Heinz-Walter Hoetter

Der studierte Sohn des Gemüsebauers

Es war einmal ein schwerhöriger Bauer, der sich darauf spezialisiert hatte, frisches Biogemüse aus eigenem Anbau zu verkaufen.

Außer seiner Schwerhörigkeit sah der Mann auch noch schlecht. Und weil das so war, hörte er weder Radio, schaute kein Fernsehen und las auch nicht in der Zeitung.

Trotz seiner Behinderungen war er nicht nur ein hervorragender Gemüsebauer, sondern auch noch ein guter Geschäftsmann und Verkäufer, dessen frisches Biogemüse überall auf den Märkten im Land reißenden Absatz fand.

So stieg die Nachfrage von Tag zu Tag. Schon bald sah sich der Mann dazu veranlasst, seine steigenden Gewinne in größere Anbauflächen zu investieren, um mehr produzieren zu können.

Da ihm seine Arbeit jedoch schließlich über den Kopf wuchs, holte er seinen einzigen Sohn zu sich, der gerade sein Studium an der Universität mit Erfolg beendet hatte. Er sollte ihn von nun an bei seiner Arbeit unterstützen.

Eines Tages sagte sein Sohn zu ihm: "Vater, In der Zeitung stand gestern, dass wir schon bald auf eine große Wirtschaftskrise zusteuern. Die Experten sind sich da ganz sicher. Ich würde dir deshalb empfehlen, nicht mehr so viel zu investieren, sondern das Geld für schlechte Zeiten zurück legen. Du solltest die Produktion deines Gemüses vorsichtshalber etwas zurückfahren, denn der Umsatz wird sicherlich zurückgehen. Die Leute werden bestimmt sparen und dein Gemüse nicht mehr kaufen."

"Mein Sohn hat studiert. Er weiß genau, was er sagt. Außerdem liest er regelmäßig den Wirtschaftsteil der Zeitung, hört Radio und sieht sich die Nachrichten im Fernsehen an. Ich werde meine Anbauflächen fürs Gemüse vorsorglich reduzieren", sinnierte der Mann laut vor sich hin.

Gesagt, getan.

Der Gemüsebauer verringerte seine bestehenden Anbauflächen. Die Produktion ging entsprechend zurück.

Nach einer Weile kam sein studierter Sohn wieder zum ihm und sprach: "Vater, in den Medien haben sie gesagt, dass bald eine schwere Rezession auf uns zukommen wird. Wir sollten lieber noch vorsichtiger werden und nichts mehr investieren, damit unser Geld nicht verloren geht. Ich denke, es wäre daher besser, wenn du die Gemüseproduktion noch etwas mehr zurückfährst."

Der Gemüsebauer dachte sich abermals, dass sein Sohn es schon wissen wird, denn er hatte ja studiert. Er ließt nämlich jeden Tag in der Zeitung, hört Radio und schaut sich regelmäßig die Nachrichten im Fernsehen an. Er ist gut informiert. Ich bin froh darüber, dass ich einen Sohn habe, der mir so gute Ratschläge erteilt.

Also verringerte der Gemüsebauer abermals seine Anbauflächen, was zur Folge hatte, dass er im Laufe der Zeit immer weniger Umsatz machte, weil er nicht mehr so viel Gemüse zum Verkauf anbieten konnte. Auch sparte er an der Qualität seiner biologischen Produkte und fuhr die Werbung zurück, um noch mehr Geld zu sparen.

Das Schlimmste war aber die permanente Angst vor der kommenden wirtschaftlichen Rezession, die ihm ja sein studierter Sohn vorausgesagt hatte, der Zeitungen las, Radio hörte und im Fernsehen die Nachrichten verfolgte. Er musste es ja wissen, grübelte der Gemüsebauer vor sich hin, der jetzt immer missmutiger wurde, weil sein Geschäft schlecht lief. Das spürten auch seine Kunden, die bei ihm bald nicht mehr einkauften und woanders hingingen.

Der Absatz seines einst so gefragten Gemüses brach weiter ein. Dem vormals so erfolgreichen Geschäftsmann ging es finanziell immer miserabler. Er stand irgendwann kurz vor der Pleite.

Zu seinem studierten Sohn sagte er schließlich, dem er immer alles geglaubt hatte: "Du hast Recht gehabt. Wir haben eine schwere Rezession. Ich werde deshalb den Betrieb lieber schließen und rechtzeitig alles verkaufen. Ich werde dir einen großen Teil des Erlöses aus dem Verkauf der Anbauflächen überlassen, damit es dir nicht schlecht geht.

Der studierte Sohn des Gemüsebauers aber dachte eigentlich nur ans viele Geld, das er von nun an besitzen würde, um auch ohne Arbeit gut leben zu können.


 

ENDE


(c)Heinz-Walter Hoetter


 

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