur noch im Schrank stecken.“ Ziemlich sauer öffnete sie die Schranktür und staunte, als sie Max nicht zwischen Jacken und Hosen, mit einem Grinsen im Gesicht, am Boden kauernd, vorfand. „Max?“ Hanna überlegte, wo sich ihr Bruder noch aufhalten konnte, denn unten war er ja nicht. Aber wenn er nicht unten und auch nicht hier oben war, wo war er dann? Zur Sicherheit warf sie noch einen Blick in das Schlafzimmer ihrer Eltern und schaute im Bad nach. Aber auch dort war von Max nichts zu sehen. „Weißt du was, bleib, wo du bist!“, rief sie ziemlich sauer und knallte die Tür hinter sich zu. Hanna beugte sich über das Geländer und brüllte: „Euer Mäxchen hat sich verdünnisiert! Hier oben ist er auf jeden Fall nicht!“

Herr und Frau Schölte, die gerade ein wichtiges Objekt besprachen, standen erschrocken auf. „Wir sollten nachsehen“, sagte Herr Schölte. „Susanne, bitte nicht aufregen, wir finden ihn schon. Ist bestimmt wieder einer von seinen Streichen.“

Max Eltern suchten in der unteren Etage nach ihm. Sie schauten in jedes noch so unwichtige Kämmerchen, durchsuchten die Garage und stiegen sogar in den Keller. „Wenn das ein Scherz sein soll, finde ich ihn nicht lustig“, sagte Frau Schölte. „Aber eigentlich ist es auch nicht Max Art, uns so lange an der Nase herumzuführen. Komm, wir schauen oben nach.“

„Hanna!“, rief Frau Schölte, als sie hastig die Stufen hoch stieg, „hast du Max gefunden?“ Hanna schüttelte den Kopf. „Nein, kein Max da. Ich habe auch schon mit Olli telefoniert, da ist er aber auch nicht. Außerdem fahren sie heute für ein paar Tage weg. Tja, also werden wir Weihnachten ohne Max feiern müssen. Fällt in dem Gedrängel sowieso nicht auf.“
„Also, du bist unmöglich“, antwortete Frau Schölte entrüstet. „Ach man, ich habe jetzt keine Lust mit dir zu streiten, ich muss Max suchen. Frank, ich bin verzweifelt, wo kann der Junge nur sein.“ Herr Schölte griff nach ihrer Hand. „Wenn wir ihn nicht finden, werden wir Klaribrina anrufen. Vielleicht ist er ja auch bei ihr, wer weiß. Gehen wir in sein Zimmer und sehen nach, ob er uns eine Nachricht hinterlassen hat.“

 

Klaribrina saß in ihrem hübsch möblierten Zimmer, welches sie angemietet hatte, vor einer mit Wasser gefüllten Schale und beobachtete das Geschehen im Hause Schölte. „Ihr müsst schon genauer hinschauen“, murmelte sie mürrisch. Sie beobachtete, wie die Schöltes in Max Zimmer verschwanden und nach einer Nachricht von ihm suchten. „Das kann ich auch“, murmelte Klaribrina, als sie sah, dass Herr und Frau Schölte einen flüchtigen Blick auf Max Schreibtisch warfen. „Faule Bande!“, schimpfte Klaribrina erneut. „Ihr könntet euch wirklich etwas mehr anstrengen. Was macht Max am liebsten? Oh man, seid ihr Hornochsen. Das Buch liegt auf dem Boden.“

Ein lautes Hüsteln ließ Klaribrina zusammenzucken. „Deine Wortwahl solltest du noch einmal überdenken“, schimpfte eine tiefe Männerstimme. „Klaribrina, Klaribrina, du liegst mir schwer im Magen, aber ansonsten machst du deine Sache gut. Also sei geduldig und schmeiße nicht mit Schimpfwörtern um dich.“ Klaribrina duckte sich und senkte reumütig den Kopf. „Schon gut“, sagte sie mit rauer Stimme. „Ich habe nur laut gedacht. Außerdem will ich nur das Beste für diese Familie, aber sie sind so, so, ach ich weiß auch nicht. Eigentlich sind sie ja nett, aber Herr und Frau Schölte vergessen, dass sie zwei Kinder haben, die ihre Aufmerksamkeit mehr brauchen, als irgendein reicher Kunde. Sie müssen ja nicht gleich vor Begeisterung das ganze Haus auseinandernehmen, aber so ein bisschen mehr Aktion, hätte ich mir schon gewünscht.“ Das Wasser in der Schale fing an zu dampfen. „Ich koche so langsam vor Wut“, knurrte es aus den aufsteigenden Dampfschwaden. „Du hast einfach keine Geduld. Ich kann dich auch von dem Fall abziehen.“
„Nein, bloß das nicht!“, rief Klaribrina. „Versprochen, ich werde mich beherrschen. Eigentlich können sie ja gar nicht wissen, wo Max ist. Sie leben auf der Erde und nicht in Eden, wo Träume wahr werden. Ich glaube, der letzte Auftrag hat mich irgendwie mopper gemacht, denn da ging soviel daneben.“
„Mopper? Klaribrina, was ist denn das schon wieder? Egal, der letzte Auftrag war eine harte Nuss, das gebe ich zu, aber du hast sie geknackt. Ich merke, dass du die Schöltes sehr magst, warum dann dein Gemecker?“
Klaribrina starrte in den Wasserdampf. „Kannst du bitte aufhören zu kochen? Es stimmt, ich mag diese Familie und Max liegt mir sehr am Herzen. Es soll ihm nicht so ergehen wie Hanna, die in der wichtigsten Phase ihrer Entwicklung auf ihre Mutter verzichten musste und stattdessen von Anna großgezogen wurde. Der kleine Kerl liest sich glücklich. Ist so gesehen ja auch nicht schlecht, aber er braucht auch Nestwärme.“
Der Wasserdampf löste sich auf und Klaribrina blickte wieder in Max Zimmer, in dem sich die Schöltes immer noch beratschlagten. „So, ich lasse dich nun wieder alleine. Du schaffst das schon. Und wenn nicht, stelle ich dir Mathilde Egnazia Xanthippe zur Seite.“
Klaribrina sprang erschrocken von ihrem Stuhl hoch. „Vergiss es alter Mann, das ist mein Auftrag!“, rief sie aufgebracht. „Mex ist die Letzte, mit der ich arbeiten möchte. Sie ist immer so direkt, manchmal auch richtig fies. Die schickst du am besten zu den ganz harten Fällen, wo man direkt mit der Faust ins Haus fallen muss.“

„Tür, Klaribrina, nicht Faust. In den nächsten Minuten kannst du mit einem Anruf rechnen. Ich würde ihn nicht sofort annehmen. Aber wenn sie es ein zweites Mal versuchen, solltest du, ehe sie die Polizei einschalten. Und nun lasse ich dich alleine oder auch nicht.“

Zwei Minuten später schrillte tatsächlich ihr Telefon. „Wer sagt es denn“, murmelte Klaribrina. „Leider bin ich momentan nicht erreichbar. Bitte hinterlassen sie eine Nachricht auf dem Band. Aber verursachen sie keinen Bandsalat. Lieber Gott, du hattest natürlich wieder recht. Wie immer.“
Klaribrina begutachtete ihre lila lackierten Fingernägel und wartete gelassen auf Schöltes zweiten Versuch, der auch nicht lange auf sich warten ließ. „Hallo, hier ist Klaribrina Negel.“
„Klaribrina, Sie müssen uns helfen. Max ist nicht aufzufinden.“
„Hallo Herr Schölte. Was? Vorhin war er doch noch da?“
„Wir haben jeden Winkel unseres Hauses durchsucht, aber Max nicht gefunden. Bei Olli ist er auch nicht. Ist er bei Ihnen?“
„Nein, ist er nicht. Oh Gott, wo kann er nur sein?“ Klaribrina lächelte, als sie das sagte.
„Meine Frau ist mit den Nerven am Ende, ich werde die Polizei einschalten müssen.“
„Polizei?“, stotterte Klaribrina. „Nein, um Himmels willen, warten Sie noch damit. Herr Schölte ich komme sofort zu Ihnen. Eventuell kann ich weiterhelfen.“ Als Herr Schölte zustimmte, legte Klaribrina erleichtert den Hörer auf. „Toll und jetzt?“, meckerte sie frustriert. „Jetzt fliegt deine Tarnung auf“, kam es ironisch aus der Wasserschale. Klaribrina seufzte ergeben. „Ist vielleicht auch gut so, denn sie haben noch etwas Arbeit vor der Brust. Dann werde ich mich mal auf den Weg machen. Klären wir die Angelegenheit auf und lassen sie so richtig ackern.
„Hahahahahahahahaha, du machst das schon.“

Frau Schölte sah ihren Mann fragend an. „Und?“
„Klaribrina kommt sofort zu uns. Sie meinte, dass sie uns eventuell weiterhelfen könnte.
„Also weiß sie doch, wo Max steckt?“, sagte Frau Schölte perplex.
„Das hat sie nicht gesagt. Weißt du was? Wir warten einfach ab. Sie müsste jeden Moment hier sein.“
Hanna, die es sich auf dem Sofa bequem gemacht hatte, zuckte gelassen mit den Schultern. „Weit kann der nicht sein. Er wird ein Geheimversteck haben, wovon nur er und Klaribrina weiß. Bestimmt hat er in diesem Moment so richtig Spaß in den Backen und lacht sich kaputt, dass wir wie die Idioten durchs Haus gerannt sind. Max! Mahax! Obendrein verdrückt er genüsslich eine große Portion Popcorn.“
„Also wirklich Hanna.“ Frau Schölte warf ihrer Tochter einen wütenden Blick zu. „Und wenn er sich aus Versehen eingesperrt hat und nicht mehr heraus kann?“
„Dann könnte er rufen“, antwortete Hanna schlagfertig.

In diesem Moment schellte es an der Haustür und Frau Schölte stürmte sofort los. „Klaribrina endlich, bitte sagen Sie uns, wo Max ist. Ich flehe sie an. Hat er ein Geheimversteck?“
Klaribrina nickte, zog ihren Mantel aus, hängte ihn an die Garderobe und legte den Kopf in den Nacken. „Tja, das kann man so sagen. Aber nicht hier unten.“
Hanna kicherte. „Oben aber auch nicht, denn da haben wir alles abgesucht. Hast du ihn eingemauert?“
„Er hat sich selbst ein bisschen eingemauert“, antwortete Klaribrina. „Aber nur ein bisschen. So ein Klitzekleines bisschen.“
Herr Schölte ließ sich neben Hanna fallen und Frau Schölte stand einfach nur da und starrte Klaribrina an. „Eingemauert?“, krächzte sie. „Er selber und sie wussten davon und gehen mit reinem Gewissen nach Hause? Wie konnte ich mich nur so täuschen lassen. Ich dachte wirklich, wir hätten mit ihnen das große Los gezogen und dass sie unsere Anna gut ersetzen würden. Aber sie sind eine Blenderin. Wo ist Max? Sagen Sie es endlich.“
„Nein! Denn ich habe euch allen etwas zu sagen. Etwas Wichtiges sogar. Wichtiger als Kundentermine, Häuser und Geld. Erst dann werde ich euch sagen, wo Max ist.“
„Frau Schölte schluchzte laut und setzte sich neben ihren Mann, der beruhigend nach ihrer Hand griff.
„Klaribrina, bitte setzen Sie sich und sagen Sie, was los ist“, forderte Herr Schölte sie auf. „Aber dann zeigen Sie uns bitte Max Versteck.“

Klaribrina griff in ihre Hosentasche, zog ein zusammengefaltetes Papier heraus und setzte sich in den gemütlichen smaragdgrünen Ohrensessel. „Puh, das ist jetzt nicht einfach. Wissen Sie, ich bin ein Engel, der schlecht erklären kann. Ist so eine Macke von mir. Gott sagt mir das immer wieder.
Er sagt: „Klaribrina, an manchen Sachen musst du noch feilen. Aber jede Menge, holla.“ Und ich antworte immer: „Okay, wenn ich Zeit habe. Aber die habe ich meistens nicht.“
„Sie sind verrückt“, murmelte Herr Schölte. „Ich werde jetzt die Polizei rufen.“
Klaribrina nickte gelassen. „Klar würde ich auch, wenn ich ein Mensch wäre. Aber was ist mit Max? Ich sage im Ernstfall kein Wort.“
Während Herr und Frau Schölte sie ungläubig ansahen, warf Hanna ihr einen seltsamen Blick zu. „Max hat mir erzählt, dass das Haus richtig glänzte, und das alles in ein paar Minuten. So ganz nebenbei hast du noch Suppe gekocht. Deine komische Frisur, die lange Schürze und du sagtest, dass du dich in vieles rein liest. Irgendwie bist du schon anders.“
„Hanna hast du jetzt auch einen Knall?“, rief Frau Schölte fassungslos. „Was redet du da für einen Unsinn? Frank, nun sage doch mal was!“
Frank Schölte rieb sich die Schläfen und zog seine Frau wieder neben sich. „Klaribrina, bitte machen Sie es nicht so spannend. Reden Sie. Wir werden Ihnen zuhören.“

Klaribrina hatte Mitleid mit den Schöltes und faltete das Papier auseinander. „Hier, mein Engeldiplom. Ich lese es Ihnen vor. 1712, also vor dreihundert Jahren, hat Katharina Genoveva, die von Gott gewollte Engelprüfung, mit zehn Himmelwölkchen bestanden und trägt ab dem heutigen Tage den Namen, Klaribrina Genoveva Engel. Negel, Engel, Sie verstehen? Ich hab’s nur ein bisschen verdreht.“
Hanna starrte sie fassungslos an. „Engelprüfung? Und eigentlich heißt du Katharina? Hm?“
„So ist es. Als ich noch lebte, war meine Name Katharina. Ich starb, weil so ein Hornochse mich mit einem Hirsch verwechselt hat. Peng, tot war ich. Blöde Sache, das könnt ihr mir glauben, denn ich hatte vor zu heiraten. Aber wenn man erst mal tot ist, geht die Party richtig los. Als ich im himmlischen Eden zu mir kam, fragte Gott mich sofort, ob ich Lust hätte ein Engel zu werden oder ob ich noch einmal zurück auf die Erde möchte. Aber da wo ich war, war es so schön. Also blieb ich und lernte eifrig in der Engelschule. Später besuchte ich die Uni und dann legte ich meine Prüfung ab. Gott nannte mich Klaribrina, weil er gerade auf seiner Klarinette spielte, als ich zu ihm beordert wurde. Hahaha, stellt euch mal vor, er hätte auf einer Trommel gespielt oder einer Querflöte. Dann hieße ich jetzt Trommelbrina oder Querobrina.“

Frau Schölte sah sie mitleidig an. „Armes Ding“, murmelte sie. „Klaribrina, Engel sehen anders aus. Sie tragen Flügel auf ihrem Rücken und sind in wunderschöne Gewänder gehüllt. Über ihren Köpfen leuchtet ein Heiligenschein und sie sind gütig.“ Jedes Mitleid war aus ihren Augen verschwunden, als sie schrie: „Aber sie sind krank! Krank, krank, krank! Sagen Sie mir, wo Max ist.“

Klaribrina seufzte und verdrehte die Augen. „Ich muss es also doch tun. Och man. Immer und immer wieder. Keiner glaubt mir. Also gut.“ Ganz langsam, also von unten nach oben, veränderte sich ihr Aussehen. Ihre Stiefel wurden zu weißen Sandalen, ihre Hose und ihr Schlabberpullover zu einem fließenden weißen Kleid und auf ihren Rücken wuchsen schneeweiße Flügel. „Zufrieden? Und die Sache mit dem Heiligenschein, die klappt jetzt nicht. Den Heiligenschein habt ihr Menschen erfunden, aber es sind Geistesblitze, die wir Engel ab und zu haben. Och nun lach doch mal, Mutter Schölte.“

„Ich….kann…nicht,…denn…ich…werde…gleich…ohnmächtig.“ Frau Schölte saß kreidebleich neben ihrem kreidebleichen Mann und starrte sie ehrfürchtig an. Nur Hannas Augen strahlten. „Wie geil ist das denn? Du bist wirklich ein Engel. Ich wusste schon immer, dass ich irgendwann einmal, etwas Abgefahrenes erleben werde. Nur was, das wusste ich nicht. Klaribrina, wir müssen die Beiden wieder normal machen. Die können doch nicht so bleiben.“
„Ok, aber vorher möchte ich wieder in bequemere Sachen schlüpfen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie unbequem das ist. So wie jetzt zeige ich mich äußerst selten.“

„So, fertig.“ Klaribrina ging zu Hannas Eltern und berührte leicht ihre Schultern. „Ich bin ein Engel und daran ist nichts Schlimmes. Es geht euch gut bei dem Gedanken.“
Herr und Frau Schölte bekamen wieder rosige Wangen und entspannten sich. „Es gibt euch also wirklich“, sagte Frau Schölte und lächelte Klaribrina an. „Frank, dass wir so ein Glück haben.“
Frank Schölte nickte zustimmend. „Ja Liebes, das ist ein richtiges Weihnachtsgeschenk.“
„Und da wären wir auch schon beim springenden Punkt“, sagte Klaribrina und setzte sich wieder. „Ich möchte euch etwas zeigen. Bitte schaut in eure Hände. Hanna, du auch.“

Hanna und auch ihre Eltern blickten in ihre Hände, so, als würden sie in einem Buch lesen. Aber in Wirklichkeit sahen sie einen kleinen Zeichentrickfilm. Jeder seinen Eigenen übrigens.

Hannas Vater sah, wie er immer wieder klein beigegeben hatte, nur damit er in Ruhe arbeiten konnte. Er sah Hannas traurige Augen, wenn seine Frau zu hohe Ansprüche an seine Tochter stellte. Und er sah Max, der genau so traurig schaute, wenn sein Freund Olli von einem Zoobesuch mit seinen Eltern erzählte.
Hannas Mutter sah sich an etlichen heiligen Abenden und spürte, wie unweihnachtlich alles war. Sie spürte eine Leere und tiefe Trauer in sich aufsteigen, als sie Max sah, der in dem ganzen Trubel unterging. Sie sah die vielen Leute, die jede Weihnachten in ihr Haus kamen, um mit ihnen zu feiern, und spürte die Kälte dieser Weihnachtsfeste. „Nichts war ehrlich“, flüsterte sie. „Da schlagen sich etliche Profitgeier auf unsere Kosten den Wanst voll. Aber ich habe es ja so gewollt. Armer Max, arme Hanna. Ich war so selbstsüchtig.“

 

Hanna kamen die Tränen, als sie sah, wie gemein sie manchmal zu Max gewesen war. Und sie spürte noch einmal den verzweifelten Kampf, den sie immer wieder aufs Neue ausfocht. Den Kampf um Anerkennung und Verständnis. Anerkennung, die Max ein bisschen mehr bekam. Aber gleichzeitig fühlte sie sich für ihn verantwortlich. Er hatte doch nur sie und Anna gehabt.“

„Ihr könnt eure Hände wieder zuklappen, ich meine entspannen“, sagte Klaribrina leise. „Ich denke, das reicht. Sollte auch nur ein kleiner Einblick sein. Hahaha, man kann auch sagen, dass ihr gerade in einem Handbuch gelesen habt. Quatsch, Handkino? Handtaschenkino? Ich sollte nicht so einen Quatsch von mir geben, sorry.“
„Aber es ist, wie es ist“, antwortete Herr Schölte. „Und so sollte es in einer Familie nicht sein. Handtaschenkino hin oder her. Egal.“
Frau Schölte nickte. „Das war grausam. Aber ich musste es erst mit eigenen Augen sehen, um es zu begreifen.“
„Es tat weh“, murmelte Hanna. „Denn in Wirklichkeit liebe ich Max und euch auch.“
„Na dann habe ich ja etwas bewirkt und ganz so leicht kommt ihr mir nicht davon“, sagte Klaribrina. „Eigentlich hatte ich mich auf einen längeren Aufenthalt eingerichtet. Aber ich konnte ja nicht ahnen, dass Max so schnell ist. Er lernt und versteht gut.“
„Was versteht er gut?“, fragte Frau Schölte verständnislos. „Bitte Klaribrina sagen Sie es uns.“

Klaribrina kuschelte sich wieder in den Ohrensessel. „Also gut. Max hat sich in der Schule ein Lesebuch gekauft. Wissen Sie überhaupt, dass ein Basar an seiner Schule war? Es war ein Weihnachtsbasar. Wohl nicht. Also, er hat es sich gekauft, weil er unheimlich gerne liest. Aber das wissen Sie ja. Doch dieses Lesebuch ist sehr alt und die bunten gezeichneten Bilder hatten es ihm angetan. Versprachen sie doch schöne Geschichten. Als er alleine auf seinem Zimmer war, ist er beim Durchblättern auf eine Weihnachtsgeschichte gestoßen, die ihn sofort faszinierte. So sehr, dass die Familie in der Geschichte Kontakt zu ihm aufgenommen hat. Anschließend hatte er nur noch einen Wunsch. Er wollte zu ihnen und ich sagte, er müsse sich zu ihnen lesen. Wie man sieht, hat es geklappt.“

Nun musste die coole Hanna doch schlucken. „Soll das heißen, dass Max in einem Lesebuch ist?“, fragte sie zögernd. Als Klaribrina nickte, verdrehte Hanna die Augen. „Wenn er reingekommen ist, könnte er theoretisch auch wieder raus. Oder?“
„Hm, das ist schlecht, denn er lebt in einer Geschichte, die sich immer dann wiederholt, wenn sie gelesen wird. Ein bisschen habe ich sie schon umgeschrieben, sonst hätte der arme Max keinen Stuhl und kein Bett gehabt.“
„Und nun?“, fragte Frau Schölte. „Klaribrina, was müssen wir tun, damit Max zurückkommt?“
„Sie müssen sich zu Max lesen“, antwortete Klaribrina. „Keine Angst, das schaffen Sie. Hanna, du musst sie zurückholen, in dem du die Geschichte erweiterst, denn die Familie im Lesebuch kennt nur dieses sich immer wiederholende Weihnachtsfest. Na ja und neuerdings Max. Schreibe ein neues Kapitel und baue eine Brücke, damit deine Eltern mit Max zurückkommen können. Schaffst du das nicht, bleiben sie, wo sie sind. Ich würde dir ja helfen, aber leider habe auch ich meine Grenzen. Und dass deine Eltern sich zu Max lesen müssen, liegt daran, dass er zwei wichtige Bezugspersonen braucht, die mit ihm durch die erweiterte Geschichte gehen, damit er nicht verloren geht.“

Herr Schölte nickte Hanna aufmunternd zu. „Das schaffst du, denn ich kann mich entsinnen, dass du früher die besten Aufsätze geschrieben hast. Hanna, ich vertraue dir.“
„Ich vertraue dir auch“, sagte Frau Schölte und wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln. „Das habe ich immer getan.“
„Dann ist ja alles klar!“, rief Klaribrina dazwischen. „Wir könnten jetzt in Max Zimmer gehen und sofort anfangen. Einverstanden?“

„Und nun?“, fragte Frau Schölte, als sie verloren in Max Zimmer standen. „Wie lesen wir uns zu ihm? Einfach lesen und dann passiert es? Ich weiß nicht, wie wir das anstellen sollen.“
Klaribrina zeigte ihr das Lesebuch, welches aufgeschlagen auf dem Boden lag. „Sehen Sie sich die Bilder an und dann lesen Sie mit ihrem Mann die Geschichte. Ihre Sehnsucht zu Max wird auch die Tür zu ihm sein.“ Hanna bückte sich und griff nach dem Buch. „Oh man, da ist Max. Er liegt in einem Bett und schläft. Hanna blätterte aufgeregt zurück. „Das gibt es nicht. Auf dieser Seite baut er einen Schneemann.“
„Ach herrje!“, rief Klaribrina aufgeregt. „Erst muss Hanna lesen. Wie soll sie die Geschichte erweitern, wenn sie den Inhalt nicht kennt? Sie könnte ja irgendeinen Murks schreiben und ihr landet sonst wo. Aber so viel Zeit muss sein. Aber da wir keine Zeit haben, schlage ich vor, dass ihr sie zusammen lest. Max hat ein großes Bett. Kuschelt euch aneinander und lest gemeinsam. Ich lasse euch jetzt alleine. Ihr packt das schon. Ach so, Hanna, du darfst beim Lesen nicht so viele Emotionen zeigen, sonst bist du auch weg. Flutsch, putsch im Buch. Herr und Frau Schölte, Sie müssen sich ganz auf diese Geschichte konzentrieren. Stellen Sie sich alles bildlich vor. So, als wären Sie ein Teil dieser Geschichte. Und nun tschau.“

Klaribrina winkte ihnen noch einmal zu und verschwand schnell aus Max Zimmer. Draußen lehnte sie sich gegen die Tür und kreuzte die Zeigefinger. „Ich könnte die Geschichte natürlich zu Ende schreiben, aber ich will nicht. Aber vorsichtshalber werde ich den weiteren Verlauf verfolgen und nur im Notfall eingreifen, damit du großer bärtiger Mann nichts zu meckern hast.“
 

Frohen Mutes hüpfte sie die Treppe herunter und setzte sich in die Küche, zückte ihren Stift und rief: „Block!“ Es raschelte hinter der Mikrowelle und kurz darauf flatterte ein Schreibblock auf sie zu. Mit einem Platsch landete vor ihr auf dem Tisch. „Danke, du Guter. War es unbequem hinter dem Mikrowellenmonster?“ Der Schreibblock schlug aufgeregt mit seinen Seiten. „Ist schon gut, das nächste Mal verstecke ich dich woanders. Aber die Zeit war so knapp. So, und nun warten wir geduldig ab. Irgendwann muss es ja losgehen.“

In Max Zimmer saßen die Schöltes noch immer auf seinem Bett und sahen sich unschlüssig an.
„Sollen wir mal anfangen?“, fragte Hanna zaghaft. Frau Schölte nickte. „Ja, aber sollten wir es uns nicht bequem machen? Ich schlage vor, du suchst nach Schreibutensilien und dann machen wir es uns gemütlich.“ Hanna rappelte sich auf und untersuchte Max Schreibtisch. „So, habe alles“, sagte sie erleichtert und setzte sich zwischen ihre Eltern, die es irgendwie geschafft hatten, eine Kissenburg zu bauen. „Das ist so urgemütlich, hoffentlich schlafe ich nicht ein“, sagte Hannas Vater und gähnte herzhaft. „Aber wir wollen ja unseren Max zurückholen, also werde ich mich zusammenreißen. Susanne, zusammen schaffen wir das.“ Susanne Schölte sah ihm tief in die Augen und antwortete : „Ich weiß, Frank. Hanna, du wirst uns zurückholen, da bin ich mir sicher. Kommt, wir lesen nun gemeinsam die Geschichte. Ich habe das Gefühl, als lebte ich in einem Märchen.“ Hanna griff nach ihrer Hand und drückte sie. „Ich auch, Mama. Es ist ein Weihnachtsmärchen.“

Es war ein schönes Bild. Hanna saß in der Mitte, das Buch fest in den Händen und die Schöltes kuschelten sich an ihre Tochter, in deren Augen ein leichter Glanz lag. „Also gut, lesen wir“, flüsterte Hanna.

Hanna bemühte sich, alle Emotionen außen vor zu lassen und es gelang ihr gut. Ihre Eltern aber dachten nur an Max und tauchten nach kurzer Zeit in die Geschichte ein. Nach weiteren fünfzehn Minuten fielen der tapferen Hanna die Augen zu. „Hanna, Hanna! Aufwachen!“ Hanna zuckte zusammen und setzte sich benommen auf. „Was ist los?“ Sie blickte neben sich und holte tief Luft. „Sie haben es geschafft! Sie haben es tatsächlich geschafft!“ Mit klopfenden Herzen griff sie nach dem Lesebuch.

Max Eltern hatten es tatsächlich geschafft und standen der Lesebuchfamilie gegenüber, die sie herzlich begrüßten. „Max wird Augen machen“, sagte Mutter Edeltraud. Frau Schölte sah ihren Mann an lachte laut. „Ja, wir haben es geschafft und sehen irgendwie gemalt aus.“ Nun musste auch Herr Schölte lachen.
Maximiliane rümpfte ihre Nase. „Das hat Max auch gesagt. Aber ihr seid wie wir und wir sind ganz normal.“
„Tut mir leid“, sagte Frau Schölte. „Das war nicht böse gemeint. Aber da wo wir herkommen, sind wir nicht gezeichnet, sondern aus Fleisch und Blut.“ Maximiliane sah sie fragend an. „Fleisch und Blut? Igitt, was ist das? Wir sind Papier und Farbe. Aber das heißt bei euch bestimmt Fleisch und Blut.“
Papa Egon nickte. „So wird es sein. Wir sollten Max zu uns holen und dann Mutters herrliches Weihnachtsessen verputzen. Schließlich ist heute heilig Abend und das Christkind kommt. Ida laufe zu Max und sage ihm, dass seine Eltern da sind, um ihn abzuholen.“

Eine Minute später stürmte Max auf sie zu. „Mama, Papa, ich wusste, dass ihr mich suchen würdet. Wo ist Hanna?“ Herr und Frau Schölte schlossen Max in die Arme. „Max, oh Max!“, rief Frau Schölte mit Tränen in den Augen. „Ist das eine verrückte Geschichte. Ich bin so froh, dass wir dich wieder haben.“
„Ja, das bin ich auch“, sagte Herr Schölte erleichtert und drückte Max an sich. „Erleben wir gerade ein Weihnachtsmärchen? Was meinst du?“ Max nickte und antwortete: „Ja, bestimmt. Klaribrina hat gesagt, ich könnte mich zu ihnen lesen und es hat geklappt. Darf ich meinen Eltern zeigen, wo ich geschlafen habe, Mama Edeltraut?“
„Natürlich darfst du das“, antwortete Mama Edeltraud. „Aber dann kommt bitte in die gute Stube. Es gibt ein leckeres Weihnachtsessen und anschließend kommt das Christkind.“ Max versprach es ihr und zog seine Eltern in die kleine gemütliche Kammer.

„Puh, bin ich froh. Aber ihr müsst wissen, dass sie jeden Tag Weihnachten haben. Bestimmt werde ich gleich wieder einen Pullover geschenkt bekommen und eine Brille. Hier seht mal.“ Max zeigte ihnen den selbst gestrickten Pullover und die neue Brille. „Setz mal auf Mama.“ Frau Schölte schob die Brille auf ihre Nase und gab einen spitzen Schrei von sich. „Ich sehe Hanna! Sie sitzt auf dem Bett und überlegt. Warum überlegt sie denn? Sie muss schreiben.“
„Gibst du mir die Brille auch mal?“, fragte Herr Schölte neugierig. „Tatsächlich, ich sehe sie auch. Hier Max, es ist deine Brille. Susanne, Hanna wird schreiben. Aber lasse ihr etwas Zeit. Schließlich muss sie eine neue Geschichte für uns schreiben und das geht nicht von jetzt auf gleich.“ Max Mutter sah ein, dass ihr Mann recht hatte, und schlug vor, dass sie zu der Lesebuchfamilie gehen und einfach abwarten.

„Wartet mal, was muss Hanna schreiben?“, fragte Max und schielte über den Rand seiner Brille. „Ich verstehe das nicht. Klaribrina sagte ich muss mich zu ihnen lesen. Ihr sagt, Hanna muss schreiben. Warum?“ Herr Schölte setzte sich auf Max Bett und winkte ihn zu sich. „Setz dich mal, Mäxchen. Klaribrina Genoveva Negel ist ein Engel. Wenn du jetzt denkst, das kann doch nicht wahr sein, verstehe ich das. Aber es ist so.“ Max schüttelte den Kopf. „Ich denke nicht, dass es nicht wahr ist. Klaribrina hat ja gesagt, dass man sich überall reinlesen kann. Und ich bin ja wirklich hier. Ein richtiger Engel ist sie? Aber sie hat keine Flügel.“
„Oh doch, die hat sie mein Kleiner“, antwortet Herr Schölte. „Klaribrina wollte, dass wir alle etwas lernen und das hat sie auch geschafft. Hanna schreibt uns aus dieser Geschichte heraus und ich weiß, dass sie es schaffen wird. Wenn nicht, müssen wir hier bleiben.“
„Alles klar“, antwortete Max. „Das ist so was von abgefahren. Ok gehen wir zu den Meiers. Mama, das Essen ist gemalt, schmeckt aber echt gut. Also bitte nicht meckern.“
Max Mutter versprach, dass sie keinen Ton über Mama Edeltrauds Essen verlieren würde und auch sein Vater versprach es ihm.

Max erlebte mit seinen Eltern den Heiligen Abend noch einmal bis ins kleinste Detail. Nur dieses Mal bekamen seine Eltern auch eine Brille geschenkt, aber keine Pullover. „Die Brillen werden wir brauchen, wenn Hanna uns hier herausschreibt“, flüsterte Frau Schölte. „Mit ihr werden wir den Weg sehen, der durch ihre Geschichte führt.“ Herr Schölte und Max nickten. „Ich weiß“, murmelte Max Vater.


Klaribrina legte den Stift beiseite und dachte an Hanna. „Nun habe ich dir schon ein bisschen geholfen, in dem ich deinen Eltern auch eine Brille verpasst habe. Jetzt komm mal in die Puschen, Mädchen. Also gut, noch einen Satz und einen kräftigen Anstupser.“ …..Max baute gerade mit seinen Eltern einen Schneemann, als Opa Friedrich fassungslos rief……..

Hanna, die einen wahrhaftigen Energieschub bekam, griff beherzt zu ihrem Stift und setzte die Geschichte fort.

….“Woher kommen denn plötzlich die vielen Häuser? Edeltraud, Egon, Greta!“ Familie Meier stürzte aus dem Haus. „Was ist denn los?“, fragte Papa Egon. „Häuser!“, krächzte Opa Friedrich. Mama Edeltraud schüttelte den Kopf. „Das gibt es nicht. Wo kommen die so plötzlich her? Vorhin waren sie noch nicht da, denn ich habe so oft aus dem Fenster gesehen.“
„Wir werden sie wegen dem heftigen Schneefall nicht gesehen haben“, sagte Oma Greta. „Seht mal, in jedem Haus brennt Licht. Wir sollten ihnen allen einen Besuch abstatten. Edeltraut, wir nehmen deinen Vanillepudding mit. Rasch hole ihn.“ Mama Edeltraut lief schnell ins Haus und holte den Pudding, den sie gut verpackt in einen Korb gestellt hatte. „Ich bin so aufgeregt!“, rief sie und bekam ganz rote Wangen.

„Hanna schreibt“, flüsterte Max., „Das wird ein Spaß werden.“ Frau Schölte lächelte, als sie antwortete: „Ja, das wird es. Weißt du was? Ich finde es richtig schön hier. Es war ein wundervoller heiliger Abend. Die Meiers sind so herzlich. Max ich verspreche dir, dass kein Fremder mehr unser Weihnachtsfest stören wird. Großes Ehrenwort.“ Max strahlte, als seine Mutter ihm ihr Ehrenwort gab. „Und Mama wird von nun an, Zuhause ausarbeiten“, sagte Herr Schölte und blickte seine Frau bittend an. „Natürlich werde ich das“, antwortete Frau Schölte. „Und nun lasst uns durch Hannas Geschichte gehen, zurück nach Hause.“

Die Schöltes stapften mit den Meiers durch die verschneite Winterlandschaft. Dicke Flocken fielen vom Himmel, kitzelten an ihren Nasen und entlockten so manchen Nieser. Opa Friedrich, der vorsichtshalber eine Öllampe mitgenommen hatte, ging voran und zeigte ihnen den Weg. Als sie fast bei den Häusern angekommen waren, rief er übermütig: „Klopft an jedes Haus, Kinder! Es sind ja nicht so viele! Sagt allen, dass wir hier sind!“ Maximiliane, Ida, Herbert und auch Max, rannten sofort los. „Es sind drei Häuser!“, rief Ida. „Lasst uns sofort das Erste nehmen.“

„Moment bitte!“, rief eine Stimme hinter Tür Nummer eins. „Ich komme sofort!“ Schlurfende Schritte näherten sich und ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Vorsichtig wurde die Tür ein Stück aufgezogen und ein älterer Herr, mit dickem Bauch und schneeweißen Haaren, blickte sie freundlich an. „Wen haben wir denn da?“, fragte er mit tiefer Stimme.
„Wir sind die Meiers und das ist Max“, antwortete Herbert. „Wir wohnen da drüben und haben gesehen, dass es hier noch mehr Häuser gibt.“ Der ältere Herr schmunzelte. „Ja, hier gibt es noch mehr Häuser. Seht mal, da kommen wohl eure Eltern?“ Er winkte sie zu sich und rief: „Nur zu, kommen Sie!“

„Wir sind die Familie Meier und das ist Familie Schölte“, sagte Papa Egon, der als erster die drei Stufen hochstieg, und reichte ihm die Hand. „Wir wussten nicht, dass wir auch Nachbarn haben. Aber dieser heftige Schneefall nimmt einem die Sicht auf andere Dinge und dann noch die Dunkelheit. Ähm, frohe Weihnachten.“
„Frohe Weihnachten“, antwortete der ältere Herr und bat sie in sein Haus. „Bitte geht doch ins Wohnzimmer. Darf ich den Erwachsenen ein Glas Punsch anbieten? Und den Kindern vielleicht einen Saft?“ Als alle dankend angenommen hatten, begab er sich in die Küche und forderte sie auf, es sich gemütlich zu machen. „Ich bin sofort wieder da.“

Max sah sich neugierig um. Über einem großen Kamin, in dem Holzscheite knisterten und eine behagliche Wärme verbreiteten, hing ein riesiges Geweih, an dem bunte Weihnachtskugeln schaukelten. Neben dem großen festlich geschmückten Fenster stand ein großer Weihnachtsbaum, der mit bunten Kugeln, Lametta und roten Kerzen geschmückt war. Ein großer schwarzer Tisch, mit mindestens zehn Stühlen, stand in der Mitte des Raumes und war mit allerlei Leckereien bestückt. „Dominosteine!“, rief Ida. „Lecker!“ Und auch Max lief das Wasser im Munde zusammen, als er seine heiß geliebten Brotschnittchen entdeckte.

„Greift zu“, forderte der ältere Herr sie auf, als er mit den Getränken zurückkam. „Alles ist selbst gemacht. Setzt euch doch endlich.“ Sie setzten sich an den riesigen Tisch. Die Erwachsenen nippten an ihrem Punsch und die Kinder tranken ihren Saft, der nach roten Kirschen schmeckte. „Und nun dürft ihr euch über die Süßigkeiten hermachen.“ Das ließ Ida sich nicht zwei Mal sagen und griff nach den Dominosteinen. Max nahm sich ein Brotschnittchen, Herbert langte nach den Lebkuchen und Maximiliane naschte süße Nusspralinen. „Warum hängen Weihnachtskugeln an dem Geweih?“, fragte Max und biss in sein Brotschnittchen. „Nun ja, dieses Geweih krönte vor langer Zeit das Haupt eines prächtigen Rentieres. Sein Name war Herold und er starb an Altersschwäche. Aber das ist schon hundert Jahre her. Herold liebte die Weihnachtszeit, deshalb die Kugeln.“ Max Mutter verschluckte sich fast an ihrem Punsch. „Hundert Jahre? Aber es war nicht Ihr Rentier, oder?“ Der ältere Herr lächelte nachsichtig. „War er es oder nicht, das ist hier die Frage? Was meint ihr, Kinder?“
„Du bist der Nikolaus!“, riefen die Vier aufgeregt. „Herold war bestimmt eines von deinen vielen, vielen Rentieren“, sagte Ida altklug.
„So ist es“, antwortete der ältere Herr. „Ich bin der Nikolaus und Herold war einst mein Rentier. Stolz und mächtig führte er die Anderen an, wenn wir mit dem Schlitten durch die Lüfte sausten. Herold kannte jedes Haus und jedes Kind, dem wir Geschenke brachten. Was ihr gerade esst, sind alles mitgebrachte Gaben.“

Mutter Edeltraud griff nach ihrem Korb und holte den Vanillepudding heraus. „Den sollten wir dazu stellen“, sagte sie ehrfürchtig. „Das ist gut“, antwortete der Nikolaus und nahm ihr die Schüssel ab. „Es kommen bestimmt noch mehrere Besucher und hier verdirbt nichts. Auch wenn es Jahre steht, alles bleibt frisch, wie am ersten Tag.“ Frau Schölte konnte einfach nicht glauben, dass sie dem Nikolaus gegenüber saß. „Ich dachte immer, den Nikolaus gibt es nicht. Also damit wir uns nicht falsch verstehen, es gab einen Nikolaus, aber der lebte, soviel ich weiß, 340 nach Christus im türkischen Myra und verschenkte alles an arme Kinder, oder so.“
„Stimmt, das habe ich getan“, antwortet der Nikolaus und lachte herzlich. „Es ist immer wieder interessant zu sehen, dass Kinder bis zu einem gewissen Alter an mich glauben. Später glauben sie den Mist, den die Erwachsenen ihnen erzählen, die es wiederum von ihren Eltern so gehört haben. Und so setzt sich das Ganze dann fort. Es ist wohl uncool, an das Schöne zu glauben. Aber warum sind sie hier in dieser Weihnachtsgeschichte?“ Max Mutter griff nach ihrem Punsch und antwortete: „Sie haben recht, mit dem was Sie gesagt haben. Wir sollten alle mehr Kind sein und nicht immer so erwachsen tun. Ich denke, im Innersten glauben auch wir noch ein bisschen an den Weihnachtsmann. Jetzt haben wir es ja weiß auf bunt.“ Familie Meier lachte und auch der Nikolaus konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Sie wollen zurück nach Hause, stimmt das?“, fragte der Nikolaus. Max Vater nickte. „Ja, unsere Hanna wird uns zurückschreiben. Wissen Sie, wir, haben eine neue Haushälterin und die ist ein Engel. Sie hat Max klar gemacht, dass man sich überall reinlesen kann und Max hat es tatsächlich geschafft, sich zu den Meiers zu lesen. Nur darf er nicht alleine zurück, da er sich verirren könnte.“
Der Nikolaus sah ihn durchdringend an. „Heißt sie vielleicht Klaribrina Genoveva?“ Als Max Vater nickte, schlug sich der Nikolaus auf die Schenkel und lachte laut. „Klaribrina, Klaribrina, wenn wir dich nicht hätten!“, rief er übermütig. „Sie ist echt gut als Engel und die Lektionen, die man lernen soll, lernt man bei ihr unter Garantie. Aber sie ist auch ein wenig eigenwillig.“

Max bemerkte erst jetzt, dass der Nikolaus nicht gezeichnet, sondern aus Fleisch und Blut war. „Hast du dich auch in diese Geschichte gelesen?“, fragte er. „Selbstverständlich“, antwortete der Nikolaus. „Ich habe von den Weihnachtstrollen erfahren, dass die Meiers Besuch bekommen würden und hielt es für angebracht, nach dem Rechten zu schauen. Dass Klaribrina dahinter steckt, daran habe ich nicht gedacht. Weißt du was, Max? Klaribrina ist ein ganz besonderer Engel, das kannst du mir glauben. Und auch deine Lesebuchfamilie ist wunderbar. Max, auch eine Geschichte lebt. Sie lebt in deinem Herzen und in deinem Kopf, bis sie endlich wahr wird.“
„Das stimmt“, sagte Maximiliane. „Wenn Opa uns Weihnachtsgeschichten erzählt, denke ich immer an Außerseitliche. Wesen, die in einer anderen Welt leben und nicht in unserer Seitenwelt. Du hast so intensiv an uns gedacht und ein Tor geöffnet, durch welches wir einander sehen konnten. Wir haben uns ganz schön erschrocken, als du uns angeguckt hast. Aber Papa meinte, dass es Schicksal wäre und wir dich unbedingt einladen müssten. Und nun sitzen wir alle beim Weihnachtsmann. Cool.“

Die Meiers und auch die Schöltest hatten Max und Maximiliane aufmerksam zugehört und waren sichtlich gerührt. „Was wir alles vergessen, wenn wir erwachsene Menschen sind“, sagte Max Mutter.
„Ich weiß nicht, ob ich einmal ein Kind war“, antwortete Mama Edeltraud. „Ich kann mich nicht erinnern. Aber es würde mich interessieren, ob wir alle den gleichen Schöpfer haben.“
Die Schölte verkniffen es sich, ihr zu sagen, dass der Mensch, der ihre Geschichte geschrieben hatte, ihr Schöpfer war. Und auch der Nikolaus hielt sich zurück. Aber er nahm sich vor, den Meiers bei Gelegenheit alles zu erklären.

„So, ich denke, dass es an der Zeit ist, dass Hanna jetzt alles gibt“, sagte der Nikolaus. „Sie hat euch mit kleinen Anschubsern zu mir geführt, aber nun seid ihr ganz auf Hannas Fantasie angewiesen, denn unsere Wegen werden sich jetzt trennen. Mama Edeltraud schluchzte und Oma Greta wischte sich heimlich eine Papierträne fort. „Es war schön, dass wir euch kennenlernen durften“, sagte sie traurig. „Aber ihr gehört nun mal in eure Welt und wir in unsere. Aber vielleicht sehen wir uns einmal wieder. Wer weiß?“ Maximiliane, Herbert und Ida, umarmten Max mit traurigen Augen. „“Man Max, schade, dass du wieder gehst“, sagte Ida seufzend. „Ich fand das alles sehr spannend.“ Maximiliane und Herbert nickten. „Pass gut auf dich auf“, sagte Herbert. In Max stieg Wehmut auf, denn er mochte die Meiers sehr. „Wie wäre es, wenn ihr uns mal besucht?“, fragte er aufgeregt. „Ich könnte doch ganz feste an euch denken und ihr denkt euch zu mir.“ Papa Egon legte eine Hand auf Max Schulter. „Wie werden es versuchen, das verspreche ich dir.“
 

„In welche Richtung sollen wir denn gehen?“, fragte Frau Schölte verzweifelt, nachdem auch sie sich von den Meiers verabschiedet hatte. „Diesen“, antwortete der Nikolaus und zeigte auf das Fenster, neben dem der Weihnachtsbaum stand. Frau Schölte starrte ihn verzweifelt an. „Wir sollen aus dem Fenster springen?“
„So ist es“, antwortete der Nikolaus ernst. „Wenn ihr meint, in den Schnee zu fallen, werdet ihr fallen. Doch, wenn ihr fest daran glaubt, in Hannas Geschichte zu fallen, wird es so geschehen.“
Max, der sich noch einmal von den Meiers verabschiedet hatte, griff nach den Händen seiner Eltern. „Wir schaffen das. Mama, Papa, keine Angst.“
„Ok, wir schaffen das“, hauchte seine Mutter und drückte Max Hand. „Immer schön tapfer sein und die Augen gerade aus. Und denkt ja an Hanna und nicht an den Schnee.“ Sie drehten sich noch einmal um und nickten den Meiers und dem Nikolaus zu, der ihnen das Fenster öffnete. Dann sprangen sie beherzt in die Tiefe, die eigentlich gar keine war, da das Fenster durch das Sie gesprungen waren, fast bis in den Schnee reichte. Aber in diesem Moment fielen sie in eine nicht enden wollende Tiefe.

Die Schöltes segelten nach ihrem Sprung durch Konfetti, Papierschnipseln und Denkblasen, auf denen stand: „Wie soll es weiter gehen? Was schreibe ich denn nur? Ich muss nachdenken. Warum hilft Klaribrina mir nicht? Ich habe Durst. Ich habe Hunger. Ich muss schlafen.“

„Nein!“, rief Max, „Hanna, du darfst nicht schlafen! Hanna du musst uns hier raus holen!“

Hanna fielen so langsam die Augen zu, denn das viele Nachdenken hatte sie müde gemacht. „Hanna du darfst nicht schlafen! Hanna du musst uns hier raus holen!“
 

Hanna zuckte zusammen und setzte sich kerzengerade hin. „Ich werde nicht schlafen, versprochen. Max, ich habe dich gehört. Aber ich weiß nicht was ich schreiben soll.“ Hanna lehnte sich wieder zurück und starrte minutenlang auf Max Bücherregal. „Papierland, Papierweg, Spruchweg!“, rief sie aufgeregt. „Das ist es! Max, ich schreibe!“

 

Klaribrina lächelte, als sie Hannas Gedanken las. „So ist es gut. Schreibe Hanna, schreibe.“

Max fiel mit seinen Eltern in einen riesigen Papierkorb, der randvoll mit zerknülltem Papier war. Die drei lagen auf dem Rücken, und schauten sich verwirrt an. „Ich bin ganz krisselig im Kopf“, stöhnte Frau Schölte und blickte sich um. „Wir liegen in einem Papierkorb?“ Max kicherte. „Ja, in einem sehr Großen. Aber seht mal, da ist eine Leiter.“ Herr Schölte, der gerade versuchte aufzustehen, was ihm aber nicht gelang, drehte seinen Kopf in Max Richtung und antwortete: „Ich sehe sie. Wir müssen leider bis an den Rand kriechen, denn auf dem vielen Papier haben wir keinen Halt. Folgt mir einfach.“
Frau Schölte stöhnte und ärgerte sich, dass sie keine bequeme Jeans trug, sondern einen eleganten schwarzen Rock. Dazu Pumps und einen schicken Strickpullover. Sie wollte schon immer etwas lässiger gekleidet sein, aber in ihrem Beruf war das nicht möglich, glaubte sie. „Langsam, sonst rutschen wir noch bis auf den Boden!“, rief sie erschrocken, als sie ihren rechten Arm nicht mehr sah. „Im Gänsemarsch, Susanne!“, rief Herr Schölte nach hinten. „Vorsichtig und besonnen. Steigt immer rauf die dicken Papierballen.“

Es war mühselig, aber sie schafften es. „Es ist eine Strickleiter“, sagte Max, als sie endlich am Rand des Papierkorbes angekommen waren. „Mama, die könnte schaukeln.“ Frau Schölte lehnte sich über den metallenen Rand und blickte nach unten. „Das macht jetzt auch nichts mehr“, murmelte sie und sah sich weiter um. „Beschriebene Papierhäuser, ein bemalter Papierhimmel, ein bekritzelter Boden und Bäume aus Papier. Wo sind wir?“
„Keine Ahnung“, antwortete Herr Schölte. „Wir sollten endlich unsere Brillen aufsetzen.“ Frau Schölte griff in die Tasche ihres Rockes, Max in seine Hosentasche und Herr Schölte in seine Hemdtasche. „Boah!“, rief Max, als die Brille auf seiner Nase saß. „Wie abgefahren ist das denn?“, sagte Herr Schölte fragend. „Typisch Hanna“, murmelte Frau Schölte und lachte. „Aber Fantasie hat sie, das muss ich ihr lassen.“

Mit den Brillen veränderte sich auch die Welt um sie herum. Über ihren Köpfen war ein weißer Papierhimmel, aus dem ab und zu eine blaue Stelle lugte, die mit Wasserfarbe gemalt war. Laubbäume und Tannen, die ebenfalls aus Papier waren, hatten eine weiße Watteschicht und wiegten sich leicht hin und her. Schnee-Eulen saßen in den Zweigen und Papierrehe sprangen über ein Papierschnipselfeld. Aus Papierhäusern drang weißer Rauch aus den Schornsteinen und eine Papierkatze sprang auf ein Fensterbrett. „Wir sind im Papierland“, flüsterte Max. „Hier ist alles aus Papier. Toll!“

Sie kletterten die Strickleiter herunter und versanken mit ihren Schuhen in weichen Papierkonfetti. „Seht ihr auch den Weg?“, fragte Herr Schölte. „Er führt an den Häusern vorbei in den Wald hinein.
Das ist der Weg, der uns nach Hause führen wird.“ Max streckte seinen Arm aus. „Es schneit!“ Kleine Papierschnipsel, so fein wie Schnee, rieselten auf sie herab. Verfingen sich in ihren Haaren und ihrer Kleidung. „Dass mir ja keiner Feuer macht“, sagte Max Mutter warnend. „Mama, ihr raucht doch gar nicht“, antwortete Max. „Also habt ihr auch kein Feuerzeug oder Streichhölzer bei euch.“
Herr Schölte klopfte Max auf die Schulter. „So ist es. Was meint ihr, sollen wir uns auf den Weg machen?“
„Ja, ab nach Hause mit uns“, antwortete Max. „Hanna und Klaribrina warten bestimmt schon auf uns.

Sie folgten dem Weg, den sie durch ihre Brille sahen, an den Häusern vorbei, direkt in den Wald hinein.
Als sie eine Weile gegangen waren, teilte sich der Weg. „Wohin jetzt?“, fragte Max Mutter verunsichert.
„Keine Ahnung“, antwortet sein Vater ratlos. „Wir müssen uns aber für einen entscheiden.“ Im selben Augenblick fielen Buchstaben aus den Bäumen und platzierten sich in dem weißen Papierschnee. Das ist eine Frage“, sagte Max. „Wo ist das Bild, welches ich euch einmal geschenkt habe?“ Herr und Frau Schölte überlegten. „Wer hat uns denn ein Bild geschenkt?“, murmelte sie ratlos. „Also, da fällt mir nichts zu ein.“ Herr Schölte dachte angestrengt nach. „Hast du uns ein Bild geschenkt, Max?“ Max schüttelte den Kopf. „Ich nicht, aber Hanna.“ Frau Schölte wurde kreidebleich, als sie sagte: „Da hat sie ihren Führerschein bestanden, Frank. Mein Gott, sie hat ihn hochgehalten und gelacht, so stolz war sie. Lisa hat das Foto gemacht und Hanna hat es rahmen lassen. Frank, ich habe es angesehen, ihr gratuliert und dann habe ich es weggelegt. Aber wohin nur?“ Herr Schölte fasste sich an die Stirn. „Susanne, das kann nicht wahr sein. Warum hast du es nicht aufgestellt? Aber darüber zu diskutieren bringt jetzt nichts. Überlege, wo du Dinge ablegst, denen du keinen besonderen Wert beimisst.“ Frau Schölte war sichtlich beleidigt, aber sie versuchte sich zu erinnern. „Schrank, Schrank, Schrank…..Kommode. Ja, ich habe es in die alte Kommode gelegt. Im Esszimmer….rechte Schubla….nein, linke Schublade. Wir müssen links abbiegen. Hanna, es tut mir so leid. So etwas wird nie wieder passieren.“ Max schmiegte sich an seine Mutter. „Wenn jetzt alles anders wird, ist es doch gut“, sagte er tröstend. „Ich bin froh, dass du jetzt bei uns bleibst. Papa kann auch alleine Geld verdienen. Aber du hilfst ihm ja weiterhin.“ Frau Schölte gab ihm einen dicken Kuss. „Ja, ich werde Papa weiterhin helfen. Meinst du es reicht, wenn ich morgens ein paar Stunden arbeite? Ich niste mich einfach in Papas Büro ein, welches neben der Garage ist.“
Max strahlte über das ganze Gesicht. „Morgens ein paar Stunden, das ist okay. Und jetzt, links herum.“

Schweigend gingen sie eine nebeneinander her. Papierrehe sprangen durch den Wald, Eichhörnchen kletterten an Bäumen hoch und Hasen kreuzten ihren Weg. „Ob Hanna noch mehr Fragen stellt?“, fragte Max. „Bestimmt“, antwortete Frau Schölte. „Dadidum Dadidum Dadidududududum, Fragen stellen ist nicht dumm.“ Zwölf Zwerge kamen aus dem Wald auf sie zu. Es waren Papierzwerge. Blau, mit weißen Augen, einer roten Nase und einem weißen Mund. Dadidum Dadidum Dadidududududum, Fragen stellen ist nicht dumm“, sangen sie immer wieder. „Wer seid ihr denn?“, fragte Max erstaunt. „Wir sind die Zwergpierchen“, sagte das Erste. „Ja!“, riefen die Anderen. „Und wir wohnen hier“, sagte das Erste wieder. „Ja!“, riefen die Anderen wiederum. „Eine Frage hat sie noch“, flüsterte das Erste. „Ja!“, flüsterten die Anderen. „Aber jetzt müssen wir weiter“, sagte das Erste bedauernd. „Ja!“, riefe die Anderen und setzten ihren Marsch fort. „Dadidum Dadidum Dadidududududum, Fragen stellen ist nicht dumm.“ Herr schölte kratzte sich den Kopf, Frau schölte putzte sich die Nase und Max hielt sich den Bauch vor Lachen. „Das ist besser wie lesen. Wenn ich alle Geschichten die ich lese, so erleben könnte, das wäre toll. Wenn ich lese, sehe ich immer einen Film vor meinen Augen. Aber das hier, ist noch viel besser. Da hinten brennt Licht. Seht ihr es auch?“ Max Eltern drehten sich um und sahen ein helles Licht, das in einiger Entfernung durch die Bäume schimmerte. „Das ist der Ausgang!“, rief Max und rannte los.

„Max, warte!“, rief Frau Schölte. „Nicht so schnell!“ Aber Max rannte so schnell er konnte auf das Licht zu. „Cool!“, murmelte er, als er direkt davor stand. „Das Licht glitzert.“ Herr und Frau Schölte trafen mit Verspätung und außer Atem ein. „Max, wir sind nicht mehr die Jüngsten“, sagte Herr Schölte atemlos. „Dieses Licht ist zauberhaft“, hauchte seine Frau. „Wir sollten einfach hineingehen.“ Herr Schölte nickte. „Ja, lasst uns gehen. Hinter diesem Licht wartet Hanna auf uns.“ Sie nahmen sich bei den Händen und gingen auf das Licht zu. Doch als sie hineingehen wollten, tauchten dicke Striche auf, die wie ein Tor über das Licht gezogen wurden. „Hanna macht Krickelkrakel“, sagte Max sauer. „Sie hat einfach Striche über das Licht gemalt.“ Frau Schölte seufzte. „Hanna, deine Frage bitte.“ Wieder fielen in den Papierschnee w Buchstaben. -Max soll mich nie wieder…….nennen- „Schwarze Kröte!“, rief Max. „Nein, ich werde dich nie mehr so nennen. Ganz großes Ehrenwort.“

Die Striche verschwanden und Max trat mit seinen Eltern in das Licht. In dem gleißenden Licht überkam sie eine bleierne Müdigkeit. Sie sanken in den Papierschnee und schliefen ein.


„Geschafft! Sie haben es geschafft!“, triumphierte Klaribrina überglücklich. „Großer alter Mann, was sagst du nun?“ Der Wasserkessel auf dem Herd wackelte verdächtig. „Groß darfst du sagen, aber alt, das kannst du dir sparen. Nein im Ernst, du warst wieder großartig.“ Klaribrina klatschte in die Hände. „Ich gehe jetzt hoch. Schließlich habe ich drei Tage in dieser Küche gesessen. Bis später.
„Bis später, du Engel in Jeans.“
Klaribrina drehte sich noch einmal um. „Die würden dir auch stehen. Gibt es auch in Übergrößen.“
„Ich werde sie mal probieren“, kam prompt die Antwort. „Sie sollen ja so bequem sein.“
„Sage ich doch immer. So ich bin weg!“, rief sie fröhlich und jagte die Stufen hoch.

Familie schölte lag auf Max Bett und schlief. Max lag zwischen seinen Eltern, und Hanna, die den Stift noch in der Hand hielt, lag zusammengerollt neben ihnen. „Aufwachen“, flüsterte Klaribrina. „Ihr seid zurück.“

Die Lider der Schöltes zuckten und sie öffneten nacheinander die Augen. Max gähnte und streckte sich. „Wir sind zurück, nicht wahr“, flüsterte er. „Ja, ihr seid zurück“, antwortete Klaribrina. „Hanna, das hast du gut gemacht.“ Herr und Frau Schölte setzten sich auf. „Hanna, du warst spitze“, lobte Herr Schölte seine Tochter. „Ja, das warst du“, sagte Frau Schölte und zog Hanna an sich. „Es tut mir alles so leid. Ab heute wird alles besser, das verspreche ich dir.“ Hanna gab ihrer Mutter einen Kuss. „Ich weiß“, flüsterte sie zärtlich. „Aber trotzdem darfst du die Brille wieder abnehmen.“

Das schallende Gelächter, welches aus Max Zimmer kam, entlockte auch dem Wasserkessel ein tiefes Lachen. „Und wieder wurde ein Weihnachtsmärchen geschrieben “, sagte Gott und flog pfeifend nach Hause.


Die Schöltes konnten nicht glauben, dass sie drei Tage fort waren. Aber als Klaribrina ihnen das Datum auf Annas Rezepte Kalender zeigte, der in der Küche hing, waren sie sprachlos. „Klaribrina, es war toll bei den Meiers“, sagte Max., „Du hattest recht, wenn man will, kann man sich in alles reinlesen.“ Herr Schölte hob warnend den Zeigefinger. „Aber nur, wenn du auch alleine zurückfindest“, sagte er lachend. „Das glaubt uns sowieso niemand.“ Klaribrina schenkte herrlich duftenden Weihnachtstee in ihre Tassen und servierte saftigen Stollen. „Es stimmt, glauben wird euch das niemand. Aber müssen sie es wissen? Ich denke nicht, denn es ist euer ganz persönliches Weihnachtsmärchen. Nicht ihres.“
„Klaribrina wirst du bei uns bleiben?“, fragte Max neugierig. Klaribrina streichelte seine Hand. „Das geht leider nicht. Ich bin ein Engel und es wartet schon eine neue Aufgabe auf mich. Tut mir leid, Max. Aber es war wunderschön stressig bei euch.“ Obwohl Max Tränen n den Augen hatte, musste er lächeln. „Sehen wir uns denn wieder?“ Klaribrina zuckte mit den Schultern. „Wer weiß. Alles ist möglich.“ Hanna stand auf und nahm Klaribrina in den Arm. „Danke für alles“, flüsterte sie. „Danke“, sagten auch ihre Eltern und drückten Klaribrina an sich. „Mama Mia“, sagte Klaribrina burschikos. „Ihr macht es einem nicht gerade leicht. Leute, ihr habt noch viel vor. An die Arbeit.“
„Herrje, in drei Tagen ist der hl. Abend und wir müssen noch so viele Gäste ausladen!“, rief Frau Schölte aufgeregt. „Und ich muss mit Max einen Baum besorgen“, sagte Herr Schölte. „Aber Oma laden wir nicht aus!“, rief Hanna dazwischen. Das turbulente Wortgeplänkel wurde von dem durchdringenden Ding-Dong der Türglocke unterbrochen. „Ich mache auf“, sagte Hanna und eilte zur Tür.

„Hallo, mein Name ist Monika. Ich habe gehört, dass ihr eine Haushälterin sucht. Also, ich wäre eine.“ Hanna starrte die Frau, die in einer Jeans steckte und einen Schlabberpulli trug, entgeistert an. „Ähm, ja. Bitte kommen sie doch herein. Ich meine, ich weiß nicht, ob wir eine Annonce aufgegeben haben. Warten Sie.“ Hanna rief nach ihren Eltern und Klaribrina.

„Och, das hatte ich total vergessen“, sagte Klaribrina. „Das ist Monika. Wenn ihr wollt, würde sie gerne für euch arbeiten. So hätten Sie Frau Schölte, mehr Zeit, sich um ihre Arbeit und ihre Familie zu kümmern.“ Frau Schöltes Augen glänzten. „Klaribrina kann ich Sie kurz sprechen?“ Frau Schölte ging mit ihr ins Wohnzimmer, damit sie ungestört fragen konnte: „Sie ist aber kein…..ähm … Engel?“ Klaribrina schüttelte den Kopf. „Nö, ist sie nicht.“
„Ok, ich dachte nur“, sagte Frau Schölte. „Schade. Schade ist auch, dass Sie gehen. Aber man kann keinen privaten Engel haben. Wenn das jeder machen würde, oh je.“
„Aber ihr habt alle einen privaten Engel“, antwortete Klaribrina. „Leider haben die Menschen das vergessen. Mit Monika werden Sie Spaß haben, denn ich habe sie lange beobachtet. Vertrauen Sie mir.“

 

Und so kam es, dass Monika die neue Perle des Hauses wurde und nach Weihnachten ihren Job antreten durfte. Als die Schöltes mit Monika im Wohnzimmer saßen, schloss sich leise die Haustür.

Klaribrina stapfte gedankenverloren durch den Schnee, hinein in die aufkommende Dunkelheit.
Nur einer sah sie fortgehen. Es war Max, der am Fenster stand und ihr wehmütig hinterher sah. „Tschüss, Klaribrina“, flüsterte er und schluckte die aufsteigenden Tränen herunter.


Die Schöltes vermissten Klaribrina sehr, da sie sich in ihr Herz gepflanzt hatte, wie eine wunderbare Erinnerung, die man pflegen musste, damit man sie nicht vergaß. Aber sie wussten auch, dass Klaribrina noch anderen Menschen zur Seite stehen musste, die dringend ihre Hilfe benötigten. Max griff oft nach seinem Lesebuch und schaute in die Gesichter seiner Ersatzfamilie, aber sie rührten sich nicht. Aber sein Bett war noch zu sehen, die drei Häuser, der Schnee und der Nikolaus. Klaribrina hatte ihm noch gesagt, dass irgendwann ein anderes Kind die Geschichte der Meiers weiter schreiben würde. Und dass er, Max, sie in seinem Herzen tragen würde, solange er lebte. Er war bei Familie Meier gewesen und nur das zählte.

Die Zeit bis zum hl. Abend verging wie im Flug. Frau schölte hatte alle Gäste ausgeladen, mit der Begründung, dass es an der Zeit sei, die Weihnachtstage ausschließlich mit der Familie zu verbringen. Sie entschuldigte sich bei ihnen für die kurzfristige Absage und war erleichtert, als sie ihre Liste abgearbeitet hatte. Herr Schölte hatte mit Max einen großen Baum ausgesucht, den sie zusammen in einen Ständer steckten und die Lichterkette anbrachten. Das Schmücken überließen sie Hanna und ihrer Mutter. Anschließend blätterten sich die Beiden durch Annas Kochbuch und fanden tolle Rezepte.

Der heileilige Abend


Als Oma Lenchen endlich vor der Tür stand, duftete es im ganzen Haus nach Plätzchen und Gänsebraten.
„Keine Party heute?“, fragte sie argwöhnisch. Max fiel seiner Oma um den Hals. „Nein, nie wieder Party. Weihnachten feiern wir nur noch mit dir zusammen.“ Oma Lenchen lächelte erleichtert. „Das freut mich Mäxchen. Wurde ja auch mal Zeit. Wo ist denn eure neue Haushälterin? Wie hieß sie noch? Karabiner oder so.“ Herr Schölte nahm ihr den Mantel ab und führte sie ins Wohnzimmer. „Klaribrina, Mutter. Sie hat Urlaub.“ Oma Lenchen gab sich damit zufrieden und lobte den schönen Weihnachtsbaum, an dessen Zweigen rote Kugeln und weiße Engel hingen. „Jesses ist der schön!“, rief sie begeistert. „Hier hat sich so viel verändert. Ich bin froh, dass ihr endlich zur Besinnung gekommen seid.“
„Wir auch“, antworteten die Schöltes und schauten sich zufrieden an.

Die selbst gebackenen Plätzchen schmeckten herrlich und auch die Gans am Abend verfehlte ihre Wirkung nicht. Der Weihnachtsbaum strahlte und die Kerzen auf dem festlich gedeckten Tisch verbreiteten ein warmes anheimelndes Licht. „Wie wäre es, wenn wir jetzt nachsehen, was unter dem Weihnachtsbaum liegt?“, fragte Oma Lenchen. „Oh ja, klasse!“, rief Max begeistert. „Also gut sehen wir nach“, sagte Frau Schölte und schob ihren Stuhl zurück. „Kommt!“

Max freute sich über neue Bücher, ein Videospiel, welches er sich sehnlichst gewünscht hatte und ein Keyboard. Hanna bekam einen neuen Armreif, passende Ohrringe und einen Mantel, von dem sie schon lange schwärmte. Ihren Eltern überreichten Max und Hanna einen Gutschein. „Das ist nicht wahr!“, rief Frau Schölte. „Wir fahren ein Wochenende nach Paris. Ihr seit verrückt.“ Hanna lachte. „Der Gutschein ist von Oma und uns. Wir dachten, es täte euch beiden gut, wenn ihr einmal nur für euch seit.“ Herr und Frau Schölte waren glücklich. „Paris, weißt du noch?“, fragte Herr Schölte seine Frau augenzwinkernd. „Ja, das weiß ich noch“, antwortete Frau Schölte. „Danke, ich habe euch so lieb. Danke auch dir, liebes Lenchen.“ Oma Lenchen bekam noch eine dicke rote Kuscheldecke und ein neues kleines Radio, über das sie sich sehr freute. Sie saß noch eine Weile mit ihnen zusammen und erhob sich schließlich. „Ich werde zu Bett gehen. Die Fahrt war anstrengend und das Essen einfach zu gut.“ Max nahm seine Oma in den Arm. „Ich habe dich so lieb“, flüsterte er und gab ihr einen dicken Kuss. „Ich habe dich auch lieb, Max. Gute Nacht.

Klaribrina saß auf einer Wolke und beobachtete das Treiben im Hause Schölte auf einem gläsernen Bildschirm. „Na, mein Jeansengel“, sagte Gott und setzte sich neben sie. „Sehnsucht?“ Klaribrina nickte. „Ich wäre so gerne dabei gewesen. Sie waren echt nett. Max und Hanna fehlen mir ein bisschen. Das war irgendwie ein blöder Abgang.“ Gott seufzte ergeben. „Das kann man wohl sagen. Du hättest wenigstens tschüss sagen können.“ Klaribrina schnaufte wie ein Walross. „Wer sagt denn immer, wenn die Sache erledigt ist, sofort ab nach Hause?“ Gott legte die Stirn in Falten „Ich? Also gut, ab mit dir. Einzige Bedingung, Engelsoutfit, denn wir haben Weihnachten.“ Klaribrina fiel ihm um den Hals. „Danke, du Guter. Engelsoutfit, ich verspreche es. Mit allem Drum und Dran.“
„Dann ab mit dir, du Nervensäge. Segel ab.“

Klaribrina fiel aus den Wolken. Kleine Engelein, die sie ein Stück begleiteten, frisierten ihr langes schwarzes Haar, in dem immer noch lila Strähnen leuchteten, und setzten ihr einen goldenen Reif auf. Als Klaribrina in dem schneebedeckten Garten der Schöltes sacht zu Boden glitt, war sie in ein prächtiges weißes Gewand gehüllt und die großen schneeweißen Flügel auf ihrem Rücken, glitzerten, als wären sie mit unzähligen Diamanten besetzt. „Das tue ich nur für euch“, sagte Klaribrina seufzend. Ein kleiner dicker Engel drückte seinen kleinen Finger auf den Klingelknopf der Schöltes und flog schnell davon.

„Jetzt kommen eure Kunden doch noch“, sagte Max besorgt. „Quatsch“, antwortete Hanna. „Mama hat ihnen abgesagt. Obwohl, man kann ja nie wissen was die aus Langeweile so anstellen.“
„Ich werde mal nachsehen“, sagte Herr Schölte. „Falls es ausgeladene Gäste sind, jage ich sie durch den Schnee.“ Frau Schölte drohte ihm mit dem Zeigefinger. „Nichts da, wir gehen jetzt alle zur Tür. Dass immer nur du deinen Spaß haben willst. Kinder tritt der Ernstfall ein, ist die Jagd eröffnet.“ Max hatte einen diebischen Spaß. Er sah schon die dicke Frau Möller vor sich, wie sie durch den Schnee rannte und einen ganz roten Kopf bekam, weil sie keine Puste mehr hatte.

Den Schöltes wurde warm ums Herz als sie die Tür öffneten. Angestrahlt vom Licht des Mondes und dem reflektierenden Schnee, stand Klaribrina Genoveva Engel in ihrem zugeschneiten Garten und schlug mit ihren glitzernden Flügeln, aus denen Eiskristalle rieselten. „Klaribrina!“, flüsterte Max. „Klaribrina!“, rief er noch einmal ganz laut und rannte auf sie zu. Selig schlang er seine Arme um sie und flüsterte immer wieder ihren Namen. Klaribrina nahm sein Gesicht in beide Hände. „Frohe Weihnachten, Max“, sagte sie liebevoll.
„Frohe Weihnachten, Klaribrina. Du bist mein schönstes Geschenk.“ Auch die restlichen Familienmitglieder umarmten Klaribrina herzlich. „Sie sind ein wunderschöner Engel“, sagte Frau Schölte. Vorsichtig strich sie über Klaribrinas Flügel. „Die fühlen sich weich und flauschig an.“ Hanna bewunderte Klaribrinas Kleid. „Das ist ein Traum aus Seide. Bleibst du?“

Klaribrina verneinte. "Ich wollte euch nur ein frohes Fest wünschen. Außerdem passe ich mit diesen riesigen Flügeln nicht durch die Tür. Es war mir einfach wichtig, euch noch einmal zu sehen.“ Herr Schölte, der noch einmal ins Haus gegangen war, überreichte ihr eine kleine Schatulle. „Ich hatte es schon besorgt, bevor ich wusste, dass Sie ein Engel sind.“ Mit leuchtenden Augen öffnete Klaribrina die Schatulle und lächelte. „Ein Silberkettchen mit einer Feder als Anhänger. Das ist mein erstes Weihnachtsgeschenk, seitdem ich ein Engel bin. Danke. Leider muss ich jetzt zurück. Es war schön, dass ich euch kennenlernen durfte.“ Max schluchzte. „Sehen wir uns nie wieder“, fragte er traurig. „Sage niemals, nie“, antwortete Klaribrina. „Komm, lass dich noch einmal drücken.“

Um zweiundzwanzig Uhr und zwanzig Sekunden später stieg Klaribrina flügelschlagend in den Himmel. „Frohe Weihnachten!“, rief sie ein letztes Mal. „Frohe Weihnachten!“, riefen die Schöltes und winkten ihr so lange nach, bis sie ihren Engel in Jeans nicht mehr sehen konnten. „Wir sehen uns wieder“, flüsterte Max, ich weiß es einfach.“ Eine Sternschnuppe zog über sie hinweg und verglühte langsam. „Das heißt wohl ja. Ich wusste es.“ Max riss seine Arme nach oben und sprang so hoch er konnte.

©Monika Litschko

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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